So schließt man die Kluft der digitalen Qualifikationen zwischen Schülern

So schließt man die Kluft der digitalen Qualifikationen zwischen Schülern

Die Digitalisierung begünstigt die ohnehin Begünstigten. Nur flächendeckender Medienunterricht könnte die Kluft der digitalen Qualifikationen zwischen Schülern schließen.

"Go fetch your tablets", sagt Martina Zauner - Holt die Tablets. Der Englischunterricht der 4A hat begonnen. Heute steht das Past Participle auf dem Programm, die dritte Verbform. Eine Webadresse führt die Schüler zu der interaktiven Aufgabe auf ihrem Tablet, in der sie alle Verben auflisten, an die sie sich erinnern. Auf dem großen Bildschirm über der Tafel zeigt sogleich eine Wortwolke, welche Verben den Schülern am besten im Gedächtnis geblieben sind - und welche falsch geschrieben werden.

Das Bundesrealgymnasium Feldgasse im 8. Wiener Gemeindebezirk ist eine der führenden Schulen im Bereich der e-Education, die 4A eine KidZ-Klasse (Klassenzimmer der Zukunft), ein vom BMUKK unterstütztes Projekt, das digitale Endgeräte intensiv in den Unterricht integriert. Die Tablets erhielt die Klasse im Rahmen des Projekts "Mobile Learning". Täglich arbeiten die Schüler der 4A zwischen einer und drei Stunden mit digitalen Geräten - ob sie nun Online Quizzes am Tablet lösen oder ein Nacktschnecken-Wettrennen in Biologie filmen.

Längst geht es bei digitaler Spaltung nicht mehr um den Zugang zu Technologie oder Internet. Über den verfügen in Österreich beinahe alle Kinder und Jugendliche: So hatten 2015 laut Statistik Austria 82 Prozent der Haushalte einen Internetzugang und 99 Prozent der 16-bis 24-Jährigen innerhalb der vergangenen zwölf Monate Zugang zu einem Computer. Vielmehr zeichnet sich der "Digital Divide" - also die Digitale Kluft - durch den Umgang mit der Technologie ab. Noch mangelt es an flächendeckender Vermittlung im Lehrplan.


Viele Junge sind nicht so kompetent, wie erwartet

Lange Zeit wurde angenommen, dass die Generation der "Digital Natives" (also der im Zeitalter des Computers Geborenen) ihr technologisches Wissen praktisch mit der Muttermilch aufgesogen hätte. Doch immer mehr zeigt sich, dass die Digital-"Eingeborenen" ihrem Ruf als Medienexperten nicht immer gerecht werden: "Viele Junge sind nicht so kompetent, wie erwartet", sagt Jugend-Forscher Philipp Ikrath, der soeben in einer Studie für die Arbeiterkammer den "Digital Divide" unter Wiener Schülern untersucht hat. Denn wer die Nacht hindurch Handyspiele zockt oder sich mit flinken Fingern durch die Welt von Snapchat, WhatsApp und Instagram navigiert, weiß dadurch nicht automatisch, wie diese Programme funktionieren. Fundamentale Aspekte wie Urheberrecht, Datenschutzbestimmungen oder Privatsphärenschutz sind Social- Media-affinen Jugendlichen nur selten ein Begriff. Obendrein hätte die ständige Lobhudelei den Digital Natives ein überhöhtes Selbstbild mitgegeben, stellt Ikrath fest -mit der Folge, dass sie älteren Generationen jegliche Computerkompetenzen absprechen und kaum das Gefühl hätten, von ihnen lernen zu können.

Je seltener Medienkompetenz an Schulen gelehrt wird, desto stärker prägt sie das Elternhaus: Kinder aus bildungsnahen Schichten lernen von Eltern, die meist mit neuer Technologie ausgestattet sind und diese auch produktiv zur Arbeit oder kreativen Tätigkeit nutzen. In bildungsfernen Milieus hingegen wird seltener ein Gefühl für Medienverantwortung vermittelt (siehe auch Interview mit AK-Expertin Ilse Leidl).

Laut Ikrath werden diese Kinder kaum an jene produktiven Betätigungsfelder herangeführt, die Smartphones und Laptops jenseits der Spaßlandschaft von Social Media und Online-Spielen bieten. Auch integrieren Berufsschulen weniger Medienunterricht als beispielsweise Gymnasien: Während diese das Internet öfter zum Erreichen eigener Ziele einsetzen, sowie zur Erarbeitung von Wissen und für Hausübungen, fallen Erstere zurück und zeigen Schwierigkeiten beim Einordnen und Bewerten von Informationen.


