Anton Höslinger

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Gesellschaft

Augustiner Chorherr Höslinger: "Durchaus schockiert"

Der Augustiner Chorherr Anton Höslinger über Missbrauch in den eigenen Reihen, Vertrauen, das auf dem Spiel steht, und den Beginn der Aufarbeitung.

INTERVIEW: EDITH MEINHART

profil: Können Sie Eltern, die der Kirche ihre Kinder anvertrauen, noch guten Gewissens sagen, dass sie hier in sicheren Händen sind?
Höslinger: Ich denke schon, dass ihr Vertrauen nicht enttäuscht wird, weil man mit dem Thema sexueller Missbrauch, der leider vorgekommen ist, viel sensibler umgeht als vor einigen Jahrzehnten.

profil: Die Kirche ist geübt im Abschieben von Verantwortung: Missbrauchstäter wurden oft pfleglicher behandelt als Opfer, Vorfälle vertuscht, und intern schlossen sich immer zunächst einmal die Reihen. Warum soll sich das ändern?
Höslinger: Es wurde zugebenermaßen nicht immer professionell vorgegangen. Inzwischen ist es in der Struktur grundgelegt, dass wir sexuellen Missbrauch nicht dulden, Täter nicht schützen und für das Opfer bestmögliche Hilfe suchen.

profil: Sie arbeiten derzeit den Fall eines ehemaligen Chorherrn auf, der sich 1993 an einem 16-Jährigen vergriffen hat, danach Priester wurde, 2002 einen Elfjährigen missbraucht hat und bis heute nicht laisiert ist. Wie konnte das passieren?
Höslinger: Die Umstände, wie er, nachdem er aus dem Stift hinausgeschmissen wurde, in Rumänien geweiht und in Deutschland tätig geworden ist, kenne ich nicht. Wir haben eine Expertengruppe eingesetzt, um Licht in diesen Graubereich zu werfen.


Die Expertengruppe soll den Sachverhalt erheben und uns Empfehlungen und Anstöße für die Zukunft geben.

profil: Wer sitzt darin, und was genau soll sie herausfinden?
Höslinger: Es sind Leute mit Erfahrung auf dem Themengebiet des sexuellen Missbrauchs, Brigitte Dörr von der Klasnic-Kommission, der Psychiater Reinhard Haller, Schwester Beatrix Mayrhofer, die Vorsitzende der Frauenorden in Österreich, und Kurt Scholz, der ehemalige Präsident des Wiener Stadtschulrats. Wir haben Wert darauf gelegt, dass zwei Frauen vertreten sind. Die Expertengruppe soll den Sachverhalt erheben und uns Empfehlungen und Anstöße für die Zukunft geben.

profil: Bevor wir in die Zukunft schauen: Der erwähnte Chorherr wurde nach dem Übergriff sehr unterstützt, auch vom Kloster: Bis 1998 - also fünf Jahre lang - lebte er in einer Wohnung, die dem Stift gehört.
Höslinger: Soweit ich den Fall kenne, wurde er übersiedelt, um aus Klosterneuburg weg zu sein. Mitglieder, die ausscheiden müssen, nicht gleich auf die Straße zu setzen, ist eine kirchenrechtliche Verpflichtung. Es waren auch nicht fünf Jahre, weil er erst Anfang 1995 in Rom von seinen Gelübden entbunden wurde.

profil: Es gibt im Kloster verschiedene Gremien: Wer entscheidet, wer in welcher Wohnung leben darf?
Höslinger: Ich kann mir vorstellen, dass der damalige Propst das in der gebotenen Eile alleine entschieden hat.

profil: Sein Nachfolger, der heutige Propst, war früher für den Nachwuchs zuständig. Ehemalige Chorherren sagen, er hätte ihnen alle Freiheiten gelassen. Ein Fehler?
Höslinger: Das ist eine Einschätzungsfrage; aber wenn Fehler passiert sind, muss man das aufklären.

profil: Sie waren selbst einmal Novizenmeister. Wie schätzen Sie das ein?
Höslinger: Man ist - allgemein gesprochen, nicht nur bei uns - so weit sensibilisiert, dass man heute genauer hinschaut.

profil: Es heißt, M. habe nicht nur ein Faible für dicke Zigarren, schweren Wein und prächtige Gewänder gehabt, sondern auch für junge Bursche. Hat man dieses Gerücht zu wenig ernst genommen?
Höslinger: Als die Sache aufgeflogen ist, war ich durchaus schockiert. Wie weit vorher Gerüchte im Raum standen, ist mir nicht so sehr in Erinnerung. Im Rückblick war der sexuelle Missbrauch, der ihm vorgeworfen wird, nicht vorhersehbar.


