China: Die unverstandene Weltmacht

Chinas Präsident Xi Jinping

Chinas Präsident Xi Jinping

China schickt sich an, das politische Vakuum zu füllen, das der neue US-Isolationismus unweigerlich hinterlassen wird. Doch wie sieht es im Inneren des Riesenreiches aus? Ein profil-Schwerpunkt über ein Land, das sich vom Rest der Welt unverstanden fühlt.

Es gibt Tee. Brühwarm dampft er aus weißen Porzellantassen. Weiße Sofasessel und mit weißer Spitze gedeckte Beistelltischchen sind säuberlich in einem weiten Kreis aufgestellt. Alle zehn Minuten huscht eine Frau mit gesenktem Kopf durch den abgedunkelten und gekühlten Raum, hebt behutsam die Deckel der Tassen und schenkt nach.

Ein Montag im Sommer, später Nachmittag, erster Stock in einem der vielen grauen Bürogebäude von Peking. Die Gastgeberin trägt Stöckelschuhe zum bunten Blumenkleid, ihr Englisch ist perfekt, das Lächeln ebenso. Sie sieht anders aus, als man sich eine Beamtin eines Landes vorstellt, das meist mit ungemütlichen Adjektiven beschrieben wird: kommunistisch, autoritär, verschlossen.

"China wird vom Ausland nicht verstanden“, sagt sie. Sie soll den Gästen aus dem Westen die chinesische Antwort auf häufig gestellte Fragen geben: jene nach Demokratie, Freiheit, Menschenrechten. Eine Stunde lang wird sie reden und am Ende darum bitten, ihren Namen nicht zu nennen.

Die Chinesen sind auch ein wenig selbst schuld, weil sie sich so lange abgeschottet haben, sagt sie. Ja, es wurden viele Fehler gemacht, aber jetzt öffnen wir uns. Die chinesischen Medien sind kritisch, aber sie verstehen auch, dass alle im selben Boot sitzen, und sie kennen ihre Verantwortung: gegenüber China, den Eltern, der sozialistischen Utopie. Wer nicht zusammenhält, wird untergehen. Und es funktioniert ja ganz gut, es geht steil nach oben, der Wohlstand ist angewachsen wie nirgendwo sonst auf der Welt. Bald haben auch die letzten Dörfer Strom. Noch etwas Tee?

Tatsächlich hat sich China im vergangenen Vierteljahrhundert wie kein anderes Land zuvor in der Geschichte entwickelt. Weder Japan noch Brasilien oder die Oststaaten stiegen so schnell auf wie das 1,3-Milliarden-Einwohner-Reich. Nun steht der nächste Schritt an: Weltmacht. Die Chinesen scheinen bereit, in das Vakuum vorzustoßen, das US-Präsident Donald Trump mit seinem Isolationismus erzeugen wird. Also blinzeln die Europäer in den Fernen Osten, um auszumachen, ob dort ein verlässlicher Verbündeter herangewachsen ist - und nicht nur ein Billigproduzent.

In den Glasfassaden der Wolkenkratzer von Peking, Shanghai oder Guangzhou spiegelt sich eine Sehnsucht wider: Im 19. Jahrhundert brach der imperialistische Westen über das in verstockten Ritualen festhängende chinesische Kaisertum herein - eine bis heute andauernde Demütigung für ein Reich, das sich in seiner 4000 Jahre langen, stark romantisierten Geschichte an nur einem Platz sah: dem Mittelpunkt der Welt.

Wer China verstehen will, kann ein Leben damit zubringen und am Ende trotzdem scheitern. In diesem profil-Schwerpunkt wird versucht, anhand von drei Episoden einen Einblick in ein Land zu geben, dessen Erfolg oder Niederlage auch für Europa eine bedeutende Rolle spielt. Der erste Teil porträtiert den Anführer von 1,3 Milliarden Menschen und erzählt dabei auch etwas über Machtausübung in der Kommunistischen Partei. Der zweite Part führt in den Westen des Landes, der noch immer als wild betrachtet wird und wie durch eine magische Linie vom Osten getrennt ist. Zum Schluss stellt sich die Frage, wie Land, Partei und Menschen mit den vielen Spannungen fertigwerden sollen, die sich auf dem Weg nach oben aufgebaut haben und immer wieder entladen.

