Analphabetismus: Eine Million kann kaum lesen und schreiben

Eine Million Österreicher kann trotz neunjähriger Schulpflicht kaum lesen und schreiben. Gründe: die ­Ignoranz des Schulsystems und der Gesellschaft.

Ein halbes Leben lang hat Erika ihr Geheimnis gehütet. Sie lebt in einer Welt von Zeichen und Bedeutungen, die nur sie allein kennt. Sie hat ein eigenes Merksystem und ihre Bilder im Kopf. Oft geht sie hin und malt ab, vergleicht diese Zeichen mit den Schriftzügen auf einem Schild, und dann weiß sie, ob es die richtige Straße ist, in der sie sich befindet. Lange Zeit wagte sie nicht, den Halteknopf in der Straßenbahn zu drücken, weil sie nicht wusste, was er bedeutet. Sie beobachtete, was die anderen Fahrgäste tun. Sie verhielt sich wie eine Touristin im chinesischen Großstadtdschungel.

Erika verriet sich nie. Selbst der eigene Mann hatte keine Ahnung. So war das Leben anstrengend, doch es verlief in ruhigen Bahnen. Bis ihre damals siebenjährige Tochter entdeckte, dass die Geschichten, die die Mama ihr vorlas, erfunden waren.

Nicht lesen und schreiben zu können, ist der Inbegriff von Ungebildetheit. Es gibt in Österreich rund eine Million erwachsener Menschen, die gar nicht oder kaum fähig sind, kurze Texte zu lesen. Das hat eine OECD-Studie kürzlich zutage gebracht. Österreich liegt dabei unter dem Durchschnitt. Es war das erste Mal, dass sich Österreich an einer internationalen Lesekompetenzstudie für Erwachsene beteiligt hat. Man war hierzulande davon ausgegangen, Analphabetismus sei eine Sache der Vergangenheit, so wie Cholera oder Fleckfieber, schlimmstenfalls ein Problem von Migranten und mangelnden Deutschkenntnissen.

Wo verbirgt sich eine Million „funktionaler Analphabeten“, wie der Fachbegriff heißt? Wie kommt es, dass trotz neunjähriger Schulpflicht grundlegende Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben nicht oder nur mangelhaft erlernt werden? Und wie überlebt man damit in einer angeblichen „Wissensgesellschaft“?

Traumatische Ereignisse
Der Soziologe Manfred Krenn ist in einer eben veröffentlichten Studie dem Scheitern auf den Grund gegangen. 30 Probanden wurden ausführlich befragt. Alle haben in Österreich das Grundschulsystem durchlaufen; nur fünf von ihnen haben einen sogenannten Migrationshintergrund. Naturgemäß stammte keiner der Betroffenen aus einer Akademikerfamilie. Es sind die armen Schichten, meist aus ländlichem Umfeld, das Kind oft schon von Geburt an mit einem körperlichen Makel geschlagen, in denen Analphabetismus gedeiht, der in der Schule durch vorurteilsgesteuerte Lehrer verstärkt und durch eine hartherzige, hänselnde Umwelt verfestigt wird. Diesen Kindern wird Angst vor der Schule eingepflanzt, sodass sie sich je nach Charakter und Temperament still und heimlich verweigern oder renitent werden. Sie landen in einer Sonderschule oder werden „mitgeschleppt“. Nahezu in jeder Biografie spielt ein traumatisches
Ereignis – ein Unfall, eine familiäre Katastrophe – eine Rolle. Das wirft Kinder, die sich von Anfang an schwer tun, dann völlig aus der Bahn. Ihr Unvermögen wird später im Alltag zum Tabu. Die Betroffenen erzählen von quälender Scham und anstrengenden Bemühungen, den Makel zu verbergen. Überraschend gut geht es hingegen meist im ­Berufsleben. Das liegt nicht nur an den Hilfsarbeitertätigkeiten, in denen Analphabeten unterkommen, wo es niemandem auffällt, dass sie nicht lesen können. Einer der Befragten hat es zum Computerprogrammierer gebracht. Häufig sind funktionale Analphabeten besonders fleißig, um ihren Makel zu kompensieren, lassen sich viel gefallen. In einem Fall gelang es sogar, ein kleines Unternehmen aufzubauen. Buchhaltung und Bürokratie lässt er von seiner Schwester, die er ins Vertrauen gezogen hat, erledigen, Termine und Kostenvoranschläge macht er im Kopf.

Studienautor Krenn empfiehlt denn auch, die Betroffenen „nicht nur als defizitäre Menschen“ zu betrachten, sondern deren Kompetenzen zu stärken. Bildung sei „nicht das Allheilmittel“ für jegliche sozialen Probleme. Minderqualifizierte Arbeiten, in denen man mit minimalen Lesefähigkeiten auskommt, hätten sogar zugenommen.

Die von profil besuchten Betroffenen, die derzeit in der Volkshochschule Floridsdorf einen Alphabetisierungskurs besuchen, bestätigen den Befund von Krenn auf bedrückende Weise.

