Alice Weidel: Die ungewöhnliche Spitzenkandidatin der AfD

Alice Weidel (AfD)

Alice Weidel (AfD)

Die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) geht mit einer ungewöhnlichen Spitzenkandidatin ins Wahljahr: Alice Weidel ist jung, weiblich und homosexuell.

Alice Weidel sieht aus wie immer, und doch ist alles anders. Schwarzer Blazer, weißes Hemd, die ersten zwei Knöpfe offen, die blonden Haare mit einem Gummiring zusammengebunden. So ist sie im vergangenen Jahr im ganzen Land aufgetreten, so kennt man sie aus den Talkshows, und so steht sie nun auf der Bühne, beide Hände auf das Rednerpult gestützt.

"Zusammen! Vereint! Für Deutschland!", ruft sie von der Bühne im Kölner Hotel Maritim. Das Publikum dankt es ihr mit Standing Ovations. Es ist der Bundesparteitag der Alternative für Deutschland (AfD), der Weidel zur Spitzenkandidatin für die im Herbst anstehende deutsche Bundestagswahl bestimmt hat - die zweite, seit es die Partei gibt. Bei ihrem ersten Antreten im Jahr 2013 war die AfD noch an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert. Heuer soll es klappen, wenn sich endlich alle zusammenraufen. Denn seit Monaten beschäftigt sich die AfD mit Konflikten zwischen ihren Flügeln, die von ultraliberal über rechtskonservativ bis ultranationalistisch reichen und kaum in eine Partei zu pressen sind.

Nur wenige Stunden vor dem Parteitag haben die Rechtspopulisten noch ihre eigene Chefin gedemütigt. Frauke Petry wollte ein Programm verabschieden, mit dem die AfD einen realpolitischen, moderateren Kurs einschlagen sollte. Das Papier kam nicht mal auf die Tagesordnung. Noch dazu setzte die AfD der schwangeren Petry zwei Spitzenkandidaten vor die Nase: Neben Alice Weidel noch den 76-jährigen CDU-Renegaten Alexander Gauland. Müsste man das Klischee des deutschen Rechtspopulisten aufzeichnen, es sähe aus wie Gauland: alt, männlich, hetero.

Auf dem Parteitag sei ein Rechtsruck in der ohnehin rechten Partei erfolgt, heißt es nun. Gauland biedere sich dem ultrarechten Flügel an, Petry sei die einzige Garantin für einen Weg der Mitte gewesen.

Jung, weiblich und homosexuell

Zwischen den beiden steht die Frau, die niemand so richtig erklären kann: Alice Weidel. Die zweite Spitzenkandidatin ist jung, weiblich und homosexuell. Die üblichen Vorurteile vom bildungsfernen Milieu, der fehlenden Weltläufigkeit oder wirtschaftlichen Verlustängsten bleiben an ihr nicht haften. Weidel studierte Volksund Betriebswirtschaftslehre, ihren Doktor finanzierte die Konrad-Adenauer-Stiftung. Sie arbeitete für den deutschen Vermögensverwalter Allianz Global Investors und die US-Investmentbank Goldman Sachs, bevor sie sich als Beraterin für Start-ups selbstständig machte. Sechs Monate lebte sie in China, lernte dort sogar Mandarin.

Was macht so eine bei der AfD? Und was will sie dort bewirken?

Alice Weidel ist bei der Partei, seit es sie gibt. Als sie im Jahr 2013 zur AfD stößt, sind es noch mitunter Ökonomen, die den Ton angeben. Damals dreht sich viel um Kritik am Euro und das Rettungspaket für Griechenland. Die im deutschen Gütersloh geborene Weidel sieht sich als Anhängerin des altösterreichischen Liberalen Friedrich August von Hayek: Der Staat solle wenige Regeln aufstellen, diese dann aber rigoros einhalten. Das gelte für die Wirtschaft wie für die Einwanderung, die ab dem Jahr 2015 der schon totgesagten AfD frischen Geist einhaucht.

Doch die meisten der Ökonomen verabschieden sich schnell, als die aufstrebende AfD mehr und mehr im national-rechten Milieu andockt und nach allerersten Wahlerfolgen die harten Machtkämpfe zunehmen. Weidel bleibt hingegen. Sie steigt in den Bundesparteivorstand auf, zählt zum moderat geltenden Petry-Lager. In Talkshows gibt sie das vernünftige, freundliche Gesicht einer umstrittenen Bewegung und versucht gar nicht, die vielen Widersprüche zu verdecken. Fauxpas leistet sie sich kaum - und wenn doch, dann kalmiert sie schnell und eloquent.

Talkshow-erprobt

Es wirkt. Als sie bei "Markus Lanz" mit frauenfeindlichen homo- und xenophoben Positionen ihrer vielen AfD-Kollegen konfrontiert wird, springt ihr sogar der Moderator zur Seite. "Wir sollten nicht die arme Frau Weidel für alles da drinnen verantwortlich machen", sagt Lanz. In einer Talkshow des österreichischen Senders Puls 4 zeigt sie, wie eisern sie das Politische vom Privaten zu trennen vermag: Die grüne EU-Abgeordnete Ulrike Lunacek möchte wissen, wie es um das gestrenge AfD-Familienbild aus Vater, Mutter und Kindern steht und ob es darin Platz für staatliche Unterstützung für gleichgeschlechtliche Paare gibt, die Kinder großziehen wollen.

"Das sind auch Familien. Sie kennen sicher einige", sagt Lunacek.

"Das wird diskutiert", sagt Weidel.

Zu diesem Zeitpunkt wissen nur wenige, dass die AfD-Politikerin mit ihrer Lebensgefährtin am Bodensee einen Buben großzieht. Es ist diese Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die Alice Weidel zu einem Rätsel macht: Wie kann jemand wie sie bei der AfD mit? Wird sie die Partei in die Mitte ziehen? Ist sie überzeugt rechts, konservativ und national? Oder nur das Feigenblatt der Gauland-Truppe? Es scheint, als hätte sie das selbst noch nicht entschieden. Im Eklat um den AfD-Außenseiter Björn Höcke - er lästerte über ein Holocaust-Denkmal - sprach sich Weidel für einen Parteiausschluss aus. Jetzt will sie mit ihm wahlkämpfen, sollten sich die AfD-Schiedsgerichte nicht durchringen, dem beurlaubten Gymnasiallehrer die Tür zu weisen.

Im Hotel Maritim ist ihre erste große Rede als Spitzenkandidatin nach wenigen Minuten vorbei. Alice Weidel hat es kurz, einfach und somit zielgruppengerecht gehalten: Die S-Bahnen sollen sicher werden, die Sparzinsen steigen und die Pro- Erdoğan-Türken gehen, wenn ihnen die Demokratie nicht passt. Die Zuwanderung müsse rigoros eingedämmt, die EU massiv zurückgedrängt werden. Tosender Applaus. Alice Weidel lächelt erleichtert. Der erste Schritt ist getan.