Die NS-Geschichte der Akademie der Wissenschaften

Die NS-Geschichte der Akademie der Wissenschaften

Spät stellt sich die Österreichische Akademie der Wissenschaften ihrer NS-Geschichte: Die Gelehrtengesellschaft war tiefer verstrickt, als es den Anschein hatte. Mehr als die Hälfte ihrer Mitglieder waren Parteigenossen.

Bei ihrer Gründung im Jahr 1847 sollte die Akademie der Wissenschaften ein Hort des freien Denkens, Forschens und Publizierens sein. Die völlige Unabhängigkeit hatte das Kaiserhaus garantiert. Die Orientalistik und die naturwissenschaftlichen Fächer erwarben sich bald einen Ruf über die Grenzen des Habsburgerreichs hinaus. Hier wurde weltweit das erste Institut zur Erforschung der Radioaktivität gegründet.

Mit dem Ende der Monarchie wurde der erlauchte Kreis, der vom Kaiser ernannt worden war, zur Gelehrtenrepublik, die ihre Mitglieder wählte.
All das gaben die Professoren 1938 auf. Am 18. März schickten sie Hitler ein Untergebenheitstelegramm. Als die Gelehrten in den hehren Hallen ihres Wiener Innenstadtpalais dem „Führer“ fünf Tage nach dem deutschen Einmarsch ihre Treue versicherten, hatten SA, SS und Gestapo längst mit Massenverhaftungen begonnen.

Zum 75. Jahrestag des so genannten „Anschlusses“ geht die Österreichische Akademie der Wissenschaften das erste Mal fundiert ihrer Geschichte im Nationalsozialismus nach. profil liegt die noch unveröffentlichte Studie vor, die am 11. März 2013 vorgestellt werden wird. („Die Akademie der Wissenschaften in Wien 1938–1945“, herausgegeben von Feichtinger/Matis/Sienell/Uhl; Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2013, Katalog zur Ausstellung.)

Viele Akademie-Mitglieder hatten sich schon seit Jahren als illegale Nazis den neuen Machthabern angedient. Der höchste Verwaltungsangestellte der Akademie, bei dem alle Fäden der Gelehrtengesellschaft zusammenliefen, war als „Alter Kämpfer“ seit 1933 bei der NSDAP gewesen.
Ihre hohe Bildung stellten die Herren beflissen in den Dienst der NS-Politik. Schon ein Jahr davor, 1937, hatten sie in einer gemeinsamen Tagung mit den deutschen Akademien über den Ausschluss der jüdischen Kollegen debattiert.

Unter ihrem neuen Präsidenten, dem Historiker und Hitler-Verehrer Heinrich Srbik, waren sie 1939 „judenrein“, wie in einem Protokoll vermerkt wurde. Die Wiener Akademie hatte 21 ihrer angesehensten Mitglieder ausgeschlossen. Unter ihnen drei Nobelpreisträger.
Geradezu begeistert stellten sich Anthropologen, Historiker, Geografen, Biologen, Mediziner und Physiker in den Dienst der Nationalsozialisten, wollten den Rassenwahn, die Eroberungsfeldzüge, die Versklavung der „Ostvölker“ „wissenschaftlich“ untermauern. Um die „Rassenforschung“ und die Vermessung von Kriegsgefangenen hatten sich die Wissenschafter sogar aktiv beworben.

Nur die Aufstellung einer ihr angebotenen Hitler-Büste verweigerte die Akademie. Aus Kostengründen.

Bei Kriegsende 1945 waren mehr als die Hälfte der Mitglieder der Akademie der Wissenschaften nationalsozialistische Parteigenossen. Eine Entnazifizierung fand praktisch nicht statt. Selbst ein SS-Sturmbannführer wurde nach einigen Jahren der „ruhenden“ Mitgliedschaft wieder aufgenommen.

