Kulturpolitik: Die Phantome der Oper. Öster-
reichs wichtigster Kulturjob ist vergeben.

Der Krimi rund um die Staatsoper endete mit einer Sensation. Wie sich Kulturministerin Claudia Schmied im Machtkampf gegen Bundeskanzler Alfred Gusenbauer durchsetzte.

Alle waren da, nur eine fehlte. Es war bereits nach 14 Uhr, und eigentlich hätte die Ministerin längst vor die versammelte Festgesellschaft treten sollen, um dem anwesenden Regisseur Michael Haneke erstens im Namen der Republik für seine markanten Filmarbeiten zu danken und ihm zweitens das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst zu überreichen. Doch die ansonsten so akkurate Ministerin blieb der feierlichen Zeremonie fern.

Das sei doch recht typisch, spöttelte der Preisträger wenig später in seinen Dankesworten: „In Österreich ist die Oper halt nach wie vor wichtiger als das Kino.“ Das Ehrenkreuz wurde ihm von einem sichtlich überforderten Ministerialrat überreicht, denn dessen Chefin Claudia Schmied hatte ihrem Beamten nur ein Blatt Papier mit dürren Stichworten für eine Rede hinterlassen, die sich in ihrer Abwesenheit nicht improvisieren ließ.

Der Grund für das kleine Chaos: Anstatt zur Ehrenstunde in den Audienzsaal ihres Ministeriums eilen zu können, rang die Ministerin für Unterricht und Kultur an diesem Mittwoch vergangener Woche seit 12.30 Uhr nur wenige Straßenzüge weiter, im Bundeskanzleramt, um eine Entscheidung in der heiklen Frage, wer denn nun Ioan Holender als Direktor der Wiener Staatsoper nachfolgen solle.

Ihr mächtiges Gegenüber am Verhandlungstisch: Kanzler Alfred Gusenbauer.

Im „heutigen ausführlichen Gespräch“ habe es „durchaus unterschiedliche Vorstellungen“ gegeben, sollte Schmied das Treffen wenige Stunden später gegenüber der Austria Presse Agentur kommentieren. Von einem „Zerwürfnis“ könne „keine Rede“ sein. Gegenüber profil betont sie Gusenbauers „politischen Weitblick und Professionalität“.

Leib-Tenor. Dabei war die Situation kulturpolitisch einigermaßen aufgeheizt. Zwar hatte der Kanzler nie dezidiert die Beförderung seines Langzeitfreundes Neil Shicoff zum Operndirektor gefordert, jedoch keinen Zweifel daran gelassen, dass er ebendies von seiner Ministerin erwarte. Demonstrativ hatte er – neben anderen – immer wieder seinen Namen genannt, wenn es um die Holender-Nachfolge ging. Ganz Opern-Wien war klar, was der Kanzler wollte, als er sich bei der großen Placido-Domingo-Gala am 19. Mai die Loge mit Shicoff teilte.

Berater versuchten ihm zu vermitteln, dass eine andere Strategie wohl zielführender sei: Wenn er Shicoff wolle, dann sollte er lenkend dafür sorgen, dass andere seinen Leib-Tenor lobpreisen und für das hohe Amt empfehlen. Gusenbauer zeigte sich wenig einsichtig.

Dass Ministerin Schmied unverdrossen weiter sondierte und rund 30 potenzielle Kandidaten zu Gesprächen bat, darunter so prominente Maestri wie Christian Thielemann, wurde von vielen Beobachtern bloß als Ablenkungsmanöver gesehen, um das praktisch schon besiegelte Freunderlgeschäft zu bemänteln.

Schmied aber hatte tatsächlich eigene Absichten, was selbst das Gusenbauer-Lager bis zuletzt nicht wahrhaben wollte. Noch am Dienstagnachmittag informierte das Kanzlerbüro die Redaktionen von ORF, „News“, „Kronen Zeitung“ und „Österreich“ vom angeblich feststehenden Beschluss. „Der neue Herr der Oper: Neil Shicoff wird Chef am Ring“, trompetete „Österreich“ in der Mittwochmorgenausgabe. Und die „Krone“ verkündete: „Neil Shicoff Wiens Staatsopernchef“.

