Vom Geiste ergriffen
Österreich

Der neue Kulturminister Thomas Drozda im Porträt

Kultur- und Kanzleramtsminister Thomas Drozda besetzt eine Schlüsselstelle im neuen Regierungsteam. Auch er gehörte einst zu den Vranitzky-Boys.

Bleierne Müdigkeit, das war gestern. Jetzt herrscht ein Spirit am Ballhausplatz. Doch wie bei jedem von Begeisterung beflügelten Vorhaben sind Sprechblasen nicht weit. Auch Thomas Drozda, dem neuen Kanzleramts- und Kulturminister und Regierungskoordinator, gehen sie leicht über die Lippen. Da ist die Rede von der „letzten Chance“, dem „Bohren dicker Bretter“, dem „Momentum“, das es zu nützen gelte. Da wird „komplett neu aufgestellt“, eine „neue Vertrauensbasis geschaffen“, da muss ein „neuer Stil“ her, da werden „Reformen angegangen, die jahrelang liegen geblieben sind“. Man muss einfach „daran glauben, dass es möglich ist“, denn: „It’s the psychology, stupid!“

Vielleicht versetzt der Glaube ja tatsächlich Berge, und das neue Team verfolgt wie versprochen Ziele außerhalb der
beschränkten eigenen Interessen, des bloßen Machterhalts und der Befriedigung von Eitelkeiten.
Vergangene Woche wurde der 51-jährige Kulturmanager Drozda angelobt. Seine Zuständigkeiten umfassen Kunst, Bundestheater, Filmförderung, Museen, Nationalbibliothek, Medien und Verfassungs- und Verwaltungsangelegenheiten, Staatsarchiv, Denkmalschutz, öffentliches Büchereiwesen und die Hofmusikkapelle. Und er wird die Regierungsarbeit koordinieren müssen.

„Die Stimmung im Land hat sich innerhalb der vergangenen zwei Wochen komplett gedreht“, sagt Drozda. Auch das sei ein Grund dafür gewesen, dass er sich einen Ruck gegeben und zugesagt habe. Eine einmalige Chance. Er hätte sich nie verziehen, wenn er sie ausgeschlagen hätte, trotz des befürchteten Verlusts von Privatheit.


Die Drozdas sind Aufsteiger durch Disziplin und Bildung.

Auch verdienen wird Drozda in Zukunft wohl weniger. Das kann man annehmen, auch wenn er die Höhe seines Gehalts als Generaldirektor der Vereinigten Bühnen hütete wie ein intimes Geheimnis.
Absolut uneitel, doch etwas unsicher stellt er sich der Fotografin. Darf das Sakko ein Stück weit offen stehen? Geziemt sich das für einen Kulturminister, der ja nicht aussehen soll wie ein Landwirtschaftsminister?

In seinem neuen Büro im Palais Dietrichstein hinter dem Kanzleramt ist alles noch beim Alten. Schreibtisch, Sitzgarnitur und den Herbert Brandl an der Wand hat Josef Ostermayer hinterlassen, der sang- und klanglos aus der Politik verschwunden ist. Neu ist eine vibrierende Betriebsamkeit in diesen Räumen. Drozdas Kabinettschef Michael Rendi, einst Botschafter in Israel, telefoniert mit den Vorzimmerdamen anderer Kulturminister in aller Welt, als zähle jede Minute.

Drozda ist ein Wirtschaftskopf. Er hat in Linz Volkswirtschaft (VWL) studiert und auf Betreiben seiner Mutter auch ein Betriebswirtschaftsstudium abgeschlossen. „Mit VWL kriegst du nie eine Arbeit“, hatte sie gewarnt.
Die Drozdas sind Aufsteiger durch Disziplin und Bildung. Sein Vater hatte sich von einer Kaufmannslehre über alle Hierarchieebenen zu einem Werksdirektor hochgearbeitet. Seine Mutter war eine der ersten Frauen, die in den späten 1950er-Jahren die Matura ablegten. Drozda dachte nie, er habe Kreisky alles zu verdanken – aber vieles. Als Student engagierte er sich für die sozialistischen Studenten. Seine erste Anstellung fand er als Trouble-shooter im Finanzchaos der Sozialistischen Jugend (SJ). Kurz darauf landete er in der Nationalbank; von dort warb ihn SPÖ-Kanzler Franz Vranitzky ab.


Drozda hatte das Glück, in einer Zeit großer Veränderungen in die Politik zu geraten.

