AMS-Chef Johannes Kopf: „Auf Skihütten können Sie kein Schlagobers mehr bestellen“

AMS-Chef Johannes Kopf: „Auf Skihütten können Sie kein Schlagobers mehr bestellen“

Johannes Kopf, Vorstand des Arbeitsmarktservice, über zu wählerische Arbeitslose, die Mär von der Generation Praktikum, sein Faible für Erbschaftssteuern und den Wert von Flötenkonzerten.

profil: Sie haben 60 Bewerbungen für Ihren ersten Job geschrieben. Wie viele müssten Sie heute schreiben?
Johannes Kopf: Ich wollte damals im Jahr 1999 keine klassische Juristenstelle, sondern als Assistent einer Geschäftsführung anfangen. Aber es ist heute sicher generell schwerer geworden. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist nicht schlecht – sie ist sehr schlecht. Wir haben die höchste Arbeitslosenquote seit 1953.

profil: Österreich setzte über Jahrzehnte auf Frühpensionierungen, um die Arbeitslosigkeit niedrig zu halten. Rächt sich das?
Kopf: Dieses Konzept gab es, aber die Annahme dahinter war falsch. Es stimmt nicht, dass ein Arbeitsplatz für die junge Frau Müller frei wird, wenn die Frau Maier in Pension geht. Es gibt keine fixe Anzahl von Jobs. Daher führt ein höheres Pensionsantrittsalter nicht automatisch zu mehr Arbeitslosigkeit.

profil: Warum sind jetzt fast eine halbe Million Menschen arbeitslos?
Kopf: Der Wirtschaftseinbruch im Jahr 2009 ist mit nichts vergleichbar, was Europa konjunkturell seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt hat. In Österreich gab es nur zwei Mal eine Rezession, beide Male in den 1970er-Jahren durch den Ölpreisschock. Wir alle erinnern uns an die Schwarz-Weiß-Fotos mit dem Pickerl für den autofreien Tag. Aber damals schrumpfte die Wirtschaft nur um Nullkommairgendetwas Prozent. 2009 waren es minus 3,8 Prozent.


Mittelfristig werden wir von der Zuwanderung profitieren

profil: Die Krise gab es in anderen Staaten auch – dort sinkt aber die Arbeitslosigkeit, während sie in Österreich steigt. Deutschland steuert etwa auf Vollbeschäftigung zu. Was machen die Deutschen besser als Sie?
Kopf: Neben einer anderen Demografie ist der Unterschied die Migration. Im Vorjahr hatte Deutschland 437.000 Zuwanderer – und das zehn Mal kleinere Österreich 55.000, dazu Tagespendler aus Ungarn. Dabei bemüht sich Deutschland um Zuwanderung, hat Ausbildungskooperationen mit Asien und wirbt mit dem Slogan „Deutschland ist schöner“. Wir bemühen uns überhaupt nicht um Zuwanderung, im Gegenteil. Österreich ist halt offenbar noch schöner.

profil: Ist Österreich zu schön? Gibt es zu viel Zuwanderung?
Kopf: Mittelfristig werden wir davon profitieren. Aber momentan täten wir uns ohne Zuwanderung leichter, weil sie zu Verdrängung auf dem Arbeitsmarkt führt. Anders als früher verdrängt aber nicht der viel zitierte anatolische Hilfsarbeiter den teureren Wiener Hilfsarbeiter, sondern zum Beispiel der junge Ungar den schlechter qualifizierten Bosnier.

profil: Finden Sie für diese Menschen Jobs?
Kopf: Kaum, denn der Arbeitsmarkt ändert sich massiv. Ein Lagerarbeiter musste früher nur stark sein. Heute muss er Stapler fahren und Lagerlogistiksoftware bedienen können.

profil: Hat Österreich die falschen Zuwanderer?
Kopf: Nein, die stärksten Zuwanderergruppen sind Ungarn und Deutsche, beide gut qualifiziert. Vor 20 Jahren arbeiteten 20.000 Deutsche in Österreich – heute sind es fast 100.000. Auf Tiroler Skihütten können Sie kein Schlagobers mehr bestellen, nur mehr Sahne. Aber die Deutschen arbeiten nicht mehr nur im Tourismus, sondern in allen Branchen.

