Sex unterm Hakenkreuz: Das Lustverständnis der Nationalsozialisten in der Wissenschaft

Zeitgeschichte. Das NS-Regime propagierte neben restriktiven Maßnahmen zur Wahrung der „völkischen Reinheit“ ein erstaunlich liberales Lustverständnis. Neue wissenschaftliche Arbeiten setzen sich mit dem Sexualleben sowie den Geschlechtsbildern im Dritten Reich auseinander.

Die Sexsucht des Propagandaministers Josef Goebbels, dessen bevorzugtes Jagdgebiet die Babelsberger Ufa-Studios waren. Das Kosenamen-Repertoire des SS-Führers Heinrich Himmler für seine junge Geliebte Hedwig („Häschen“, „Schelmchen“), einschließlich der detailreichen Beschreibung des „Liebesnests“ am Obersalzberg, wo angeblich eine aus Menschenhaut gefertigte Sonderedition von „Mein Kampf“ zur Kaminlektüre gereicht wurde. Und immer wieder der Führer selbst, mit seinen „strahlend blauen Augen“, den „Hochintelligente und Dumme, Schauspielerinnen und Künstlerinnen, Damen der Gesellschaft und junge Mädchen“ bedrängten und ihn wiederholt ausriefen ließen: „Was gibt es doch für schöne Frauen!“

In ihrem Buch „Das Geschlechtsleben bestimmen wir! – Sexualität im Dritten Reich“ breitet die wegen ihrer plakativen Ansätze in Wissenschaftskreisen höchst umstrittene Populärhistorikern Anna Maria Sigmund detailfreudig das angeb­liche Intimleben der NS-Machthaber aus – ein reißerischer Zugang, der ein Bou­levardmedium wie die „Bild-Zeitung“ zu der verkaufsträchtigen Schlagzeile „Der geheime Sex der Nazi-Bonzen“ beflügelt. Marginal werden bei Sigmund neben den Pikanterien aus dem Führerhauptquartier die sattsam bekannten Klischees von der Frau als Gebärmaschine, die dem Berufsleben entzogen gehört, dem Mutterwahn der NS-Zeit sowie den repressiven Sexualdoktrinen des Dritten Reichs aufgegriffen. Populäre Mythen, die dem aktuellen Forschungsstand nicht mehr standhalten. In den wissenschaftlichen ­Essaysammlungen der Wiener Zeitgeschichtlerin Johanna Gehmacher (siehe Interview Seite 101) und der Kunsthistorikerin Elke Frietsch (siehe Kasten Seite 99) werden nun die gängigen Klischees über das staatlich verordnete Sexual- und Be­ziehungsleben und das Geschlechterbild während der NS-Zeit neu überprüft und auch partiell widerlegt.

So waren in Deutschland und Österreich während der NS-Zeit mehr Frauen berufstätig als vor 1933. Nur fünf Prozent der Frauen hielten sich an einen der zehn „Leitsätze für die Gattenwahl“ des Rassen­politischen Amts („Halte deinen Körper rein!“) und gingen jungfräulich in die Ehe. Die Ehe selbst galt nicht als zwingende Voraussetzung für die so dringlich gewünschte Vermehrung der arischen Rasse. Manche Nazis bezeichneten sie sogar als „satanisches Werk der Kirche“, die als „Feind der Fruchtbarkeit“ wirke, wie Karin Lederer in ihrem Band „Nationalsozialismus und Sexualität“ anführt. Der NS-Rassentheoretiker Ernst Bergmann sprach sogar vom „naturwidrigen Kulturirrsinn der monogamen Dauerehe“. Auch die langjährige „linke Dolchstoßlegende“ (so die Historikerin Annemarie Tröger), wonach die spätere politische Katastrophe vor allem den Frauen anzulasten war, die dem Faszinosum Hitler erlegen waren, muss revidiert werden. Umfassende Wahlanalysen ergaben, dass vor allem in Österreich weitaus mehr Männer den Nationalsozialisten ihre Stimme gaben. Die Frauen wählten überwiegend christlich-sozial.

