"Gezielte Abwertung und Machtausübung“
Gesellschaft

Psychtherapeutin Suzana Pavic: "Gezielte Abwertung und Machtausübung“

Schuldgefühle und Psychoterror – Angehörige und Partner psychisch Erkrankter erfahren die Auswirkungen der Krankheit oft am eigenen Leib. Psychtherapeutin Suzana Pavic erzählt über ihre Beziehungen mit Borderline-Erkrankten und der Gefahr von toxischen Verhaltensmustern.

profil: Welche Erfahrungen haben Sie aus Ihren Partnerschaften mit Borderline-Betroffenen gezogen?
Suzana Pavic: Beim ersten Mal war ich gerade mal 20 und es war eine Romanze, so mitreißend wie im Film. Eine Beziehung mit einem Betroffenen basiert auf tiefer Verschmelzung. Ich spreche von einer unsichtbaren Nabelschnur, von der man sich nur schwer losreißen kann.
profil: Wann kippte die Verschmelzung?
Pavic: Es hat nicht lange gedauert, bis es zur gezielten Abwertung und Machtausübung gekommen ist. Am Ende habe ich nur noch 40 Kilo gewogen. Die anderen beiden Beziehungen verliefen kontrollierter, da wusste ich schon, auf was ich mich einließ.

profil: Ist es ein bestimmter Typ Mensch, der in Beziehungen mit Borderline-Erkrankten gerät?
Pavic: Niemand kommt zufällig in so eine Beziehung. Ich nenne Betroffene „Spiegelmaschinen“ – sie spiegeln die Schwächen und abgelehnten Persönlichkeitsteile ihres Gegenübers.
profil: Sie nehmen die ungeliebten Eigenschaften des anderen an?
Pavic: Nicht ganz. Sie erspüren ungelöste Konflikte, unerfüllte Wünsche und destruktive Familienstrukturen – und docken dort an. Hat man etwa von seinen Eltern immer gehört, ein hässliches Kind zu sein, kommt plötzlich der Partner und erzählt dir, du seist die Schönste, die er je gesehen hat.


Die Idealisierungsphase endet irgendwann – und das ist schmerzhaft.

profil: Und das wirkt?
Pavic: Der Anfang ist immer magisch! Du glaubst, deinen Seelenpartner gefunden zu haben. Borderline-Erkrankte haben kein eigenständiges Ich. Das bedeutet, sie sind vollkommen auf den anderen konzentriert. Diese kindliche Offenheit macht sie außergewöhnlich charismatisch.
profil: Was passiert dann?
Pavic: Die Idealisierungsphase endet irgendwann – und das ist schmerzhaft. Gerade warst du noch die Schönste - und plötzlich empfindet er nichts mehr. Der Betroffene versteht es selber nicht und wird aggressiv.

profil: Wie kommt es zu diesem Gefühlschaos?
Pavic: Borderline-Erkrankte leben in ständiger Angst, der andere würde sie nicht mögen. Aus der Unsicherheit heraus, und um den Partner zu testen, beginnen sie zu manipulieren, provozieren Drama, und projizieren die eigenen Schuldgefühle auf den Partner. So schaffen sie es, seine Aufmerksamkeit zu erringen, bis sich das Leben nur noch um ihn dreht. Wie das Verständnis eines Kleinkindes zur Mutter: „Gib mir, was ich will, und ich liebe dich. Tust du es nicht, hasse ich dich.“ Dazwischen gibt es nichts.
profil: Solche Beziehungen driften vermutlich schnell in toxische Beziehungsmuster ab.
Pavic: Genau. Nebenbei erwähnte Gemeinheiten, mit einem Lächeln auf den Lippen gesagt, nisten sich im Bewusstsein des Partners ein. Wenn der Erkrankte dann auch noch genau diese unverarbeiteten Wunden aufreißt, an die er davor angedockt hat, gerät der Partner schnell in die emotionale Abhängigkeit. Besonders emotionale, weiche Menschen sind hier gefährdet. Ihr Selbstbewusstsein wird sukzessive untergraben, sie magern ab, werden schwach und passiv.


Wenn man das Abenteuer in Kauf nimmt, kann es sich als Riesenchance für die eigene Entwicklung entpuppen.

profil: Der Feind in deinem Bett...
Pavic: Meistens bekommen die Partner tatsächlich Angst vor dem erkrankten Menschen – aber genau das ist falsch. Denn merken Borderliner die Unsicherheit im Gegenüber, fühlen sie sich bedroht und in ihren Ängsten bestätigt.
profil: Was wäre die richtige Verhaltensweise?
Pavic: Selbstsicher zu sein und dem Partner ruhig die Konsequenzen für sein Verhalten zu zeigen. Aber das Problem ist: Es sind selten selbstsichere Menschen, die Borderline-Erkrankte zum Partner haben.

profil: Wie kann Therapie diesen Personen dabei helfen, sich aus der Abhängigkeit zu befreien?
Pavic: Am wichtigsten ist die Stabilisierung der eigenen Persönlichkeit. Die Ich-Grenze muss wiederhergestellt und die eigenen abgelehnten Teile akzeptiert werden. Die Beziehung mit einem psychisch Erkrankten führt meist zu einer Reise zu sich selber, die man nicht gebucht hat. Aber wenn man das Abenteuer in Kauf nimmt, kann es sich als Riesenchance für die eigene Entwicklung entpuppen.

Zur Person: Psychotherapeutin Suzana Pavic, 47, berät in Deutschland Borderline-Erkrankte, ihre Partner, und jene, die sich trennen wollen. Pavlic weiß wovon sie spricht: Sie hat drei Beziehungen mit Erkrankten hinter sich und in Zusammenarbeit mit einem befreundeten Betroffenen ein Buch über die Beziehungsdynamiken mit Borderline-Erkrankten (Klotz Verlag, 2013) geschrieben.

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