profil: Als Kellner trifft man Wiener oder Niederösterreicher selten auf Skihütten.
Kopf: In Deutschland ist es normal, für Ausbildungszwecke woanders hinzugehen. Bei uns ist es nur normal, nach Wien zu übersiedeln – sonst geht man nirgendwo hin. Mit der Überheblichkeit eines Wieners sage ich: Wir haben eben nur eine große Stadt. Derzeit etwa machen Hunderte junge Deutsche eine Lehre in Tirol. Ich würde aber keinen 15-jährigen Wiener für eine Lehre nach Tirol schicken können. Wir haben diese Kultur der Mobilität nicht, sie ist unterentwickelt.


Wir haben den Grundsatz: Wer Vollzeit arbeitet, soll davon leben können

profil: In Deutschland senkten die Arbeitsmarktgesetze Hartz IV die Arbeitslosigkeit. Braucht Österreich strengere Regelungen?
Kopf: Wir haben den Grundsatz: Wer Vollzeit arbeitet, soll davon leben können. Das ist ein schöner Wert, den man verteidigen sollte. In Deutschland hingegen gibt es seit Hartz IV einen boomenden Niedriglohnsektor – Leute arbeiten für Löhne, von denen sie nicht leben können. In den USA wiederum wird seit 2013 das Arbeitslosengeld nur mehr für 20 Wochen ausbezahlt, danach gibt es nur noch Lebensmittelgutscheine. Durch diese Kürzung des Arbeitslosengeldes wurden laut einer US-Studie 1,5 Millionen Jobs geschaffen – weil man plötzlich Menschen findet, die für einen Stundenlohn von drei Dollar den Parkplatz bewachen. Diese Drei-Dollar-Parkplatzjobs wollen wir nicht. Die Frage ist aber: Können wir uns leisten, das nicht zu wollen?

profil: Und, können wir?
Kopf: Ja. Aber nur dann, wenn wir die richtigen Reformen umsetzen, in der Bildung oder auch beim Arbeitslosengeld. Wir zahlen wenig Arbeitslosengeld, durchschnittlich 860 Euro pro Monat, dafür mit der Notstandshilfe theoretisch lebenslang. Ich bin kein Anhänger dieses Systems. Es wäre besser, anfangs mehr zu zahlen – und dann in Schritten deutlich weniger. Rund um diese Stufen würden Menschen Jobs annehmen.

profil: Wollen viele nicht arbeiten?
Kopf: Ich erzähle Ihnen eine Geschichte: Ich war einmal mit meiner damaligen Freundin, meiner jetzigen Frau, im Burgtheater. Beim Mantelabgeben fiel mir meine Visitenkarte mit dem AMS-Logo heraus. Da fragte mich einer: „Na, samma arbeitslos?“ Ich wurde sehr nachdenklich: Wie würde es mir beim ersten Date gehen, wenn ich wirklich arbeitslos wäre? Fast niemand ist gerne arbeitslos. Aber viele sind bei der Jobsuche zu wählerisch.


Man sollte die Verbindlichkeit erhöhen – zum Beispiel durch ein stufenweise niedriger werdendes Arbeitslosengeld

profil: Sind Sie im Arbeitsmarktservice zu wenig streng?
Kopf: Wenn Sie eine Wohnung suchen, nehmen Sie auch nicht die erstbeste, sondern geben sich Zeit, um eine hellere, billigere oder größere Wohnung zu finden. Genauso funktioniert die Arbeitssuche. Das erste Jobangebot will man nicht sofort annehmen. Man will schauen, ob es einen attraktiveren, weniger weit entfernten, besser bezahlten Job gibt. Das macht Sinn. Nicht wenige unserer Kunden lassen sich dafür aber zu lange Zeit und bekommen dann keinen Job mehr, weil sie schon zu lange arbeitslos sind. Manche merken zu spät, dass sie früher eine Reihe von Jobs abgelehnt haben, die sie später mit Handkuss annehmen würden. Sie waren wählerischer, als es ihrem Marktwert entsprochen hatte. Daher sollte man die Verbindlichkeit erhöhen – zum Beispiel durch ein stufenweise niedriger werdendes Arbeitslosengeld.