Wohlige Schauer. Unter seriösen Historikern gilt die Wiener Autorin Anna Maria Sigmund, deren frühere Publikationen „Die Frauen der Nazis I–III“ und „Des Führers bester Freund“ allesamt Bestseller und mehrfach übersetzt wurden, als Proponentin einer lukrativen NS-Aufbereitungsmaschinerie, die die Privatwelten der Nazi-Protagonisten anekdotisch und aus der – wohlige Schauer garantierenden – Schlüsselloch-Perspektive umkreist. Der deutsche TV-Journalist Guido Knopp hat mit Werken wie „Hitlers Frauen“, „Hitlers Kinder“ oder „Hitlers Helfer“ auf dem Sektor der Fernsehdokumentationen zur Geschichtspopularisierung mit Unterhaltungswert beigetragen. „There is no business like Shoah-­business“, polemisierte der langjährige israelische Außenminister Abba Ebban 1999 anlässlich von Norman Finkelsteins Abrechnung mit der publizistischen Ausbeutung der jüdischen Opfer, „Die Holocaust-Industrie“. Inzwischen gilt das Interesse der kommerziellen NS-Verwertung zusehends den Tätern, wobei der Fokus einer „Vermenschlichung“ (wie etwa im Kinofilm „Der Untergang“) das Problem einer historischen Distanzlosigkeit in sich birgt.
In der medialen „Intimisierung“ der NS-Herrschaft sieht die Historikerin ­Johanna Gehmacher, die an der Wiener Universität Zeitgeschichte lehrt, eine Gefahr für das Geschichtsverständis innerhalb der jungen Generation: „Neben der Sexualität fasziniert natürlich auch und vor allem die Gewalt. Durch diese intimen Blicke auf eine Führungsclique wird gänzlich ausgeblendet, was diese Clique eigentlich verbrochen hat.“

Dass das widersprüchliche und facettenreiche Sexualverhalten und Beziehungsleben im Alltag der NS-Zeit bis vor Kurzem von der Forschung weitgehend ausgespart blieb, erklärt die Geschichtswissenschafterin Dagmar Herzog mit der „Angst der Wissenschaft, angesichts des barbarischen Völkermords eine unangemessene Frivolität zu begehen“. Eine besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang der Institution der Lagerbordelle zu, die ab 1942 von SS-Führer Heinrich Himmler für handverlesene Häftlinge zur Steigerung der Arbeitsproduktivität eingeführt wurde. Acht Jahre lang hat der deutsche Historiker Robert Sommer über eines „der zynischsten Kapitel nationalsozialistischer Sexualpolitik“ geforscht, das in His­torikerkreisen bislang wenig Beachtung gefunden hatte, wohl auch aus nachvollziehbaren Berührungsängsten heraus.

Die an der New Yorker Universität lehrende Amerikanerin Herzog wagte sich mit ihrem mittlerweile zum Standardwerk avancierten Buch „Die Politisierung der Lust – Sexualität in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts“ 2005 erstmals in diese Tabuzone. Ihre aufsehener­regenden Thesen revidierten das langjährige Dogma der 68er-Generation, wonach der Nationalsozialismus vor allem durch einen sexual repressiven Charakter gekennzeichnet war, der mit dem frivolen Lotterleben und den Liberalisierungstendenzen der Weimarer Republik aufräumen wollte.
Die linke Intelligenz berief sich dabei vor allem auf den Freud-Schüler Wilhelm Reich und dessen Theorie vom „Körper­panzer“, der den Deutschen aufgezwungen worden sei. Durch die damit verbundene Unfähigkeit, Lust und Erotik zu erleben, hätten sie ihre Frustration schließlich im Massenmord entladen.

Wider bürgerliche Enge. „Das ist schlichtweg falsch“, so Herzog. „Das Ziel der Nazis war es nicht, Sexualität zu unterdrücken, sondern sie als Privileg nichtbehinderter, heterosexueller Arier zu etablieren.“ In der NS-Propaganda wimmelte es von polemischen Darstellungen bürgerlicher Enge und spießiger Prüderie, denen die „arisch-germanische Natürlichkeit“ entgegengesetzt wurde. Das arische Lebensgefühl vereinnahmte Elemente aus der Freikörperkultur und der Lebensreformbewegung für sich. Die „Lebensreformer“, die sich Mitte des 19. Jahrhunders in Deutschland und der Schweiz formierten, predigten unter dem Motto „Zurück zur Natur“ das Landleben, einen antimateriellen Lebensstil und den Vegetarismus als Strategien gegen den Zivilisationsverfall in den Städten. 1934 wurde laut Dagmar Herzog bereits eine interne Anweisung an alle BDM-Führerinnen ausgegeben, die ihnen anvertrauten Mädchen zum vorehelichen Geschlechtsverkehr zu animieren. In der Hitlerjugend galt Promiskuität bei heranwachsenden Knaben als erwünschtes Verhalten. Der Literaturwissenschafter Victor Klemperer, dessen posthum erschienenen Tagebücher aus der NS-Zeit heute als wertvolle Nahaufnahme des damaligen Zeitgefühls gelten, schrieb 1935 über Spitäler, die „voll von schwangeren und geschlechtskranken Mädchen sind“.