Doch als die einstige Bankerin das Kanzlerbüro verließ, um kurz vor 15 Uhr den Aufsichtsrat der Staatsoper von ihrer Entscheidung in Kenntnis zu setzen, war alles ganz anders. „Nach 270 Tagen ist ein erstes redaktionelles ‚Sorry‘ nötig“, gab sich am folgenden Tag sogar der sonst so dröhnende „Österreich“-Herausgeber Wolfgang Fellner ungewohnt kleinlaut. Die „Kleine Zeitung“ konstatierte: „Eine Dame auf den Hinterfüßen“.

Ungerührt hatte Schmied in den beiden Sitzungen am Dienstagabend und Mittwochvormittag auch den letzten Überzeugungsversuchen Gusenbauers standgehalten und ihren Vorschlag gegen den Willen des Kanzlers durchgesetzt: Mit strahlendem Gesicht betrat die Ministerin den Sitzungsraum des Aufsichtsrats und informierte das oberste Gremium der Staatsoper: Dominique Meyer, 51, Direktor des kleinen Pariser Théâtre des Champs-Elysées und hierzulande bis dato faktisch unbekannt, werde ab September 2010 die Geschicke der Staatsoper leiten. Weniger überraschend ergänzte sie, Stardirigent Franz Welser-Möst sei als neuer Generalmusikdirektor designiert.

„So viel Akklamation hat die Frau Ministerin noch in keiner unserer Aufsichtsratssitzungen erhalten“, schildert Direktor Holender den Verlauf des Treffens. „Dominique Meyer ist ein absolut erster Mann. Er kennt den Markt, die Opernliteratur vom Barock bis zur Gegenwart, spricht fließend Deutsch und ist genau im richtigen Alter. Ich kann die Entscheidung nicht laut genug begrüßen.“

Jubel. Als „Ideallösung“ („Kurier“) wurde auch Welser-Möst begrüßt: Geboren 1960 in Linz, katapultierte sich der ehemalige Protegé Herbert von Karajans binnen kurzer Zeit in die Top Ten der internationalen Dirigenten-Gilde. 1990 ernannte ihn das London Philharmonic Orchestra zum Musikdirektor, 1995 wechselte er ans Zürcher Opernhaus, 2002 übernahm der Klangtüftler das berühmte Cleveland Orchestra. Dass Möst nun zusätzlich an der Staatsoper das Sagen hat, macht ihn zu einem Global Player im Klassikgeschäft.

Selbst im Parlament, wo eben das Plenum des Nationalrats tagte, zeigten sich die meisten SPÖ-Abgeordneten erleichtert, als die Botschaft von der Bestellung des Duos bekannt wurde. Die rote Führung – exklusive Gusenbauer – hatte massive Freunderlwirtschafts-Vorwürfe befürchtet, sollte tatsächlich Neil Shicoff das Rennen machen. Gusenbauer selbst, auch er war an diesem Nachmittag im Parlament, hätte nun immer noch die Möglichkeit gehabt, sich passabel aus der Affäre zu ziehen. Normalerweise erklären Politiker in einem solchen Fall, sie hätten die Entscheidung selbst getroffen, um den neuen Direktor anschließend umso überschwänglicher zu begrüßen. Dazu rieten Vertraute dem Regierungschef nun auch. Am besten wäre ein Auftritt in den abendlichen TV-Nachrichten, befand die Runde.

Aber Gusenbauer war bitter. Dass der Bundeskanzler nun dasteht wie ein begossener Pudel, ist die Folge einer Serie taktischer Schnitzer, die man dem Immer-schon-Politiker kaum zugetraut hätte. Knapp vor 17 Uhr, fast zwei Stunden nach Meyers Bestellung, rang sich der Kanzler eine übellaunige Presseaussendung ab, in der er Schmieds inzwischen allenthalben bejubelte Entscheidung spröde „eine interessante Wahl“ nannte. Shicoff wäre „mit Sicherheit ein hervorragender Operndirektor gewesen“, fügte er hinzu. Einen TV-Auftritt lehnte er ab.