profil: Gibt es die viel zitierte bequeme „soziale Hängematte“ in Österreich?
Kopf: Hängematte ist ein böses und falsches Wort. Es ist nicht bequem, von 800 Euro Mindestsicherung zu leben. Aber, das ist richtig: Es gibt Inaktivitätsfallen.

profil: Weil sich Arbeit nicht lohnt?
Kopf: Für manche lohnt sie sich nicht. Ein Beispiel: Ein Ehepaar, drei kleine Kinder, kommt mit Mindestsicherung und Familienzuschlag auf 1800 Euro im Monat. So viel würde der Mann nie verdienen, wenn er arbeitet. Das ist eine Inaktivitätsfalle, weil die Sozialtransfers sinken, wenn er zu arbeiten beginnt.

profil: Was ist Ihre Konsequenz daraus? Muss die Mindestsicherung verschärft werden?
Kopf: Nein. Mein Vorschlag wäre, dass man bei Arbeitsaufnahme einen Teil der Mindestsicherung noch eine gewisse Zeit zahlt. Sodass ein Anreiz besteht, Jobs anzunehmen. Bei der derzeitigen Gesetzeslage darf man niemandem einen Vorwurf machen, wenn er sich nicht um Arbeit bemüht. Mein Modell hingegen würde helfen, aus der Inaktivität herauszukommen.

profil: Verlockt die Mindestsicherung zu Sozialtourismus?
Kopf: Armut ist nicht mobil. Die Mindestsicherung beträgt 800 Euro – davon bei uns leben zu müssen, ist nicht wie Urlaub.

profil: Die ÖVP will die Zumutbarkeitsbestimmungen für Arbeitslose verschärfen. Sind Sie dafür?
Kopf: Das bringt derzeit kaum etwas, weil es zu wenig Jobs gibt. Trotzdem sollten wir über einen Punkt nachdenken: Die Mindestarbeitszeit für Jungeltern. Viele melden sich arbeitslos, wenn das Kindergeld ausläuft. Derzeit sagt das Gesetz: Jungeltern müssen nur 16 Stunden pro Woche verfügbar sein. Diese 16-Stunden-Jobs gibt es aber in der Realität nicht; wir hatten österreichweit 2014 nur 800 solcher Stellen – mit 20 Stunden aber 26.000. Also erfinden wir 16-Stunden-Arbeitsmarktkurse und bezahlen den Müttern Arbeitslosengeld. Das ist doch absurd.

profil: Warum wird es dann nicht geändert?
Kopf: Mein Vorschlag ist, dass jemand nur dann Arbeitslosengeld bekommt, wenn er oder sie bereit ist, mindestens 20 Stunden pro Woche zu arbeiten. Diese Forderung könnte man mit einem Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung kombinieren. In Deutschland gilt dieser ab dem zweiten Lebensjahr das Kindes. Wir raten unseren Kundinnen generell zu einer raschen Rückkehr auf den Arbeitsmarkt und bei Teilzeitjobs zu zumindest 20 Stunden.


Die Generation Praktikum existiert nach unseren Zahlen nicht

profil: Ist Österreich besonders konservativ? Fast die Hälfte der Frauen arbeitet Teilzeit, offenbar gibt es einen Wunsch danach.
Kopf: 25 Prozent unserer Kinderbetreuungseinrichtungen sperren vor 14 Uhr zu. Angesichts dessen ist der Begriff „freiwillig“ bei Teilzeit schon zu hinterfragen. Wir haben in Österreich sozusagen einen konservativen Progressivismus. Wir sind zwar im europäischen Vergleich progressiv mit einer hohen Frauenbeschäftigungsquote von 70 Prozent – andererseits aber sehr konservativ mit diesen Teilzeitanteilen und Gehaltsunterschieden zwischen Frauen und Männern, die nur in Estland höher sind als bei uns – und das, obwohl Frauen schon viele Jahre höhere Bildung erreichen als Männer.

