Die Angst der Konservativen vor staatlichen Betreuungsstätten

Zustände wie in der DDR? Christa Zöchling über die Urangst der Bourgeoisie, man könnte ihre Kinder vergesellschaften.

Wenn der Staat für Krippenkinder zahlen wolle, die "so früh wie möglich den ganzen Tag in einer staatlichen Einrichtung abgegeben werden“, und wenn Eltern keine Eltern mehr seien, dann werde er "vehement und kämpferisch dagegenhalten“.

"Wo das Aufsplitten der Familie und das Kinder-Abnehmen des Staats hinführen“, habe man "in Staaten wie der DDR gesehen“. Krippen seien "ideologische Fangseile“, sagt Vizekanzler Michael Spindelegger .

Vor zwei Wochen war die Kampfansage in der "Kronen Zeitung“ platziert worden. Seitdem herrscht betretenes Schweigen. Von dem als besonnen geltenden Politiker hat man solchen Furor nicht erwartet.

Vielleicht hat sich Spindelegger daran erinnert, dass er vor drei Jahren in den Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem berufen wurde, einen handverlesenen Kreis, dessen Mitglieder sich nach einem jahrhundertealten Statut verpflichten, "in größerer Einheit gegen Ungläubige aufzutreten und (sich) in den Ländern der Ungläubigen im Leben und im Tode als christliches Volk erkennbar zu machen“.

Immerhin hat sich auch Spindeleggers Ordenskollege, Walter Mixa, der frühere Bischof von Augsburg, der wegen Misshandlungsvorwürfen (Mixa: "Die eine oder andere Ohrfeige mag es schon gegeben haben“) abserviert worden war und vor Kurzem als Berater im Vatikan wieder auftauchte, als eifernder Krippengegner in die deutsche Debatte eingemischt.

Die Kinderkrippe ist Konservativen seit jeher ein Ärgernis, gerade noch geduldet als Aufbewahrungsstätte für Kinder aus "niederen Volksklassen“. - "Das Mutterherz ist zwar das Meisterstück der Natur, aber auch das Meisterstück selbst ist nicht gegen den Pesthauch des Elends geschützt“, sagte Gründervater Carl Helm. Der Kinderarzt hatte unmittelbar nach den Revolutionswirren von 1848 in der Nähe von Wien die erste Kinderkrippe ins Leben gerufen. Uneheliche Kinder waren nicht erwünscht. Man wollte den "unsittlichen Lebenswandel“ ihrer Mütter nicht noch befördern. Aufgenommen wurden Kinder im Alter von 14 Tagen bis zum zweiten Lebensjahr. Schreihälse durften vom Pflegepersonal in den Arm genommen werden, doch langes "Herumschleppen“ war untersagt. Finanziert wurden die Krippen von kirchlichen Organisationen und wohltätigen Kaufleuten.

Erst viel später, in den 1920er-Jahren der Ersten Republik, erforschten Psychologen und Psychoanalytiker die Entwicklung des Kleinkinds, und die Sozialdemokratie wollte in Kinderkrippen und Kindergärten den neuen Menschen heranziehen. Bis zum Einmarsch der Nationalsozialisten war Österreich führend in der Frühkindpädagogik.

Diese Tradition wurde nie wieder aufgenommen. Nach dem Krieg, in den Jahren des Wirtschaftswunders, konnten es sich selbst Arbeiterhaushalte leisten, dass die Frau zu Hause blieb, und man war stolz darauf.

Die Wissenschaft kreiste einzig um die Frage:
Wie groß ist der Schaden, wenn die Mutter vom Kind getrennt wird? Nach dem Vorbild der Jungtiere in der Verhaltensforschung ging man davon aus, dass die Mutter-Kind-Beziehung das Fundament der Persönlichkeitsentwicklung bildet.

Auch 50 Jahre danach herrscht hier das alte Denken.
In den Bundesanstalten für Kindergartenpädagogik spielt Kleinstkindpädagogik keine Rolle. Kinderkrippen werden in den Lehrplanzielen nicht einmal erwähnt. Die Ausbildung ist auf drei- bis sechsjährige Kinder ausgerichtet. Die Hälfte der Kindergartenschulen befindet sich in kirchlicher Hand, auch die meisten der approbierten Lehrbücher. "Angehenden Kindergärtnerinnen hat Spindelegger vermutlich aus der Seele gesprochen“, befürchtet die pensionierte Direktorin einer Kindergartenschule, Heidemarie Lex-Nalis.

Noch immer beruft man sich auf die betagte Kinderpsychotherapeutin Christa Meves, um zu beweisen, dass Kinderkrippen Seelenkrüppel und Drogensüchtige produzieren. Seit einem halben Jahrhundert warnt Meves vor der "Dressur in Massenpflegung“ und prognostiziert Heerscharen bindungsgestörter Erwachsener, Depression, Fettleibigkeit, Magersucht, Alkoholismus und Kriminalität.