Was der deutsche Historiker Hans-Ulrich Wehler für die Gesellschaft als Ganzes feststellte, galt besonders für den Kreis der Spitzengelehrten: „Nicht Hitlers individuelle Psychopathologie ist das eigentliche Problem, sondern der Zustand einer Gesellschaft, die ihn aufsteigen und bis zum April 1945 herrschen ließ.“

Der mit der Zeit ging

Heinrich Ritter von Srbik: (1878–1951), dessen Vorfahren trotz seines stolzen Namens arme tschechische Bauern gewesen waren, was er zeitlebens zu verbergen suchte, galt bis in die sechziger Jahre hinein als einer der bedeutendsten österreichischen Historiker. An seiner Haltung lassen sich die Zeitläufte ablesen. Zur Kaiserzeit forschte er – den Habsburgern freundlich gesinnt – über die Erbländer, nach dem Zerfall der Monarchie veröffentlichte er Aufsätze, die eine Nähe zur Sozialdemokratie vermuten ließen. Rechtzeitig zur Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland brachte er sein Hauptwerk „Die deutsche Einheit“ heraus, ein Zeugnis deutschen Größenwahns und Plädoyer für deutschen Lebensraum. Die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft waren Srbiks beste Jahre. Im Mai 1938 wurde sein Aufnahmeantrag an die NSDAP, in dem er sich als „Begründer der gesamtdeutschen Geschichtsauffassung“ vorgestellt hatte, genehmigt. Srbiks Antisemitismus gründete auf dem Glauben an die Überlegenheit der deutschen „Rasse“. Er bekam ehrenhalber eine niedrige NSDAP-Mitgliedsnummer, wie sie sonst nur Illegalen zustand. Zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften in Wien schlugen ihn die NS-Machthaber vor. Adolf Hitler höchstpersönlich entsandte ihn in den deutschen Reichstag.

In seiner Antrittsrede als neuer Präsident der Akademie dankte Srbik 1938 „dem Genius unseres Führers“ und beschwor die „Gemeinschaft des Blutes, der Erde, der Geister und der Herzen und die epochalen Änderungen des Reichs- und Volkskörpers“. Die Wissenschaft dürfe sich nicht in „völliger Objektivität verlieren“, sie müsse sich in den „Dienst am deutschen Volk“ stellen. Der Nazi-Schwulst durchzog jeden seiner Auftritte. In der Akademie vollzog er den Ausschluss aller jüdischen Wissenschafter und die Besetzung ihrer Positionen mit verdienstvollen NS-Parteigängern. In einem Fall ist sein Einsatz für einen Kandidaten dokumentiert, der „von der Partei als ein Illegaler empfohlen wurde“.

Ab 1943, als die deutsche Wehrmacht in Russland auf dem Rückzug war und Stalingrad verloren hatte, gab es Durchhalteparolen. Srbik pries die „Aufopferung des eigenen Lebens für die Sendung der Nation“. Es müsse „reines Leben verbrennen, damit es als Opferflamme die Welt erhellt“.
Im März 1945 machte sich der Präsident der Akademie ins tirolerische Ehrwald auf und davon. Srbik besaß dort einen Zweitwohnsitz. Wien sollte er nie wieder betreten. In seinen zahlreichen Publikationen vertrat er nun einen kulturdeutschen Österreich-Patriotismus. Als Zeichen der Dis­tanzierung vom NS-Regime führte er im Entnazifizierungsverfahren an, er habe dem NS-Parteianwärter und Dichter Max Mell den Grillparzer-Preis zugesprochen, obwohl Propagandaminister Joseph Goeb­bels dies nicht goutiert habe. Und er habe auf dem Begriff „Archiv für Österreichische Geschichte“ bestanden. Freunde Srbiks brachten nach dem Krieg zu seinen ­Gunsten vor, er habe erlaubt, „nicht arische“ Wissenschafter zu zitieren.
Srbik war damals schon 70 Jahre alt. Über Intervention des sozialdemokratischen Innenministers Oskar Helmer wurde ihm ungeschmälert seine Pension ­zuerkannt. Einige seiner Doktoranden machten in der Zweiten Republik große Karrieren: der in seinen Vorlesungen offen antisemitische Welthandelsprofessor Taras Borodajkewycz löste allerdings die größten Nachkriegsproteste aus und wurde 1966 zwangspensioniert. Christian Broda, der bei Srbik 1940 über „Volk und Führung“ dissertiert hatte, wurde SPÖ-Justizminister. Srbiks ehemaliger Student Josef Klaus wurde ÖVP-Bundeskanzler.

