Graf war Saalschutz für deutschen Neonazi

Exklusiv. Martin Graf, der von der FPÖ nominierte Kandidat für das Nationalratspräsidium, war einst Saalschutz für einen Neonazi. Moderator der Veranstaltung: ein zukünftiger FPÖ-Abgeordneter.

26. November 1987, Hörsaal 18U im Juridicum, eine Veranstaltung des Rings Freiheitlicher Studenten (RFS), es tritt auf: Reinhold Oberlercher, ein bundesdeutscher Rechtsextremist, dem der Ruf vorauseilt, sich nach Mao nun Hitler zugewandt zu haben. Eine denkwürdige Veranstaltung, die schon einmal einen freiheitlichen Nationalratspräsidenten in Bedrängnis brachte.
Wilhelm Brauneder, damals Dekan an der Juridischen Fakultät in Wien, hatte den Auftritt genehmigt, obwohl er im Vorfeld über die Geisteshaltung des Referenten informiert worden war. Brauneder hatte Glück. Erst nachdem er – unter wütendem Protest der Sozialdemokraten – mit den Stimmen der FPÖ und der ÖVP ins Nationalratspräsidium gewählt worden war, erhielt profil Kenntnis von Brauneders Vergangenheit und machte den Vorfall öffentlich bekannt. Nicht wenige in der Volkspartei bedauerten ihr Votum. Das war im Jahr 1996. Brauneder suchte um Verständnis, er habe nicht gehört, was Oberlercher von sich gab. Er sei zwar dort gewesen, aber nur bis zur Begrüßung geblieben.

Die Affäre hatte ein gerichtliches Nachspiel, und aus den – profil vorliegenden – Prozessakten geht hervor, dass Martin Graf, der aktuelle FPÖ-Kandidat für den Dritten Nationalratspräsidenten, eines der höchsten Ämter des Staates, den Hörsaal jedenfalls nicht vorzeitig verlassen hatte. Graf war damals schon in der schlagenden Burschenschaft Olympia aktiv und Mitglied des RFS. Er fungierte als Saalschutz. Gemeinsam mit Arnold Schiefer, heute Vorstandsmitglied der ÖBB-Infrastruktur-Betrieb-AG, sowie einem Dutzend weiterer Burschenschafter, von denen etwa die Hälfte ein Jahr später bei der neonazistischen Truppe rund um Gottfried Küssel auftauchte. Auch das ist aktenkundig.

Oberlercher galt in diesen Kreisen als große Nummer, und sein Kommen hatte etliche Neonazis angezogen. Küssel höchstpersönlich war erschienen. Seine Truppe soll sich, laut Augenzeugen, freundschaftlich mit dem Ordnerdienst des RFS unterhalten haben und mit Schlagstöcken und Eisenstöcken bewaffnet gewesen sein.

Herrenvolk. Oberlercher sprach über „Österreich, die Weltrevolution und die Wiedervereinigung“ und gab seiner Hoffnung Ausdruck, die Wiedererrichtung des Deutschen Reiches werde von den Österreichern ausgehen, den „typischen Bergdeutschen“, wie er sie nannte, in denen sich der „deutsche Volksgeist behauptet“ habe. Oberlercher vertrat weiters die Ansicht, dass sich „der Jude auf Gedeih und Verderb anpassen“ müsse, um „nicht als bakterieller Krankheitserreger ausgeschieden“ zu werden. Dem Thema Auschwitz näherte er sich nach Zurufen aus dem Publikum über einen Exkurs in die Antike. Die Nazis hätten, gemäß der antiken Geistestradition, von Anfang an „nicht geheuchelt, sondern gesagt: (…) nicht alle Menschen können Rechtssubjekte sein, sondern man braucht irgendwelche Sklavenvölker, die will man unterjochen, und man gründet ein Herrenvolk, das von materieller Not befreit ist, dann erst kann es diese hohen Kulturleistungen erbringen. (…) Das hat also der Totenkopf, der SS-Mann in den KZs, eben auch nur getan, wenn er einen Juden vergast hat.“ In der Zuhörerschaft stieg daraufhin der Lärmpegel an. Es saßen nicht nur Burschenschafter, sondern auch Andersdenkende im Hörsaal. Eine Vertreterin des Verbands der Sozialistischen Studenten gab später zu Protokoll, man habe sie „als Judensau“ beschimpft.

Oberlercher ließ sich nicht beirren: „Faschismus und Antisemitismus“ seien „heutzutage die einzigen Positionen, die moralische und intellektuelle Kühnheit erfordern“. Als einer herausrief: „War Auschwitz jetzt ein Verbrechen?“, ertönte schallendes Gelächter. Ein namentlich nicht bekanntes RFS-Mitglied klagte, dass sich „bei uns jeder, absolut jeder, der sich öffentlich äußert, zur vorgefassten Auschwitz-Meinung bekennen muss von vornherein“. Abschließend sagte Oberlercher: „Ich fühle mich über die Notwendigkeit, mich von Auschwitz zu distanzieren, völlig erhoben, so arrogant bin ich hier.“ Sämtliche Zitate und Vermerke stammen aus einer – profil vorliegenden – Tonbandabschrift.

