Ich lebe in Uganda und bin schwul

Ich lebe in Uganda und bin schwul

profil-Serie, Teil II. „Irgendwann kannst du nicht mehr lächeln”, berichtet Sam Kato aus Uganda.

Am 24. Februar 2014 setzte Ugandas Präsident Yoweri Katuga Museveni seine Unterschrift unter den Anti Homo-Sexuality Act (AHA) - ein national wie international höchst umstrittenes Gesetz, das jede Art sexueller Orientierung kriminalisiert, die von der "natürlichen“ Heterosexualität abweicht. Die Strafen sind drakonisch: Für einen homosexuellen Geschlechtsakt drohen 14 Jahre Gefängnis, wer der "verschärften“ ("aggravated“) Homosexualität angeklagt wird, muss mit lebenslanger Haft rechnen. Wer gegen eine dritte Person Verdacht hegt und keine Anzeige erstattet, riskiert sieben Jahre hinter Gittern.

Die ugandische Rechtsprechung stellt keine Ausnahme in Afrika dar: Die meisten Staaten des Kontinents kriminalisieren Homosexualität. Schon zur Kolonialzeit war "the carnal knowledge against the law of nature“ (der widernatürliche Akt) strafbar, genannt im selben Atemzug mit Kindesmissbrauch oder Unzucht mit Tieren. Ugandas AHA unterscheidet sich von den meisten anderen lediglich durch seine Härte und den Zeitpunkt seines Inkrafttretens.

Die Verfechter des Gesetzes begründen ihr Engagement mit der dringenden Notwendigkeit, die ugandische Kultur und Gesellschaft vor dem moralischen Verfall zu schützen. Die Gegner unterstellen ein politisches Manöver, mit dem Museveni, der nach 28 Jahren Herrschaft Anhänger in den konservativen Kreisen verliert, seine Macht sichern wolle.

Um der lesbisch-schwulen, bisexuellen und Transgender-Gemeinde (LGBT) den Wind aus den Segeln zu nehmen, setzten Regierung und Parlament strategische Schritte. 2008 wurden mit der Verschärfung des NGO-Gesetzes einige LGBT-Organisationen in die Illegalität gedrängt; seit 2009 werden die restlichen mit Polizei-Razzien und verdeckten Ermittlungen schikaniert. Bis dato haben 38 Organisationen ihre Arbeit eingestellt. Über ihre Dachorganisation Sexual Minorities Uganda (SMUG) und aus dem Untergrund kämpfen Anwälte und Aktivistinnen weiter gegen die Kriminalisierung ihrer Klientel und haben Bedrohung und Verfolgung zu gewärtigen. Sie erzielen jedoch auch Erfolge: Am 1. August wurde das diskriminierende Gesetz wegen eines Formfehlers sistiert.

Im zweiten Teil der profi-Serie "Ich lebe in …“ erzählt der ugandische Schwule Sam Kato über das Leben unter der homophoben Pogromstimmung in seiner Heimat. Kommende Woche berichtet ein Syrer über den Alltag in der vom "Islamischen Staat“ beherrschten Stadt Raqqah. Petra Navara, Kampala

Lage von Uganda in Ostafrika

"Irgendwann kannst du nicht mehr lächeln"

Ein winziger Gastgarten in Kampala, umgeben von einer hohen Steinmauer. Wir haben Cappuccino und Croissants bestellt. Sam Kato (Name von der Redaktion geändert), jung, schmaler Körperbau, mandelförmige Augen mit melancholischem Blick, schaltet sein Telefon aus und beginnt zu erzählen:

Ich bin Ugander und schwul. Dieses Bekenntnis kann uns Homosexuellen, Bisexuellen oder Transgender die Zukunft kosten. Die Gesetzgebung in Uganda macht uns nicht nur zu Verbrechern, sie urteilt unsere ganze Person mit einer simplen Formel ab: Du bist dein Sex + Dein Sex ist kriminell = Du bist ein Verbrecher.

Bei vielen ist der Selbstwert im Keller, sie denken an Abtauchen, Flucht, Selbstmord. Wir leben in Doppelrollen, in Resignation und Depression, weil uns das Menschsein unter Menschen abgesprochen wird - ganz offiziell: von Parlamentsmitgliedern wie David Bahati, der uns vom Anspruch der Menschenrechte ausnimmt; vom Präsidenten, der Homosexuelle öffentlich als abstoßend und abnormal bezeichnet; von der Kirche, die uns Teufel nennt, die Gottes Kinder zu einem Leben in Sünde verführen.

