Internetmobbing: 14-jährige Steirerin stach zu

Internetmobbing: 14-jährige Steirerin stach zu

Wie Internetmobbing bei einer 14-jährigen Steirerin dazu führte, dass sie zustach und nun wegen versuchten Mordes in Untersuchungshaft sitzt.

In der ehemaligen Krisenregion in der Obersteiermark bahnt sich ein Justizskandal an: Ein junges Leben ist im Begriff ruiniert zu werden, weil Schul- und Denkstrukturen noch aus dem vorvorigen Jahrhundert stammen und die Welt der Erwachsenen nichts mitbekommt vom Treiben ihrer Kinder auf Facebook & Co, keine Ahnung hat von Shitstorms, pubertärer Gewaltsprache und Ausgeliefertsein in der Parallelwelt des Internet.

Vor neun Wochen, am Morgen des 7. Mai 2013, war es in der Theodor-Körner-Schule in Kapfenberg zum Showdown gekommen. Bei den Kontrahenten handelte es sich um Mona G., die erst im Februar dieses Jahres an die Hauptschule gekommen war, und einen Jungen, der die Klasse mehr oder weniger in Schach hielt, sich auf Facebook als der „Größte“ feiern ließ und einen entsprechenden Nickname gewählt hatte. Nennen wir ihn „King Kevin“.

Ein paar Tage zuvor war ein über Wochen im Internet ausgetragener Konflikt aus dem Ruder gelaufen. Mona G. sollte am 12. Mai in einer betreuten Jugend-Wohngemeinschaft in Graz untergebracht werden und hatte Angst, ihre Freunde in Kapfenberg zu verlieren. Sie postete das auf Facebook. Sie zeigte Schwäche. „King Kevin“ attackierte seine Klassenkameradin danach heftiger als jemals zuvor – als „emo-bitch“, Hure und Drogensüchtige. Er drohte, er werde sie „zaficken“, sie „aufschlitzen“, ihr einen Sessel auf den Schädel hauen, sie beim Fenster hinauswerfen. Sie solle sich „aufhängen“. Sie sei ein „Opfer“. Seinen Freunden „gefällt das“.

„King Kevin“ verhöhnt auch Monas Eltern und stichelt, er habe wenigstens einen Vater. Das bringt das Mädchen endgültig ins Schleudern. Sie war eineinhalb Jahre alt, als der Vater die Familie verließ. Er kümmert sich kaum. Sie vermisst ihn.

„Aufschlitzen“
Das sei jetzt „eines zu viel“ gewesen, simst sie zurück. Er werde schon sehen. Wer so über ihren Vater schreibe, den werde sie „aufschlitzen“, kündigt sie per SMS an. Ein „Friedensangebot“ von „King Kevin“ lehnt Mona G. ab.

Das geschah am Vorabend der Tat. Mitschüler von Mona und Kevin verfolgten die Auseinandersetzung der beiden über WhatsApp, kommentierten, beschwichtigten oder heizten den Konflikt an.

Es ist der 7. Mai, halb neun Uhr. In der Pause nach der ersten Schulstunde herrscht dicke Luft. Mona G. hat sich in der Schultoilette ein Jausenmesser von daheim in den Ärmel geschoben, geht nun schnurstracks auf „King Kevin“ zu und stellt ihn zur Rede. Doch er reagiert nicht, tut, als ob ihn das alles nicht anginge. Sie reißt ihm die Baseballkappe vom Kopf. Er versetzt ihr einen Fußtritt in den Bauch. Das zarte Mädchen taumelt gegen ein Pult, „King Kevin“, der einen Kopf größer ist und kräftig, stürzt sich mit voller Wucht auf seine Widersacherin, nimmt sie in den Schwitzkasten, ihren Kopf unter seinen Arm, drückt sie nach unten und schleift sie durch den Raum zum Ausgang. Mit einer Hand gelingt es Mona G., das Messer aus ihrem Ärmel zu ziehen. Sie sticht zu.

„King Kevin“ hat Glück. Innere Organe sind nicht verletzt. Nach drei Tagen kann er das Krankenhaus verlassen. Hinter Mona G. ist an diesem Tag eine Tür ins Schloss gefallen. Die 14-Jährige teilt ihre Zelle in der Justizstrafanstalt Leoben mit einer erwachsenen Frau, die wegen schweren Raubes eine Haftstrafe abbüßt. Die Stunden sind endlos. Das Mädchen hat nichts zu tun, außer zu warten. Auf eine weitere Haftprüfung, auf die Gutachterin, auf ihre Anwältin, auf Mutter, Opa oder Oma.

Insgesamt sechs Stunden in der Woche dürfen engste Familienangehörige sie besuchen. Ihren Freunden ist es untersagt, sie zu sehen. Handy und Internet sind verboten – was heutige Jugendliche wohl als Isolationshaft empfinden. Seit neun Wochen ist Mona G. auf sich allein gestellt. Keiner, der das Mädchen an sich drückt, ihr übers Haar streicht, ihr ins Ohr flüstert, es werde alles gut. Ihre Familie sieht Mona nur hinter einer Glasscheibe. Gesprochen wird übers Telefon.

