Angela Merkel und der Pull-Effekt

Essensausgabe für Flüchtlinge in Nickelsdorf

Essensausgabe für Flüchtlinge in Nickelsdorf

Noch immer kommen täglich Tausende Flüchtlinge in Europa an - und Schuld daran soll die deutsche Bundeskanzlerin sein. Aber stimmt das auch?

Eines ist inzwischen offenkundig: Europa hat derzeit die größte Flüchtlingskrise seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu bewältigen - und ihr Ende scheint ebensowenig in Sicht wie eine kontrollierte Steuerung des Andrangs.

In Deutschland steigt der innenpolitische Druck auf Kanzlerin Angela Merkel. Sie wird dafür verantwortlich gemacht, durch eine allzu offene Einladung an syrische Kriegsvertriebene eine unkontrollierbare Dynamik in Gang gesetzt zu haben.

So einfach ist die Schuldzuweisung allerdings nicht zu treffen.

Gründe für die Massenflucht

In Syrien geht der Bürgerkrieg in sein fünftes Jahr - und das ist bei bewaffneten Konflikten erfahrungsgemäß jene Phase, in der Vertriebene die Hoffnung verlieren, wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können. Gleichzeitig verschlechtert sich die Sicherheitssituation im türkischen Grenzgebiet seit dem Wiederaufflammen des PKK-Konflikts massiv. Die UN musste die Lebensmittelhilfe in den Flüchtlingslagern wegen Geldmangels massiv kürzen. Zudem hat das syrische Regime überraschend damit begonnen, Reisepässe an Staatsbürger auszugeben, die ins Ausland geflüchtet sind. Diese können somit die Camps in Jordanien und dem Libanon verlassen und ohne Visum legal in die Türkei reisen.

Als das deutsche Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) am 25. August via Twitter die Entscheidung öffentlich macht, dass syrische Staatsbürger de facto automatisch Asyl bekommen, und sich Merkel wenig später positiv darüber äußert, bedeute das nicht den Startschuss für den Run auf Deutschland: der Zustrom ist bereits in vollem Gang. In Griechenland werden in diesem Monat pro Tag durchschnittlich 2900 Neuankömmlinge gezählt, im vorangegangenen Juli waren es noch 1600 gewesen.

Mehr als 200.000 Asylwerber sind da bereits seit Anfang 2015 über Griechenland in Europa eingetroffen. Rund 70 Prozent auf dieser Route stammen laut Zahlen des UN-Flüchtlingshochkommissariats (Unhcr) aus Syrien, 19 Prozent aus Afghanistan, der Rest aus dem Irak (vier Prozent), Pakistan (drei Prozent) und Somalia (ein Prozent). Die durchschnittliche Reisezeit von der Türkei nach Ungarn beträgt rund eineinhalb Monate, die Kosten liegen bei mehreren Tausend Euro.

Die Situation in Ungarn

In Ungarn stauen sich inzwischen Zehntausende Flüchtlinge. Sie alle brauchen die Einladung aus Deutschland nicht. Sie sind ohnehin bereits auf dem Weg.

In der ersten Septemberwoche ändert sich noch nicht viel an der Situation. Durchschnittlich 4000 pro Tag kommen aus Griechenland in Mazedonien an, entsprechend viele in Serbien und Ungarn: Dort wird ihnen die Weiterreise vorerst noch schwierig gemacht.

Am 4. September brechen in Budapest Tausende Flüchtlinge - manche davon mit Fotos von Angela Merkel in Händen - zu Fuß Richtung Österreich auf, um nach Deutschland zu gelangen. Daraufhin lässt die ungarische Regierung sie in Bussen und später Zügen zur Grenze bringen.

Die Reaktion der Regierungen in Deutschland und Österreich

Die Regierungen in Berlin und Wien haben in dieser Situation wenig Entscheidungsspielraum. Sie lassen ihre Grenzen geöffnet. Am 5. September treffen in Österreich rund 10.000 Asylwerber ein, die meisten reisen umgehend nach Deutschland weiter. Mit einem Mal wird zudem eine Flucht- und Migrationsbewegung sichtbar, von der bekannt war, dass sie existiert - von der aber vergleichsweise wenig Notiz genommen wurde, weil sie in kleinen Gruppen über Schlepper stattgefunden hat. In Ungarn leeren sich die Flüchtlingslager. Binnen weniger Tage entlädt sich ein Druck, der über Monate immer mehr angewachsen ist.

Ankunft der Flüchtlinge in München

Ankunft der Flüchtlinge in München

Bis dahin hat Deutschlands Aufnahmebereitschaft nur dazu geführt, dass bereits am Kontinent angekommene Flüchtlinge schneller über die Grenze kommen. Jetzt erst setzt tatsächlich so etwas wie ein Merkel-Effekt ein, der in Syrien und den Nachbarländern wirkt und den bereits vorhandenen Andrang verstärkt.

In Griechenland steigt die Zahl der Neuankömmlinge in der ersten Septemberwoche vielmehr auf 5100 pro Tag und in der zweiten sogar auf 7600, um sich bei nunmehr zwischen 6000 bis 7000 einzupendeln. Die meisten durchqueren irgendwann Österreich - insgesamt mehr als 200.000 seit Anfang September.

Der Pull-Faktor

Nie zuvor ist es so schnell gegangen, nach Europa zu kommen. Nie zuvor war es so einfach. Und nie zuvor so billig: Inzwischen ist die Durchschnittszeit für die Reise von der Türkei in den Schengen-Raum auf sechs Tage gesunken, manche schaffen es sogar in vier. Ab Griechenland sind dafür keine Schlepper mehr nötig, es reichen Bus-und Zugfahrkarten.

Dass diese Erleichterung zum zusätzlichen Pull-Faktor, also zur Anziehungskraft, werden würde, dürfte kaum jemand vorausgesehen haben. Dass zudem jeder, der es nach Europa geschafft hat, bei Angehörigen zum Werbeträger für die Flucht wird, ebenso wenig.

Die Folgen

In der Folge ändert sich nicht nur das Volumen des Flüchtlingsstroms, sondern auch seine soziale Zusammensetzung. Es kommen vermehrt Ältere und Ärmere, denen bislang das Geld gefehlt hat. Aus dem Lager Zaatari in Jordanien melden sich derzeit 200 Insassen pro Tag ab, weil sie nach Europa wollen.

In Serbien wurden am Donnerstag vergangener Woche rund 3000 Neuankömmlinge gezählt, in Ungarn 3600; in Österreich 4500 und bis Freitag 7.00 Uhr früh nochmals 1400: macht mehr als 12.000, die innerhalb der drei Länder unterwegs waren. Dieses Wochenende dürfte die Gesamtzahl der Flüchtlinge auf der Balkan-Route nach Angaben des Unhcr die Zahl von 400.000 bereits überschritten haben. Insgesamt haben seit Jahresbeginn mehr als 530.000 Asylwerber das europäische Festland erreicht, fast die Hälfte davon in den vergangenen sechs Wochen.

Wenn der Andrang zwischendurch nachlässt, dann nur aufgrund schlechter Wetterbedingungen. Danach, da sind sich eigentlich alle einig, wird es wohl weitergehen wie bisher - egal, wie willkommen oder unerwünscht die Flüchtlinge dann in Deutschland sind.