An der Front: Krieg um Bergkarabach

Zerstörtes Dorf Talish: Nach 1555 Jahren Geschichte im vergangenen April entvölkert.

Zerstörtes Dorf Talish: Nach 1555 Jahren Geschichte im vergangenen April entvölkert.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten wird um die armenische Enklave Bergkarabach gestritten und verhandelt -und dennoch scheint eine Lösung des Konflikts aussichtsloser denn je. Ein Frontbesuch macht klar, warum das so ist.

Er ist noch einmal in seine alte Heimat zurückgekommen: Beim Apfelbaum muss er sich ein wenig bücken, so tief hängt ein Ast mit dicken Früchten über den Weg. Auf der Stiege weicht er Büscheln von Unkraut aus, die im Sommer über die Stufen gewuchert sind. Vor dem Eingang knirschen Glasscherben und zerbrochene Morphium-Ampullen unter seinen Sohlen. An der sperrangelweit aufgerissenen Tür steigt er über den Rüssel einer kaputten Gasmaske hinweg. Ein Schritt ins Halbdunkel, dann steht Vilen Petrosyan in dem Gebäude, in dem er 23 Jahre als Bürgermeister amtiert hat.

Das Rathaus der kleinen Ortschaft Talish sieht nicht nur aus wie nach einem Bombenangriff - es wurde tatsächlich von schweren Geschossen getroffen: Artilleriegranaten und Raketen hätten dort eingeschlagen, sagt Petrosyan. Teile des Blechdachs hängen zerknautscht über den Balkon, andere hat die Wucht der Explosionen in die angrenzende Wiese geschleudert. Fensterscheiben gibt es nicht mehr, in ehemaligen Büros sind Akten und Papiere verstreut. Ein Luftzug blättert in den Seiten eines Gesetzbuchs, das offen auf dem Boden liegt. Ähnliche Verwüstungen zeigen die Schule, der Gemeindesaal und viele Häuser von Talish. Die Schäden stammen von Kämpfen, die im vergangenen Frühling um das Dorf im äußersten Norden von Bergkarabach geführt wurden: jener armenischen Enklave, die sich vor mehr als zwei Jahrzehnten für unabhängig erklärt hat, international bislang aber nicht anerkannt wurde; die von Aserbaidschan für sich beansprucht wird; und die in einer symbiotischen Beziehung mit seiner Schutzmacht Armenien lebt.

Kriegsschäden

Öffentliche Gebäude, Privathäuser und Infrastruktur von Talish wurden im Vier-Tage-Krieg schwer beschädigt.

Kriegsschäden

Öffentliche Gebäude, Privathäuser und Infrastruktur von Talish wurden im Vier-Tage-Krieg schwer beschädigt.

Der Krieg, der Anfang der 1990er-Jahre um Bergkarabach, auf Deutsch "Gebirgiger schwarzer Garten", geführt wurde, forderte Zehntausende Todesopfer. Seit 1994 gibt es zwar einen Waffenstillstand, der jedoch immer wieder verletzt wird - üblicherweise unter gegenseitigen Schuldzuweisungen. Die Kontrahenten könnten unterschiedlicher kaum sein. Auf der einen Seite Armenien: ein Land mit Tausende Jahre zurückreichender Geschichte und einem Volk, das vom Osmanischen Reich fast durch einen Genozid ausgerottet worden wäre; eingeklemmt zwischen feindseligen Nachbarn, ohne nennenswerte Bodenschätze und Zugang zum Meer; bei Weitem nicht lupenrein demokratisch, aber mit Ambition, europäischen Werten nachzueifern.

Auf der anderen Seite Aserbaidschan: Keine 100 Jahre alt, aber seit fast einem Vierteljahrhundert vom selben Familienclan regiert; eine auf Ölfeldern gebaute Autokratie, wie man sie auch im postsowjetischen Zentralasien findet; in Verruf geraten durch Menschenrechtsverstöße und Repressionen gegen Oppositionelle und Journalisten.

Dass sich im Konflikt um Bergkarabach beide im Recht fühlen, ist nicht überraschend. Allerdings haben beide auch durchaus valide Argumente -und gleichzeitig so viel zu verlieren, dass es für niemanden opportun scheint, den ersten Schritt einer Annäherung zu setzen. Die sogenannte "Kontaktlinie", die Bergkarabach von Aserbaidschan trennt, wurde zu einem weitläufigen System aus Befestigungen ausgebaut, in dem einander die Truppen beider Seiten belauern und von Zeit zu Zeit beschießen. Nach fast 25 Jahren scheint eine friedliche Lösung weiter entfernt denn je.