Ich kenne den Sachverhalt so, dass die Mutter zum Pfarrer gegangen ist, dieser an das Stift herangetreten ist und es hier zu einer Gegenüberstellung kam.

profil: In den 1990er-Jahren gab es einen Kampf zwischen konservativen und fortschrittlichen Kräften. War das mit ein Grund, warum man Hinweise auf problematisches Verhalten als Intrigen abtat?
Höslinger: Viele deutsche Novizen waren schon weg, als ich gekommen bin. Ich habe zwar gehört, dass die meisten konservativ waren, ob das in einem Zusammenhang mit dem konkreten Missbrauchsfall steht, kann ich nicht beurteilen. Dass der verstorbene Propst Koberger so etwas nicht duldete, spricht dafür, dass er den Mitbruder nach Bekanntwerden des Vorwurfs des Klosters verwiesen hat.

profil: Das Priesterseminar in Trier, wo M. vorher war, verfasste eine Beurteilung, die nicht gerade eine Empfehlung war. Kamen Vorbehalte bei der Abstimmung zu seiner ewigen Profess zur Sprache?
Höslinger: Ich war damals Novize und nicht dabei. Was ich weiß, ist, dass vor seinem Eintritt ins Kloster 1987 in Trier nachgefragt wurde und dieses Zeugnis positiv ausgefallen ist.

profil: Das kann man auch anders sehen: Dem Mann wird eine unreife Persönlichkeit attestiert. Schauen Klöster, die Nachwuchssorgen haben - und das sind fast alle - über so etwas hinweg?
Höslinger: Sie sprechen ein generelles Problem an; ich weiß nicht, ob das hier der Fall war. Fest steht: Die Abstimmung zur ewigen Profess ist positiv für ihn ausgegangen, aber bei Bekanntwerden des Missbrauchs wurde er sofort entfernt.

profil: Das Stift stellte es bisher so dar, als wollte die Mutter des Betroffenen 1993 keine Anzeige. Dem widerspricht der Betroffene: Das Kloster habe ihr abgeraten.
Höslinger: Ich kenne den Sachverhalt so, dass die Mutter zum Pfarrer gegangen ist, dieser an das Stift herangetreten ist und es hier zu einer Gegenüberstellung kam. M. hat alles geleugnet, das Stift aber hat dem Opfer geglaubt, und man ist übereingekommen, keine Anzeige zu erstatten und den Mann aus dem Kloster zu entfernen. Heute würde man anders vorgehen: Man würde in jedem Fall anzeigen und das Opfer an die Ombudsstelle der Diözese weiterleiten.

profi: Nach M.s Rauswurf ging es hinter den Kulissen weiter: 1996, als der Mann in einer Stiftswohnung in Wien lebte, fuhr er nach Rumänien und wurde zum Diakon und zum Priester geweiht.
Höslinger: Richtig, da ist auch noch etwas zu lernen. Es genügt eben nicht, jemanden vor die Tür zu setzen, man muss auch schauen, wohin er geht.

profil: Half das Stift bei der Weihe?
Höslinger: Dass der ehemalige Chorherr hier jemanden mit Verbindungen zu Oradea kennengelernt hat, ist nicht auszuschließen, aber das waren sicher keine offiziellen Kontakte.

profil: Es gibt langjährige Beziehungen: Der verstorbene Bischof von Oradea besuchte Klosterneuburg, ebenso sein Nachfolger. Das Stift beherbergte einen Geistlichen, der in Oradea geweiht wurde, der Stiftsdechant bekam von dort einen Orden.
Höslinger: So weit ich weiß, waren das persönliche Beziehungen, die vor allem der frühere Stiftsdechant pflegte.

profil: In der von Kardinal König ins Leben gerufenen Pro-Oriente-Stiftung sitzen der heutige Propst Backovsky im Beirat und der rumänische Geistliche in Beiräten. Das ist doch offiziell.
Höslinger: Mir ist von offiziellen Beziehungen zu Oradea nichts bekannt.

profil: Halten Sie es für akzeptabel, dass ein übergriffiger Ordensmann über den Umweg nach Rumänien auf die Schnelle Priester wird?
Höslinger: Hier ist die Expertengruppe am Zug. Es gibt möglicherweise auch anderswo Versäumnisse. M. war nach seiner Weihe in Basel und danach in Würzburg tätig. Das Bistum Würzburg hat uns schriftlich mitgeteilt, man sei davon ausgegangen, dass man sich in Basel über den Mann erkundigt hatte. Und die Schweizer verweigern jede Auskunft.