Drozda war 27 Jahre alt, als er im Kabinett des Bundeskanzlers zu arbeiten begann. Er war der jüngste der Vranitzky-Boys, einer Gruppe von Kanzlersekretären, die Anfang der 1990er-Jahre den Stil am Ballhausplatz prägten. Sie besaßen
Manieren, sie waren höflich, sie trugen Designer-Anzüge und feines Schuhwerk. Sie waren kompetent und karrierebewusst, keine Intellektuellen, doch belesen und kunstinteressiert. Auch Christian Kern gehörte dazu. Allerdings wechselte dieser bald als Klubsekretär ins Parlament hinüber. Die Vranitzky-Sekretäre dachten politisch, aber nicht so sehr parteipolitisch. Sie hätten ihre Jugend niemals an eine Ochsentour durch die Parteigremien verschwendet.

Drozda hatte das Glück, in einer Zeit großer Veränderungen in die Politik zu geraten. Der EU-Beitritt Österreichs, die Aussöhnung mit Israel, die Sanierung der verstaatlichten Industrie, die Umstellung in der Steuerpolitik – das waren ihre Themen. Und natürlich der beängstigende Aufstieg Jörg Haiders, seine Ausländerhetze und das Anprangern von Funktionärsprivilegien. Ein Schnelldurchlauf in Politik. Mit dem Ende der Ära Vranitzky, als nur noch Abwehrkämpfe geführt wurden, verschwand einer nach dem anderen. Die meisten gingen ins Management der staatsnahen Wirtschaft – auch Drozda.


Wie werden im allgemeinen Konsenstaumel die Konturen der SPÖ geschärft?

Zwei Fehler, die auf Loyalität zurückgehen, sind Drozda bisher unterlaufen. Als Sekretär von Klima hatte er seine früheren Freunde von der SJ mit einem Programm zur Jugendarbeitslosigkeit betraut. Wie sich später herausstellte, hatte das sogenannte „Euro-Team“ Fördergelder schlampig abgerechnet, doch nichts unterschlagen, wie ein Gericht feststellte. Und Drozda hatte – gemeinsam mit dem damaligen Burgtheaterdirektor Klaus Bachler – seine Stellvertreterin Silvia Stantejski zur kaufmännischen Geschäftsführerin der Burg ernannt – eine Personalie, die Rechnungshof und Gerichte wohl noch lange beschäftigen wird.

Kann Drozda, was von ihm erwartet wird: als Regierungskoordinator die bisherigen Blockaden lösen? Er argumentiert mit seiner Managererfahrung. Man müsse auf einer gemeinsamen Analyse aufbauen. Man müsse Fakten zur Kenntnis nehmen, auch wenn sie nicht ins eigene Weltbild passten. Man müsse sich Expertisen holen. Er finde es problematisch, dass man bisher fernab von sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen agiert habe.

Und wie werden im allgemeinen Konsenstaumel die Konturen der SPÖ geschärft? „Wenn die SPÖ sagt, für wen sie gesellschafts- und verteilungspolitisch das Wort ergreift, schließt das nicht aus, gemeinsam darüber nachzudenken, wie man wieder zu qualitativem Wachstum und zu Arbeitsplätzen kommt“, sagt Drozda.


Selbst wenn von jetzt an jedes Jahr eine Künstlerin ausgezeichnet würde, wäre erst im Jahr 2102 die Geschlechtergerechtigkeit hergestellt.

Sträflich vernachlässigt habe die SPÖ in den vergangenen Jahren den Dialog mit Künstlern. Drozda hält es für „elementar, mit den Menschen zu reden, die die meiste Zeit und Gelegenheit haben, nachzudenken“. Drozda will mit Künstlern „nicht nur über Förderungsinstrumentarien reden, sondern über ihre Ideen und Utopien und welche Vorstellungen sie von einer gerechten Gesellschaft haben“. Das Herrliche an seinem neuen Job bestehe ja gerade darin: „Als Kunstminister kann ich jeden anrufen, und man wird abheben.“ An diesem Punkt gerät Drozda geradezu ins Schwärmen. „Eine halbe Stunde mit Roman Polański über die Welt zu reden, ist hundert Mal interessanter als die eine oder andere Dokumentation oder publizistische Äußerung.“

Als Kulturminister wird er künftig auch für den Staatspreis für Kunst zuständig sein, eine Einrichtung aus dem Jahr 1934. In der Jury, genannt Kunstsenat, sitzen 21 hochbetagte, frühere Preisträger aus den Bereichen Literatur, Musik, bildende Kunst und Architektur – alle bestellt auf Lebenszeit. 18 Männer, drei Frauen. Altersdurchschnitt 86 Jahre. Bei Ableben eines Künstlers rückt ein neuer nach. Bisher erhielten 98 Männer und elf Frauen den Staatspreis. Selbst wenn von jetzt an jedes Jahr eine Künstlerin ausgezeichnet würde, wäre erst im Jahr 2102 die Geschlechtergerechtigkeit hergestellt. Darauf hat der Germanist Klaus Zeyringer vor Kurzem aufmerksam gemacht. „Erst in 86 Jahren“, sagt Drozda erschauernd: „Das ist wirklich etwas lang.“

Kommentar verfassen