Srbiks NS-Vergangenheit war in der Nachkriegszeit verschwiegen oder schöngeredet worden. Legenden entstanden. So soll er als Akademie-Präsident den holländischen Kulturhistoriker Johan Huizinga, der als Geisel in ein Konzentrationslager überführt worden war, gerettet haben. Tatsächlich hatte er einen Brief verfasst, doch seine Anfrage wurde abgelehnt. Huizinga wurde am Ende aus gesundheitlichen Gründen entlassen. Die Historikerin und Srbik-Expertin Martina Pesditschek hält es für „unwahrscheinlich“, dass Srbiks Intervention ausschlaggebend war.
Als Heinrich Srbik 1951 starb, wurden ihm im Umfeld der Akademie drei ehrende Nachrufe geschrieben. Die unkritische Lobpreisung zog sich bis Ende der siebziger Jahre. In Ehrwald ist heute noch eine Straße nach ihm benannt.

Vertrieben und verfolgt

Karl Bühler: (1879–1963), Psychologe und Philosoph, Lehrer von Karl Popper, wurde in den zwanziger Jahren von Dresden an die Uni Wien berufen, wo er mit seiner Frau Charlotte unter anderem wichtige Impulse in der Gestalt- und Kinderpsychologie setzte. Ab 1934 war er korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften. 1938 verlor Bühler aus „rassischen“ Gründen seine Professur, wurde inhaftiert, konnte mit seiner Frau in die USA flüchten. Im Oktober 1940 wurde er aus der Akademie der Wissenschaften ausgeschlossen.

Viktor Franz Hess: (1883–1964), gebürtiger Steirer, als Physiker am berühmten Institut für Radiumforschung der Akademie tätig – dem ersten zur Erforschung der Radioaktivität weltweit. Hess erhielt 1936 den Physik-Nobelpreis für die von ihm 1912 in Wien entdeckte kosmische Strahlung. Professuren an mehreren Universitäten in Österreich (er initiierte die Messstation am Hafelekar, Innsbruck), Mitarbeit am Aufbau der Radium Corporation in den USA, 1938 Verlust der Professur in Graz, Inhaftierung und Emigration mit seiner jüdischen Frau in die USA. Korrespondierendes Mitglied der Akademie ab 1933, Ausschluss aus der Akademie 1940.

Stefan Meyer: (1872–1949), geboren in Wien, Assistent Ludwig Boltzmanns am Physikinstitut der Uni Wien und später hier Professor, leitete das Akademie-Institut für Radiumforschung. Nach dem „Anschluss“ Österreichs aus „rassischen“ Gründen verfolgt, überlebte zurückgezogen in Bad Ischl. Mitglied der Akademie seit 1921, erklärte Ende 1938 selbst seinen Austritt und kam so seinem Ausschluss zuvor.

Erwin Schrödinger: (1887–1961), Wiener, lehrte Theoretische Physik in Jena, Zürich, Berlin, 1933 Nobelpreisträger für Physik. Im selben Jahr Emigration nach England. Ab 1936 Professor in Graz, 1938 Flucht nach Irland. Mitglied der Akademie der Wissenschaften ab 1928, 1940 ausgeschlossen. Er wurde 1945 wieder aufgenommen.

Nazi-Karrieren

Viktor Christian: (1885–1963), NSDAP-Mitglied und SS-Hauptsturmführer. Der Wiener Philologe wurde 1938 Dekan an der Uni Wien und Abteilungsleiter der SS-Forschungsstelle „Ahnenerbe“, 1939 wählte die Akademie ihn zum ordentlichen Mitglied. 1945 war er einer von vier schwer NS-Belasteten, deren Zugehörigkeit als „erloschen“ erklärt wurde, fünf Jahre später Wiederaufnahme.

