Ari Rath (1925-2017)

Ari Rath (1925-2017)

Ausland

Nachruf auf Ari Rath (1925–2017)

Am Freitag starb der legendäre Chefredakteur der „Jerusalem Post“ in seiner Heimat­stadt Wien. Tessa Szyszkowitz über einen Journalisten, der nicht nur ein Kollege war – sondern auch ein Freund.

Ari Rath nahm an allem hundertprozentig teil. Er war stets ein fürsorglicher, kluger Freund, und das ist umso bemerkenswerter, weil er ungefähr 1000 beste Freunde hatte, mindestens die Hälfte davon Freundinnen, die um einiges jünger waren als er. Ari konnte sich innerhalb weniger Minuten mit Menschen lebenslang anfreunden. Diese Beziehungen vervielfältigten und beschleunigten sich, je länger sein Leben dauerte.

Sein tiefes, emphatisches Interesse an Menschen und ihren Geschichten bestimmte seine Karriere. Von 1975 bis 1989 war er Chefredakteur der englischsprachigen israelischen Zeitung „Jerusalem Post“ und wurde dabei zu einem der wichtigsten Chronisten der israelischen Geschichte. Als junger Mann hatte er im Umfeld von David Ben-Gurion und Teddy Kollek am Aufbau des Staates mitgewirkt. Als Vertreter zionistischer Organisationen knüpfte er Kontakte in New York. Seine Ehe war von kurzer Dauer, weil seine Frau nicht verstehen konnte, dass er nicht mit ihr zu Hause auf dem Sofa sitzen konnte, wenn Konrad Adenauer gerade David Ben-Gurion in New York traf.

Er war ein wandelndes Lexikon, und er gab sein Wissen gerne weiter. Aber nicht nur das. Schon als Kind hatte ihm die Fähigkeit, politische Vorfälle zu analysieren, das Leben gerettet. Ari wurde am 6. Jänner 1925 in Wien geboren, er wuchs in der Porzellangasse 50 auf. Als der Vater 1938 im KZ Dachau interniert wurde, erkannten Ari und sein älterer Bruder rasch, was zu tun war: Die Rath-Buben wanderten nach Palästina aus.
Der rasende Chronist begleitete den Weg Israels vom aufstrebenden Judenstaat zur Besatzungsmacht mit Akribie und Leidenschaft. In den 1980er-Jahren wuchs sein Unbehagen über den politischen Kurs. Er verlor seinen Posten, als die liberale „Jerusalem Post“ verkauft und in ein rechtes Kampfblatt verwandelt wurde.

Ich lernte Ari auf einer Solidaritätsreise österreichischer Politiker und Repräsentanten der Wiener jüdischen Gemeinde im Jänner 1991 in Israel kennen. Saddam Hussein schoss gerade Raketen auf Israel, die alten Juden von Wien saßen mit Gasmaske im Bunker des Hotels und erzählten Witze. Als ich, die 23-jährige Reporterin, nach der Entwarnung aus dem Bunker stolperte, stand Ari in der Lobby, schaute mich prüfend an und meinte: „Komm, wir gehen erst mal auf eine Gulaschsuppe zu ‚Fink’s‘.“ Fink’s war das „Hawelka“ der Westjerusalemer Schickeria. Ari war Stammgast.

Am Ende seines Lebens war Ari wieder ein echter Wiener geworden. Hier vollendete er gemeinsam mit der Autorin Stefanie Oswalt seine Autobiografie „Ari heißt Löwe“, die 2012 bei Zsolnay erschien. Er gab unzählige Interviews über israelische, aber auch österreichische Politik, unter anderem auch in profil, trat unermüdlich als Zeitzeuge in Schulen auf und war eine zentrale Figur in Doron Rabinovicis Burgtheater-Produktion „Die letzten Zeugen“. Am 4. Dezember 2016 freute er sich über die Wahl von Alexander Van der Bellen zum Bundespräsident Österreichs, den er als Mitglied eines Personenkomitees unterstützt hatte.

Seine Lebenslust schien unstillbar. Er war immer der Letzte, der die Tanzfläche verließ. Als ihm 2015 bei seinem 90. Geburtstag in der Kreisky-Villa das Goldene Ehrenkreuz des Landes Wien verliehen wurde, tanzten wir Walzer. Im vergangenen September probierten wir es bei einem Fest noch einmal.

Diese Weihnachten waren die ersten seit Jahren, an denen Ari am 24. Dezember nicht bei uns mitgefeiert hat. Sein Herz war schon zu schwach, er konnte das AKH nicht mehr verlassen. Den 92. Geburtstag beging er am 6. Jänner im Krankenbett – umgeben von vielen Vertrauten, darunter seinem aus Washington angereisten palästinensischen Freund Saleh Turujman.

Eine Woche danach, am Freitag, dem 13. Jänner, hörte sein Herz zu schlagen auf.

„Tessale, ich hätte mir nicht gedacht, dass ich meinen 92. Geburtstag im Spital verbringen muss“, hatte er mit einem für ihn gar nicht typischen Anflug von Resignation beim Abschied gesagt – und es sich trotzdem nicht nehmen lassen, sich auf bald mit mir zu verabreden: zu einem nächsten Walzer.

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