Árpád Soltész im Investigativzentrum Jan Kuciak
Árpád Soltész im Investigativzentrum Jan Kuciak

© Simone Brunner

Ausland
02/27/2020

Árpád Soltész: „Sollen sie mich doch hassen!“

Der slowakische Journalist Árpád Soltész über die Verfilmung seines Bestsellers „Schweine“, die bevorstehenden Parlamentswahlen und den „Mafiastaat“, in dem er lebt.

Interview: Simone Brunner

profil: Dieser Tage ist der Film „Schweine“ in den slowakischen Kinos angelaufen, der auf Ihrem Roman basiert, den Sie nach der Ermordung Ihres ehemaligen Kollegen Ján Kuciak geschrieben haben. Darin geht es um Oligarchen, Korruption und einen Journalistenmord. Klingt das nicht eher nach der slowakischen Realität als nach Fiktion? Soltész: Nach Jáns Tod war ich sehr frustriert, weil ich überzeugt war, dass niemand für seinen Tod vor Gericht gestellt würde. Wir haben weder der Polizei noch der Staatsanwaltschaft vertraut. Fakten allein haben keine ausreichend emotionale Kraft, um etwas zu verändern. Deswegen habe ich mich für die Romanform entschieden, um den Slowaken die Augen öffnen, in welchem Staat sie eigentlich leben: in einem Mafiastaat.

Allein, dass es diesen Prozess gibt, ist ein kleines Wunder.

profil: In Ihrem Buch gibt es die Figur Wagner, um die sich alles dreht... Soltész: ... einer von den „Schweinen“... profil: ... in dem viele den mächtigen Geschäftsmann Marian Kočner sehen, der derzeit im Kuciak-Mordprozess vor Gericht steht. Die Ermittlungen haben Kočners enge Kontakte zur Elite des Landes gezeigt. Übertrifft die Realität inzwischen die Fiktion? Soltész: Als ich das Manuskript abgegeben habe, gab es die Befürchtung im Verlag, ich hätte zu sehr übertrieben und die Leser könnten meinen Roman unglaubwürdig finden. Im Laufe der Ermittlungen sind aber immer neue Details ans Licht gekommen, und ich stand wie ein Hellseher da. Dabei ist die Wirklichkeit noch viel schlimmer als mein Roman! Man muss aber auch sagen, dass die Polizei ausgezeichnete Arbeit geleistet hat. Allein, dass es diesen Prozess gibt, ist ein kleines Wunder. profil: In den ersten Tagen haben den Film schon mehr als 100.000 Menschen gesehen – ein slowakischer Rekord. Die Premiere des Films fiel in den Wahlkampf für die Parlamentswahlen am 29. Februar, dieser Tage jährt sich Kuciaks Ermordung zum zweiten Mal. Gab es auch negative Reaktionen auf den Film? Soltész: Ich bekomme seit Jahren Hassmails, meine Familie und ich werden mit dem Tod bedroht. Aber ich werde auch für diesen Film angefeindet. Ľuboš Blaha...

profil: ... ein Abgeordneter der mächtigen sozialdemokratischen Regierungspartei Smer-SD... Soltész: ... der immerhin Vorsitzender des Europäischen Komitees im slowakischen Parlament ist, hat zuletzt angedeutet, George Soros und die CIA hätten diesen Film mit „schmutzigen Millionen“ finanziert, um Smer-SD bei der Wahl zu schaden. Außerdem hat er mich ein „vulgäres liberales Monster“ genannt. Offensichtlich gibt es Leute, die sich in diesem Film wiedererkennen. Dass ihnen der Film nicht gefällt, ist okay für mich. Sollen sie mich doch hassen! profil: Wie erklären Sie sich diese Aggressivität? Soltész: Die Parlamentswahlen am 29. Februar sind ein Referendum über die Zukunft des Landes. Wenn die demokratische Opposition die Wahlen gewinnt, werden die Behörden weiter im Smer-SD-Umfeld ermitteln. Wir haben im Prozess gesehen, welche Politiker Kočner in der Tasche hatte. Sie haben Angst vor einer echten Demokratie mit einer unabhängigen Justiz, weil sie dann im Gefängnis landen könnten. Drei Gruppen kämpfen bei dieser Wahl um die Macht: die Mafia um die Regierungspartei Smer-SD, die rechtsextreme LSNS von Marian Kotleba und die demokratische Opposition. Aber keine der drei Gruppen hat eine Mehrheit.

„Liberalismus“ ist heute in der Slowakei ein Schimpfwort.

profil: Nach dem Kuciak-Mord kam es zu den größten Protesten seit der Wende. Hat sich die Slowakei verändert? Soltész: Viele Slowaken sind wütend und wollen einen Wandel. Das muss aber nicht automatisch ein demokratischer Wandel sei – ein Dilemma, an dem wir Journalisten im Übrigen nicht ganz unschuldig sind. Mit dem Ende der Ära Vladimir Mečiar und dem EU-Beitritt glaubten wir, dass jetzt nichts mehr schiefgehen könne. Wir haben den Leuten eingetrichtert, dass wir nun in einer liberalen Demokratie leben. Aber unter diesem Etikett lief der Mafiastaat einfach weiter. „Liberalismus“ ist heute in der Slowakei ein Schimpfwort. Und wenn die Leute genug von diesem Liberalismus haben, werden sie Kotleba wählen. Die wütende Masse will keine Gerechtigkeit, sondern Rache. Und Kotleba verspricht Rache. profil: Das klingt sehr pessimistisch. Soltész: Ja, ich bin sehr pessimistisch. Ich bin wirklich bereit, je nach Wahlergebnis das Land zu verlassen. Ich kann meine Romane auch von Berlin aus schreiben.

Zur Person Árpád Soltész, 50, war in den 1990er-Jahren einer der Mitbegründer des slowakischen Investigativjournalismus. Heute arbeitet er als politischer Kommentator für den Fernsehsender TV JOJ. Seit einem Jahr leitet er zudem das Investigativzentrum Ján Kuciak (ICJK), das zu Ehren des 2018 ermordeten Journalisten gegründet wurde.