Rufunterdrückung: Das Sittenbild hinter
den angeblich gefälschten Handystudien

Der Fälschungsskandal um Handystudien an der Wiener Medizin-Uni rief ein weltweites Echo hervor. Doch profil vorliegende Dokumente lassen eine Fälschung fraglich erscheinen – und zeigen den Interessenkonflikt zwischen Mobilfunkindustrie und Wissenschaft. Ein Sittenbild.

Freunde zitieren Elisabeth K. mit dem Satz: „Eine weniger starke Persönlichkeit hätte sich wahrscheinlich schon umgebracht.“ Seit Monaten wird die 34-jährige Ex-Laborantin der Wiener Medizin-Universität in ihrer beruflichen Existenz bedroht und darf nicht mehr mit Medien sprechen. Sie wird beschuldigt, zwei wissenschaftliche Studien über mögliche Gesundheitsschäden von Handystrahlen wissentlich gefälscht zu haben.

K., die im vergangenen Sommer mit einer Magenblutung im Krankenhaus lag, bestreitet den Vorwurf vehement. Sie gibt lediglich zu, im vergangenen April, als die fraglichen Studien längst abgeschlossen waren, von ihrer Arbeitskollegin Petra H. erfahren zu haben, wie der Code einer Bestrahlungsmaschine geknackt werden kann. Die Chiffrierung soll sicherstellen, dass die Studienergebnisse „doppelverblindet“ und damit unbeeinflusst zustande kommen, sodass die Person, welche die Bestrahlungsmaschine bedient, nicht weiß, welche Zelllinien bestrahlt wurden und welche nicht.

K. hatte als Laborassistentin unter anderem an einer Studie mitgewirkt, die Teil des so genannten REFLEX-Projekts war, einer von der Münchener Verum-Stiftung durchgeführten und koordinierten EU-weiten Studie, die mögliche Auswirkungen von Handystrahlen auf menschliche Zellen untersuchen sollte. Im vergangenen April entdeckte der Wiener Laborleiter Alexander Pilger auf K.s Arbeitstisch ein Laborbuch mit verdächtigen Aufzeichnungen, die Pilger sofort als massiven Fälschungsverdacht interpretierte.

Nach einem Dreiergespräch zwischen K., dem Laborleiter und dem neuen Leiter der Abteilung für Arbeitsmedizin, Christian Wolf, fertigte Wolf eine Niederschrift an, die nur die Unterschriften von Wolf und dem Laborleiter, nicht aber von K. trägt. Die Beschuldigte, die ihre Stelle an der Medizin-Universität noch am gleichen Tag gekündigt hat, will diese Niederschrift nie zu Gesicht bekommen haben. Jedenfalls wandte sich Wolf mit diesem Papier an Rektor Wolfgang Schütz, der daraufhin mit den „gefälschten Handystudien“ an die Öffentlichkeit ging. Sogar internationale Wissenschaftsjournale wie „Science“ oder Medien wie „Der Spiegel“ berichteten ausführlich über den Fälschungsfall an der Wiener Medizin-Universität.

Das Problem ist nur: Es gibt für die Fälschung keinen Beweis, kein Geständnis, und die beteiligten Wissenschafter weigern sich, die bereits in Fachjournalen publizierten Studien zurückzuziehen, weil sie überzeugt sind, dass die Ergebnisse korrekt zustande gekommen sind. So wird das Schlamassel, in das Schütz die Wiener Medizin-Universität mit den „gefälschten Handystudien“ manövriert hat, von Tag zu Tag schlimmer. Seit Wochen bedrängt er K., die Fälschung einzugestehen. Doch die Frau weigert sich standhaft. „Sie lügt“, sagt Wolf, „mir gegenüber hat sie die Fälschung gestanden.“

Umkämpft
Dass der Fall auf so großes internationales Interesse stößt, hat mit dem zwischen Mobilfunkindustrie und skeptischer Wissenschaft heiß umkämpften Forschungsgegenstand zu tun. Die Mobilfunkindustrie, der Arbeitsmediziner Christian Wolf und andere Wissenschafter erklären seit Jahr und Tag, dass es noch keiner wissenschaftlichen Studie gelungen wäre, irgendein von Handystrahlen ausgehendes Gesundheitsrisiko zu beweisen. Viele dieser Studien sind nach Meinung unabhängiger Schweizer Experten das Papier nicht wert, auf dem sie stehen.