Kondome waren, trotz des offiziellen Gebots zum Kinderreichtum und trotz eines 1933 ausgegebenen Runderlasses gegen „die Aufstellung von Schutzmittelautomaten“, problemlos verfügbar – auch in Automaten auf Bahnhöfen und in öffentlichen Toilettenanlagen. Der Mediziner Ferdinand Hoffmann beklagte 1939 in seiner Publikation „Sittliche Entartung und Geburtenschwund“, dass in Deutschland pro Jahr 72 Millionen Präservative verwendet würden. Außerehelicher Geschlechtsverkehr entsprach der Norm. „Rund um die großen Städte sind die Straßen in den Wäldern Abend für Abend voller Autos, in denen nach amerikanischem Muster so genannte Liebe gemacht wird“, klagte Hoffmann. Sexualität sei offenbar jener Bereich, „in dem es am schwierigsten ist, ein guter Nationalsozialist zu sein“.
Diese Tatsache schlug sich auch – trotz der offiziellen Reproduktionspropaganda – in der Geburtenstatistik nieder. Ein Drittel aller 1933 verheirateten Paare war nach fünf Jahren noch immer kinderlos; einem Viertel dieser Ehen entstammte nur ein Kind. Die Zahl der während der NS-Zeit geborenen Kinder konnte nie an die Geburtenrate der zwanziger Jahre anknüpfen – trotz drastischer Maßnahmen bis hin zur Todesstrafe gegen deutsche Frauen, die mit Abtreibungen „Sabotageakte gegen die arische Rasse begehen“, wie es im SS-Blatt „Das schwarze Korps“ hieß. In der Praxis hatten jedoch die Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche in ihren Hinterzimmern durchführten, mit schlimmeren Haftstrafen zu rechnen als ihre Patientinnen.

Falscher Mythos. Der Begriff „Lebensborn“ wurde und wird oft fälschlicherweise als Synonym für arische Zuchtfabriken verwendet, in denen SS-Männer deutsche Frauen schwängern sollten. In Wahrheit diente die Aktion als bevölkerungspolitische Maßnahme gegen illegale Abtreibungen. In den „Lebensborn“-Heimen, die direkt SS-Führer Heinrich Himmler unterstellt waren, konnten deutsche Frauen heimlich Kinder aus unehelichen Beziehungen zur Welt bringen. Die Geburten erfolgten ohne Meldung an die Heimatbehörde; der Betreiberverein übernahm die Vormundschaft für die Neugeborenen und vermittelte sie in der Folge an reinrassige Deutsche zur Adoption. Hitler selbst kritisierte die gesellschaftliche Diskriminierung unehelicher Kinder, wie ein Gesprächsprotokoll seines Kanzleileiters Martin Bormann aus dem Jahr 1944 beweist: „Irgendwelche Dichtungen, Schriftstellereien und Kinostücke, die das außer­eheliche Kind als minderwertiges behandeln, sind nicht zuzulassen.“ Hitlers vermeintliche Liberalität hatte einen profanen Hintergrund – den akuten Männermangel während des Kriegs: „Von wem soll denn die deutsche Frau jetzt ein Kind kriegen – vom Heiligen Geist?“