Neurowissenschafter sagen das Gegenteil.
Die sprachliche und kognitive Entwicklung von unter Dreijährigen biete große Chancen und sei zu fördern. Laut einer US-Studie schafften Krippenkinder aus sozial schwachen Familien eher den College-Abschluss als jene, die daheimblieben. Das ideologische Schlachtfeld hat sich mittlerweile auf die Interpretation der Daten verlagert. Mit Verweis auf eine US-Langzeitbeobachtung von 1300 Kindern über 15 Jahre aus vorwiegend weißen Mittelschichtfamilien warnen Krippengegner vor aggressivem und aufsässigem Verhalten in der Schule. Befürworter sagen, Krippenkinder seien durchsetzungsfähiger, aufgeweckter und mutiger.

Allein ein Blick auf Reihenhaussiedlungen in Vorstädten, in denen Mütter isoliert mit ihren Einzelkindern den Tag verbringen, oder der Besuch in einer Wiener Substandardwohnung, in der sich eine migrantische Großfamilie drängt und Kleinkinder vor dem Fernsehapparat sitzen, müssten dem Hausverstand genügen.

Die Ideologie verblasst angesichts der Realität. In ÖVP-nahen Kreisen des Gewerbes und der Industrie werden Kindergärten und Kinderkrippen keineswegs als sozialistisches Teufelswerk gesehen. Unternehmer wollen auf gut ausgebildete Frauen nicht verzichten. "Wir sollten an das Thema Kinderbetreuung ohne ideologische Scheuklappen herangehen“, meinte die junge ÖVP-Bundesrätin Bettina Rausch in einer aufgeheizten Parlamentsdebatte.

Der Paradekonservative Andreas Khol, der einst anprangerte, dass Kinder "wie Milchkannen“ in der Krippe abgegeben werden, bittet heute um Pardon und sagt: "Das war unreflektierter Konservativismus.“ Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner zitiert gern eine Studie der renommierten Bertelsmann-Stiftung, die belegt, dass "der Besuch einer Kinderkrippe den Bildungsverlauf fördert“. Für Kinder aus sozial benachteiligten und Migrantenfamilien erhöhe sich die Chance, später auf ein Gymnasium zu kommen, um zwei Drittel.

Bleiben noch das Schreckgespenst der DDR-Krippe und die Kinderläden der 68er-Generation. Sie begründeten den Ruf von Krippen als Ausbund kommunistischer Familienfeindlichkeit und sexueller Freizügigkeit. Doch will das jemand?

Bisher waren es vor allem die Freiheitlichen, die Kinderkrippen und Kindergärten im roten Wien skandalisierten. Ein Dauerbrenner bei Straches Auftritten im vergangenen Wahlkampf war die Geschichte, in Wiener Kindergärten würden Buben gezwungen, Mädchen zu spielen und sich die Fingernägel zu lackieren. Die freiheitliche Vorzeigemutter Barbara Rosenkranz wird nicht müde zu behaupten, frühe Fremdbetreuung mache Kinder "krank“. Ihre Parteikollegin Monika Mühlwerth beanstandet, dass sogar nicht berufstätige Mütter ihre Kinder in Kinderkrippen geben. Das würde sie gern abstellen.

Die Kinderkrippen könnten freilich besser sein.
Nach einer Krippenstudie von 2011 sind die Öffnungszeiten zu unflexibel, die Gruppen zu groß, die Kinder haben zu wenig Platz fürs Umhertollen. In Österreich werden derzeit 19 Prozent der Kleinstkinder außer Haus betreut. Für ein Drittel des Nachwuchses soll es nach europäischer Vereinbarung im kommenden Jahr einen Platz geben.

In Deutschland wird schon über den Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz gestritten. Um den Beschluss für das konservative Lager verdaulich zu machen, wurde dem Krippenausbau ein Betreuungsgeld aufgepfropft, mit dem Mütter mit ihren Kinder auch zu Hause bleiben können. Die Idee geht auf den früheren ÖVP-Kanzler Wolfgang Schüssel zurück. Schüssel sah die Gründe für die Wahlniederlage der ÖVP 2006 im Rückzug der traditionellen ÖVP-Klientel und legte seinem Freund, dem damals amtierenden CSU-Chef Edmund Stoiber, dringend ans Herz, ein Pendant zum österreichischen Kindergeld zu erfinden. Damit muss sich nun die deutsche Kanzlerin Angelika Merkel von der CDU abmühen und den Konflikt im eigenen Lager bewältigen.

Fern aller strategischen Überlegungen wird es bei diesem Thema schnell persönlich. Auch Spindelegger sagt sinngemäß, er könne nicht anders, er habe Rückhalt und Geborgenheit eben in seiner Familie erlebt. Spindelegger gehört zu jenen Jahrgängen, bei denen der gesellschaftliche Biedersinn in Österreich auf dem Höhepunkt war. Ende der 1950er-, Anfang der 1960er-Jahre heirateten 97 Prozent der Österreicher aus Spindeleggers Elterngeneration, ein Wert, der später nie wieder erreicht wurde.