Deutschland: Ein subjektives Bild unserer knausrig-netten Nachbarn

Deutschland: Ein subjektives Bild unserer knausrig-netten Nachbarn

Die Deutschen haben: eine unangefochtene Kanzlerin, die jeder gern hätte; ein mieses Image als knausrige Besserwisser mit tröstlicher Wohlstandsrendite; eine neu entdeckte Liebe zu italienischem Streikverhalten; eine furchtbare Geschichte, mit der sie ehrenwert umgehen, und einen Geheimdienst, aus dem sie nicht schlau werden. Und wir? Werden wir aus unseren Nachbarn schlau?

Die österreichische Autorin Saskia Jungnikl, die seit vergangenem Jahr zwischen Hamburg und Wien pendelt, zeichnet für profil ihr sehr persönliches Deutschland-Bild und nennt es "eine völlig unzulässige und subjektive Innenansicht in vier Erkenntnissen“. Und mit einer Warnung: So leicht bekommt in Deutschland niemand einen Kredit.

Erkenntnis Nummer eins: Bemiss die Größe in Schweinen.

Wenn man von Österreich nach Deutschland zieht, weiß man manches, einiges vermutet man nicht mal. Zum Beispiel das: Deutschland ist das Schlachthaus Europas. Es gibt etwa 5100 anerkannte Schlachthöfe, sie töten 60 Millionen Schweine und vier Millionen Rinder pro Jahr. In Akkordarbeit, bezahlt mit Dumpinglöhnen für meist osteuropäische Billigarbeiter, die pro getötetes Tier etwa 1,30 Cent verdienen. Deutschland ist groß, seine Schlachthöfe sind größer. Der Marktführer, Tönnies, tötet im Jahr um die 15 Millionen Schweine. Bei so viel billigem Massenfleisch gibt es in Deutschlands gängigen Supermärkten wie Rewe, Penny oder Edeka alles. Bloß kein Biofleisch. Ich lerne: Je mehr Schweine, desto weniger bio.

Deutschland liegt auf der Liste der weltweit reichsten Staaten auf Platz 14. Trotz oder gerade der niedrigen Löhne wegen, die bezahlt werden. Österreich beklagt, durch das Lohndumping im Nachbarland wurden in den vergangenen Jahren fünf der 14 größten Schlachthöfe des Landes insolvent. Doch nun tut sich etwas: Seit Anfang des Jahres wird in Deutschland versucht, den Billiglöhnen etwas entgegenzusetzen. Es gilt der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro die Stunde. In der Fleischwirtschaft soll ab Oktober sogar ein Mindeststundenlohn von 8,60 Euro gelten. Es ist das wichtigste soziale Projekt der Großen Koalition, ein unerhörter, gesellschaftlicher Feldversuch im Hartz-IV-Land.

Hört man auf gängige Klischees, leben in Deutschland griechenhassende "Bild“-Zeitungshörige und ihrer aller Mutti Angela Merkel als deren unangefochtene Bienenkönigin. Es ist das Land der Fleißigen, die wie verrückt exportieren, keinen Spaß verstehen und nach Feierabend Bier trinken und Schlager hören. Ein Land, in dem immer alles funktioniert und nie gestreikt wird. Und da soll ich hin, ausgerechnet.

Vor knapp einem halben Jahr sitze ich mit meinem Mann in unserem Auto, vier Kisten im Kofferraum, zwei Katzen auf der Rückbank. Eine Viertelstunde nach Abfahrt in Wien kotzt die eine Katze das erste Mal und die andere beginnt ein verzweifeltes Dauerkonzert. Zehn Stunden Autofahrt später haben wir Dresden und Magdeburg hinter uns gelassen und fahren durch das protestantische Niedersachsen, ich singe laut "Ein feste Burg ist unser Gott“, während sich die eine Katze auf dem Gesicht meines schlafenden Beifahrers putzt und die andere apathisch auf der Rückbank dämmert. Man könnte meinen, es wäre angenehmer gewesen, den Zug zu nehmen, aber in dem Land, in dem nie gestreikt wird, streikt die Lokführergewerkschaft regelmäßig. Momentan übrigens sechs Tage am Stück.

