Die Arbeitslosigkeit in Österreich ist so hoch wie noch nie

Die Arbeitslosigkeit in Österreich ist so hoch wie noch nie

Die Arbeitslosigkeit in Österreich ist so hoch wie nie zuvor. Selbst im Krisenjahr 2009 lief es besser. Die Regierung kann dagegen nicht viel tun – obwohl sie im Wahlkampf noch das Gegenteil behauptet hatte.

Der Bildschirm an der Wand wäre groß genug für einen Spielfilm, eine Naturdoku oder die Übertragung eines Fußballmatches. Aber der Monitor im Büro von Johannes Kopf, Chef des österreichischen Arbeitsmarktservices (AMS), zeigt ein auf den ersten Blick ziemlich langweiliges Programm: Auf blauem Hintergrund stehen Zahlenreihen, manche in einem roten Balken, manche grün unterlegt. „Zugang: 1.911“ steht in der Rubrik ganz links oben. Rechts unten erfährt der Betrachter, dass ein Abgang von 595 zu verbuchen ist – ein Minus von über 40 Prozent.

294.511 Österreicher ohne Job
Der Monitor spiegelt den österreichischen Arbeitsmarkt. Er zeigt, wie viele Menschen gerade jetzt, in dieser Sekunde, arbeitslos sind. Er zeigt auch, wie viele offene Stellen in welchen Bundesländern gemeldet wurden. Und weil Computer nun einmal serviceorientiert sind, berechnet das System zeitgleich, wie groß die Veränderungen im Vergleich zum Vorjahr ausfallen. Am Mittwoch der Vorwoche um 16.15 Uhr suchten exakt 294.511 Österreicher einen Job, 32.163 Menschen mehr als vor einem Jahr. In Schulung befanden sich 82.010 Personen – ein Plus von 10,4 Prozent. Offene Stellen gab es 28.072; das waren um 2091 weniger als am 20. November 2012 zur selben Uhrzeit.

So unerfreulich diese Infos auch sein mögen: Bald kommt es noch viel schlimmer. Ende Jänner 2014 könnte die Zahl der Menschen ohne Job die Marke von rund 450.000 erreichen. Ein Jahr später, Anfang 2015, rechnet das AMS mit fast einer halben Million. Insgesamt werde 2014 das Jahr mit der „höchsten jemals gemessenen Arbeitslosigkeit“, sagt Johannes Kopf.

Den ganzen Sommer über hatten sich die Regierungsparteien im Wahlkampf selbst gelobt. Kaum ein anderes Land sei so schmerzfrei durch die Wirtschaftskrise gekommen wie Österreich. Nirgendwo sei die Arbeitslosigkeit so gering wie hier. Im Juli wurde noch flugs ein – wenn auch bescheidenes – Konjunkturpaket beschlossen, damit weiterhin Milch und Honig fließen. Dass die Nachrichten vom Arbeitsmarkt schon damals nicht verheißungsvoll klangen, bekümmerte Sozialminister Rudolf Hundstorfer kaum. Er sei optimistisch, dass sich die Datenlage schon im Herbst, spätestens aber 2014 wieder verbessern werde, erklärte er Anfang August.

Alarmstufe Rot
Mittlerweile ist klar, dass SPÖ und ÖVP den Bürgern nicht nur bei der Budgetplanung für die kommenden Jahre etwas vorgemacht haben. Auch auf dem Arbeitsmarkt herrscht Alarmstufe Rot. Mit einer leichten Besserung ist frühestens 2015 zu rechnen. ÖVP-Chef Michael Spindelegger hatte im Wahkampf versprochen, über 400.000 neue Jobs zu schaffen. Falls er wirklich weiß, wie das geht, sollte er schnell damit anfangen, sonst wird die Jobkrise zum größten Problem der neuen Regierung. Ein Arbeitsloser belastet das Budget mit durchschnittlich 19.000 Euro pro Jahr. Dazu kommen entgangene Steuereinnahmen, Einschränkungen im Konsum und eine Reihe gesellschaftlicher Probleme, die mit Arbeitslosigkeit einhergehen. Ob es gelingt, ausgerechnet jetzt das faktische Pensionsantrittsalter spürbar zu erhöhen, ist mehr als fraglich.