Die Stunde im Pekinger Amt ist vorbei. Die Beamtin im Blumenkleid verabschiedet sich, überreicht ein paar kleine Geschenke, wie es in China üblich ist. "Unser Land ist aus der Ferne nicht leicht zu verstehen“, sagt sie zum Abschied. Was nicht aber unbedingt heißt, dass es aus der Nähe einfacher wird.

1. Der Prinzling

Xi Jinping regiert China so wie seine Vorgänger: mit der Kommunistischen Partei. Er muss dabei nicht nur Politiker, sondern auch spiritueller Führer sein.

Der Besuch bei den Pandas gehört zu den einfacheren Terminen. Bedächtig schreitet Xi Jinping über sauber gefegte Gehwege durch den Berliner Zoo. Hinter einer Glasscheibe kaut der bullige Jiao Qing auf einem Bambuszweig; die zierliche Meng Meng schnuppert an der Luft. Ihnen scheint der 64-Jährige mit dem perfekt sitzenden Seitenscheitel und dem dunklen Anzug völlig egal zu sein.

Es ist Mittwoch vergangener Woche, und die chinesische Nummer eins übergibt den Deutschen zwei Pandas, eine Mischung aus Diplomatie und Staatsakt. Für Xi Jinping sind es ein paar Minuten des Verschnaufens auf einer Tausende Kilometer langen Tour: Am Wochenende zuvor nahm er noch im adretten Mao-Anzug die Reihen der Volksbefreiungsarmee in Hongkong ab. In Moskau schüttelte er Wladimir Putin die Hand. Und jetzt der Zwischenstopp bei Angela Merkel mit Abendessen, Pandas und Teetrinken in Berlin, bevor es weiter zum G20-Gipfel in Hamburg geht.

Xi ist einer der mächtigsten Menschen der Welt. Sein Land zählt 1,3 Milliarden Menschen. Eine Atommacht, die meisten Exporte, einer der ersten Anwärter auf einen Spitzenplatz unter den sich über die Jahrhunderte abwechselnden Weltmächten. Doch er ist anders als viele seiner Kollegen, mit denen er an langen Verhandlungstischen sitzt oder auf Gruppenfotos lächelt. Wie alle chinesischen Führer vor ihm stellt Xi Jinping ein sorgsam gehütetes Rätsel dar.

Einen Termin mit ihm zu bekommen, ist für Normalsterbliche so gut wie unmöglich. Er gibt kaum persönliche Interviews, und schon gar keine, wie sie von Staatsmännern in westlichen Demokratien erwartet werden. Seine Vergangenheit, seine Prägung, seine Weltsicht und Pläne präsentiert er in den streng kontrollierten Staatsmedien. Seine Reden werden von "Parteibeobachtern“ in Peking, Shanghai oder Hongkong Satz für Satz gedeutet.

Die Partei diktiert

Es wäre falsch, Xi deswegen als diktatorischen Führer zu bezeichnen, der schalten und walten kann, wie es ihm beliebt. Seine politische Macht stammt aus einer einzigen Quelle: der Kommunistischen Partei. Wer China regiert, muss sich in einem komplexen System bewähren, das der britische Sinologe und Xi-Jinping-Biograf Kerry Brown mit dem Vatikan vergleicht: einer spirituell angehauchten, intransparenten und deswegen durchaus kirchenartigen Struktur.

Zwar gibt es in China Wahlen und ein Parlament, das Gesetze beschließt. Doch wer auf die Listen kommt, bestimmt die Partei. Was in den Ministerien umgesetzt wird, legt sie vorab in ihren vielen Beratungsgruppen fest, die wie ein Schattenregime über der eigentlichen Regierung schweben. Ihre Basis besteht aus rund 80 Millionen Mitgliedern, unter denen Gefallen, Posten, Aufstiegschancen oder spiritueller Zuspruch verteilt werden. Weit über ihnen steht das Zentralkommittee (3000 Mitglieder), das Politbüro (25 Mitglieder) und darüber wiederum der ständige Ausschuss des Politbüros. Dessen sieben Mitglieder thronen über allem, sie sind Philosophen und Könige, die sinnieren, wie sich das Land entwickeln soll. Sie bestimmen den Mächtigsten unter ihnen, den Generalsekretär der Kommunistischen Partei (KP). Seit fünf Jahren heißt er Xi Jinping.