Auch bei Erika, 53 Jahre alt, gab es eine biografische Erschütterung. Als Kleinkind hatte sie einen Unfall, bei dem ihre Zunge abgerissen wurde und genäht werden musste. Davon blieb ein Sprachfehler, der heute kaum noch zu hören ist. Doch in der Volksschule, aber auch zu Hause unter acht Geschwistern, wurde sie zum Gespött. Häufig wurde sie im Haushalt herangezogen, und nach neun Jahren, in denen sie ihre Schulpflicht absaß, wo sich keiner darum kümmerte, ob in dem Mädchen, das mit Stummheit geschlagen schien, sich nicht doch ein wacher und lebendiger Mensch befand, landete sie als ungelernte Arbeiterin in einer Fabrik.

Bei Paul, 39 Jahre alt, war es nicht viel anders. Eine Sekunde Unachtsamkeit hatte über seine Lebensbahn entschieden. Im Alter von acht Jahren wurde er auf einem Fußgängerübergang von einem Auto erfasst und mitgeschleift. Ein halbes Jahr lang lag er im Krankenhaus. Hatte er sich vorher schon nicht leicht getan, war es ihm nun unmöglich, dem Lehrer zu folgen. Er wurde in die Sonderschule gesteckt, vermutlich auch deshalb, weil seine Eltern zu Aussprachen mit dem Klassenlehrer nicht erschienen waren. Und von dort ging es weiter abwärts in eine Schwerstbehindertenschule. Paul war in einigen Fächern in der Volksschule eigentlich ganz gut gewesen, im Rechnen etwa, aber auch das spielte nun keine Rolle mehr. Weil er nicht lesen konnte, galt er insgesamt als zurückgeblieben und wurde ein unruhiger, nervöser und schwer zu bändigender Junge. Er machte später die Lehrausbildung für Koch und Kellner. Er konnte das tun, weil ihm ein guter Freund dabei half. Jetzt arbeitet Paul in einem Supermarkt, seit 17 Jahren schon im selben Unternehmen. Lesen und Schreiben braucht er dort kaum. In den Anfangsjahren hatte es noch Lieferscheine gegeben, da hatte er sich an den Zeilen und Spalten auf den Zetteln orientiert. Bei den Waren, die er in Empfang nahm, merkte er sich Verpackung und Farben. Heute funktioniere alles elektronisch. Wenn er Lieferungen entgegennimmt, müsse er nur auf einem Gerät, das aussieht wie ein Handy, auf „Okay“ drücken. Den Alphabetisierungskurs besucht Paul mit Einverständnis seines Arbeitgebers in der Arbeitszeit. Paul will unbedingt lesen und schreiben lernen, weil eine Richterin des Pflegschaftsgerichts zu ihm gesagt hat, er sei nicht geeignet, seinen Sohn zu erziehen, weil er Analphabet sei. Das hat ihn so wütend gemacht, dass er in der Volkshochschule Floridsdorf anrief und sich erkundigte, was denn unter dem Begriff „Basisbildungskurs“ zu verstehen sei.

Erstaunliche Tricks
Erika hat ihr Geheimnis zuerst ihrer Tochter gestanden, und die kleine Mitwisserin war fortan immer zur Stelle, wenn sie gebraucht wurde. Für ihre Hochzeit hatte sie tagelang ihre Unterschrift geübt. Ihrem Mann gestand sie es erst vor Kurzem. Nachdem sie heimlich den Alphabetisierungskurs in Floridsdorf aufgesucht und gesehen hatte, dass sie nicht die Einzige war.

Erstaunlich sind die Tricks, mit denen sich Analphabeten mitten unter uns bewegen. Die meisten von ihnen haben ein bewundernswertes, bestens trainiertes Gedächtnis. Alles muss auswendig gelernt werden. „Es ist schon ein eigenes Leben. Wie in einem Film. Man merkt sich die Bilder“, sagt Paul.

Wenn er beim Arzt ein mehrseitiges Formular ausfüllen soll, nimmt er es mit nach Hause und füllt es mit seiner Partnerin aus. Oder er hat schon ein ausgefülltes Formular vom letzten Mal dabei und malt es ab. Erika wendet manchmal den Trick an, dass sie sagt, sie habe ihre Brille vergessen oder ihre Hand verstaucht. Als besonders freundlich und zuvorkommend schildern die beiden die Beamten am Finanzamt, die wohl sehr häufig um Hilfe gebeten werden, nicht nur von Analphabeten.

Angstbesetzt sind unvorhergesehene Ereignisse. Schwierig sind Bankangelegenheiten. Erika wagt noch nicht, allein einen Bankomaten zu bedienen. Paul wurde immer von seinem Vater für die Eröffnung von Konten und Sparbüchern auf die Bank begleitet. Vor Kurzem ist er draufgekommen, dass er sich für vier Lebenssicherungen verpflichtet hat.