Die katholische Kirche hetzt am stärksten gegen die LGBT-Community. Sie gefällt sich in der Rolle der Bewahrerin von Moral und Sitte. Pastor Martin Ssempa ist wohl der prominenteste Vertreter der klerikalen Anti-Gay-Bewegung in Uganda - mein Lieblingsfeind, wenn man so will. Er erzählt seiner Gemeinde mit weit aufgerissenen Augen und voll Begeisterung, wie schwule Männer es miteinander treiben, und zeigt es auf seinem Laptop: "Schaut! Sie küssen sich gegenseitig den Anus, stecken ihre Zungen hinein, und wenn Poo Poo rauskommt, verteilen sie ihn im ganzen Gesicht und lecken es ab.“ Er stellt die Szenerie pantomimisch dar! Die Kirchgänger wenden sich angeekelt ab, halten sich Augen und Ohren zu, werfen die Hände gen Himmel und beten: für die armen, entarteten, vom Teufel besessenen Brüder und Schwestern. Halleluja!

Die Watoto Church dagegen bietet eine "reparative therapy“ an: Gebete für die innere Heilung und Kraft durch den Heiligen Geist. Homosexuelle therapieren? Das ist schlimmer als Diskriminierung. Nein, das ist Diskriminierung. Sie vergessen, dass Gott die Liebe ist, nicht die Verdammnis. Das ist mein Zugang. Ich lasse mir meine Spiritualität nicht von radikalen, bezahlten Selbstdarstellern und selbstberufenen Therapeuten nehmen.

Es fällt Ugandern schwer, über Sex zu reden. Wir sind eine kulturell und religiös determinierte prüde Gesellschaft. Sex ist irgendwie etwas Implizites, Privates. Nur bei uns LGBT wird er zur öffentlichen Sache gemacht.

Banagne (in der Bantu-Sprache Luganda ein Ausdruck für inneren Aufruhr, Anm.), ich bin nicht meine Sexualität, ich bin ein menschliches Wesen! Es verletzt mich, dass wir nur über unseren Sex definiert werden. Dabei sind wir nicht anders als alle anderen: klug und dumm, schön und hässlich, begabt und ungeschickt, krank und gesund.

Definiert man Heteros über ihren Sex? Nein. Aber wir sind die abstoßenden Sodomiten. Wenn es nach der in Uganda üblichen Definition von schwulem Sex geht, hatte ich noch nie welchen. Analverkehr mag ich nicht, er hat zu viel mit Machtausübung und Unterwerfung zu tun. Die meisten glauben, er sei unvermeidlich, weil man seinen - du weißt schon, was - ja irgendwo reinstecken muss. Blödsinn. Wir kopieren nicht den heterosexuellen Akt. Wir wollen Zärtlichkeit, Erotik, Wärme, Liebe … Respekt. Wie die meisten Menschen.

Unser Sex. In Wahrheit ist er das Uninteressanteste an uns. Aber er fasziniert und stößt gleichermaßen ab. Bei manchen Anti-Gays hab ich den starken Verdacht, dass sie in ihrem Kampf gegen Schwule gegen ihr eigenes schwules Gefühl ankämpfen.

Ich will nicht sagen, dass alle Geistlichen von sich aus fanatisch sind. Viele sind gedungen. M7 (Abkürzung für Präsident Museveni: "Mu-“ ist eine Bantu-Vorsilbe für beseelte Lebewesen, seveni die Zahl sieben, Anm.) unterstützt die Anti-Gay-Bewegung schon lange; sein Büro hat angeblich 500.000 Dollar an Pastoren und Radiostationen verteilt, um Stimmung gegen uns zu machen. Ein reines Manöver, um von wichtigeren Themen wie Korruption, soziale Entwicklung, Staatsverschuldung abzulenken, wenn du mich fragst. Da lenkt man das Interesse auf das "unmoralische“ Verhalten einer Minderheit, und der Mob rennt emotionalisiert, angeekelt und verängstigt Sturm.