Seine Geschichte, so weit bekannt, erzählt von einem China, das mit einem Fuß in der Zukunft und mit dem anderen tief in der Vergangenheit steht. Xi wurde am 15. Juni 1953 in Peking als drittes von vier Kindern geboren. Sein Vater Xi Zhongxun gehörte zu den "Unsterblichen Acht“, den Helden aus den heute zur Legende verklärten Gründungstagen der KP. Der Sohn drückte die Bänke der Eliteschulen mit den Sprösslingen anderer Pionierfamilien, die aus ihrem Ruhm oft genug Privilegien ableiteten. Rund 200 solcher Familienclans kennt das Land bis heute, ein Zehntel von ihnen dominiert den innersten Machtzirkel, schätzt Brown, der das renommierte Lau-China-Institut am Londoner King’s College leitet. Xi gehört zu dieser Elite, er ist ein sogenannter "Prinzling“.

Es wäre zu einfach, seinen Aufstieg auf den in China bis heute tief in der Gesellschaft verwurzelten Nepotismus zurückzuführen. Denn die hohe Abstammung führte erst einmal zu einem tiefen Fall: Als der berüchtigte und paranoid gewordene Alleinherrscher Mao Zedong in den 1960er-Jahren die "Kulturrevolution“ ausrief, um die Reihen der Kommunisten von innen zu säubern, wurde Xis Vater über Nacht zum Geächteten. So wie 17 Millionen andere Jugendliche musste sich der Sohn auf Bauernhöfen in der Provinz bei harter Knochenarbeit umerziehen lassen.

Xi kämpfte sich zurück: zunächst gegen die Partei, die sich trotz Reformen, Wiedergutmachung und Machtwechseln nach Maos Tod gegen ihn wehrte und seinen KP-Mitgliedschaftsantrag zehn Mal abwies. Seine politische Karriere begann der gefallene Heldensohn auf der untersten Ebene: Er leitete in den 1990er-Jahren die wachsende und für damalige Maßstäbe offene Provinz Fujian gegenüber der Küste von Taiwan. Dort förderte er Geschäftsleute wie Jack Ma, den Gründer des Online-Versandes Alibaba, der später zum reichsten Mann Asiens werden sollte.

"Nur Sozialismus kann China retten"

Hier die sozialistische Utopie, dort die neuen Reichen: Diesen Widerspruch konnte kein Führer Chinas nach Maos Tod auflösen. Auch Xi las sich eine rote Ideologie an, lernte das technische KP-Vokabular mit seinen Referenzen auf alte Werke, das vielen Sinologen heute fast als eigener Dialekt gilt. Trotz des Leides der eigenen Familie verlor er kein böses Wort über Mao, der politische Programme umsetzen ließ, deren Folgen mindestens 50 Millionen Menschen das Leben kosteten. "Nur Sozialismus kann China retten“, schrieb Xi einmal: "Und nur Reform und Öffnung können China, Sozialismus und Marxismus entwickeln.“

Xi hat das Land in die Zukunft geführt. Sein Vorgänger Hu Jintao galt als langweiliger Technokrat und Apparatschik. Gegen ihn wirkt Xi wie ein Star: 1,80 Meter groß, volles Haar, in zweiter Ehe verheiratet mit Peng Liyuan, einer berühmten Volksmusiksängerin, die schon früh erkannt haben muss, dass aus dem Provinzpolitiker etwas werden könnte. Als Xi zum KP-Generalsekretär gewählt wurde, veröffentlichte die Nachrichtenagentur Xinhua eine ausführliche Biografie; dazu gab es Fotos aus Xis Jugend, Xi mit seinem Vater, Xi mit Frau.

Er kann sich diesen Blick in seine Geschichte wohl auch deshalb leisten, weil seine Familie darin auf der richtigen Seite stand. Weder während der "Kulturrevolution“ noch beim Massaker auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens im Jahr 1989 hatte sich sein Vater gegen das eigene Volk gestellt.

Nun muss der Sohn selbst mit der Macht und ihren Tücken umgehen. Dass er die Kontrolle hat, bezweifelt niemand. Seit Mao sicherte sich kein chinesischer Führer so geschickt und umfassend mit Gefolgsleuten ab. Sie sitzen nicht nur in den Disziplinarabteilungen der Partei, die schon über Erfolg oder Misserfolg so mancher Intrige entschieden haben. Xi selbst hat sich in gleich vier der acht wichtigen und undurchsichtigen Beratergruppen der Partei hineinreklamiert, von denen Minister ernannt werden. "Vorsitzender für alles“ lautet sein Spitzname.