„Unvermittelt zugestochen“
Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Mona G. wegen des Verdachts auf versuchten Mord. Mona G. habe „King Kevin“ „vorsätzlich töten“ wollen. Es sei „dem Zufall zu verdanken, dass er nicht zu Tode kam“. Mona G. habe sich „nicht gewehrt“, als sie in den Schwitzkasten genommen wurde, „sondern unvermittelt zugestochen“, so steht es im Beschluss der Haftprüfung.

Bei Mordversuch ist die Untersuchungshaft obligatorisch. Aber auch andere Haftgründe seien nicht auszuschließen, meint der Staatsanwalt. Es sei zu befürchten, dass die Beschuldigte auf freiem Fuß „neuerlich eine strafbare Handlung mit schweren Folgen begehen“ würde, die „auf derselben schädlichen Neigung beruht“.

Die Untersuchungshaft wurde vorläufig bis 21. August verlängert. Nachteile für die Persönlichkeitsentwicklung der 14-Jährigen müsse man in Kauf nehmen, die „stehen nicht außer Verhältnis“, meinen Staatsanwalt und Haftrichterin. Eine therapeutische Begleitung des Mädchens wurde abgelehnt.

Jörg Ebner-Schwarzenegger, Streetworker in Kapfenberg, der die Angelegenheit aus der Ferne kennt, findet die Verhängung der U-Haft „furchtbar“ und meint: „Das mag ein Staatsanwalt in seiner Abgehobenheit so sehen. Vielleicht weiß er nicht, wie bei Jugendlichen Affektkontrolle funktioniert. Mit dem Messer wollte Mona G. wohl beeindrucken und einschüchtern. Es war ein lange schwelender Konflikt, in dem sich beide Kinder nichts schuldig geblieben sind.“

Es wird berichtet, Mona G. sei in der Justizstrafanstalt ganz nach innen gekehrt und würde kaum Regungen zeigen. Man halte sie für bockig und uneinsichtig. Bei einem Lokalaugenschein, der klären sollte, was am 7. Mai im Klassenzimmer passiert ist, hat es Mona G. „gerissen und geschüttelt. Sie war nicht in der Lage, die Tat noch einmal vorzuführen“, sagt ihre Anwältin Christine Schneidhofer. Im Polizeiprotokoll heißt es, die Beschuldigte sei zwar geständig, habe an der Aufklärung der Tat jedoch nicht mitgewirkt. Der Anwalt des Opfers, Harald Terler meint, die U-Haft sei „schon hart, doch es ist eine Grenze überschritten worden“.

„Massiven Bedrohungen”
Was Mona G. in den vergangenen Monaten im Internet ertragen musste, war brutal, ist aber an österreichischen Schulen allgegenwärtig. Die Schule in Kapfenberg, in der sich das Drama ereignete, bunkert sich ein. Die Direktorin und die Lehrerschaft verweigern jede Stellungnahme gegenüber der Öffentlichkeit. Sie ist auf ihren Ruf bedacht. Die Schule soll eine Zukunft haben. Ab kommendem Herbst wird sie als neue Mittelschule geführt. Der in den 1950er-Jahren errichtete Flachbau mitten in einer Arbeiterwohnsiedlung wirbt mit grünen Wiesen, farbigen Wandpaneelen und Eichkätzchen, die den Kindern beim Lernen zuschauen. Überall hängen Plakate, die von Toleranz, Respekt und höflichem Umgang künden. Handys sind ebenso verboten wie Energydrinks und Coca-Cola. Und doch beginnen die meisten Schüler schon in der ersten Schulstunde, sich über ihre Smartphones an Shitstorms zu beteiligen.

Schulpsychologin Heike Ebner-Ornig, die nicht der Schulhierarchie untersteht und einmal in der Woche eine Sprechstunde an der Theodor-Körner-Schule abhält, berichtet von „massiven Bedrohungen und Abwertungen unter Kindern“ – ein Phänomen, das nicht nur an dieser Schule üblich sei.

Klaus Strassegger, Experte für Cyber-Mobbing, hatte noch zu Weihnachten an der Theodor-Körner-Schule über die Gefahren sozialer Netzwerke referiert – gewarnt, dass alles, was dort hineingestellt werde, niemals verschwinde. Den erhobenen Zeigefinger, die Verteufelung des Internet findet er falsch. Kinder trauten sich meist nicht, ihren Eltern von ihren Mobbingproblemen zu erzählen, weil sie befürchten, dass ihnen dann das Smartphone weggenommen werde, sagt Strassegger.

Mona G. ist ein Kapfenberger Kind, das ohne Geschwister aufwuchs. Ihre alleinerziehende Mutter geht einem kreativen, anstrengenden Beruf nach. Mona G. verbrachte viel Zeit bei ihren Großeltern. Sie war bei der Freiwilligen Feuerwehr in Kapfenberg aktiv, beim Roten Kreuz, Mitglied bei der Kapfenberger Stadtkapelle und beim Turnverein.