Er unterschrieb das Gesetz natürlich nicht nur aus Trotz, nein, er hatte eine Studie in Auftrag gegeben, um sich abzusichern. Seine Conclusio: "Schwule sind abstoßend, aber ich war gewillt das zu ignorieren, wenn es angeboren ist. Da es nicht angeboren ist, muss es eine freie Entscheidung sein…“

Der wissenschaftlichen Erkenntnis seiner 14 medizinischen Experten zufolge kann Homosexualität nicht angeboren sein, weil wir uns kaum reproduzieren und allfällig dafür verantwortliche Gene nicht weitergeben. Internationale Wissenschafter widersprechen dem entschieden. Aber rationale Argumente treffen in der Politik allzu oft auf taube Ohren. Die Tatsache, dass es überall auf der Welt Schwule und Lesben gibt - seit jeher, und sogar einzelne Buganda-Könige standen unter Verdacht -, ist ein Hinweis darauf, dass unter Menschen eine breite Diversität an sexuellen Vorlieben normal ist. Damit ist Homosexualität zwar nicht genetisch festgelegt, aber in der Bandbreite an Orientierungen eine mögliche Variante. Sind wir also abnorm, weil wir in der Statistik quantitativ unterrepräsentiert sind?

Die Medien mischen in dieser politisch-klerikalen Hetze kräftig mit. 2010 veröffentlichte das Boulevardblatt "Rolling Stone“ 100 Namen angeblich homosexueller Uganderinnen und Ugander mit dem expliziten Aufruf, diese zu töten. "Hang them!“, schrieben sie. Wir waren in Panik, haben uns in unseren Wohnungen eingeschlossen, keine Freunde mehr getroffen, unsere Online-Kontakte eingestellt.

Nur wenige haben den Kopf gehoben und Anzeige gegen die Zeitung erhoben. Das Gericht gab dem Kläger David Kato recht. Kurz nach der Urteilsverkündung wurde er ermordet.

So wie unsere Medienwelt funktioniert, sind wir LGBTs ausgeliefert. Die breite Masse gibt sich mit oberflächlichen Storys zufrieden, freut sich über peinliche Fotos von nackten Schenkeln, feisten Hochzeitspaaren und in Ketten gelegten Verbrechern. Die Mächtigen bestimmen die Inhalte, die kommuniziert werden.

Wie sollen unsere NGOs über Homosexualität aufklären, in einer Gesellschaft, in der freie Medien nur pro forma existieren und auch die freieren unter ihnen so heiße Eisen wie ein Recht auf selbstbestimmte Sexualität nicht aufgreifen, weil es gesellschaftlich tabuisiert und von Politik, Kirche und Tradition verurteilt wird? Und ein Volk, das bewusst falsch oder halb informiert und ignorant gehalten wird, obrigkeitshörig und bigott, dem kann ein marktschreiender Schreiber oder Pastor jeden Blödsinn verkaufen. Die Leserinnen und Hörer hinterfragen nicht, analysieren nicht, reflektieren nicht. "They eat da Poo Poo“ - und ganz Uganda ist davon überzeugt, dass Schwule Exkremente zum Nachtisch essen.

Nach der Verabschiedung des Gesetzes publizierte die Zeitung "Red Pepper“ 100 Namen. Zwei Männer wurden aus ihrem Haus gezerrt und verprügelt, einer starb. "Red Pepper“ musste keine Konsequenzen fürchten. Das Blatt gehört, so sagt man, einem Halbbruder des Präsidenten.

Diese Hetze sollte uns Schwule, Lesben, Bi’s und Transgender eigentlich zusammenschweißen. Wir könnten uns gegenseitig Mut machen und gemeinsam für unser Recht auf ein ganz normales Leben eintreten. Das Gegenteil ist der Fall. Viele Schwule hassen andere Schwule. Vor allem die "Mädels“ unter uns werden von den "männlichen“ Schwulen oft für den schlechten Ruf der Homosexuellen verantwortlich gemacht, weil sie sich in der Öffentlichkeit eher produzieren und Aufsehen erregen. Dabei sollten wir unseren Dragqueens dankbar sein, dass sie so mutig und offen zeigen, wer und was sie sind. Wenn alle LGBT diesen Mut hätten, hätten wir bereits mehr erreicht. Schon traurig, dass die Schwulengemeinde nicht an einem Strang zieht, sondern sich wegen ein paar falscher Wimpern und Titten streitet.

Andererseits auch verständlich. Das Klima im Land ermuntert nicht gerade zur offenen Konfrontation. Wir gehen stattdessen weiter in den Untergrund und fürchten uns still und einsam vor Denunzierung durch den Nachbarn beim Vermieter, der uns vor die Tür setzt, und vor Belästigung am Arbeitsplatz - so wir nicht gleich gefeuert werden - oder vor dem Mob, wenn wieder einmal eine Namensliste erscheint.