Das wird auch so bleiben, bis sich die Partei kommenden November zu ihrem alle fünf Jahre stattfindenden Parteitag versammelt. Dort dürfte Xi als Präsident und - viel wichtiger - KP-Generalsekretär bestätigt werden. Trotz dieses erwartbaren Ausgangs fiebert nicht nur Peking dem Treffen entgegen: Fünf Mitglieder müssten den Ständigen Ausschusses des Politbüros, das nur sieben Mitglieder zählende oberste Machtgremium, verlassen, weil sie die Altersgrenze von 70 Jahren erreicht haben. Wenn das tatsächlich passiert und zwei nach 1960 geborene KP-Kader nachrücken, soll das den mystisch anmutenden Deutungen der Parteibeobachter zufolge ein erster Hinweis darauf sein, dass sich Xi im Jahr 2022 als KP-Generalsekretär zurückzieht.

Was in China wahr, Gerücht, Propaganda oder pures Wunschdenken ist, kann meist nicht klar unterschieden werden. Xi-Biograf Brown bezeichnet die Suche nach einem Nachfolger als Prozess, der eher "ins Reich der Magie als in das der Politikwissenschaft“ gehört. Denn selbst in Zeiten des Internets konnte sich die Kommunistische Partei ein Monopol bewahren: jenes auf Informationen über sich selbst.

2. Jenseits der Hu-Linie

Der Westen Chinas gilt heute noch als menschenleer und wild. Mit viel Beton und noch mehr Touristen soll sich das ändern.

Provinz Qinghai, rund 2000 Kilometer westlich von Peking. Zottelige Yaks grasen an steilen Hügeln, im Tal plätschert ein Fluss, die Sonne strahlt über den Gipfel der nahen Berge. Mitten durch diese Idylle rauschen Autos über die S11, eine breite Schnellstraße. Vor vier Jahren wurde sie fertiggestellt samt Tunnels, die durch ein gelbes Schild am Portal als "superlang“ ausgewiesen werden.

Die S11 soll Qinghai an das restliche China anschließen. Denn hier beginnt das Hinterland, weit weg von allem, was Peking in den vergangenen Jahrzehnten geschaffen hat. In den unermesslich scheinenden Weiten des tibetanischen Hochplateaus stehen Dörfer aus Lehmhütten, arbeiten Bauern mit wettergegerbten Gesichtern. Oft fehlt Strom, medizinische Versorgung oder eine Universität.

Mittagszeit in Guide, einem 100.000-Einwohner-Ort, an dem der Huangtse noch kristallklar blau vorbeifließt. Überall ragen Baukräne in den Himmel. Es soll alles anders werden in Guide, der Westen entwickelt sich: Wohnblocks werden hochgezogen, die fertigen Siedlungen reihen sich einige Kilometer aneinander. Zwei bis drei Stunden kürzer ist die Fahrt ins weiter östlich gelegene Xingin geworden, seit es die S11 gibt. Zehntausende könnten nun hierher ziehen, hoffen die Besitzer.

Die neuen Siedler sollen helfen, mit einem altbekannten Problem Chinas fertigzuwerden: der Hu-Linie. Bereits in den 1930er-Jahren schrieb der chinesische Demograf Hu Huanyong, dass die chinesische Bevölkerung großteils im tiefer gelegenen, regenreichen Osten lebe. Er zog eine imaginäre Grenze durch das ganze Land: Heute wohnen östlich der später nach ihm benannten Linie rund 94 Prozent der Chinesen, das sind in etwa 1,2 Milliarden Menschen. Hier ist die Zahl der Universitäten höher, das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ebenso; es gibt mehr Straßen, Eisenbahnstrecken, Industrie, gut bezahlte Jobs, aber auch Luftverschmutzung und versalzte Böden. Im Westen ist die Luft zwar sauberer, aber das BIP pro Kopf liegt im Schnitt 15 Prozent unter jenem an der Küste, und in der Nacht ist es zappenduster.