Schaffung von Arbeitsplätzen
Anders als im Wahlkampf suggeriert, kann die Politik leider wenig tun, um den Ist-Zustand zu verbessern. Der Arbeitsmarkt eines stark exportorientierten Landes lässt sich mit innerstaatlichen Eingriffen kaum ankurbeln. Das mag in den 1970er-Jahren eine Option gewesen sein, als Bruno Kreisky Milliarden (Schilling) in die verstaatlichte Industrie pumpen ließ, um dort Jobs zu retten. „Mir bereiten ein paar Milliarden Schulden weniger schlaflose Nächte, als mir ein paar hunderttausende Arbeitslose bereiten würden“, lautete Kreiskys mittlerweile legendäre Devise. Auf Dauer funktionierte die staatlich subventionierte Schaffung von Arbeitsplätzen aber schon damals nicht.

Teilzeit oder All-in-Verträge
Die Situation sei in gewisser Weise jetzt sogar komplizierter als im Krisenjahr 2009, meinen manche Experten. „Damals gab es einen gravierenden Einbruch innerhalb kürzester Zeit. Man konnte mit Maßnahmen wie forcierter Kurzarbeit einiges erreichen“, sagt Helmut Mahringer, Arbeitsmarktexperte beim österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). Seit etwa zwei Jahren steigen die Zahlen langsamer, aber kontinuierlich. Kurzfristige Überbrückungsmaßnahmen helfen da nicht. Mahringer ist auch skeptisch, was den Effekt von Arbeitszeitverkürzungen betrifft. „Viele Beschäftigte arbeiten schon jetzt nur noch Teilzeit oder haben All-in-Verträge, die Überstunden inkludieren.“

Natürlich kann die öffentliche Hand Investitionen vorziehen und damit, zumindest in der Bauwirtschaft, für etwas Belebung sorgen. Aber bekanntlich muss die Republik bis 2018 mindestens 24 Milliarden Euro einsparen; die Bauvorhaben dürften also nicht besonders üppig ausfallen. Derzeit wird mit deutlich mehr Eifer diskutiert, welche bereits fix geplanten Großprojekte wegen Geldmangels bis auf Weiteres warten müssen. Die dringend nötige Renovierung des Parlaments etwa, ein mehrere hundert Millionen Euro teures Unterfangen, wurde bereits auf irgendwann verschoben.

Spitzenplatz wackelt
Ende Oktober lag die österreichische Arbeitslosenquote nach der nationalen Definition bei 7,4 Prozent, gemäß EU-Berechnung (für September) bei 4,9. Das bedeutet nach wie vor Platz eins im europäischen Vergleich – der EU-Durchschnitt ist mehr als doppelt so hoch. Doch dieser Spitzenplatz wackelt. Zuletzt schrumpfte der Abstand zu Deutschland, wo es derzeit besser läuft. Laut einer Studie des Think Tanks „Agenda Austria“ ist die echte Arbeitslosigkeit im Land ohnehin deutlich höher, wenn man Faktoren wie den österreichischen Hang zur Frühpension einrechnet. Laut Studienautoren wäre Österreich bei ehrlicher Selbstbeschau nur noch Vierter innerhalb der EU.

Reallohnverluste von mehr als 20 Prozent
Gesamteuropäische Vergleiche helfen aber sowieso nicht, wenn es um die Stimmung in der Bevölkerung geht. Sie könnte kaum schlechter sein, wie eine Umfrage der Karmasin-Motivforschung im Auftrag von profil vor zwei Wochen zeigte. Auf die Frage „Befürchten Sie, dass Sie oder eines Ihrer Familienmitglieder im nächsten Jahr den Job verlieren?“ antworteten 35 Prozent der Österreicher mit Ja. Besonders verbreitet sind solche Sorgen bei Menschen mit niedrigem Bildungsstand – und das ist durchaus begründet: Zwischen 1990 und 2012 hat sich die Arbeitslosenrate unter Pflichtschulabgängern fast verdoppelt und liegt heute nur noch knapp unter 20 Prozent. In keinem anderen Bereich ist der Verdrängungswettbewerb – angefeuert auch durch die Ostöffnung – so brutal geworden. Das zeigt sich am Lohnniveau: Am untersten Ende der Einkommenspyramide (bis zu 1100 Euro brutto) gab es seit Mitte der 1990er-Jahre Reallohnverluste von mehr als 20 Prozent.

