Ingrid Brodnig

Ingrid Brodnig

Gesellschaft

#brodnig: Allzu dreist

Shoshana Zuboff erklärt, wie die Wirtschaft in digitalen Zeiten aus dem Ruder läuft.

Ich halte es für eines der wichtigsten Bücher des Jahres: Shoshana Zuboff ist emeritierte Ökonomieprofessorin, sie lehrte jahrzehntelang an der Harvard Business School und hat nun endlich ihr großes Werk "Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus" im Campus-Verlag veröffentlicht. Darin erklärt sie auf mehr als 700 Seiten ihre These des Überwachungskapitalismus - sie meint damit einen "aus dem Ruder gelaufenen Kapitalismus", dessen Ziel es sei, immer mehr Daten über menschliches Verhalten zu sammeln.

Die Logik am Markt habe sich massiv geändert: Einst sammelten Unternehmen Daten, um ihren Kunden ein möglichst gutes Produkt anzubieten, doch mittlerweile würden Unternehmen viel mehr Information über uns zusammentragen, als sie für das reine Betreiben ihrer Dienste benötigen - Zuboff nennt das den "Verhaltensüberschuss". Dieser Überschuss diene nun Unternehmen wie Google dazu, gänzlich neue Geschäftsfelder zu erobern, zunehmend persönlichere Werbung zu verkaufen oder die künstliche Intelligenz der eigenen Produkte weiterzuentwickeln. Wir Bürger sind nicht mehr der Kunde (der Kunde ist oft die Werbewirtschaft), wir sind nur die Rohstoffquelle, die abgezapft wird.

"Emotionsanalytik"

Der Überwachungskapitalismus zeichne sich auch dadurch aus, dass er immer mehr und immer Persönlicheres wissen will. Nehmen wir die "Emotionsanalytik": Dabei analysieren Algorithmen beispielsweise anhand von Videos, ob ein Mensch gerade glücklich, gelangweilt, depressiv dreinblickt. Für die Werbewirtschaft ist das ein interessantes Forschungsfeld - denn zur Emotion können passend Produkte feilgeboten werden.

Zuboff liefert sowohl ökonomisches Fachwissen als auch konkrete Beispiele (von der vernetzten Barbie-Puppe bis hin zu Google Maps). Gleichzeitig gibt sich die Autorin kämpferisch und schreibt, dass es nicht zu spät sei: "Ein entschiedenes 'Wir, das Volk ' vermag diese Entwicklung noch umzukehren." Das Schöne an den Worten der 67-jährigen Professorin ist, dass sie nicht das Internet ablehnt - sondern dafür eintritt, dass auch dort faire Regeln herrschen.

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