Beim derzeitigen Stand in der Schule wird die digitale Ungleichheit nicht verkleinert, sondern eher vergrößert

Nach wie vor beschränkt sich in der Schule der erste verpflichtende Digital-Kontakt auf zwei Stunden Informatikunterricht pro Woche - ab der Oberstufe. Im Übrigen hängt die Vermittlung von Medienkompetenz von engagierten Schulleitungen, Lehrenden und Projekten ab, die sich nach Kräften bemühen, die digitale Kluft zu schließen. "Beim derzeitigen Stand in der Schule wird die digitale Ungleichheit nicht verkleinert, sondern eher vergrößert", so Ikrath.

Da können selbst kostenlose Online- Bildungsinitiativen, wie die Khan Academy oder TED-Kinderkurse herzlich wenig bewirken. Denn der Haken ist: Der Erfolg dieser unverbindlichen Kurse hängt stark von Eigenmotivation und selbst gesteuertem Lernen ab -eine Fähigkeit, die bei Schülern im derzeitigen Lernbetrieb zu kurz kommt. Martin Ebner, Leiter des Bereiches Lehr-und Lerntechnologien an der TU Graz, beobachtete bei den von ihm angebotenen Online-Kursen "iMooX" außerdem eine frappante soziale Schieflage: "Es sind meistens Akademiker, die ein Konzept vom lebenslangen Lernen haben, die sich hier freiwillig fortbilden." Menschen mit geringem Bildungsgrad hingegen finden selten zu derlei Angeboten.


Da das Lehramtsstudium erst jetzt Medienkompetenzen beinhaltet - und das nur in geringem Ausmaß -, sind wiederum diejenigen bevorzugt, die sich eigenständig fortbilden

Ebner verlangt daher eine radikale Aufwertung der Medienerziehung im Unterricht . "Sie müsste den gleichen Stellenwert bekommen, den Deutsch hat", sagt der E-Learning-Fachmann. "Immerhin werden digitale Kompetenzen immer weiter in alle Lebensbereiche vordringen." Wieso sollten also nicht Deutschlehrer das Konzept des Persönlichkeitsrechts diskutieren und Mathematiklehrer die analogen Grundlagen des Programmierens vermitteln? In einigen Schulen, wie der Feldgasse, wird dieses Konzept bereits gelebt. Auch das Gymnasium Heustadlgasse im 22. Wiener Gemeindebezirk zeigt großes Engagement: In BYOD-Klassen ("Bring Your Own Device") verwenden die Schüler eigene Tablets. "Offenes Lernen wird begünstigt", sagt Direktorin Dagmar Kerschbaumer: "Auf der Moodle-Plattform sehen die Kinder ihren Arbeitsplan und lernen eigenständig. Man merkt, dass die Motivation dabei eine ganz andere ist." Natürlich betreffen die neuen Anforderungen auch Lehrer - insbesondere jene, deren Ausbildung ins Schreibmaschinen- Zeitalter zurückreicht. "Da das Lehramtsstudium erst jetzt Medienkompetenzen beinhaltet -und das nur in geringem Ausmaß -, sind wiederum diejenigen bevorzugt, die sich eigenständig fortbilden", weiß der Lehr- und Lerntechnologie- Professor Martin Ebner. Feldgassen-Lehrerin Martina Zauner etwa hat ihre digitalen Skills autodidaktisch erlernt. Hilfe bieten auch Online-Kurse: Über die virtuelle Pädagogische Hochschule (PH) können sich Lehrer Medienkompetenz kostenlos aneignen, die Stunden werden dem regulären Weiterbildungspensum angerechnet.

Für jene, die analoge Weiterbildung bevorzugen, bietet die FH Burgenland ein berufsbegleitendes, ebenfalls kostenloses Masterstudium an: Das "Angewandte Wissensmanagement" vermittelt, wie man e-learning einsetzt und Online-Portfolios erstellt. Die Angst der Älteren, den Anschluss an die neue Technologie zu verpassen, sei ein großes Thema: "Natürlich sind junge Studierende digital gut unterwegs. Aber Lehrer im mittleren Alter, die viel Erfahrung mitbringen, zeigen eine umso höhere Eigenmotivation", so Geyer-Hayden. "Die Hardware ist ja da. Alles, was sie brauchen, ist ein kleines Update."