profil: Hilft Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt überhaupt? Die sogenannte Generation Praktikum zweifelt daran.
Kopf: Die Generation Praktikum existiert nach unseren Zahlen nicht. Generell finden Akademiker und gut Ausgebildete noch immer sehr rasch Jobs und langfristige Beschäftigung. Das Phänomen der kurzfristigen Praktika konzentriert sich stark auf gewisse Studienrichtungen, etwa Theaterwissenschaften oder auch Journalismus. Dadurch bekommt das Phänomen deutlich mehr Öffentlichkeit, als ihm zustehen würde.

profil: Studieren viele das Falsche?
Kopf: Eindeutig. Es gibt beliebte Studien, bei denen mir außer eine Uni-Karriere nicht einmal theoretisch ein Job einfällt, etwa die Kombination aus Pädagogik und Englisch – aber weder für Dolmetschen noch für Lehramt. Aber selbst mit einem schlechten Studium sind die Jobchancen im Vergleich gut. Die Arbeitslosigkeit für Akademiker liegt seit dem Jahr 1990 stabil bei drei Prozent – bei Pflichtschulabsolventen hat sie sich auf 23 Prozent verdoppelt. Das ist das größte Problem auf dem Arbeitsmarkt. Das können aber wir im AMS nicht lösen. Das kann nur das Bildungssystem lösen. Denn ein Pflichtschulabschluss reicht in Österreich nicht mehr. Man braucht zumindest eine Lehre. Und viele Betriebe würden sofort mehr Lehrlinge nehmen, wenn sie lesen, schreiben, rechnen und auch noch grüßen könnten.

profil: Sind die Schulen schlechter?
Kopf: Das glaube ich nicht, aber das Anforderungsniveau der Betriebe hat sich erhöht. Es gibt keine Arbeitsplätze für die ganz Schwachen mehr. Früher gab es in jedem Amt jemand, der mit einem Wagerl voller Akten herumgefahren ist. All diese Jobs sind weg. Daher müssen wir den Anteil der Kinder, die nur einen Pflichtschulabschluss erreichen, massiv senken.

profil: Schuld an der Rekordarbeitslosigkeit ist das Bildungssystem?
Kopf: Mich macht diese ideologische Diskussion wahnsinnig. Mein jüngster Sohn wird diese Woche ein Jahr alt. Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass er nur die Pflichtschule besucht, liegt bei sieben Prozent. Wäre ich hingegen Pflichtschulabsolvent, läge sie bei 30 Prozent. Hätte ich auch noch Migrationshintergrund, läge sie bei 56 Prozent. Das ist nicht fair. Wir schicken Zehntausende sehenden Auges in die Arbeitslosigkeit, weil es keine Chancengerechtigkeit für unsere Kinder gibt.

profil: Halten Sie gerade ein Plädoyer für die Gesamtschule? Das wird Ihre Partei, die ÖVP, nicht begeistern.
Kopf: Ich freue mich, dass mit Staatssekretär Harald Mahrer Schwung in die verfahrene Bildungsdebatte kommt. Und da stellt sich auch die Frage, ob die Trennung mit zehn Jahren in Neue Mittelschule und Gymnasium richtig ist. Die Mehrheit der Bildungsexperten ist der Meinung, dass es nicht sinnvoll ist und die Gesamtschule besser wäre. Aber über all diese Themen wird immer nur ideologisch diskutiert. Wir sollten Zahlen erheben und endlich evidenzbasiert entscheiden.

profil: Arbeitslosigkeit hängt auch vom Wirtschaftswachstum ab. Österreich hinkt anderen Staaten hinterher.
Kopf: Das ist alarmierend. Unsere Benchmark in Bezug auf Wirtschaftswachstum ist Deutschland: Dort wächst die Wirtschaft heuer laut Prognosen mit zwei Prozent, während unsere bei 0,5 herumgrundelt. Die Stimmung bei uns ist schlecht. Unternehmer treffen ihre Entscheidungen nicht nur aufgrund von harten Fakten, sondern auch nach Bauchgefühl. Sei es der Reformstau im Bildungsbereich, sei es das Pensionsthema, sei es die Verwaltungsreform: Die Menschen haben das Gefühl, im Land geht nichts weiter. Daher begrüße ich, dass die Regierung nun Reformen in Angriff nimmt.

profil: Trotzdem bleiben die Steuern auf Arbeit zu hoch.
Kopf: Weil kein Geld da ist.

profil: Wären Sie dafür, Erbschaftssteuern einzuführen?
Kopf: Diese und auch andere Steuern – etwa im Energiebereich – kann ich mir durchaus vorstellen, aber nur dann, wenn jeder Euro davon den Faktor Arbeit entlastet. Wenn man so unser Steuersystem umbaut, wäre das für die Beschäftigung im Land sehr positiv. Ich könnte mir vorstellen, dass man für eine solche Reform sogar eine Mehrheit zustande bringt.