Deshalb startete die Münchener Verum-Stiftung das REFLEX-Projekt, das ein für alle Mal klären sollte, ob es überhaupt irgendeine biologische Wirkung von Handystrahlen gibt. Ließe sich diese Fragestellung verneinen, dann könnte man sich jede weitere Studie über vermutete gesundheitliche Effekte der Handystrahlung ersparen. Die von der EU mit 3,2 Millionen Euro geförderte Studie wurde im Zeitraum 2000 bis 2004 europaweit in mehreren Zentren durchgeführt, darunter auch in Wien unter der Leitung von Hugo Rüdiger, dem früheren Chef der Arbeitsmedizin an der Wiener Medizin-Universität.

Ergebnis: Handystrahlung könne zu DNA-Strangbrüchen führen und – ähnlich wie starke Sonnenbestrahlung – ein erhöhtes Krebsrisiko bedeuten. Für die Mobilfunkindustrie war dies ein Schlag ins Gesicht. „Die Effekte passieren nämlich weit unterhalb der derzeit geltenden Grenzwerte“, erklärte der Münchener Internist Franz Adlkofer, Koordinator der REFLEX-Studie.

Seit der Veröffentlichung der Studienergebnisse werden diese heftig angezweifelt, so auch von Christian Wolf, Rüdigers Nachfolger als Leiter der Wiener Arbeitsmedizin. Wolf ist zudem stellvertretender Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats Funk (WBF), der im Auftrag des Verkehrsministeriums als Expertengremium für Gesundheitsfragen im Bereich des Mobilfunks agiert. Der Befund des Beirats – dass es im Zusammenhang mit Handystrahlung keinerlei gesundheitliche Bedenken gebe – stößt bei manchen Wissenschaftern auf heftige Kritik (siehe Kasten Seite 79).

Kritiker
Neben Wolf gehörte auch der Biologe Alexander Lerchl von der Jakobsuniversität Bremen von Anfang an zu den massivsten Kritikern der REFLEX-Studie. Begründung: Die präsentierten Daten seien einfach „zu schön, um wahr zu sein“ (siehe Kasten Seite 77). Anfangs war auch der mittlerweile emeritierte Studienleiter Hugo Rüdiger geschockt. Mit der Nachricht konfrontiert, dass ihn eine seiner längstdienenden Mitarbeiterinnen über Jahre hintergangen hätte, wollte er die beiden Studien sofort zurückziehen. Erst als er erfuhr, dass K. die Fälschung leugnet, ließ er sich von seiner Ex-Assistentin schriftlich bestätigen, dass sie die Handystudien „ausnahmslos unter Doppelverblindung“ durchgeführt habe.

Nachdem Wochen vergangen waren, ohne dass die Fälschung eindeutig bewiesen oder widerlegt werden konnte, schlug Rektor Schütz – laut Rüdiger – einen „Deal“ vor: Rüdiger sollte von sich aus eine der beiden fraglichen Studien aus formalen Gründen zurückziehen. Im Gegenzug würde er den Fälschungsvorwurf bei beiden Studien fallen lassen. Rüdiger willigte in den Handel ein, weil er seinen ehemaligen Mitarbeitern, die ihre wissenschaftlichen Karrieren noch vor sich haben, eine weitere Rufschädigung ersparen wolle.

Ende Juli schrieb Rüdiger einen „Letter of Retraction“ an Hans Drexler, Arbeitsmediziner aus Erlangen und Herausgeber des Journals „International Archives of Occupational and Environmental Health“, in dem die jüngere der beiden Studien publiziert wurde. Darin hält Rüdiger jedoch fest, dass er von der „Richtigkeit der Daten überzeugt ist“ und sicher ist, dass sie „in naher Zukunft bestätigt werden“.