Shicoff selbst war nur wenige Stunden davor in Wien angekommen. Der Tenor hatte am späten Vormittag in Zürich ein Flugzeug bestiegen, im intakten Glauben, als Staatsoperndirektor auf österreichischem Boden aufzusetzen. Seine Hoffnungen wurden enttäuscht: Zwei Tage später sprach der empörte Sänger gar von „Intrigen“ gegen ihn.

Shicoff und Gusenbauer hatten sich in den vergangenen Jahren eng angefreundet. Gusenbauer war schon Anfang der achtziger Jahre als Koordinator der Friedensbewegung in Kontakt mit der Künstlerszene gekommen. Auch die Freundschaft mit André Heller datiert aus dieser Zeit. Aber der Tenor war eine andere Kategorie als die alten Freunde Harald Krassnitzer und Alfons Haider – das war die große Welt. Shicoff seinerseits schätzt Gusenbauer und dessen Lebensgefährtin Eva Steiner ebenfalls. Selbst im Wahlkampf hatte er sich für den Freund stark gemacht.

Nun wäre es an der Zeit gewesen, sich zu revanchieren.

Für Claudia Schmied jedoch war es an der Zeit, endlich einen unbestreitbaren Erfolg einzufahren. „Es war immer klar, dass ich mich mit dem Kanzler berate. Aber die Entscheidung treffe ich“, hatte sich die harte Verhandlerin bereits vor Wochen die nötige Bewegungsfreiheit verschafft. Wer will schon als bloßer Handlanger in die politischen Annalen eingehen?

Fehlstart. Schmieds Amtsantritt nämlich war alles andere als bilderbuchreif verlaufen. Statt das Kulturbudget auf ein Prozent der Staatsausgaben anzuheben, wie dies im Wahlkampf von der SPÖ vollmundig versprochen worden war, trotzte sie Finanzminister Wilhelm Molterer (ÖVP) Mitte März bloß magere zehn Millionen Euro zusätzlich ab. Von der Opposition erbarmungslos ins Visier genommen, hatte die Politanfängerin damit auch das Zutrauen ihrer Künstlerklientel verspielt: Opernchef Holender agitierte medienwirksam gegen „die Ignoranz der Macht“.

Vergessen scheinen nach dem Staatsoperncoup jene dunklen Stunden: Schmied kehrt als Siegerin aufs glatte Parkett der Künstlerzirkel zurück. „Sie hat erfreulicherweise alles richtig gemacht und sich nicht vom Shicoff-Hype niedermachen lassen“, urteilt Regisseur Michael Sturminger zufrieden. „Hätte sie Gusenbauer nachgegeben, dann hätte sie mit einem Schlag alles verspielt und ihren Laden gleich zusperren können. So hat sie sich auf in Österreich ganz ungewöhnliche Weise behauptet.“

Schriftsteller Gerhard Roth freut sich darüber, dass Schmied in Exkulturminister Rudolf Scholten offensichtlich einen guten Berater an ihrer Seite habe und langsam in den Job hineinwachse. „Es ist nicht leicht, über Nacht ein Ministerium zu übernehmen, in dem die Hacken tief fliegen. Aber Gusenbauer ist ja, wie wir wissen, im Nachgeben ein bisschen geübt.“

Lob. Selbst unbeugsame Nörgler wie Gerhard Ruiss, Obmann der IG Autorinnen und Autoren, sind voll des Lobes: „Es zählen, so ist zu hoffen, nun wieder sachliche Überlegungen und nicht, wer mit wem verbandelt ist. Ich bemerke eine neue Sachqualität, eine neue Amtsentschiedenheit.“ Kein Zweifel: Schmied hat sich als oberste Kulturpolitikerin des Landes nunmehr fest etabliert.

Genüsslich konnte die Ministerin sogar darauf hinweisen, dass sich Dominique Meyer „interessanterweise“ bei der gesetzlich vorgeschriebenen Ausschreibung beworben habe. Denn noch wenige Tage zuvor hatte sich Claudia Schmied vorwerfen lassen müssen, ihre Suche sei eine „Mantel-und-Degen-Komödie“ („Kleine Zeitung“) und die Ausschreibung eine „Farce“ (Holender).