Eigentlich wollte Bürgermeister Vilen Petroyan am 2. April Geburtstag feiern. Stattdessen verbrachte er das erste Wochenende nach Ostern damit, die Evakuierung von Talish zu organisieren. Um drei Uhr früh, erzählt der 52-Jährige, sei er durch Detonationen aus dem Schlaf gerissen worden. Auf die Gemeinde ging ein Hagel von Granaten nieder, Dorfleute irrten in Panik durch die Straßen.

Gerüchte machten die Runde: Aserbaidschanische Soldaten hätten sich in Talish eingeschlichen, den örtlichen Militärstützpunkt erobert und Zivilisten ermordet. Tatsächlich fand man später mehrere Tote -darunter ein altes Ehepaar, das erschossen und verstümmelt worden war. Gleichzeitig brachen in mehreren Abschnitten der sogenannten "Kontaktlinie" Gefechte aus. Am 5. April hatten es die Streitkräfte von Bergkarabach geschafft, die Angreifer zurückzuschlagen. Es war die schlimmste Eskalation seit Vereinbarung des Waffenstillstands im Jahr 1994. Anschließend machten sich die Kontrahenten wie gewohnt wechselseitig dafür verantwortlich.


Wir können jederzeit wieder angegriffen werden. (Vilen Petrosyan)

Bergkarabach und Armenien sprechen von einem "Blitzkrieg" Aserbaidschans. Aserbaidschan gibt an, lediglich auf Provokationen Armeniens reagiert zu haben. Zudem seien seine Truppen gar nicht nach Talish vorgedrungen: "Wenn wir in dem Dorf gewesen wären, hätten wir es behalten", heißt es aus dem dortigen Außenministerium. Nur -wer hat dann das alte Ehepaar umgebracht? Die Bilanz des Vier-Tages-Krieges ist jedenfalls für beide Seiten ernüchternd: Jeweils rund 100 tote Soldaten auf beiden Seiten, zerstörte Privathäuser, öffentliche Gebäude und Infrastruktureinrichtungen, keine bedeutsamen Geländegewinne.

Während in Aserbaidschan viele Schäden bereits mit staatlicher Hilfe beseitigt wurden, ist Talish zum Geisterdorf verkommen. Schon einmal, im Jahr 1994, war die Gemeinde Schauplatz schwerer Kämpfe gewesen. Damals lebten noch fast 2700 Einwohner hier, zuletzt waren es nur noch 576.

Der Vier-Tage-Krieg 2016 hat Talish den Rest gegeben. Auf den Bäumen verkommen Granatäpfel und Feigen, ein Esel streunt zwischen den Ruinen zweier Kriege umher, abgesehen von den Soldaten der Grenzgarnison harrt niemand mehr aus. "Es ist zu gefährlich", sagt Bürgermeister Petrosyan, während er sich in der ebenfalls schwer beschädigten Schule umsieht: "Wir können jederzeit wieder angegriffen werden."

Das Gebäude, das bei Ausbruch der Auseinandersetzungen gerade renoviert wurde, liegt auf einer Anhöhe. Im ersten Stock geht der Blick weit auf feindliches Gebiet hinaus. An einer Hügelkuppe wenige Kilometer östlich sind mit freiem Auge aserische Stellungen auszumachen.

Talish sei "von alters her Adlernest und Ausguck der Armenier" gewesen, schrieb der "Spiegel" bereits 2006 über das Dorf, das im Jahr 461 nach Christus erstmals urkundlich erwähnt wurde. Jetzt scheint diese 1555 Jahre lange Geschichte an ihr Ende gekommen zu sein.


Wer wissen will, wie im vergangenen Jahrhundert Stellungskriege geführt wurden, bekommt an der "Kontaktlinie" eine lebhafte Vorstellung davon.

"Wenn das so ist, dann endet hier auch meine Geschichte", sagt Petrosyan: "Ich werde zu einer Person, die ihre Vergangenheit verloren hat. Ich war mein halbes Leben hier Bürgermeister, und ich will nicht der letzte gewesen sein."

Dann macht er sich auf den Rückweg in seine neue Heimat, einem knapp 40 Kilometer entfernten Flüchtlingslager, in dem einige Familien aus Talish untergebracht wurden. Er blättert in einem grünen Schulheft, das bei der Räumung der Schule in einem der Klassenzimmer zurückgelassen wurde. Es gehört einem Mädchen namens Meri Ohanyan, und einer der Aufsätze trägt den Titel "Ich bin eine Blume meiner Heimat".

