Streit zwischen ATV und Stadt Wien

Zoff zwischen Wien und ATV: Die Stadt verbietet dem Privatsender Aufnahmen in Gemeindebauten.

Im Gemeindebau, heißt es auf der Website des Privatsenders ATV, „wohnt der Maurer auf einer Stiege mit dem Akademiker, der Tätowierer Tür an Tür mit dem Wienerliedsänger. Ein fruchtbarer Boden also für Geschichten, die das Leben schreibt.“ Seit Frühjahr 2011 verdichtete ATV derartige Geschichten in zwei Staffeln zur Reality Soap „Wir leben im Gemeindebau“. Protagonisten der Dokus sind Exhibitionisten, wie man sie – wenn auch journalistischer und intellektueller vorgeführt – aus den ORF-Reportagen der Filmemacherin Elizabeth T. Spira kennt: tätowierte Jüngere, xenophobe Alte, alkoholisierte Schrullos, arbeitslose Exzentriker – alle mit deftiger Sprache ausgestattet.

Am 19. November beginnt im Hauptabendprogramm die dritte Staffel mit zwölf Folgen der Gemeindebau-Doku. Die Aufnahmen stammen vom Sommer, jüngere gibt es nicht. Denn am 7. September ging bei ATV ein Schreiben von Wiener Wohnen ein. Das ­städtische Unternehmen verwaltet die ins­gesamt 220.000 Gemeindebau-Wohnungen Wiens, in denen etwa ein Drittel der Bevölkerung der Bundeshauptstadt lebt. In dem Brief teilt Wiener Wohnen ATV mit, „dass Ihrem Ansuchen um Verlängerung des Drehvertrags zu der TV-Serie ,Wir leben im Gemeindebau‘ nicht stattgegeben wird. Wiener Wohnen ist mit dem Bild, das die Serie vom Gemeindebau zeichnet, nicht einverstanden.“ Für die Filmcrews sind damit Aufnahmen auf Gehsteigen, in Höfen und Gängen der Wiener Gemeindebauten untersagt. In die Wohnungen der Mieter dürfen Reporter und Kamerateams nach wie vor hinein.

Auf den Entzug der Drehgenehmigung reagierte man bei ATV perplex. Vor Beginn der Produktionsarbeiten 2011 hatte Programmchef Martin Gastinger in einem Gespräch mit Wohnbaustadtrat Michael Ludwig, SPÖ, und bei Verhandlungen mit Wiener Wohnen die Bedingungen ausverhandelt. ATV sagte dabei zu, Themen wie Konflikte mit Zuwanderern, Drogenmissbrauch oder Gang-Unwesen auszuklammern. Gastinger: „Wir haben uns daran gehalten. Viele Gemeindebau-Bewohner haben uns sogar gefragt, warum wir nicht auch über solche Problemfelder berichten.“

Auf eine Aussprache mit Ludwig muss der ATV-Programmchef noch warten. Für heuer, so beschied ihm das Büro des Stadtrats, sei kein Termin mehr frei. Laut einem Sprecher von Wiener Wohnen hätte es massive Proteste von Gemeindebau-Mietern gegen die Doku-Serie gegeben. Man habe sämtliche Vereinbarungen mit ATV eingehalten, aber nun von der beantragten Verlängerung der Drehgenehmigung abgesehen.