Fritz Knoll: (1883–1981), der gebürtige Steirer war Botaniker, Deutschnationaler, trat als „Illegaler“ wüst agitierend an der Uni Wien in Lederstiefeln und schwarzer Reiterhose auf, die Geheimpolizei notierte 1937, in Knolls Institut herrsche eine „provokante nationalsozialistische Majorität“. Nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 wurde er kommissarischer Uni-Rektor und leitete sofort die „wilde Vertreibung“ (Historiker Gerhard Botz) ein, bis Ende April 1938 wurden 250 Lehrende aus „rassischen“ oder politischen Gründen entfernt. Gleichzeitig wurde „Euer Magnifizenz“ Knoll Ende März vom Rumpfpräsidium der Akademie der Wissenschaften höflich ersucht, in der Akademie „die Interessen der NSDAP … zu übernehmen“. Im Jahr darauf erklärte Akademie-Präsident Srbik sich selbst zum NSDAP-Beauftragten, Knoll bekam die Ehre der ordentlichen Mitgliedschaft. 1945 wurde diese als „erloschen“ eingetragen. Drei Jahre später wurde Knoll wieder aufgenommen, der Akademie-Präsident schrieb ihm: „Es wird mir ein Vergnügen sein, Sie bei den nächsten Sitzungen wieder begrüßen zu können.“ An der Universität hatte der Ex-Rektor weiter Hausverbot, an der Akademie der Wissenschaften sollte er Ende der fünfziger Jahre zum Generalsekretär aufsteigen. Die Republik ehrte Knoll, der einst stolz verkündet hatte, „der Jude ist aus unserer Wissenschaft verschwunden und zwar für alle Zeiten“, mit dem Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse, die Akademie bedankte sich mit der Medaille „Bene Merito“.

Oswald Menghin: (1888–1973) stammte aus Meran, Prähistoriker an der Uni Wien, Mitte der dreißiger Jahre Rektor und aktiv bei der Integrierung „Illegaler“ im Ständestaat. NSDAP-Mitglied, 1938 als Unterrichtsminister für politische und „rassische“ Säuberung der Universitäten verantwortlich. 1945 auf der „1. Kriegsverbrecherliste“, US-Internierung, danach Flucht nach Argentinien. Mitgliedschaft in der Akademie 1945 ruhend gestellt, 1959 Wiederaufnahme.

Josef Nadler: (1884–1963), Germanist aus Böhmen, mit seiner Literaturgeschichte der deutschen Stände zum Professor ernannt, seit 1934 ordentliches Akademie-Mitglied. NSDAP-Parteigänger, im Nationalsozialismus Direktor des Germanistischen Seminars an der Uni Wien. 1945 Lehrverbot an der Uni Wien, seine Akademie-Mitgliedschaft ruhend gestellt, ab 1948 reaktiviert.

Gustav Ortner: (1900–1984), in der Steiermark geborener Physiker, „Illegaler“, übernahm 1938 das berühmte Institut für Radiumforschung der Akademie. 1945 wurde Ortner von der Uni Wien mit Lehrverbot belegt, seine Akademie-Angehörigkeit ruhend gestellt und 1948 reaktiviert. 1960 bekam Ortner eine Professur an der TU Wien, 1961 wurde er Vorstand des Atominstituts der Österreichischen Hochschulen.

Nachhaltig vernichtet

Es war ein Prachtbau der Wiener Weltausstellung 1873: Das am Beginn der Praterallee in der Art eines gewaltigen Schlosses errichtete Schau-Aquarium schien dem Schicksal der für Hyperereignisse errichteten Hyperbauten preisgegeben – danach funktionslos herumzustehen. Doch Anfang des 20. Jahrhunderts wagten drei junge Wissenschafter aus dem jüdischen Bürgertum in dem Prachtkomplex die Verwirklichung ihrer bahnbrechenden Idee und kauften ihn für ein privates Forschungsinstitut. Ihre Biologische Versuchsanstalt sollte Weltgeltung bekommen: Sie wurde eine Art Brutstätte der modernen Biologie und ein Vorbild für Forschungsinstitute von New York bis Moskau.

Die jungen Forscher und Unternehmer waren die beiden Botaniker Wilhelm ­Figdor, 36, und Leopold Portheim, 33, ­sowie der erst 28-jährige Zoologe Hans Przibram.

Höchst innovativ stellten sie modernste Labors zur Verfügung, und Wissenschafter aus dem In- und Ausland arbeiteten Hand in Hand an biologischen Experimenten. Der spätere Nobelpreisträger Karl Frisch etwa schrieb in der Versuchsanstalt seine Dissertation. Zur dauerhaften Absicherung hatte das Gründertrio das einzigartige Institut 1914 der Akademie der Wissenschaften geschenkt und es zusätzlich mit einem großzügigen Stiftungsvermögen ausgestattet.