Damit war die Causa jedoch noch nicht vom Tisch: Obwohl sich Drexler nach anfänglichem Zögern letztendlich doch bereit erklärte, die Studie zurückzuziehen, ist dies offiziell noch immer nicht geschehen. Und während Schütz die Existenz des von Rüdiger behaupteten Deals bestreitet, sagen nun sowohl Rüdiger wie auch REFLEX-Koordinator Adlkofer, dieser Deal sei sogar Teil eines Sitzungsprotokolls des von Schütz eingesetzten Ethikrats, in das sie nach mehrmaliger Urgenz hätten Einsicht nehmen dürfen. In einer diesbezüglichen Aussendung schreibt Adlkofer: „Das Sitzungsprotokoll, das aus unverständlichen Gründen als Geheimdokument behandelt und nicht veröffentlicht wird, […] belegt überzeugend, dass die Vorwürfe gegen die Arbeitsgruppe mit großer Wahrscheinlichkeit unzutreffend sind. […] Doch was tut der Rektor? Ohne Rücksicht auf den Inhalt des Protokolls wiederholt er seine Vorwürfe in weiteren öffentlichen Stellungnahmen.“

Finaler Beweis?
Doch in der Zwischenzeit glaubt Christian Wolf den finalen Beweis für die Fälschung gefunden zu haben: Auf den hinteren Seiten von K.s Laborbuch fand er Aufzeichnungen über Versuchsreihen samt Codes, die allerdings mit einem Datum aus dem Jahr 2005 versehen sind. K. räumt zwar ein, dass es sich bei diesen Aufzeichnungen offenkundig um ihre eigene Handschrift handelt, will aber nicht verstehen, wie diese Aufzeichnungen aus dem Jahr 2005 in ein Buch kommen sollen, das sie erst im Jänner 2008 in Gebrauch haben will.

Am 13. November wurde K. erneut vom Ethikrat angehört. Dort sollte sie laut Rüdiger schriftlich bestätigen, dass ihr die Codes bereits seit dem Jahr 2002 bekannt waren. Damit sollte sie zugeben, dass sie schon die erste der beiden Studien, die im Jahr 2004 mit GMS-Signalen durchgeführte REFLEX-Untersuchung, und nicht nur eine im Jahr 2007 mit UMTS-Signalen durchgeführte Nachfolgeuntersuchung gefälscht habe. K. verweigerte jedoch die Unterschrift und erklärte neuerlich, dass sie erst im April 2008 erfahren habe, wie die Codes geknackt werden können.

Dass die Laborassistentin die Codes bereits seit dem Jahr 2002 gekannt habe, lässt sich aber auch mit den ominösen, von Wolf im Laborbuch entdeckten Aufzeichnungen aus dem Jahr 2005 nicht beweisen. Und die Studie aus dem Jahr 2004, die einzige, die von den Wiener Forschern im Rahmen des REFLEX-Projekts durchgeführt wurde, lief anfangs gar nicht in Wien, sondern in Berlin, weil es zu diesem Zeitpunkt in Wien noch nicht die dafür notwendige Bestrahlungsmaschine gab. Zu diesem Zweck wurde K. für etwa drei Wochen nach Berlin geschickt, um ihre Untersuchungen an der dortigen Maschine durchzuführen. Dass sie dort unter ständiger Beobachtung fremder Kollegen sofort Ergebnisse „fabrizierte“, ist schwer vorstellbar.

Unterdessen führte das Wiener Institut für Krebsforschung mit anderen Methoden Untersuchungen an jenen Zellen durch, die zuvor in der Bestrahlungsstudie der Arbeitsmediziner verwendet worden waren. Dabei kamen die Krebsforscher zu Resultaten, die zu den Ergebnissen der Bestrahlungsstudien passen (siehe Kasten links).

REFLEX-Koordinator Franz Adlkofer vermutet nun hinter den Vorgängen in Wien eine Intrige mit weit reichender Absicht: „Das ist eine Attacke gegen REFLEX und die Nachfolgeprojekte, da sie der Industrie schaden und gegen die derzeit geltenden Grenzwerte sprechen.“

Adlkofer hatte bereits unter der Bezeichnung MOPHORAD ein Nachfolgeprojekt bei der EU eingereicht, bei dem nun erstmals die Auswirkungen von Handystrahlen am lebenden Menschen untersucht werden sollen. Erst wenn sich auch dort Effekte zeigen, könnte mit ausreichender Sicherheit gesagt werden, ob Handystrahlen ein Gesundheitsrisiko darstellen oder nicht. Doch obwohl das Projekt als hervorragend bewertet wurde, will die EU dieses nun nicht fördern.

Von Tina Goebel