Die Unzufriedenheit mit der Demokratie:
Wertestudie beleuchtet die Gesellschaft

Eine Studie erforschte die politischen Werte der Bevölkerung: Fast die Hälfte kehrt der Demokratie den Rücken, ein Fünftel sehnt sich nach dem starken Mann. Wohin driftet Österreich?

Von Edith Meinhart

Eine Welle der Empörung ging durch das Land, als eine Studie vor einigen Monaten aufdeckte, dass ein Fünftel der Islamlehrer nicht viel von der Demokratie hält. Ihre Religion sei damit unvereinbar, hatten knapp über 20 Prozent geantwortet. Im Zweifel ziehe man den Koran der Verfassung vor.
Wochenlang wogte die Debatte über gefährliches Gedankengut an den heimischen Schulen. Sie beruhigte sich erst, als Unterrichtsministerin Claudia Schmied versprach, die Koranlehrer würden auf Deutsch- und Demokratiekenntnisse geprüft.

Die Gefahr war abgewendet. Sie kam eindeutig von außen.
Auf die Idee, zu fragen, wie es die Einheimischen mit der Demokratie halten, kam damals niemand. Die Antwort liefert die soeben fertig gestellte politische Langzeitstudie „Österreicher innen – Wertewandel 1990–2008“ der Forscher Christian Friesl, Ursula Hamachers-Zuber und Regina Polak, die wiederum Teil der „Europäischen Wertestudie“ ist (siehe Kasten).
Fazit: Nur jeder Zweite ist mit der Art, wie die Demokratie in Österreich funktioniert, zufrieden. Ein Fünftel hätte nichts dagegen, sie abzuschaffen.
„Dramatisch“ nennt Studienautor Christian Friesl die Entwicklung (siehe Interview). Zählt man das Drittel der Österreicherinnen und Österreicher (35 Prozent), die sich als „ziemlich unzufrieden“ bezeichnen, mit den elf Prozent „sehr Unzufriedenen“ zusammen, gibt es heute mehr als doppelt so viele Demokratieverdrossene (46 Prozent) wie noch 1999 (22 Prozent).
Die Demokratie, daran lassen die Forscher keinen Zweifel, ist in Not. Zwar gehört das Gros der Befragten (83 Prozent) nach wie vor zu den überzeugten Demokraten, doch sie werden weniger. Noch vor zehn Jahren waren es 93 Prozent. Zehn bis 20 Prozent hegen der Demokratie gegenüber Vorbehalte, die sich nicht mehr mit tagespolitischen Wellentälern erklären lassen. Die Kritik erfasse inzwischen die „Fundamente des Systems“.

21 Prozent der Bevölkerung können sich „sehr gut“ (fünf Prozent) beziehungsweise „ziemlich gut“ (16 Prozent) vorstellen, einen „starken Führer zu haben, der sich nicht um ein Parlament und Wahlen kümmern muss“. Die Gruppe jener, die der autoritären Versuchung erliegen, wächst rasch: Vor zehn Jahren war ihr Anteil an der Bevölkerung noch um zehn Prozentpunkte niedriger.

Erstaunt konstatierten die Werteforscher, wie stark eine negative Grundstimmung auf die politische Haltung durchschlägt. Sehnsucht nach dem starken Mann bekunden vor allem Menschen, die mit ihren Lebensumständen hadern oder meinen, anderen nicht vertrauen zu können (45 beziehungsweise 30 Prozent). Überraschend gering hingegen die Unterschiede nach Parteipräferenzen: Unter den FPÖ-Sympathisanten würden 22 Prozent der Demokratie keine Träne nachweinen. Der Durchschnitt der Bevölkerung liegt mit 21 Prozent nur unwesentlich darunter.

Egotrip. Schon seit Langem registrieren Werteforscher, dass sich die Vorstellungen darüber, was im Leben richtig und bedeutsam ist, grundlegend wandeln. Kirche und Staat haben bei der persönlichen Lebensplanung nur mehr wenig mitzureden. Traditionelle Bindungen verlieren zunehmend an Bedeutung. Die aktuelle Erhebung zeigt, dass sich diese langfristige Entwicklung fortsetzt.