Bis 1938 waren an die 250 Forscher hier tätig, ihre Projekte – auch das bahnbrechend – wurden primär über Drittmittel finanziert. Die Versuchsanstalt bot Forschern jene Perspektive, welche ihnen die schon in der Zwischenkriegszeit von Antisemitismus beherrschte Universität Wien verwehrte.

1938 kam das Aus. Und die Vertreibung aus dieser Institution der Akademie der Wissenschaften sollte für viele tödlich enden: Die Biologische Versuchsanstalt wurde zu jenem Forschungsinstitut in Österreich und im ganzen Deutschen Reich, das im Verhältnis zu seiner Größe die meisten NS-Opfer zu beklagen hatte – so die erschütternde Analyse des Historikers Klaus Taschwer.
Während die Akademie sich ihrer jüdischen Mitglieder teils erst auf Order der NS-Machthaber entledigte, entfernte sie die hier Beschäftigten beinhart. Die zynische Verfügung der Akademie-Leitung hieß: „Die Biologische Versuchsanstalt wird zur Durchführung unaufschiebbarer Reinigungsarbeiten geschlossen.“

Die Institutsgründer konnten den Komplex nicht mehr betreten, den sie der Akademie einst geschenkt hatten. Mit einem Federstrich wurden alle leitenden Forscher und zwei Drittel ihrer Mitarbeiter gekündigt. „Die Juden wurden nach dem Umbruche entfernt“, resümierte man unverblümt, und über das Stiftungsvermögen wurde bestimmt, es werden „Arier mit diesen Geldern bezahlt“.

Wissenschaftlich endete die „Arisierung“ in einem Desaster. Der neue Bevollmächtigte war der Nationalsozialist Franz Köck, der sich darin gefiel, im Tierexperiment ein Futtergemisch aus Sägespänen und Kleie zu testen. Unter ihm wurden Terrarien zerstört, Sammlungen aufgelassen, schließlich die Forschung selbst eingestellt. In dem Prachtkomplex, der den Wienern als Vivarium bekannt war, blieb nur noch das öffentlich zugängliche Aquarium.

Finanzier, Instituts-Mitgründer und Biologe Hans Przibram und seine Ehefrau und Mitarbeiterin Elisabeth schafften die Flucht nur nach Holland. 1943 wurden sie in das KZ Theresienstadt deportiert, wo der Forscher 70-jährig an Hunger starb und seine Frau sich das Leben nahm. Przibrams frühere Mitarbeiterin, die Zoologin Leonore Brecher, wurde in der Vernichtungsstätte Maly Trostinec ermordet. Dissertantin Martha Geiringer wurde aus Belgien nach Auschwitz deportiert, in Auschwitz wurde auch die Medizinerin Henriette Burchardt ermordet. Der Physiologe Heinrich Kun kam in einem Lager in Jugoslawien ums Leben.

Das frühere Institutsgebäude war bei Kriegsende eine Ruine. Während der Kämpfe um Wien hatten sich SS- und Wehrmachtseinheiten mit schwerem Gerät einquartiert, am 11. April 1945 ging der Bau vermutlich infolge von Brandgeschossen in Flammen auf. Drei Jahre später verkaufte die Akademie die Immobilie. Die Zeitung „Das Neue Österreich“ schrieb: „Im wissenschaftlichen Zentrum, an der traditionellen Brutstätte der Biologie, hat die materielle und wohl auch die moralische Kraft versagt.“

Suche nach dem „Arischen“

Geradezu begeistert stellten sich Mitglieder der Akademie, Anthropologen, Geografen, Biologen, Mediziner, in den Dienst der Nationalsozialisten, wollten den Rassenwahn „wissenschaftlich“ unterfüttern. Seit Anfang 1940 war die Akademie in die „Rassenforschung“ involviert. Die Projekte zur Vermessung von Menschen wurden von der Akademie initiiert und gefördert. So vermittelte Akademie-Präsident Heinrich Srbik die Subventionierung einer umfangreichen Untersuchungsreihe der Anthropologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums im Kriegsgefangenenlager Kaisersteinbruch im nördlichen Burgenland. „3517 Individuen – Nordafrikaner, Neger, Juden u. a.“ wurden vermessen, „20.000 fotografische Aufnahmen gemacht“ berichtete die Publikation der Akademie im darauffolgenden Jahr. Die Erkenntnis dieses Irrsinns lautete: „Die gallo-keltische Bevölkerung“ sei „sowohl von nordischen als auch mediterranen Einwanderern rassisch stark beeinflusst“ worden.
Srbik regte an, die Anatomie von im Kriegsgefangenenlager verstor­benen Afrikanern untersuchen zu lassen, um die „Verschiedenheit der Rassen in den inneren Organen“ zu erkunden. Die österreichischen Akademiemitglieder priesen „die ungewöhnlich günstige Gelegenheit und die Fülle des Ma­terials“, doch es blieb ihnen verwehrt, auch in anderen Kriegsgefangenenlagern ihre „rassekundlichen“ Untersuchungen vorzunehmen. Das Phonogrammarchiv der Akademie begehrte Zugang zu Kriegsgefangenenlagern, um „Sprachen und Gesänge verschiedener Völker und Stämme des französischen und britischen Reiches, einschließlich der Eingeborenen“ auf Schallplatte zu pressen. Doch dafür bekamen Berliner Forscher den Zuschlag.