"Wir müssen die Hu-Linie durchbrechen“, sagte der chinesische Premier Li Keqiang in einer Rede im Jahr 2012. Es soll Straßen geben, Strommasten, Universitäten, Krankenhäuser und Jobs, Jobs, Jobs - kurz: den Fortschritt, den die KP dem ganzen Land versprochen hat. Schon seit der Jahrtausendwende steckt der Staat unter dem Motto "Go West“ Milliarden in den Ausbau von zwölf Provinzen, zu denen Mittelchina genauso zählt wie weiter westlich gelegene Provinzen.

Geografische Nachteile

Dabei verbirgt sich hinter der Leere im tiefen Westen kein Missmanagement, sondern eine Art Naturgesetz: Westlich der Hu-Linie sind die Niederschläge seltener als östlich, das Land ist entweder Steppe, Wüste oder liegt auf mehreren Tausend Metern Seehöhe. Nicht, dass Geografie die chinesischen Träume aufhalten könnte: Auch im Osten trennt das Qinling-Gebirge den trockenen Norden vom Süden. Da auf der nördlichen Seite der Berge sauberes Trinkwasser knapp wurde, pumpt der Süden seit Kurzem über eine Pipeline riesige Mengen davon herauf.

Was werden die Fünfjahresplaner mit dem nach chinesischen Maßstäben winzigen Ort Guide machen? Warum stehen dort die Wohnsilos leer? Wer soll freiwillig ins Hinterland ziehen? Wie können all jene, die sich zum Zuzug entschließen, Arbeit finden? In nur fünf Jahren sei die Einwohnerzahl jedenfalls um mehr als 10.000 angewachsen, sagt ein KP-Funktionär, der den ausländischen Gästen bei einem Mittagessen erklären soll, was hier passiert. Die meisten Leute sind arme Bauern, sie würden gerne in die neuen Wohnungen ziehen. Dazu könnten ja Städter kommen, die sich an der besseren Luft erfreuen.

Fabriken, schwere Industrie, Kraftwerke - das alles will in Qinghai niemand, versichert in Guide jeder, den man fragt. Stattdessen ist nachhaltiger Tourismus für die neue Mittelschicht aus Shanghai, Peking und anderen reichen Städten gefragt. Rund 33 Millionen Übernachtungen in der Provinz zählte die Regierung im vergangenen Jahr, acht Mal so viele, wie es Einwohner in ganz Qinghai gibt, das mehr Fläche hat als Finnland oder Deutschland. Im Ortskern von Guide steht hinter meterhohen Lehmwällen ein rund 600 Jahre alter Wehrkomplex aus der Ming-Dynastie, darin eine Statue des "Himmlischen Kaisers“. Keines der Wohnsilos am Rande des Ortes darf höher gebaut werden als die sechsstöckige Anlage mit der Statue der mythischen Figur - aus Respekt vor der Tradition. Am Stadtrand ließ die Regierung ein Modell-Bauerndorf bauen, das "Schönes Dorf“ heißt. Ganz in der Nähe liegt auch noch ein tibetisches Buddhisten-Kloster, in dem echte Mönche beten. Außerdem sollen Yak-Felle, Yak-Butter und Yak-Haarperücken der Tibeter verkauft werden.

Die Provinzen im Westen eignen sich gut für Geschichte, Exotik und Spiritualität. Jenseits der Hu-Linie leben mehr Minderheiten als irgendwo sonst. 51 Ethnien anerkennt der Staat neben der größten, den im Osten siedelnden Han. Dass sie heute alle gemeinsam Chinesen sind, liegt zum einen an der langen Geschichte der chinesischen Zivilisation, die weit über ihr Kerngebiet zwischen den beiden Flüssen Huangtse und Jangste ausstrahlte. Zum anderen eroberte die Kaiserdynastie der Qing riesige Gebiete im Westen, bevor sie im Jahr 1911 abdanken musste. Die Republikaner und nach ihnen die Kommunisten übernahmen den altchinesischen Anspruch auf das Land.

Kleine Privilegien

Auch Qinghai wechselte in seiner Geschichte mehrmals zwischen tibetischer, chinesischer und muslimischer Herrschaft. Über die Berge verstreut wehen tibetanische Gebetsfahnen, in den Städten stehen alte Moscheen. Rund ein Fünftel der nur fünf Millionen Einwohner betrachtet sich als Tibeter, aber auch muslimische Hui und Mongolengruppen leben hier. Für anerkannte Minderheiten richtete die Partei ein paar kleine Privilegien ein: Da der Zugang zu Bildung schwer ist, müssen sie bei den rigorosen Uni-Aufnahmetests nicht so hohe Punktezahlen erlangen. Und als die Han-Chinesen noch angehalten wurden, nur ein Kind pro Paar zu bekommen, durften Minderheiten so viele davon haben, wie sie wollten, ohne deshalb Nachteile befürchten zu müssen.