Im krassen Gegensatz zur rassisch-reinen Bevölkerungspolitik stand die organisierte Ausmerzung „unwerten Lebens“. „Wer körperlich und geistig nicht gesund und würdig ist, darf sein Leid nicht im Körper eines Kindes verewigen“, lautete Hitlers Vorgabe in „Mein Kampf“. Hitler selbst wehrte sich paradoxerweise immer gegen eigene Kinder – mit dem Verweis auf die „vielen degenerierten Nachkommen von Monarchen und Adeligen“, so Dagmar Herzog. Schon im Juli 1933 wurde das Gesetz „zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ erlassen, das so genannte Sterilisationsgesetz. Das Gesetz sah die Zwangssterilisation im Falle von Erbkrankheiten vor. Die Begründung der Ärzte für einen Antrag auf „Unfruchtbarmachung“, über den vom „Erbgesundheitsgericht“ entschieden wurde, unterlag einer gewissen Willkür. „Schwachsinn, manisch-depressiver Irrsinn, Epilepsie, angeborene Blindheit und Taubheit, chronischer Alkoholismus, geistige Beeinträchtigung durch fortschreitende Syphilis und Sexualverbrechen“, so zitiert Karin Lederer in „Nationalsozialismus und Sexualität“ die offiziellen Vorgaben, rechtfertigten Sterilisationen, aber, vorrangig im Fall von Sexualdelikten, auch Kastrationen. Zwischen 1933 und 1939 wurden etwa 350.000 Menschen – 0,5 Prozent der Gesamtbevölkerung des Deutschen Reichs – zwangssterilisiert. Rund 5000, großteils Frauen, überlebten den Eingriff nicht. Ab 1935 war auch die „eugenische Abtreibung“ offiziell erlaubt.

Im selben Jahr wurde das „Blutschutzgesetz“ erlassen, das sexuelle Beziehungen zwischen Juden und „Staatsangehörigen deutschen Bluts“ untersagte. Schon knapp nach der Machtergreifung 1933 waren „Rassenschänder“ öffentlich angeprangert worden; in Einzelfällen kam es zu Übergriffen der SA und Verschleppung in Schutzhaft. Nach 1935 konnte Juden, die sich „an wehrlosen deutschen Frauen vergriffen hatten“, bis zu fünfzehn Jahre Freiheitsstrafe drohen. Dem Chefredakteur des Propaganda-Blatts „Der Stürmer“, Julius Streicher, war das immer noch zu wenig. Er kampagnisierte vehement für die Todesstrafe bei diesem „Rassenverrat“. Die Sanktionierung des Sexuallebens durch das NS-Regime betraf in dieser Härte sonst nur noch homosexuelle Männer. Dabei konnten sich die Nazis auf Gesetze berufen, die bereits Mitte des 19. Jahrhunderts verabschiedet worden waren und auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs weiterbestanden (in Deutschland bis 1969, in Österreich bis 1971). Der Paragraf 175 des deutschen Strafgesetzbuches, der den Strafbestand „widernatürlicher Unzucht“ regelte, wurde jedoch ebenfalls 1935 drastisch verschärft: Der Strafrahmen erhöhte sich auf fünf Jahre, zugleich fiel die Beschränkung auf „beischlafähnliche Handlungen“, was die Verurteilungen massiv ansteigen ließ. Die systematische Verfolgung lesbischer Frauen fand nicht statt. Jede Gebärfähige zählte. Zwar wurden homosexuelle Frauen unter dem Etikett „Asoziale“, gekennzeichnet mit einem schwarzen Dreieck, immer wieder in Konzentrationslager verschleppt, aber in wesentlich geringerem Ausmaß als ihre männlichen Leidensgenossen. Homosexuelle Männer sahen sich durch das Tragen eines rosa Stoffdreiecks in den Lagern zusätzlich noch der Häme anderer Lagerinsassen ausgesetzt. An der Biografie des Psychotherapeuten Johannes H. Schultz, der 1920 das autogene Training entwickelt hatte, lässt sich die zynische Widersprüchlichkeit des NS-Regimes exemplarisch festmachen. Ab 1933 ver­fasste Schultz zahlreiche Beziehungsratgeber, in denen er – durchaus liberal anmutend – gegen sexuelle Schuldgefühle anschrieb, das sexuelle Vergnügen beider Partner propagierte und dem Mann Ratschläge erteilte, wie er durch die Stimulation der Klitoris die Lust der Frauen steigern könne. Neben seinen Anleitungen zur sexuellen Zufriedenheit für „Arten­reine“ propagierte er jedoch aktiv die ­Tötung Behinderter und war direkt an der Verfolgung Homosexueller beteiligt. Schultz stand einer Kommission vor, die der Homosexualität verdächtigte Männer im Berliner Göring-Institut zum Verkehr mit Prostituierten zwang. Fiel das Ergebnis zur Zufriedenheit der Beisitzenden aus, wurden die Männer wieder freigelassen, ansonsten erfolgte die sofortige Abschiebung ins KZ. „Im Dritten Reich“, so resümiert Dagmar Herzog, „ging die Einladung zum Genuss mit der Legitimation des Terrors so einträchtig Hand in Hand wie in kaum einer anderen historischen Epoche."