Unsere Ankunft in Hamburg, unserem irgendwie-Zuhause für die kommenden Monate, wird keine große Erzählung für künftige Kinder. Das erste, was uns irritiert: Es gibt in diesem vermeintlich ordnungsliebenden Behördendeutschland keine Türnummern. Nur Hausnummern und dann die Namen unten an der Klingel. Könnte sonst ja jeder hier wohnen. "Seien Sie froh, dass Sie nicht bei den Schwaben leben“, raunt uns eine Nachbarin im Stiegenhaus zu, als mir einmal ein Müllsackerl aus der Hand fällt. Warum? Wie wir später herausfinden, herrscht bei den Schwaben seit über 300 Jahren das Prinzip der Kehrwoche. Reihum ist jede Wohnungspartei an der Reihe, den Gehsteig zu fegen, Schnee zu schaufeln und das Treppenhaus zu putzen. Alles im Mietvertrag geregelt. Gut, dass Stuttgart für uns nie zur Auswahl stand.

Erkenntnis Nummer zwei: Deutschland, Deutschland überall.

In Deutschland gibt es 2060 Städte, in 76 davon leben über 100.000 Einwohner. Unlängst war in den Nachrichten die Rede von einer deutschen Kleinstadt, in der jeder den anderen kenne. Ich habe diese Kleinstadt gegoogelt, sie hat 114.000 Einwohner. Ich komme aus dem Burgenland, die dortige Landeshauptstadt Eisenstadt hat momentan 13.000 Einwohner, und, nein, ich kenne nicht alle.

Deutschland will oft kleiner sein, als es ist. Es ist aber die Wirtschafts-Supermacht Europas, und weltweit die viertgrößte Volkswirtschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Land angesichts seiner Nazi-Vergangenheit gut damit beraten, sich aus internationalen Belangen rauszuhalten - stattdessen arbeitete es an einem nationalen Wirtschaftswunder. Mittlerweile mischt der Hegemon wieder mit, oft unter dem Logo der EU, tief sitzen die Sorgen der Politiker, nach außen zu viel Stärke zu demonstrieren. Manchmal geht das ins Auge, etwa als sich Deutschland bei der Libyen-Intervention raushalten wollte und dafür Watschen kassierte. Manchmal gelingt es gut, etwa als während des WM-Sommermärchens 2006 Fußball-Deutschland Sympathien mit neuem Selbstbewusstsein ohne Überheblichkeit gewann.

Als ich in Hamburg das erste Mal vor der glitzernden Elbe bei den Landungsbrücken stehe, sehe ich die Möwen, die Containerschiffe, das Dock 10 von Blohm und Voss, die Riesenschiffskräne und diese implizierte Freiheit durch die Nähe zum Meer und bin verliebt. Den biederen und engstirnigen Deutschen mag man vom Ausland her ausmachen, ich lerne ihn weltoffen und tolerant kennen. Wer seine Straßen mit Namen wie "Große Freiheit“ und "Schöne Aussicht“ belegt, schert sich wohl nicht um kleinliche Klischees. Hamburg hat das berlinerische Schanzenviertel, die derb-sexualisierte Reeperbahn, die biedere Altstadt, das schnöselige Blankenese, die futuristische Hafencity. Hamburg hatte die Beatles, als sie noch niemand hatte, und woher kommen Tocotronic, die Sterne und Blumfeld? Richtig, Hamburger Schule. Hamburg mag weniger Einwohner haben als Wien, aber Wien ist um vieles weniger Großstadt als Hamburg. Vor allem aber ist Wien die einzige Großstadt Österreichs. In Deutschland gibt es das abgedrehte Berlin, das biedere München, das streberhafte Stuttgart, das kulturelle Köln.

Erkenntnis Nummer drei: Keinen Humor kann ein Mensch gar nicht haben, nicht einmal ein Deutscher.

