Emily Witt

Emily Witt

Gesellschaft

Im Supermarkt der Sexualität

"Future Sex" nennt die US-Journalistin Emily Witt ihren radikalen Selbstversuch und Trip durch eine sexuelle Kultur, wo die betriebsame Suche nach schneller Befriedigung zunehmend beziehungsunfähig macht.

Die US-Journalistin und Autorin Emily Witt war nach einer unfreiwillligen Trennung im Alter von 30 trauernde Single-Frau; sie lebte in New York, umgeben von "Freunden, die einen nahezu religiösen Glauben entwickelten, dass auch für mich die große Liebe noch einmal eintreffen würde. Als ob eine solche Liebe etwas wäre, das das Universum jedem von uns schuldete, dem kein menschliches Wesen entkommen könnte." Dieses anachronistische Romantikideal erwies sich insofern als Paradoxon, als die "Zukunft der Sexualität", wie sie im späten 20. Jahrhundert in Science-Fiction-Filmen propagiert wurde, längst Realität geworden war und Witt auf der Suche nach dieser großen Liebe keinen Schritt weiter brachte: "Ich stand mitten in der Zukunft: unlimitierter Zugang zu jeder Form von Pornografie, Cyborg-Prostituierte, "Coregasm"-Klassen (Frauen lernen in der Gruppe, wie sie mit Pilates-oder Yoga-inspirierten Beckenboden-Übungen zum Orgasmus zu kommen, Anm.) , Intimitäten mit Wildfremden, die man online kennenlernt und meist danach nie wieder sieht." Witt, die investigativen Journalismus studiert hatte, zog nach San Francisco, in die einstige Hippie-Hochburg freier Liebe, die seit der Jahrtausendwende zur Kapitale der Silicon-Valley-Elite geworden war, um eine Reise durch das weite Land der Sexualität anzutreten. Obwohl das Partner-Shopping auf Online-Portalen inzwischen Alltag geworden ist, resümiert Witt: "Diese Technologien verschaffen uns zwar Zugang zu sehr vielen Menschen, aber sie erklären uns nicht, wie wir mit ihnen umgehen sollen." Der romantischen Intuition von Algorithmen vertraut Witt nach unzähligen Dates nicht mehr: "Sie schafften es zwar, mich mit Männern kurzzuschließen, die über den gleichen Bildungsgrad und eine ähnliche soziale Herkunft verfügen, aber ansonsten passte wenig. Ich bekam beispielsweise nahezu nur Vegetarier vorgeschlagen, bin aber selbst keiner. Während ich bei meinem ersten Date mit einem Komponisten in einem Pub ein Bier trank, fielen mir in der Sekunde zehn Männer ein, mit denen ich den Abend lieber verbracht hätte, die aber leider als Boyfriends nicht geeignet waren."

Angeschlagene Männer-Libido

Ihr Fazit nach einer dreijährigen, erfolglosen Online-Suche nach "Mr. Right":"Natürlich kenne ich auch ein paar Menschen, die auf diesem Weg jemanden gefunden haben, den sie zu den Feiertagen ihrer Familie vorstellen wollen. Aber die Möglichkeiten des Internets erweisen sich vor allem für Frauen als sehr problematisch. Die allseits verfügbare Pornografie hat die Libido der Männer angeschlagen und gleichzeitig die Weichen für eine gefühlsbefreite, aggressive Sexualkultur gestellt. Der Marktplatz des Online-Datings hat aus Menschen Konsumprodukte gemacht, wobei das gigantische Auswahlspektrum uns alle überfordert."

In ihrem eben in den USA erschienenen Buch "Future Sex" verweigert sich die stark feministisch orientierte Witt jeglichem Ratgeber-Ansatz. Sie liefert stattdessen kritisch-ironisch und scharfsinnig-analytisch eine Bestandsaufnahme der aktuellen Sexualkultur in den Hipster-Metropolen New York und San Francisco mit all ihren skurrilen Begleiterscheinungen -die Witts Ansicht nach in absehbarer Zeit auch den sexuellen Mainstream prägen werden. Witt schonte sich nicht bei ihren Selbstversuchen: Sie buchte Orgasmus-Meditationsklassen, "wo mich ein Mann 15 Minuten auf meine Klitoris schlug und dabei über die Schönheit meiner Vulva sprach". Sie besuchte Polyamour-Hochzeiten von Google-Mitarbeitern, die sich in einer Dreier-Zeremonie schworen, "einander nicht die Treue zu halten und keine Besitzansprüche aneinander zu stellen". Sie nahm an öffentlichen Orgien teil, "wo aber seltsamerweise ausschließlich Pärchen miteinander kopulierten". Ihre Bilanz nach dem Trip durch die erotische Subkultur: "Amerikas Sexleben hat längst nicht mehr zwischenmenschliche Arrangements zum Ziel, sondern vor allem die schnelle Befriedigung von Bedürfnissen, die man eigentlich gar nicht verspürt." Inzwischen hat sie übrigens, wie das "WMagazine" kürzlich vermeldete, die große Liebe gefunden - ganz analog.

Emily Witt "Future Sex" bei Farrar, Straus & Giroux, 25 Dollar

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  • Fabio Keiner (ungethuem) Di, 29. Nov. 2016 00:20

    wenn es eine post-moderne hölle gibt, dann ist sie hedonistisch. eine ewige zwangsbeglückte orgie. und der (über)candide(lten) helden dieses heroischen selbstversuches in puncto orgasMUSS&liebesleben kann ich nur raten: orgsamus passiert im hirn, sonst nirgendwo.

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