1942 richtete die Akademie auf Anregung von SS-Hauptsturmführer Viktor Christian eine hoch dotierte „Kommission zur Herausgabe von Schriften zur Rassenkunde und menschlichen Erblehre“ ein. Ihr Output war eine „familienanthropologische Studie“ aus dem rumänischen Banat, die beweisen sollte, dass „die Eigenart des Gastvolks“ durch eine „vom Wirtsvolk abweichende Rassenzusammensetzung“ bedingt sei. Autor der Studie war Robert Routil, der schon an der Vermessung der im Wiener Stadion zusammengetriebenen jüdischen Männer beteiligt gewesen war.
Die „Rassenkommission“ wurde zwar 1945 aufgelöst. Doch eine Arbeit unter dem Titel „rassenphysiologische Ergebnisse einer Forschungsreise in Uganda 1911/12“ wurde in der Reihe der Denkschriften der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse der Akademie der Wissenschaften noch im Jahr 1951 anstandslos veröffentlicht.

„Mit gutem ­Gewissen“

1945 hätte die Akademie einen Neuanfang mit Signalwirkung setzen können. Der Plan dazu war überzeugend und klar: „All jene, welche Parteimitglieder waren, scheiden automatisch von der Ehrenstellung eines Akademie-Mitglieds aus.“ Diesen Vorschlag des Hinauswurfs aller NSDAP-Parteigänger hat ihr rangältestes Mitglied, der international angesehene Historiker Alfons Dopsch, der Akademie der Wissenschaften im Juni 1945 vorgelegt.

Der damals 77-jährige Dopsch war seit Kaisers Zeiten wirkliches Mitglied der Akademie. Während des Nationalsozialismus hatte er die NS-Parteigänger intensiv beobachtet, nun beurteilte er sie offensichtlich alle als untragbar.

Wäre Dopschs radikale Idee umgesetzt worden, hätte die Akademie sich dem stellen müssen, was sie am Ende der NS-Herrschaft war: eine braune Gelehrtengesellschaft. Jedes zweite der 53 Akademie-Mitglieder war ein ehemaliges Mitglied oder Parteianwärter der NSDAP. Von ihren mehr als sechzig korrespondierenden Mitgliedern hatten noch mehr der Hitler-Partei angehört, nämlich drei Fünftel.

Doch die Herren lehnten das ab. Vizepräsident Richard Meister gab die Devise aus: „Die Akademie … geht aus dem abgelaufenen Zeitraum seit 1938 mit gutem Gewissen hervor. Sie hat dem Druck dieser Jahre nur verschwindend wenige, unbedeutende und ihr auferlegte Konzessionen gemacht.“

Diesem Selbstbild entsprechend wurde die Zugehörigkeit ehemaliger Nationalsozialisten nur „ruhend gestellt“. Nach dem Amnestiegesetz 1948 bekamen dann beinahe alle, auch frühere hochrangige NS-Funktionäre, ihre Mitgliedschaft wieder.
Selbst ihre einzige eigenständige Entnazifizierungsmaßnahme sollte die Akademie später rückgängig machen: 1945 hatte sie die Mitgliedschaft von vier schwer NS-Belasteten wie dem Anatomen Eduard Pernkopf als „erloschen“ erklärt. Während die vier Wissenschafter ihre Uni-Lehrkanzeln nie mehr betreten durften, wurden sie an der Akademie wieder aufgenommen.

