Wir-Versuche: Über das brandgefährliche Konzept der Identität

Wir-Versuche: Über das brandgefährliche Konzept der Identität

Große Söhne, stolze Österreicher, mörderische Dschihadisten: Edith Meinhart über das brandgefährliche Konzept der Identität.

Die Lunte war ziemlich lang. Am 14. Oktober 2014 zog eine Drohne die "großalbanische" Fahne über ein Fußballfeld in Belgrad. Der Rest des EM-Qualifikationsspiels zwischen Serbien und Albanien ging in wilden Ausschreitungen unter. Kurz darauf entzündete sich hunderte Kilometer weit entfernt ein nationalistischer Furor: In der Wiener Ottakringer Straße bewarfen Serben ein Lokal, in dem Albaner verkehren, mit Bierflaschen und Gläsern.

"Thymos" nannten die alten Griechen diesen Drang nach Geltung, der die Brust weitet, den Menschen aufrichtet und bereit macht für den Kampf, in dem er völlig eins wird mit sich und dem Kollektiv. Die Polizei hielt die Streitparteien in Wien auseinander. Es hätte ein böses Nachspiel gegeben, wäre jemand verletzt worden oder gar ums Leben gekommen.

Die spontan zutage getretene Re-Ethnisierung der Zuwanderer wäre ein guter Anlass gewesen, über ein zeitgemäßes Verständnis von Identität zu reden. Stattdessen fuhr das offzielle Österreich in Gestalt des Außen- und Integrationsministers Sebastian Kurz die eigene nationale Identität mit einer Kampagne hoch: Heimatverbundenheit in Rot-Weiß-Rot. In der Gebrauchsanleitung, die dazu ermunterte, Bilder von sich selbst im Internet zu posten und kundzutun, worauf man in diesem Land stolz sei, kamen - immerhin - Österreicherinnen und Österreicher, mit und ohne Migrationshintergrund, sowie das Wort "vielfältig" vor. Doch die Initiative blieb in der ethnischen Umlaufbahn stecken.

Das passt ins Bild eines Jahres, in dem es reichlich Gelegenheiten gab, in die Identitätsfalle zu tappen, wobei so gut wie jede auch genützt wurde. Im Sommer hatte Volks-Rock 'n'Roller Andreas Gabalier beim Formel-1-Grand-Prix in Spielberg die Bundeshymne unter Auslassung der "Töchter" intoniert - so wie er es als Bub eben gelernt hatte ( siehe auch Elfriede Hammerls Essay ). Heiß umfehdet und wild umstritten war dann nur die Gender-Frage. Eine andere, nämlich jene, wozu wir 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges überhaupt noch eine Hymne mit nationalistischen Anklängen brauchen, wurde erst gar nicht gestellt.

Damit ersparte man sich zwar eine Menge Schwierigkeiten, in die man bei dem Versuch, "uns Österreicherinnen und Österreicher" in Text und Melodie zu fassen, unausweichlich gerät. Leider brachten wir uns auch um eine Erkenntnis, die eigentlich offenkundig ist: dass Individuen mannigfaltig verschieden sind und sich nicht ohne Weiteres auf eine Alles-oder-nichts-Identität zusammenstutzen lassen.

Warum wir trotzdem an der weihevollen Inszenierung von Wir-Seligkeit festhalten, ist für den Sozialpsychologen Klaus Ottomeyer damit zu erklären, dass diese in Wahrheit längst hohl erscheint und es um den sozialen Zusammenhalt im Allgemeinen und die Zuversicht der Einzelnen im Speziellen nicht zum Besten bestellt ist. Anders als sein vormoderner Artgenosse, der ein Leben lang durch Geburt und Abstammung geprägt blieb, muss der Mensch heute in jeder Nische seiner fragmentierten Welt eine Rolle und einen Platz finden. Das macht die eigene Identität zu einer mühseligen Bastelarbeit ohne jede Aussicht auf Fertigstellung. "Das Freiheitsversprechen der Moderne besteht genau darin, unsere Identität ständig neu zu erfinden und zu bearbeiten", sagt der Politikwissenschafter Bernhard Perchinig. Die einzelnen Bestandteile werden nach Gutdünken und Situation gewichtet. Keiner davon steht für das Ganze, alle zusammen formen eine einzigartige Person.