Nicht allen reicht das. Die noch weiter westlich gelegenen Provinzen Xinjiang und Tibet stellen Peking seit Jahrzehnten auf die Probe. Unter den muslimischen Uiguren weigern sich etliche, die Herrschaft der Kommunisten anzuerkennen, und auch die Tibeter fühlen sich seit dem Jahr 1959 eher von China besetzt als befreit, wie es die Partei gern nennt. In manchen Städten Xinjiangs patrouilliert die Volksbefreiungsarmee mit Panzern, während sie die Straßen ausbaut und Han-Chinesen ansiedelt, denen sie mehr zu vertrauen scheint. Im tibetischen Lhasa trugen chinesische Polizisten vor Kurzem noch regelmäßig Feuerlöscher bei sich, weil sich immer wieder Tibeter aus Protest selbst anzündeten.

Mittwoch, kurz nach zehn Uhr, Xingin. Mit rund zwei Millionen Einwohnern gilt die Stadt nach chinesischen Maßstäben als Kaff. Wie zum Trotz blinken blaue, rote und gelbe Lichterketten protzig von den schnöden Wohnsilos in die Dunkelheit, als würde hier das Las Vegas des tibetanischen Hochplateaus locken und nicht eine uninspiriert in die Berge gestellte Betonwüste.

Im "Delek Tibetian Home“ sind heute alle Tische besetzt. Auf der Bühne trällern Mittzwanziger in tibetischem Folklore-Gewand aus Polyester ein paar Schlager für die Mitarbeiter einer Reiseagentur, und Tibeterinnen servieren dazu Lammfleisch, Yak-Butter-Tee oder Gerstenschnaps.

Draußen vor dem massiven Holztor steht Jacko, ein Tibeter, der zum Studieren aus einem Dorf nach Xingin kam und das Restaurant vor einem Jahr eröffnet hat. "Wir sind alle Brüder“, sagt er, wenn man ihn fragt, wie es ihm als Tibeter mit den vielen Han-Chinesen gehe, die seit Jahren in die entlegene Millionenstadt auf dem Hochplateu ziehen. Ihn freut es, wenn mehr Touristen aus Shanghai oder Peking über die besser ausgebauten Straßen ihren Weg zu ihm finden. Ob er sich dem Kampf seiner tibetischen Brüder verbunden fühlt, die nach Selbstbestimmung streben? Was er vom Dalai Lama hält, dem im indischen Exil lebenden spirituellen und politischen Führer vieler Tibeter in einer Person? "Wir wollen doch alle nur Geschäfte machen“, sagt Jacko und lächelt entschuldigend. Es klingt nicht besonders kommunistisch, aber irgendwie ehrlich.

3. Status: China ist jetzt online

Die digitale Revolution macht auch vor einem der einstmals bestabgeschotteten Länder der Welt nicht halt. Die Kommunistische Partei befeuert sie sogar -auf ihre Weise.

Es gibt wohl keine chinesische Stadt, die Europäer mehr an ihre Heimat erinnert als Shanghai. Im Schatten riesiger Türme mit Glasfassaden plaudern ein paar alte Frauen vor den Türen von heruntergekommenen, aber charmanten Backsteinhäusern aus den 1930er-Jahren. Wäsche trocknet in engen Gassen, über denen sich ein Gewirr von Stromleitungen spannt. Die Einkaufsmeilen führen alle europäischen Luxusmarken, und wer am Ufer des Hupong flaniert, kann die herausgeputzten Reste kolonialen Glamours bestaunen - französisch, russisch, britisch, deutsch.