Wir sehen unseren konkreten Fall als Chance, zu lernen.

profil: Ein Pfarrer aus Deutschland bezeugt an Eides statt, Propst Backovsky habe ihn 1997 gebeten, sich für den ehemaligen Mitbruder einzusetzen, was der Propst bestreitet. Gibt es dazu neue Erkenntnisse?
Höslinger: Ich kenne nur die Stellungnahme unseres Propsts; aber die Expertengruppe wird auch hier für Aufklärung sorgen.

profil: Hat die Tatsache, dass Bernhard Backovsky als Generalabt vor wenigen Monaten nicht wiedergewählt wurde, mit seinem bisherigen Umgang mit den Vorwürfen zu tun?
Höslinger: Generalabt ist man immer für fünf Jahre, nachdem er das Amt schon drei Mal innehatte, wollte das Gremium jemanden aus St. Florian. Auch in der Vergangenheit gab es immer dieses Hin und Her, das ist nichts Ungewöhnliches.

profil: Wie rückhaltlos dürfen die Ermittlungen sein? Können sie den amtierenden Propst betreffen?
Höslinger: Wir können uns nicht glaubwürdig selbst untersuchen, deshalb haben wir das an eine Expertengruppe ausgelagert und ihr keine Beschränkungen auferlegt. Sie bekommt auch Zugang zu allen Protokollen, Unterlagen und Archivarien.

profil: Vielleicht ließe sich auf diese Weise klären, warum alle deutschen Chorherren damals gehen mussten, bis auf M.?
Höslinger: Das kann ich nicht beurteilen; und es gingen nicht alle wegen des Generalverdachts, konservativ zu sein, sondern einige etwa auch, weil sie das Studium nicht geschafft haben.

profil: Pädophil veranlagte Menschen werden eher nicht Programmierer, sondern suchen die Nähe zu Kindern. Wie sieht für Sie ein erwachsener Umgang mit diesem Risiko aus?
Höslinger: Das betrifft nicht nur Priester und Ordensleute, sondern auch Kindergarten-Pädagogen, Sporttrainer und Lehrer. Wir sehen unseren konkreten Fall als Chance, zu lernen. Einerseits in der Auswahl der Kandidaten, andererseits in der Ausbildung der Priester und - leider Gottes kann man nicht ausschließen, dass etwas passiert - in der Verfolgung der Täter.

profil: Wann werden wir erfahren, was in der Vergangenheit schiefgelaufen ist?
Höslinger: Wir denken, dass wir im ersten Halbjahr 2018 so weit sind.

Anton Höslinger, 48, trat 1989 bei den Augustiner Chorherren in Klosterneuburg als Novize ein, wurde später Novizenmeister und ist derzeit Stellvertreter des Stiftskämmerers, der unter anderem für wirtschaftliche Belange zuständig ist.

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  • Franz Erös (Lofasz)
    Franz Erös (Lofasz) Fr, 02. Feb. 2018 17:47

    Helmut Plattner@

    Es ist ein in der europäischen Un-Rechts-Geschichte ein wahrlich einmaliger Vorgang, das die Justiz eines Landes, dem Dienstgeber der Täter und wahrscheinlich auch des Öfteren Mit Täter erlaubt, aus eigenem, seine, und die Gesetzesbrüche und Verbrechen seiner Dienstnehmer zu "untersuchen"

    Es gehört eine ungeheuerliche Chuzpe dazu die Leute glauben machen zu wollen, hier solle

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    • Franz Erös (Lofasz)
      Franz Erös (Lofasz) Fr, 02. Feb. 2018 17:51

      etwas geklärt und erhellt werden, noch dazu wo ein Teil der Mitglieder dieser lächerlichen "Kommission" in einem Nahe oder Dienstverhältnis zur Kirche stehen.

      Aber noch beschämender ist wohl die stille Kumpanei der Justiz mit den Kinderschändern, und das sich hier kein Jurist findet der auf die Ungeheuerlichkeit dieses schmutzigen Vorganges hinweist.

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  • Franz Erös (Lofasz)
    Franz Erös (Lofasz) Fr, 02. Feb. 2018 11:49

    Das hat doch beim ersten Mal so gut funktioniert, indem man unter willfähriger Abwesenheit und Abdankung der Justiz über 1000 Kinderschändungen katholischer "Hochwürden" unter den Tisch Klasnic kommissioniert hat. Also da capo, der Dreck am heiligen Stecken der Augustiner Chorherren wird sich doch auch noch weg begutachten lassen.

    Ach ja, was ist denn aus den Schulbrüdern geworden?

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  • Helmut Plattner (begin2wonder) Do, 01. Feb. 2018 19:52

    Der Chorherr Höslinger verweist immer, wenn’s eng wird, auf die “Expertengruppe”.
    In der sitzen aber:
    Brigitte Dörr von der Unabhängigen Opferschutzanwaltschaft, der Psychiater und Neurologe Reinhard Haller, die Vorsitzende der Frauenorden in Österreich Schwester Beatrix Mayrhofer und Kurt Scholz, der ehemalige Präsident des Wiener Stadtschulrats.

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    • Helmut Plattner (begin2wonder) Do, 01. Feb. 2018 19:55

      Zur Klärung der offenen bzw. von Fr. Meinhart gestellten Fragen bräuchte es aber Kriminalbeamte (Täterschaft, allfällige Mitwisserschaft, Deckung/”Vertuschung” von Verbrechen...), nicht Psychologen, Ordensschwestern und Leute, die die Traumatisierung eines Opfers beurteilen können.

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