Diese Verfügung über die eigene Identität bringt nicht nur Freiheit, sie ist auch eine Last. Denn Verunsicherung und Verwirrung lauern überall, wie Klaus Ottomeyer in seinem neuen Buch ausführlich darlegt.* Eine steigende Zahl von Menschen fühlt sich auf dem Arbeitsmarkt überflüssig; ein Drittel derer, die einen Job haben, fürchtet, ihn zu verlieren. Wissen und Erfahrung altern noch rascher als wir selbst. Wir müssen als Konsumenten mithalten, unseren Status verteidigen und in dem ganzen Selbstverwirklichungs- und Beziehungschaos auch noch erfüllenden Sex und familiäres Glück finden.

100-Prozent-Identitäten sind begehrte Zufluchten in Zeiten des Umbruchs, denn sie wölben sich wie ein großes, schützendes Zelt über ein Kollektiv, um eine Metapher des türkisch-amerikanischen Psychoanalytikers Vamik Volkan aufzugreifen. Ein einziges Merkmal entscheidet oft darüber, ob man mit Haut und Haar unter dieses Zelt schlüpfen darf oder eben ganz und gar nicht dazugehört. Widersprüche, Verwirrung, Verunsicherung haben in dieser Versuchsanordnung keinen Platz.

So still und starr ruht die Republik, eines der friedlichsten Länder auf dem Planeten, dass der bloße Gedanke an Krieg abwegig erscheint. Doch das identitäre Entweder-Oder trägt auch in seiner harmlosesten Ausprägung den Keim des Krieges in sich. Man könne wissen, wann der Krieg beginnt, lässt Christa Wolf die trojanische Königstochter und Seherin Kassandra in ihrer gleichnamigen Erzählung sagen: "Aber wann beginnt der Vorkrieg?"

Identitäre Zuspitzungen enden zum Glück nicht immer mit Mord und Totschlag. Dass Menschen mit zusammengewürfelten Identitäten in das Gefängnis einer Alles-oder-nichts-Identität eingesperrt werden, ist jedoch in allen Vorkriegsgesellschaften zu beobachten. Individuen werden völkisch einverleibt oder zu Brüdern und Schwestern im "wahren Glauben". Der Nachbar, die Arbeitskollegin, Bekannte werden fremd (und fremd gemacht), bevor das Töten und Vertreiben beginnt. Die Geschichte kennt so viele Beispiele für die vernichtende Gewalt von Vollidentitäten, vom Holocaust über den Genozid in Ruanda bis zu den Balkan-Kriegen, dass der Ökonomie-Nobelpreisträger und Buchautor Amartya Sen verpflichtende Warnhinweise ähnlich jenen auf Zigarettenpackungen vorschlägt: Diese Identität kann Leben gefährden.

"0 Prozent Rassismus, 100 Prozent Österreich": Mit diesem Slogan setzt sich eine neue Rechte vom Hitlerismus der Deutschnationalen ab. Die "Identitären", nach eigener Beschreibung "einsame Retter des Abendlandes", kapern den positiv besetzten und ausfransenden Begriff Identität und verschließen ihn luftdicht mit dem ideologischen Konzept einer Vollidentität. Das ist nur einen Steinwurf entfernt vom Nationalstolz alter Prägung.

Wortmeldungen wie die des FPÖ-Nationalratsabgeordneten Harald Stefan zum Grünen-Vorstoß für ein Ausländerwahlrecht (man müsse, meinte Stefan, "einen Unterschied machen zwischen jenen, die nicht zu 100 Prozent zu dieser Gemeinschaft gehören, und jenen, die der Gemeinschaft lebenslang verbunden sind") gelten nicht nur am rechten politischen Rand als salonfähig. Echter Österreicher ist man durch Geburt; nachträglich einer zu werden, ist für die Apologeten der Vollidentität sozusagen wider die Natur. In Wien wird inzwischen ein Viertel der Bevölkerung von politischer Mitbestimmung ferngehalten.

Zu den "100-Prozentigen" darf man auch Andreas Gabalier zählen, der sich als Integrationstestimonial nicht entblödete, mit einer "Stolz auf die Lederhosen"-Ansage punkten zu wollen - die Fleisch gewordene Antithese zu Conchita Wurst: Hier die mit Vorbestimmtheit in die Erde gerammte Vollidentität Gabaliers, da die oszilliernde Uneindeutigkeit einer glamourösen Kunstfigur. Nur in der kapitalistischen Verwertungslogik finden beide Identitätssymbole zueinander, denn das Eindeutige zieht hier ebenso wie das Vielsagende, und Conchita Wurst, die laut eigenem Bekunden für nichts stehen will außer für die Maxime "Sei du, sei anders!", ist deshalb auch als Werbeträgerin für Banken eine solide Option.