Doch es gibt auch überraschende Wendungen. Sozialforscher hätten erwartet, dass die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte des Landes, die Jahrzehnte des Wohlstands Großzügigkeit und Gemeinschaftsgefühl fördern. Das Gegenteil ist eingetreten. „Wider alle Prognosen erleben wir, dass der Individualismus gestiegen ist und die Menschen materialistischer und ausländerfeindlicher sind denn je“, sagt Studienautor Christian Friesl.

Vor zehn Jahren richteten bloß acht Prozent ihr Leben ganz klar „materialistisch“ aus, 2008 haben sich die Materialisten in der Bevölkerung mehr als verdreifacht (28 Prozent). Noch mehr gibt es nur in Irland und Spanien, zwei Ländern, die früh von der Wirtschaftskrise erfasst wurden, sowie in Mittel- und Osteuropa. In den achtziger und neunziger Jahren wurde Österreich zu einem Einwanderungsland. Nur sechs Prozent der Bevölkerung würden die Grenzen für „jeden, der kommen will“, aufmachen, 42 Prozent meinen, Zuwanderung sei gut, solange es Arbeit gibt. Sieben Prozent würden Zuwanderung generell verbieten. Der Vergleich mit 1999 zeigt, dass die Haltung zu Migration res­triktiver geworden ist.

Ausländerfeindlich. Ausländerfeindlichkeit wurde in einem langsamen, schleichenden Prozess allmählich zum Normalfall. Jeder zweite Befragte ist heute klar ausländerfeindlich (1990: 45 Prozent; 2008: 55 Prozent). Nur mehr eine kleine Minderheit von 13 Prozent lehnt Ausländerfeindlichkeit dezidiert ab (1999: 17 Prozent). Diese Gruppe deckt sich im Wesentlichen mit den ­„liberalen Idealisten“. Schon bei der Untersuchungswelle 1999 hatten die Werteforscher aus ihrem Datenkonvolut fünf Typen herausgeschält. Damals wie heute sind die „liberalen Idealisten“ am wenigsten autoritär und ausländerfeindlich, außerdem relativ idealistisch und eine Domäne der Jungen, Grünen und Migranten.

Die größte Gruppe bilden mit 29 Prozent die „ichbezogenen Autoritären“. Sie haben seit 1999 um neun Prozentpunkte zugelegt und werden als besonders autoritär, ausländerfeindlich, individualistisch und ganz auf ihre kleine Familie fokussiert beschrieben. Zu ihnen zählen viele Ältere, viele Kärntner, untermittelmäßig Gebildete und einige wenige Migranten. Jeder zweite FPÖ-Sympathisant fällt in diese Kategorie.

Die „enttäuschten Pragmatiker“ (1999: 15 Prozent; 2008: 18 Prozent) sind so etwas wie die mildere Variante der „ichbezogenen Autoritären“: nicht ganz so autoritär, aber fast ebenso ausländerfeindlich und individualistisch. In dieser Gruppe versammeln sich Menschen mit mittleren Bildungsabschlüssen, SPÖ- und BZÖ-Sympathisanten.

Familienzentrierte Konservative (1999: 25 Prozent; 2008: 27 Prozent) sind individualistisch und völlig auf ihre Familie ausgerichtet. Bei Autoritarismus und Ausländerfeindlichkeit rangieren sie im Mittelfeld. Menschen mit geringer Bildung und Migranten sind in dieser Gruppe überrepräsentiert.

Zu den „braven Bürgern“ gehören nur mehr 13 Prozent der Bevölkerung (1999: 24 Prozent). Sie sind vergleichsweise wenig autoritär und individualistisch. Bei der Ausländerfeindlichkeit hingegen liegen sie ebenfalls im Mittelfeld. Typische Vertreter findet man im qualifizierten Segment und unter ÖVPlern.