Witze über Österreicher machen in Deutschland eigentlich meistens die Österreicher, aber nicht, weil sie zu ernst wären, sondern vielleicht weil sie zu höflich sind. Doch es gibt den deutschen Humor, und man kriegt ihn serviert, wenn man etwa des Nachts in die älteste Seemannskneipe Hamburgs stolpert: "Inas Nacht“ wird im Schellfischposten aufgezeichnet, die Late-Night-Show von und mit Ina Müller, und ja, die ist lustig. Überhaupt habe ich hier ausreichend zu lachen, ihr braucht mir kein Überlebenspaket mit Schmäh zu schicken. Die Humorlosigkeit der Deutschen dürfte wohl eher ein in die Welt getragenes Selbstmissverständnis sein, oder wie Harald Schmidt es ausdrückt: "Wenn ich im Ausland auftrete und sage, ich wäre deutscher Kabarettist, dann denken die Leute, dies wäre schon mein erster Witz.“

Dafür singe ich ein Lob der deutschen Ernsthaftigkeit und Kompetenz bei TV-Talkshows. Es gibt hier eine Besonderheit bei Fernsehdiskussionen, die ich von zu Hause nicht kannte: Meinungen, die man im Vorfeld noch nicht gehört hat! Daran muss man sich als Österreicher erst gewöhnen. Und dennoch vermisse ich etwas, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich es vermissen könnte: Österreichisches Fernsehen. Mir fehlt der ORF, und ich danke 3Sat, dass sie abendlich die "ZIB 2“ ausstrahlen. Ich freue mich über Nachrichten in Normaldeutsch und immer, wenn mir Armin Wolf oder Lou Lorenz einen schönen Abend wünschen.

Erkenntnis Nummer vier: Deutschland hasst Griechenland. Nicht.

Wenn der griechische Finanzminister Giannis Varoufakis glaubt, es sei schwierig, von den Deutschen einen Kredit zu kriegen, dann soll er sich mal an einem 40-Euro-pro-Monat-Vertragshandy versuchen. Als wir nach Deutschland gezogen sind, dachte ich, so was sei bei mir finanziell schon drinnen. Ich wurde eines Besseren belehrt. Wer in Deutschland etwas will, braucht die Auskunft der Schufa (Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung). Keine Wohnung, kein Handyvertrag, kein Girokonto ohne Schufa. Und erfolgreich einen Kredit ohne Schufa zu beantragen, ist unwahrscheinlicher als ein Schuldenschnitt für Athen, ohne dass Schäuble etwas merkt.

Die Schufa speichert das Zahlungsverhalten von über 66 Millionen Deutschen, sie bekommt die Daten von Banken, Versandhäusern, Versicherungen, Telefonfirmen und Energieversorgern. Man muss dem nicht zustimmen, aber dann bekommt man eben keinen Handyvertrag. Wer das weiß, wird sich wenig darüber wundern, dass nur 40 Prozent der Deutschen der Meinung sind, Griechenland sollte Teil der Euro-Zone bleiben. Und dennoch bemerke ich wenig bis nichts vom angeblichen Griechenlandhass - mich hassen die Deutschen ja auch nicht, und trotzdem krieg ich kein Handy.

Die "Bild“-Zeitung mag "Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen“ schreiben oder "Wer ist gefährlicher für uns, der Russe oder der Grieche?“ oder "Warum zahlen wir den Griechen ihre Luxusrenten?“, aber nicht jeder, der die "Bild“ liest, trommelt danach ihre Parolen.

Was sich über die Deutschen sicher sagen lässt: Sie mögen ihre Chefin. Da kann das US-Magazin "Forbes“ Merkel noch ein fünftes Mal zur mächtigsten Frau der Welt küren, den Deutschen bleibt sie verniedlichend die Landesmutti. Die Bundestagswahlen 2017 sind weitgehend geschlagen. Und Merkel könnten die Deutschen jederzeit auch exportieren: Die Amerikaner mögen sie lieber als ihren eigenen Präsidenten Obama, in Frankreich schlägt sie Hollande locker. Und warten wir ab, ob sie nicht in einem Jahr oder so auch noch die Griechen auf ihre Seite kriegt, wenn die Wahlversprechen der Syriza-Regierung langsam so abgenutzt sind wie die Hitler-Anspielungen in Richtung Kanzlerin.

Wenn ich meinen Nachbarn frage, welche Dinge ihn abends nicht einschlafen lassen, fallen ihm die Probleme seines Sohnes in der Schule ein. Und dass er nicht weiß, ob er im Sommer genug Urlaubstage kriegt und dennoch im Herbst nochmal wegfahren kann. Dass der HSV gegen den Abstieg kämpft, steht auch auf der Liste. Griechenland kommt da nicht vor. Da sind die Deutschen wie alle anderen.

Biofleisch findet man übrigens doch in Hamburg, wenn man lange genug sucht. Bei Fricke, Osterstraße 76, Stadtteil Eimsbüttel.