Mehrere Kilometer entfernt im Shanghaier Viertel Yangpu steht Lei Liu in einer renovierten Textilfabrik und blickt über Vollholztische, an denen Mittdreißiger bei einem Cappuccino in ihre MacBooks hämmern. "Sandbox“ heißt die Lokalkette, bei der sich jeder einmieten kann, um mit anderen an Start-up-Ideen zu arbeiten. Einen Stock darüber tüftelt "China Telecom“ in einem Innovationsbüro; eine Firma baut E-Bikes, eine andere entwickelt eine Reise-App. Ihre Fahrräder leihen sich die Shanghaier via Smartphone aus. "In China geht es noch leichter, einzusteigen, weil der Markt noch nicht so gereift ist wie in den USA“, erzählt Liu auf die Frage, warum er vor zehn Jahren in die Heimat seiner Eltern zurückkehrte. Er wurde im Silicon Valley geboren, dem Epizentrum des Technikbebens, das seit mehr als drei Jahrzehnten die Welt erschüttert. Nun arbeitet er mit der Regierung, um seine Gemeinschaftsarbeitsplätze für Erfinder in ganz China zu verbreiten.

Lius Geschichte mag ein Einzelfall sein. Doch sie ist Teil eines größeren Trends: Die ehemalige Werkbank der ganzen Welt beschäftigt sich zunehmend mit Automatisierung, dem internationalen Finanzmarkt oder der Auslagerung von Handarbeit in billigere Länder wie Vietnam. Das Internet verändert eine Gesellschaft, die bis vor wenigen Jahrzehnten völlig abgeschottet war, von Grund auf. Zwar stuft die Weltbank China noch als "Land mit mittlerem Einkommen im oberen Bereich“ ein (und damit in die gleiche Kategorie wie Kroatien, die Türkei, Tunesien, Dschibuti oder Indien), aber das Shanghaier Bankenviertel Pudong oder die ehemalige Textilfabrik von Yangpu zeigen, dass das nicht die ganze Wahrheit sein muss. Ungeachtet sozialistischen Eifers und ausgeklügelter Fünfjahrespläne entwickelt sich das Land in unterschiedlichen Geschwindigkeiten.

Statistisch gesehen sind rund 53 Prozent aller Chinesen online. Doch während die Bewohner entlegener Landstriche mit schwachen Verbindungen kämpfen, beherrschen in den Millionen-Metropolen Smartphones das Leben und die Beziehungen. "Oft wird davon ausgegangen, dass das Internet für autoritäre Regime grundsätzlich problematisch ist, weil es eine Herausforderung für ihre Herrschaft darstellt“, sagt der Sinologie Christian Göbel von der Universität Wien: "Das war nicht die Ausgangssituation der Kommunistischen Partei. Dort war man schon immer sehr technikaffin.“ Als das Telefon massentauglich wurde, bemühten sich die Beamten, jeden Winkel des Landes anzuschließen. Ähnlich verfahren sie nun mit dem Internet.

Experiment Kommunikation

Während die Regime in Myanmar oder Nordkorea schon mal das ganze Land vom Netz nehmen, sehen die chinesischen Kommunisten die positiven Seiten: Wirtschaftswachstum, Bildung, Entwicklung. Die Chinesen bewerten fleißig Restaurants, bezahlen mit ein paar Klicks auf Alibaba oder Taobao und plaudern über soziale Medien wie Weibo oder Wechat. Es ist ein Experiment: Ein Regime lässt zu, dass Bürger miteinander kommunizieren und Informationen austauschen.

"Natürlich sieht China hier Probleme“, sagt Sinologe Göbel. "Deswegen hat es das ausgeklügeltste Kontroll- und Zensursystem der Welt entwickelt.“ Verdächtige ausländische IP-Adressen werden gesperrt, mit Wortsuchprogrammen werden Blogs nach unliebsamen Texten durchkämmt. Damit auch wirklich nichts unentdeckt bleibt, wachen dazu Internettrupps über die sozialen Medien. Wie viele es sind, weiß niemand genau. Oft genug werden die Zensoren von den Betreibern selbst gestellt und nicht vom Staat. "Weibo kann Probleme bekommen, wenn es bestimmte Beiträge nicht schnell genug löscht“, sagt Göbel. Facebook ist in China gesperrt, genauso wie Twitter und Google.

Trotz dieser Armee an Internetüberwachern muss sich die chinesische Regierung mit einer für sie völlig neuen Situation herumschlagen: Es ist schwierig geworden, Missstände ganz und gar zu verstecken. So publizierte ein chinesischer Aktivist über drei Jahre hinweg Fotos und Texte zu Protesten, die über das Internet verbreitet wurden. Sie zeigten Wanderarbeiter, die auf die Straße gingen, weil sie sich um ihre Löhne betrogen sahen. Andere protestierten gegen umstrittene Landverkäufe; es ging um dubiose Immobilienprojekte oder um Familien, die glaubten, dass ein Sohn, eine Tochter, ein Vater oder eine Mutter im Krankenhaus nicht richtig behandelt wurde. Auf rund 75.000 Einträge kam der Blog, bevor die Behörden seinen Betreiber festnahmen.