Den Vorwurf der Feigheit mache ich mir selbst auch. Ich bin lieber nach Südafrika an die Uni gegangen, als in Kampala auszuharren. Sehr viel besser ist die Situation für Nicht-Heteros dort auch nicht. Lesbische Frauen werden in Südafrika gern mit "corrective rapes“ ("korrektive Vergewaltigungen“) "geheilt“. Die Polizei verfolgt solche Fälle nicht, und sogar die Familien der Opfer decken diese "gut gemeinten“ Vergewaltigungen.

Weil ich selbst feige bin, bin ich wahnsinnig stolz auf jene, die keine Drohung und Bedrängnis scheuen, um für unsere Rechte einzutreten.

Victor Mukasa hatte x-mal ihren Job und ihre Wohnung verloren, als sie noch Juliet hieß und eine Frau war. Korrektive Vergewaltigungen wurden ihr angeboten, Teufelsaustreibungen und Prügel. Sie ging ihren Weg, übernahm als Victor den Vorsitz im Dachverband für Sexuelle Minderheiten Ugandas (SMUG), vertritt Afrikas LGBT-Community auf internationaler Ebene und hat sogar schon vor der UN-Menschenrechtskommission gesprochen.

Pepe Julian Onziema spricht nicht so oft vom Podium wie Victor, er ist eher der Mann im Hintergrund, der unsere Regierung an den Hörnern packt. Pepe war es nicht entgangen, dass zu wenige Parlamentsmitglieder zur Verabschiedung des AHA anwesend waren, was sie gegenstandslos machte. Der Verfassungsgerichtshof musste seiner Klage stattgeben.

Wegbereiter, Leitfigur und der beste Anwalt unter uns ist wohl Frank Mugisha. Er gründete 2004 die erste LGBT-Vertretung in unserem Land, die Icebreakers Uganda, und ist heute Vorsitzender von SMUG. Ihm ist kein Gegner zu mächtig, keine Morddrohung zu einschüchternd. Er hält seinen Kopf für uns alle hin. Er wäre ein würdiger Kandidat für den Friedensnobelpreis 2014.

Hätte ich den Mut dieser Männer, hätte ich nicht so lange gezögert, zu meiner Orientierung zu stehen. Erst dachte ich ja, ein Outing sei nicht nötig. Geht keinen was an. Dann bin ich öfter und öfter in Situationen gekommen, in denen ich eine Rolle spielen und mich verstellen musste. Die Mutter fragte mich nach einer Freundin; in der Schule wunderten sich alle, warum mir die Mädchen nachliefen und ich wegrannte; in der Messe wetterte der Pastor gegen den Teufel Homosexualität; ein Freund von mir wurde auf der Straße angegriffen, weil er High Heels trug. Da kannst du irgendwann nicht mehr lächeln, wegschauen und so tun, als ob nichts wäre.

Dagegen stand die Angst, zurückgestoßen zu werden, wenn ich sage, was Sache ist. Letztlich hat ein innerer Zorn und die Möglichkeit, mich aus der Schusslinie zu nehmen, dazu geführt, dass ich es meinen Eltern mitteilte - in einem Brief, den ich hinterließ, als ich zum Studieren nach Südafrika ging.

Die Reaktionen? Schock, Angst, Liebe, Ratlosigkeit. Mein Vater schämte sich für sein vermeintliches Versagen, nicht für mich. Was hatte er nur falsch gemacht? Er hatte mich doch nicht anders erzogen als den Bruder? Mutter war verzweifelt. Sie hatte Angst um mich. Würde mich die Uni ausschließen? Würde ich ohne Familie im klassischen Sinn genug Liebe bekommen? Könnte ich je glücklich und erfolgreich sein? Sie sucht Rat und Trost im Glauben.

Meine Schwestern waren jene, die so reagierten, wie ich es mir gewünscht hatte: indifferent. Ich will kein Mitleid, keine Hilfe und keine Asche auf dem Haupt meiner Eltern. Ich will das, was die meisten Schwulen, Lesben und Transgender wollen: an Gleichgültigkeit grenzende Akzeptanz. Mehr nicht.

Teil I der Serie: Ich lebe in Simferopol auf der Krim