Der Historiker Herbert Matis kritisierte in einer ersten Studie für die Akademie im Jahr 1997, dass eine nachhaltige und innerliche Auseinandersetzung mit dem NS-Regime jahrzehntelang nicht stattfand. Die Historikerin Heidemarie Uhl: „Ob sich die Akademie bei der Integration der ehemaligen Nazis im Mainstream befand oder darüber hinausging, ist offen.“

Was ihre nach 1938 ausgeschlossenen Mitglieder betraf, beschloss die Akademie deren „Rückberufung“, nur wenige kamen tatsächlich wieder, unter ihnen Nobelpreisträger Erwin Schrödinger. Als erster ins Ausland Vertriebener wurde der in den USA lehrende Staatsrechtler Hans Kelsen 1947 zum korrespondierenden Mitglied gewählt, die nach Schweden geflüchtete Spitzenforscherin Lise Meitner bekam diesen Status als erste Frau im Jahr 1948.

Alte Seilschaften

Im Vorjahr haben drei prominente Wissenschafter die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) unter Protest verlassen. Am 8. Mai 2012 reichte es der preisgekrönten Molekularbiologin Renée Schroeder : „Meine Erfahrungen haben mich davon überzeugt, dass es der Gelehrtengesellschaft der ÖAW weder um die Förderung von Exzellenz noch um wissenschaftliche Erkenntnisse geht. Aus Solidarität mit jenen WissenschafterInnen, denen es wegen ihres kulturellen Hintergrunds oder ihrer politischen Einstellung nicht möglich ist, Mitglied zu werden, lege ich meine Mitgliedschaft zurück.“

Schroeder gehört zu Österreichs bedeutendsten Forscherinnen, 2003 wurde sie als zweite Frau wirkliches Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Sie merkte schnell, dass dort alte Seilschaften und politische Verbindungen regierten: „Meines Wissens sind 61 Prozent der Mitglieder beim Cartellverband.“ Junge Forscher hätten kein Stimmrecht in der ÖAW, während „unbegrenzt viele nicht mehr aktive Wissenschafter das Geschehen bestimmen“. Besonders ärgerte Schroeder, dass der international anerkannten Linguistin Ruth Wodak seit Jahren der Weg in die erste Riege der ÖAW versperrt worden war. Deren Wahl zum wirklichen Mitglied war 2012 zum wiederholten Mal gescheitert. Wodak zog daraufhin ebenfalls die Konsequenzen: Die Akademie hatte innerhalb eines Monats zwei Wittgenstein-Preisträgerinnen verloren.

Schon vor zehn Jahren war Wodak mitsamt ihrem Forschungszentrum „Diskurs, Politik, Identität“ aus der Akademie gemobbt worden. Einer der Gründe sei ihre jüdische Herkunft, wie Wodak damals erklärte: „Es gab antisemitische Töne, manche warfen mir vor, nicht patriotisch genug zu sein.“ Die Sprachwissenschafterin hatte immer wieder die rechtspopulistische Rhetorik in der österreichischen Politik von Schwarz-Blau kritisiert. Sie ging daraufhin an die britische Universität Lancaster, wo sie seither den renommierten Lehrstuhl für Diskursstudien innehat. Warum ihre Wahl zuletzt wieder scheiterte, weiß die ­Linguistin nicht genau. Wodak glaubt aber, dass es unter anderem auch daran gelegen hat, dass „wahrscheinlich noch einige von damals mitstimmten“.

Mit dem Ökonomen Gunther Tichy verlor die Akademie im Vorjahr den dritten Ausnahmewissenschafter. Er könne es „nicht mehr als Ehre ansehen, der ÖAW anzugehören“, schrieb er in seiner Kündigung. Tichy beklagte die „vielfach nicht nachvollziehbaren Ad-hoc-Entscheidungen“ und den mangelnden Reformwillen des Präsidiums.
Nicht nur der Mitgliederschwund, auch die Konkurrenz der Exzellenzuni IST Austria in Klosterneuburg macht der Akademie schwer zu schaffen. Ein riesiges Loch im Budget zwang sie vergangenen Herbst zum Handeln: Sie musste 14 Institute an die heimischen Universitäten abgeben.

Mitarbeit: Franziska Dzugan