Vor wenigen Wochen noch ist sie zur Jugendgruppe des Roten Kreuzes gekommen. Mona G. ging einmal ins Gymnasium in Kapfenberg. Sie war eine gute Schülerin. Doch mit dem Frühlingserwachen begann das Schulschwänzen, pubertäts-typische Reibereien mit der Mutter setzten ein. Keiner wusste, wer ihre neuen Freunde waren, mit wem sie sich in der Freizeit traf, was sich im Internet abspielte. Ein Abgrund der Entfremdung tat sich auf. Sie war 13 Jahre alt, als sie einen Jungen kennenlernte, in den sie sich verliebte. Alle sollten es wissen: auf Facebook, WhatsApp und in anderen sozialen Netzwerken. Der Junge war älter als sie. Der Freundeskreis veränderte sich. Mona fühlte sich Gleichaltrigen überlegen, und sie war es wohl auch. Sie blieb manchmal über Nacht weg.

Alles, was sie tut, spiegelt und verstärkt sich nun in der Parallelwelt des Internet. Hatten es Außenseiter immer schon schwer, geraten sie im Internetzeitalter in eine Hölle totalitärer und lückenloser Ächtung durch Gleichaltrige, in der es keinen Rückzugsort und Ausweg mehr gibt. Auf Facebook heißt es nun: Mona rauche, trinke und ficke. Sie solle sich von der Schule „schleichen“. Sie sei eine „Schlampe“ und eine „Hua“. Die Kinder geben Beschimpfungen im tiefsten Dialekt wieder, gespickt mit Rechtschreibfehlern, überhaupt nur zu verstehen, wenn man sie laut vor sich hersagt. „Du bist anfoch nua hässlich! (…) Im Bus sitz i meistns hinter dia & hea wie du übers fickn redest.“

Mona ist in keiner guten Verfassung. Sie postet zurück, man sei wohl eifersüchtig auf ihr Leben. Auch sie bedient sich einer hässlichen Dialektsprache. Ihre Mutter hat sich um Erziehungshilfe an die Jugendwohlfahrt gewandt. Im Spätherbst 2012, an einem Tag der offenen Tür am Gymnasium in Kapfenberg, steht Mona G. provokant rauchend im Schulhof und liefert sich mit einer Lehrerin ein Wortgefecht. Sie wird vom Gymnasium verwiesen und kommt mitten im Schuljahr an die Hauptschule. Es ist auch ein sozialer Abstieg. In der neuen Klassengemeinschaft trifft sie auf „King Kevin“, den Anführer der Klasse, älter als die anderen, ein allseits bekannter schwieriger und verhaltensauffälliger Kerl, der gern provoziert, vor dem alle Angst haben. Schon in den ersten Tagen geraten die beiden aneinander. Mona G. ist frech und lässt sich nichts gefallen. Er nimmt sie – damals schon – in den Schwitzkasten, sie droht mit ihrem Feuerzeug. Die Aggression verlagert sich bald vom Klassenzimmer ins Internet.

„Jeder der beiden wollte der Chef der Klasse sein“, gab eine Mitschülerin bei den Tatermittlungen der Polizei gegenüber an. „King Kevin“ war Chef der Klasse, weil er ein entsprechendes Auftreten hatte. Er drohte, Mitschüler zu verprügeln, wenn sie etwas gegen ihn sagten, erzählte ein anderer.

Mona G. gab in Polizeigewahrsam – ohne Beisein eines Anwalts oder einer Vertrauensperson an: „Während er mich zu Boden drückte, (…) stach ich unter meiner linken Hand nach hinten. Ich habe nicht bewusst nach XY gestochen, sondern wollte mich lediglich wehren, um aus dem Griff zu entkommen.“

„King Kevin“ sagte: „Ich bin vom Sessel gesprungen, zu ihr hin und habe Mona in den Schwitzkasten genommen. Ich habe sie dann nach hinten geschoben und wollte sie aus der Klasse befördern. (…) Ich hatte Mona die ganze Zeit im Schwitzkasten. (…) Sie hat sich eigentlich überhaupt nicht gewehrt, sie hat auch nichts gesagt.“

Im Internet wurde die Tat von den Jugendlichen gefeiert und verdammt. „Jeder Mensch macht mal Fehler und wenn ich ganz ehrlich bin würde ich es auch machen, wenn ich so was unterstellt bekomme. Es ist nicht okay so was zu machen aber wenn man psychisch so belastet ist findet man manchmal keinen anderen Ausweg. Kümmert euch um euren Scheiß. Sie wird ihre Strafe bekommen. Wenigstens mal eine Frau die sich gegen so was wehren kann und auch gemacht hat. Gute Besserung an den Verletzten.“ Die meisten Postings waren weniger pädagogisch. Von einem Mordversuch ging keines aus.

Fotos: Monika Saulich für profil