Das alles spielt sich im vergleichsweise niedlichen Österreichformat ab, allerdings vor dem Hintergrund neofundamentalistischer Strömungen, die den Erdball wie einen Flächenbrand überziehen. Was Staats-und Regierungschefs wie Viktor Orbán, Wladimir Putin oder Recep Erdoğan bei allen sonstigen Unterschieden eint, ist die Überzeugung, dass es in ihren Augen aus der vermeintlichen westlichen Dekadenz, die sich nicht zuletzt in der Krise der Geschlechterrollen offenbart, nur ein Entkommen gibt: zurück zu einfachen, patriarchalen Ordnungen! Auch der mörderische Dschihadismus des "Islamischen Staates" folgt dieser regressiven Ideologie.

Der Westen reagiert seinerseits mit einer Gleichschaltung der Identitäten. Man redet sich in Rage über salafistische Eiferer und liefert damit eine perfekte Spiegelfolie für die anti-westlichen Ressentiments der Gotteskrieger. Amartya Sen warnte in seinem 2007 auf Deutsch erschienenen Buch "Die Identitätsfalle" davor, soziokulturelle Freiheiten, Demokratie und Wissenschaft für genuin westliche Errungenschaften zu halten. Diese einseitig und historisch falsche Darstellung verleite muslimische Gesellschaften förmlich dazu, "ihren Stolz in den Tiefen der Religion zu suchen".

Sein Wink kam lange, bevor die Terror-Milizen des "Islamischen Staates" begannen, Nachwuchskrieger in Europa zu rekrutieren. Es handelt sich meist um junge Menschen in persönlichen Krisen, überwiegend Männer, die in Syrien Anerkennung, Bewährung im Kampf und die Gewissheiten einer traditionellen Geschlechterordnung suchen, die ihnen durch die gesellschaftliche Modernisierung abhanden gekommen sind. Denn die Frauen haben bei der Bildung aufgeholt und sich ökonomisch freigestrampelt; sie wählen ihre Partner selbst aus und meistern das Leben notfalls auch ohne Ernährer, Beschützer und Liebhaber.

Mit dem Angebot des "Islamischen Staates" an verunsicherte und gekränkte Heranwachsende, die sich am Arbeitsplatz überflüssig und für den täglichen Konkurrenzkampf schlecht gerüstet fühlen, ist schwer mitzuhalten. Die IS-Propagandisten versprechen in der Tat allerhand: eine tragende Rolle beim Aufbau eines neuen Gottesstaates, Abenteuer wie in einem Hollywood-Blockbuster, Gewalt über Leben und Tod und eine Frau an der Seite des männlichen Helden, die sich klaglos mit ihrer untergeordneten Rolle bescheidet.

Es kann nicht schaden, wenn gemäßigte Religionsführer dagegen das Wort erheben. Darauf zu setzen, dass sie die Hassprediger auf diese Weise zum Schweigen bringen, ist jedoch naiv. Religiös begründete Gewalt kann weder durch salbungsvolle Widerrede noch durch Polizeiaktionen oder Deradikalisierungsprogramme allein bekämpft werden. Es braucht darüber hinaus Institutionen und staatliche Einrichtungen, die sich auf plurale Identitäten einstellen; es braucht Schulen, die nicht sozial selektieren; es braucht jede Art von Hilfe bei der Bewältigung von Umbrüchen - und es braucht vor allem eine ernsthaftere Auseinandersetzung, "mehr gesellschaftlichen Diskurs, weniger innerreligiösen Dialog", sagt der Soziologe Kenan Güngör.

Es wäre zu schön, wenn die Welt ein Verbund von Religionen und Kulturen sein könnte, der schon deshalb leidlich gut funktioniert, weil ihre offiziellen Vertreter vernünftig miteinander reden. Schade, dass die Welt da nicht mitspielt.

*Klaus Ottomeyer, ökonomische Zwänge und menschliche Beziehungen. Soziales Verhalten und Identität im Kapitalismus und Neoliberalismus. LIT Verlag 2014.256 Seiten. 18,90 Euro.