Investitionen in die Bildung sind also zweifellos die beste Form der Arbeitsmarktspolitik. Aber sie wirken mit großer Verzögerung und werden in Österreich ganz besonders langsam umgesetzt. Über das Lehrerdienstrecht und eine neue Schulform für die Zehn- bis 14-Jährigen diskutiert man nun schon seit vielen Jahren. AMS-Chef Johannes Kopf macht sich keine Illusionen über die Gestaltungsmacht der Politik: „Es gibt sicher kein Regierungsprogramm, mit dem man die Arbeitslosigkeit sofort senken könnte.“

Wie hilflos die Politik mitunter zuschauen muss, zeigt das Beispiel Lenzing. Der oberösterreichische Faserhersteller gab vor Kurzem bekannt, dass allein am Standort Österreich fast 700 Mitarbeiter gehen müssen. Der Konzern macht Gewinne; es geht also nicht um Rettung in letzter Minute. Allerdings sind die Erträge zuletzt stark gesunken. Schuld daran ist vor allem der Preisverfall auf dem Weltmarkt für Baumwolle – für den Österreich nun wirklich nichts kann. Man habe leider in letzter Zeit zu viel Fett angesetzt, erklärte Lenzing-Boss Peter Untersperger. Jetzt helfe nur noch eine Radikalkur. „Wir müssen noch stärker ein asiatisch geprägtes Unternehmen werden.“ Im Juli hatte derselbe Manager verkündet, dass man hochprofitabel arbeite. „Die Mitarbeiter und Anlagen, die wir in Lenzing haben, kann man nicht einfach ersetzen.“

Kann es sein, dass die in der Krise viel gerühmte Loyalität zwischen Arbeitgebern und Beschäftigten zuletzt brüchig geworden ist? Martin Gleitsmann, Leiter der sozialpolitischen Abteilung in der Wirtschaftskammer, glaubt das nicht. „Das Umfeld ist rauer denn je. Wir müssen jetzt alles tun, um den Standort zu sichern.“ Wie das genau gehen soll, weiß er zwar nicht. Dafür weiß er, wie es nicht geht: „Neue Belastungen oder Einschränkungen wären jetzt absolut kon­traproduktiv.“ Die Wirtschaft wünscht sich eine weitere Flexibilisierung des Arbeitsrechts, Arbeitnehmervertreter sind strikt dagegen. Fakt ist, dass auch eine völlige Liberalisierung die größten Pleiten des heurigen Jahres – Alpine Bau, Dayli, Niedermeyer – nicht verhindert hätte.

Jede Prognose kann falsch sein; das gilt für die Konjunktur, und es gilt für den Arbeitsmarkt. Lange war getrommelt worden, dass junge Leute doch bitte im Gesundheitsbereich ihr berufliches Glück suchen mögen. Dort werde der Bedarf weiter stark steigen. Die Oktoberstatistik des AMS weist diese Vorhersage als deutlich zu optimistisch aus. Den zweitstärksten Zuwachs an Arbeitslosen gab es im Vergleich zum Vorjahr nämlich im Gesundheits- und Sozialwesen. Wieder erwischte es hauptsächlich Hilfskräfte, die durch noch billigere Hilfskräfte ersetzt wurden.

Trotz ernüchternder Zahlen gelang es bisher gut, die Dynamik auf dem heimischen Arbeitsmarkt zu erhalten. Nur ein Viertel der Arbeitslosen bleibt länger als ein Jahr ohne Job, jeder Dritte findet innerhalb eines Monats eine neue Stelle. „Uns ist lieber, vier Leute sind drei Monate lang arbeitslos als einer ein Jahr lang“, sagt AMS-Chef Kopf. Sollten Österreichs Lehrer wirklich vorhaben, wegen ein paar dienstrechtlicher Petitessen zu streiken, kann man ihnen nur empfehlen, sich die Details des freien Marktes anzusehen: Bei insgesamt 3,5 Millionen Beschäftigten gibt es pro Jahr 1,7 Millionen Aufnahmen oder Beendigungen eines Dienstverhältnisses. Für sehr viele Menschen gehört die Suche nach einem neuen Job praktisch zum Alltag.

Sie werden es in den nächsten Monaten erheblich schwerer haben.

+++ Lesen Sie hier: AMS-Chef Johannes Kopf über die Krise, unsichere Prognosen und den Wert älterer Arbeitehmer +++