Petrosyan liest und lächelt, während der Wagen eine Straße entlangrumpelt, die Pioniere der Streitkräfte von Bergkarabach vor Kurzem in den Boden gepflügt haben. Ein hoher Erdwall schirmt die Fahrbahn Richtung Osten ab. In unmittelbarer Nähe dahinter befindet sich die "Kontaktlinie". Und der Feind mit seinen Scharfschützen.

Wer wissen will, wie im vergangenen Jahrhundert Stellungskriege geführt wurden, bekommt an der "Kontaktlinie" eine lebhafte Vorstellung davon. Eine endlose Gravur von Schützengräben durchzieht die Landschaft, betonierte Laufgänge führen von Unterstand zu Unterstand, an den zum Schutz gegen Beschuss und Splitter aufgeschütteten Böschungen laufen Drähte entlang, die mit rostigen Konservendosen behängt sind und als primitive Alarmanlage dienen. Soldaten beobachten durch zentimeterdünne Sichtschlitze die gegnerischen Linien, vor denen Minenfelder liegen. Manchmal fliegt eine Kuh in die Luft, die sich dorthin verirrt hat. Ab und zu plärren die Aseris über Lautsprecher Beschimpfungen auf Armenisch. Einmal haben sie einen Hund herübergejagt, mit einem Zettel um den Hals, auf den Verwünschungen gekritzelt waren. Sehr oft schießen sie.

Stellungskrieg

Truppen von Bergkarabach an der sogenannten "Kontaktlinie".

Stellungskrieg

Truppen von Bergkarabach an der sogenannten "Kontaktlinie".

"Meistens aus Angst", vermutet einer der Soldaten aus Bergkarabach, die an der "Kontaktlinie" Dienst tun: "Sie hören etwas, fürchten sich und drücken ab. Dann feuern wir zurück, aber bewusst daneben. Wir müssen ja zeigen, dass wir da sind." Die meisten hier sind Rekruten, keine 20 Jahre alt und ohne Bart im Gesicht. Ihre Vornamen geben sie nicht preis, ihre Berufswünsche schon. Der 18-jährige Chatschatryan möchte nach den zwei Jahren Militärdienst Zahntechniker werden, einer seiner Kameraden Koch, ein anderer Buchhalter. Ob sie Angst haben? Die Burschen zögern einen Moment, aber da sagt ihr Oberstleutnant schon freundlich-bestimmt "Nein" und legt Chatschatryan die Hand auf die Schulter.

Nein? Dabei müssen sie, wenn man ihren Vorgesetzten glaubt, jeden Tag mit einer Offensive der Aseris rechnen. Ein paar Kilometer hinter der Front nimmt Oberst Grigoryan, Kommandant des Regiments, einen Schluck starken Tee, zieht an seiner Zigarette und stupst die Asche weg: "Im Vergleich zu April schießen sie seltener. Dafür trainieren sie mehr. Da drüben laufen Vorbereitungen. Ziel ist es wahrscheinlich, einen Angriff durchzuführen. Aber sie werden keinen Erfolg haben: Was in Talish passiert ist, war das erste und das letzte Mal."

Die Befürchtung, der verhasste und gefürchtete Nachbar werde bald wieder einen Vorstoß nach Bergkarabach unternehmen, äußert nicht nur in der Enklave, sondern auch in Armenien fast jeder Gesprächspartner.

Wie überhaupt -da sind sich alle einig -den Aseris alles zuzutrauen sei. Die Aseris sehen das umgekehrt ganz ähnlich.

Es ist aber auch zu viel geschehen zwischen den beiden Völkern. Beide wurden Opfer von Gräueltaten. Und beide wissen um ihre eigenen.

Man muss weit in die Geschichte zurückgehen, um den Anfang der Feindschaft zu finden. Zumindest bis ins Mittelalter, in dem innerhalb des armenischen Königreichs das Fürstentum Arzach existierte: ein Name, der bis heute als Synonym für Bergkarabach geführt wird. Die Aseris wiederum wollen historische Wurzeln im Khanat* Karabach erkennen, das im 17. Jahrhundert dort entstand.


Mehr als 1000 Jahre hatten in der Region Angehörige beider Ethnien zusammengelebt.

Man darf nicht vergessen, wie tief das Trauma des Völkermordes sitzt, der Anfang des 20. Jahrhundert an den Armeniern begangen wurde - von den Osmanen, mit denen die Aseris eng verbunden sind; auch nicht, dass die Aseris mit Unterstützung der Osmanen bereits zwischen 1918 und 1920 Krieg gegen die Armenier führten, unter anderem um Bergkarabach; und ebensowenig, dass Aserbaidschan auch heute eng mit der Türkei, dem Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches, befreundet ist.