Generell machten sich die Österreicherinnen und Österreicher 2008 deutlich weniger Sorgen um andere als knapp zehn Jahre davor. Am ehesten kümmert sie das Schicksal älterer Menschen, gefolgt von Kranken und Behinderten. Erst danach kommen Arbeitslose und am Schluss Einwanderer. Vor allem aber sorgt man sich um die eigene Familie und um sich selbst. Mesosolidarität – die Sorge um die Nachbarn, die Region oder die eigene Gesellschaft – liegt bloß noch einem Drittel am Herzen.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass drei Viertel der Befragten (74 Prozent) geringe Einkommensun­terschiede für ein er­strebenswertes gesellschaftliches Ziel halten. Doch kaum jemand will dazu selbst einen Beitrag leisten. Ähnliches gilt übrigens im Bereich Umwelt: Die prekäre ökologische Situation ist zwar vielen bewusst, die Bereitschaft, daran etwas zu ändern, und sei es durch einen finanziellen Beitrag, ging jedoch stark zurück (1999: 47 Prozent; 2008: 39 Prozent).

Auch das Vertrauen in Institutionen schwindet weiter – wie fast überall in Europa. Das höchste Ansehen genießen noch ­anonyme Einrichtungen, die Schutz und ­Sicherheit versprechen, wie das Gesundheitswesen, die Justiz oder die Polizei. EU, Gewerkschaften und Parlament hingegen sind bei der Bevölkerung unten durch. 1990 hielten 40 Prozent der Befragten noch große Stücke auf den Nationalrat. 2008 ist der Wert auf 28 Prozent gefallen.

Protest. Zwischen dem Boden- und dem Neusiedler See macht sich das Gefühl breit, im Land müsse sich etwas ändern. Doch auch hier gilt: Die Bereitschaft, sich persönlich zu engagieren, ist gering. Wenig Verständnis gibt es für politischen Protest. Unterschriftenlisten sind schon die wildeste Aktion, die sich das Gros der Bevölkerung vorstellen kann. Immerhin drei Viertel haben schon einmal eine unterzeichnet oder würden es „vielleicht einmal tun“. Ein Gebäude oder eine Fabrik zu besetzen käme für 15 Prozent infrage, unter ihnen vor allem Jüngere. Fünf Prozent wären für eine Revolution zu entflammen (1990: zwei Prozent).

Mit dem Bildungsgrad steigt das Interesse an Politik: Unter den Hochschulabsolventen bezeichnen sich 42 Prozent als „sehr interessiert“ und nur vier Prozent als „gar nicht interessiert“. Genau umgekehrt sieht es bei Schulabbrechern aus: Nur drei Prozent haben großes Interesse an Politik, 35 Prozent hingegen interessiert sie „gar nicht“. Grosso modo gehört die Politik im Leben der Österreicherinnen und Österreicher aber zu den Nebensächlichkeiten. Und das seit Langem. In den vergangenen 20 Jahren bezeichneten nie mehr als zehn Prozent sie als einen entscheidenden Faktor in ihrem Leben. Zum Vergleich: Familie ist 79 Prozent der Befragten „sehr wichtig“. Selbst die Religion rangiert mit 19 Prozent deutlich vor der Politik.

Von dem grassierenden Desinteresse profitierten zuletzt Kandidaten wie Hans-Peter Martin. Der Vorarlberger fuhr bei der jüngsten EU-Wahl 18 Prozent ein. „Ein Teil des Erfolgs geht auf die Unterstützung der ,Kronen Zeitung‘ zurück, aber ­sicher nicht alles“, sagt Politikberater Thomas Hofer, der bei der aktuellen Wertestudie mitgearbeitet hat. Entscheidend sei gewesen, dass sich der Einzelkämpfer im EU-Parlament „gegen die herkömmliche Parteipolitik positionierte“.

Wie viel im Segment der Verdrossenen künftig zu holen ist, hängt nicht zuletzt von genau der „herkömmlichen Parteipolitik“ ab. Nur 14 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher haben noch Vertrauen in politische Parteien. Studienautor Friesl: „Es ist ihre Aufgabe, diesen Wert wieder zu ­heben.“