"Die Tatsache, dass wir solche Infos überhaupt haben, ist das Wichtigste“, sagt Göbel, der Blogs wie diesen auswertet. In Maos Zeiten bekam der Westen von den Vorgängen in China kaum etwas mit. Als das Land in den 1950er-Jahren zum "Großen Sprung vorwärts“ ansetzte, verhungerten Zigmillionen Menschen, weil Funktionäre und Bauern die vom Regime erwarteten Jubelmeldungen nach Peking schickten statt die wahren Erntezahlen.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später kann China seine Probleme nicht mehr verbergen - weder vor seinen Bürgern und Parteikadern noch vor dem Rest der Welt. Die Umwelt ächzt, die Böden versalzen oder sind von der Industrie kontaminiert, die Luft ist versmogt, das Wasser an etlichen Orten verdreckt. Der Arbeitsmarkt steht unter großem Druck, mehrere Hundert Millionen von niedrig qualifizierten, alternden Wanderarbeitern könnten bald zu einem gewaltigen Protestpotenzial heranwachsen, wenn sie nach ihrem entbehrungsreichen Leben ohne Altersvorsorge in ihre verlassenen Dörfer zurückkehren. Dazu kommt die alltägliche Korruption, die sich durch die Reihen der Beamten und Parteikader zieht.

Doch die chinesischen Führer scheinen die Zeichen der Zeit zu begreifen. Der ehemalige Präsident und KP-Generalsekretär Hu Jintao beschloss, die Zahl der Kohlekraftwerke zu reduzieren. Sein Nachfolger Xi Jinping nahm sich der Korruption an. Er ließ nicht nur aggressiv ermitteln, im chinesischen Fernsehen lief sogar eine eigene Serie, die sich um korrupte Politiker drehte und zu einem Teil auf echten Begebenheiten basierte. Sie konnte auch im Internet gestreamt werden.

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Am Ende stehen viele Fragen: Wie soll Europa mit diesem neuen China umgehen? Soll es sich fürchten? Die Arme ausbreiten? Weiter aus der Ferne zusehen, wie das Land einen Schritt nach dem anderen setzt?

Die Antwort muss wohl genauso vielschichtig sein wie das Riesenland selbst. China, das ist Xi Jinping und seine geheimnisvolle Partei, die sich weiter öffnen muss, um ein echter Partner für Europa zu werden. Dazu gehört auch, den Rechtsstaat zu stärken, die Demokratie zu entwickeln und Menschenrechte abzusichern. In diesen Bereichen ist die chinesische Führung seit Langem säumig.

China, das sind aber aber auch 23 Provinzen, fünf autonome Gebiete, vier regierungsmittelbare Städte und zwei Sonderverwaltungszonen, die um ihre Rolle in einer Zukunft kämpfen, in der massive wirtschaftliche, soziale sowie ökologische Verwerfungen drohen. Im schlimmsten Fall könnte die politische Stabilität des Landes leiden. Genau das will das Regime vermeiden, das sich auf den Ausbau des Wohlstands und den Abbau der Spannungen konzentriert.

Die Antwort liegt aber auch bei Lei Liu, der aus den USA in die Heimat seiner Vorfahren zurückkehrte, weil er hier Chancen und eine Zukunft für sich sah.

Europa muss diese und die anderen unzähligen Gesichter Chinas kennen und deuten lernen. Denn das Land ist nicht nur zu groß, sondern auch zu wichtig für die globalisierte Welt, um es nur aus der Weite zu beäugen. Wenn die Chinesen in Milliardenprojekte wie die neue Seidenstraße nach Europa oder den Infrastrukturausbau in Afrika investieren, verfolgen sie dabei nicht nur geostrategische Ziele, sondern suchen Lösungen für den Druck von innen. Das einst aufgeheizte Wirtschaftswachstum ist abgekühlt, die Stahl- und Betonwerke haben Überkapazitäten aufgestaut.

Noch gibt es wenig Grund für Europa, in Furcht vor dem chinesischen Aufstieg zu erstarren.