Und man muss sich daran erinnern, dass Stalin Bergkarabach in UdSSR-Zeiten gegen den Willen Armeniens der Sowjetrepublik Aserbaidschan zuschlug; allerdings als autonome Region, um der Tatsache Rechenschaft zu tragen, dass die dortige Bevölkerung zu 70 bis 80 Prozent aus Armeniern bestand -womit die Feindschaft kaschiert, aber nicht beseitigt wurde, sondern im Gegenteil vertieft. 1988, die Sowjetunion schwächelte bereits beträchtlich , endete die Illusion von oben verordneter Völkerfreundschaft und setzte lange Zeit unterdrückte Animositäten frei: In Aserbaidschan kam es zu Pogromen gegen Armenier, die eine Massenflucht zur Folge hatten.

Bis 1990 verließen Hunderttausende von ihnen das Land. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nahmen die Armenier blutige Rache, vertrieben ebenfalls Hunderttausende Aseris und kämpften nicht nur Bergkarabach frei, sondern auch eine weit darüber hinausreichende Pufferzone, die je nach Angaben acht bis 20 Prozent des benachbarten Territoriums umfasst. Aserbaidschan wiederum sicherte sich die Exklave Nachitschewan an der iranisch-türkischen Grenze und verjagte die dortigen Armenier. Um es weiter zu komplizieren, stammen sowohl der amtierende Präsident Armeniens, Sersch Sargsjan, als auch sein Vorgänger aus Bergkarabach -und Aserbaidschans Präsident Ilham Aliyev ebenso wie sein Vorgänger (und Vater) Haydar Aliyev aus Nachitschewan.

Mehr als 1000 Jahre hatten in der Region Angehörige beider Ethnien zusammengelebt. Die Vertreibung von 750.000 Aseris und 300.000 Armeniern besiegelte auf beiden Seiten einen Zustand der ethnischen Säuberung.

Dass all das keine gute Basis für eine Einigung ist, zeigt der Umstand, dass die Verhandlungen seit über 20 Jahren auf der Stelle treten. Als Vorbedingung verlangen die Aseris unter Berufung auf mehrere UN-Resolutionen die Rückgabe von Bergkarabach und der umliegenden, armenisch besetzten Gebiete. Die Regierung von Bergkarabach wiederum will nur reden, wenn sie als anerkannter Verhandlungspartner am Tisch sitzt. Das eine wie das andere ist undenkbar.

Leben im Krieg

Blume der Heimat: Bürgermeister Petrosyan mit Meri Ohanyan und dem geretteten Schulheft.

Leben im Krieg

Kriegsvertriebene: 28 Familien aus Talish leben heute in einem ehemaligen Erholungsheim - vorerst ohne Heizung.

"Ich sehe keine Möglichkeit, in naher Zukunft zu einer friedlichen Lösung zu finden", sagt Ashot Ghoulian, Parlamentspräsident von Bergkarabach, gegenüber profil. "Wir hören von den Armeniern immer nur die gleichen Phrasen. Das macht nicht optimistisch", heißt es aus Aserbaidschan. Währenddessen wird dies-und jenseits der Kontaktlinie trainiert, gegraben, befestigt. Und aufgerüstet.

Die neue Heimat von Vilen Petrosyan liegt 37 Straßenkilometer von Talish entfernt in Alashan, einem ehemaligen Erholungsheim am Sarsang- Stausee. 28 Familien aus dem im Vier-Tage-Krieg zerstörten Dorf wurden hier in spartanischen Holzhäusern untergebracht. Gekocht und gegessen wird auf den überdachten Terrassen, wie sie über den Winter kommen sollen, ist noch nicht klar: Öfen und Heizungen gibt es vorerst nämlich nicht.

Mit dem Aufsatzheft in der Hand macht sich der Bürgermeister auf die Suche nach Meri Ohanyan. Er findet sie in der Schule, in der auch ihre Mutter als Lehrerin arbeitet. Ob sie ihren Text vorlesen könne, fragt er die Zwölfjährige im Konferenzzimmer. "Ich bin eine Blume meiner Heimat", beginnt Meri: "Meine Heimat ist für mich etwas ganz Wertvolles. Ich liebe meine Heimat, sie ist für mich die ganze Welt. Meine Heimat hat viel Schmerz ertragen müssen, hat Kriege erlebt - ist aber nicht verloren gegangen, sondern stark geblieben. Der Feind hat versucht, uns unsere Heimat wegzunehmen, hat es aber nicht geschafft. Wir Armenier sind sehr fleißige Menschen, wir sind aber auch stark und haben keine Angst vor dem herzlosen Feind."

Wahrscheinlich gibt es jenseits der "Kontaktlinie" kleine Mädchen, die ähnliche Aufsätze schreiben.