Nur 18 Bewerbungen waren rechtzeitig im Ministerium am Minoritenplatz eingelangt. Das Instrumentarium der Ausschreibung galt Experten als inadäquat: Jemand, der für einen derart prestigeträchtigen Job wie die Staatsopernführung infrage komme, sei nie und nimmer zu einer Bewerbung bereit. Volksoperndirektor Rudolf Berger legt sogar auf die Feststellung Wert, entgegen anders lautender Berichte (profil 24/07) dezidiert kein Bewerbungsschreiben eingereicht zu haben.

„Ich behaupte, dass man auf Dominique Meyer auch ohne Ausschreibung gekommen wäre. Er ist Leiter des Théâtre des Champs-Elysées und branchenbekannt“, meint Georg Springer, einflussreicher Chef der Bundestheaterholding. Doch selbst er muss eingestehen: „Formal kam Meyer über die Ausschreibung ins Spiel.“

Wenn Meyer und Welser-Möst am 1. September 2010 ihre fünfjährige Amtsperiode offiziell antreten werden, übernehmen sie von Direktor Holender ein wohl bestelltes Haus: Mit sängerisch exemplarisch besetzten Premieren („Die Regimentstochter“), einem traditionsreichen Spielplan und medialer Dauerpräsenz hat der einstige Sängeragent dem hohen Haus am Ring satte 97 Prozent Auslastung (Saison 2006/07) beschert.

Kritische Stimmen. Zwar ist der Erfolg von Welser-Möst beim Cleveland Orchestra nicht unumstritten: Mösts „interpretatorischer Zugriff bleibt oft unscharf“, urteilt die „Neue Zürcher Zeitung“, und Donald Rosenberg, Kritiker des „Cleveland Plain Dealer“, beklagt die schwankende Qualität von Welser-Mösts Leistung: Diesen Mai musste der Maestro eine Aufführung von Alban Bergs „Kammerkonzert für Klavier und Geige mit 13 Bläsern“ gleich zweimal wieder von vorne beginnen, weil er dem Orchester den falschen Takt angegeben hatte und das Stück implodierte. Das Publikum staunte nicht schlecht.

Doch als Operndirigent streut die internationale Kritik dem Oberösterreicher einmütig rote Rosen: Er beherrscht das Repertoire der Gattung aus dem Effeff. Allein an der Zürcher Oper hat der Profi über 600 Aufführungen von rund 45 Opern dirigiert. Das macht Welser-Möst für die Staatsoper zum idealen Mann: „Ich werde nicht wie viele meiner Kollegen in der Welt herumfahren und überall als Gastdirigent auftreten“, sagt er in einem ersten Interview – und verspricht „konsequente Arbeit mit dem Orchester und den Sängern, deren Engagement ein Chefdirigent auch mitzubestimmen hat“.

Mit Thomas Platzer steht den beiden neuen Leitern zumindest in der Vorbereitungsphase ein überwältigend erfolgreicher Geschäftsführer zur Seite, und auch Ioan Holender will dafür sorgen, dass die Amtsübergabe „harmonisch“ verläuft: „Ich werde dem neuen Team all meine Erfahrung in die Wiege legen“, verspricht er hoch und heilig. Schließlich nehmen seine Nachfolger auf einem legendären Schleudersitz Platz.

Schon einmal nämlich, im Herbst 1982, hatte ein Musikchef das Cleveland Orchestra verlassen, um Direktor an der Wiener Staatsoper zu werden. Der Mann hielt sich nur zwei Jahre. Bereits 1984 warf Maestro Lorin Maazel das Handtuch, entnervt von öffentlichen Angriffen und einem Zerwürfnis mit der österreichischen Politik.

Von Herbert Lackner und Peter Schneeberger
Mitarbeit: Stefan Grissemann, Eva Linsinger, Wolfgang Paterno, Nina Schedlmayer