Moderiert wurde die Veranstaltung vom damaligen RFS-Obmann an der Fakultät, Harald Stefan, der zuletzt für die FPÖ im Wiener Gemeinderat saß. Jetzt wird er in den Nationalrat einziehen. Stefan ist ebenfalls Mitglied der rechtsextremen Burschenschaft Olympia, die vor drei Jahren überregional bekannt wurde, weil der Nachwuchs – angeblich gegen den Ratschlag der „Alten Herren“ – den britischen Holocaust-Leugner David Irving auf ihre Bude eingeladen hatte. Irving wurde verhaftet und nach dem NS-Verbotsgesetz zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt.
Die Burschenschaft ist seitdem vorsichtig geworden. Man erfährt auf ihrer Homepage (olympisch: „Heimatseite“), dass sie ihr Motto „Wahr und treu, kühn und frei“ hochhalten, nur „charakterlich einwandfreie Persönlichkeiten“ aufnehmen und auf „deutschsittliche Werte“ setzen.

Kommersreden von FPÖ-Politikern sind gesperrt. Desgleichen die Texte ihres Liedguts, die so genannte „Liedertafel“. Es gebe „Gründe, die ich hier nicht weiter erörtern werde“, bedauert der olympische „Liederwart“. Die Burschenschaft war in den vergangenen Jahren mit ihren Liederabenden mehrmals am NS-Verbotsgesetz entlanggeschrammt. 2003 hatte sie den deutschen Neonazi Michael Müller eingeladen, der dort in Abwandlung eines Schlagers von Udo Jürgens „Mit sechs Millionen Juden, da fängt der Spaß erst an, bis sechs Millionen Juden, da ist der Ofen an“ zum Besten gab. Graf rechtfertigte sich damals, er sei an diesem Abend nicht auf der Bude gewesen.

Die Olympia wurde 1961 wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung verboten. 1970 durfte sie sich als „Tafelrunde“ neu formieren. Vermutlich war dies ein Zugeständnis an die FPÖ für die Duldung der SPÖ-Minderheitsregierung unter Bruno Kreisky. Jahrzehntelang bestanden zwischen der Olympia, ihrem Gründer, dem späteren Neonazi und NDP-Chef Norbert Burger, und dem RFS rege Kontakte, häufig Doppelmitgliedschaften. Heute noch wirbt die Burschenschaft auf ihrer Homepage für den Beitritt zum RFS. Sie empfiehlt auch die rechtsextreme „Deutsche National-Zeitung“, aus der man angeblich „die wahren Hintergründe des Geschehens“ erfährt.

Blutige Köpfe. In einer Festschrift der Olympia von 1989 bedauert der FPÖ-Politiker Stefan, dass die Massenuniversität „allen das Gleiche“ statt „jedem das Seine“ gebe. Und er rühmt die Kampfbereitschaft seiner Kameraden: „Ein Vortrag von Pierre Krebs im Jahr 1986, bei dem gewalttätige Demonstranten mit blutigen Köpfen davongejagt werden konnten, brachte eine starke Motivation für den RFS“, schreibt Stefan. Krebs, ein Anhänger des französischen Neonazis Le Pen, hatte damals, flankiert von Küssels Neonazis, am Juridicum vor dem „Verlust der biologischen Substanz der Völker“ gewarnt.

Stefan, der unter Schwarz-Blau als Justizminister im Gespräch war, wie auch Graf gelten heute als umgängliche Zeitgenossen, an deren Geisteswelt man sich offenbar gewöhnt hat. Noch 1997 vertrat Graf in einem Interview mit dem deutschen Nachrichtenmagazin „Spiegel“ die Ansicht, dass „die heutigen Staatsgrenzen willkürlich gezogen“ seien. Den mittlerweile verstorbenen Neonazi Burger schätzt er über dessen Tod hinaus.

Als Graf, protegiert von Schwarz-Blau , Geschäftsführer des Forschungszentrums Seibersdorf wurde, sagte man ihm nach, er habe eine ganze Reihe von Burschenschaftern mitgenommen. Faktum ist, dass in seiner Zeit mehr als ein Dutzend Posten mit Korporierten besetzt wurden, einige von der Olympia. Als Graf am vergangenen Mittwoch in einem Interview in der „ZiB 2“ gefragt wurde, wie er zum Holocaust stehe, sagte er: „Ich bezweifle nicht, dass Massen vernichtet wurden. Wenn Sie so wollen, waren es Millionen.“

Von Christa Zöchling