Wir haben das Berufsbild Politiker mittlerweile massiv beschädigt

profil: Mit der ÖVP nicht.
Kopf: Ich verstehe das klare Nein der ÖVP zu neuen Steuern. Es kommt wohl aus der Erfahrung, dass neue Steuern schnell eingeführt sind, aber nie alte abgeschafft werden. Außerdem verhinderten neue Steuern wichtige Reformen auf der Ausgabenseite. Aber vielleicht kann man eines Tages über einen 1:1-Tausch reden.

profil: Die Regierung will Steuerbetrug bekämpfen. Wie verbreitet ist Schwarzarbeit?
Kopf: Den Satz „Brauchen S’ eine Rechnung?“ hört jeder oft. In manchen Betrieben, etwa in der Gastronomie, werden schwarz höhere Löhne ausgezahlt, das geht nur mit Schwarzgeld. Das könnte sich mit den Registrierkassen bessern. Ich erhoffe mir Legalisierung von Beschäftigung.

profil: Arbeiten manche Branchen auf Kosten des AMS?
Kopf: Manche Betriebe versuchen Auslastungsschwankungen zu optimieren. Da werden Beschäftigte für zwei, drei Wochen arbeitslos gemeldet. Davon haben wir Zehntausende Fälle pro Jahr. Ich kenne einen Steuerberater, der empfiehlt das seinen Kunden sogar. Sozialschmarotzer können also auch Unternehmen wie ein Rechtsanwalt oder ein Hotelier sein.

profil: Ganz prinzipiell: Wandelt sich das Arbeitsethos in Österreich?
Kopf: Das ist bei jungen Menschen deutlich spürbar – bei gut Qualifizierten, wohlgemerkt. Mir berichten gestandene Unternehmer bass erstaunt: Früher hat es gereicht, wenn ich den Jungen einen Laptop, einen 3er-BMW und ein Handy gegeben habe, dann haben die wie wild für mich gearbeitet – aber heute sind diese Statussymbole nicht mehr Thema, sondern Fragen nach Vereinbarkeit und Sinn. Die wollen lieber zum Flötenkonzert der Tochter gehen dürfen. Daher glaube ich, dass soziale Unternehmen künftig die besseren Leute bekommen werden. Viele Junge wollen im Hamsterrad nicht mehr mitmachen.

profil: Sie waren ein Berater von Ex-Vizekanzler Spindelegger. Er arbeitet nun für einen ukrainischen Oligarchen – ähnlich wie Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer. Sind ehemalige Politiker für normale Jobs nicht vermittelbar?
Kopf: Politiker können nach ihrer Karriere eigentlich nichts richtig machen, sie werden für jeden Job kritisiert. Wir haben das Berufsbild Politiker mittlerweile massiv beschädigt. Daher interessieren sich viele gute Leute nicht mehr für diesen
beinharten Job, das ist eine gefährliche Entwicklung. Ich kenne drei Personen, denen ein Ministeramt angeboten wurde und die das abgelehnt haben: erstens, weil der Grad der öffentliche Häme gewaltig ist, zweitens, weil die statistische Wahrscheinlichkeit, den Job bald wieder zu verlieren, hoch ist, und drittens, weil anschließend jeder Wechsel in ein Unternehmen als Schiebung bezeichnet wird.

profil: Würden Sie trotzdem in die Politik gehen?
Kopf: Auf diese Frage ist jetzt jede Antwort gefährlich.

Zur Person
Johannes Kopf, 40, ist seit 2006 gemeinsam mit Herbert Buchinger Vorstand des AMS. Davor werkte er im Kabinett von Wirtschafts- und Arbeitsminister Martin Bartenstein, vor 2003 als Referent der Industriellenvereinigung.