Die gigantische Hungersnot im Südsudan

Die gigantische Hungersnot im Südsudan

Seit Monaten weiß die Welt, dass sich im Südsudan eine gigantische Hungersnot anbahnt. Trotzdem wurde viel zu wenig getan, um sie zu verhindern. Nun ist die Katastrophe da.

Von Johannes Dieterich, Südsudan

Sie kommen zwei Mal am Tag: morgens um neun und nachmittags um drei. Die Frauen halten kleine Bündel in den Armen, manchmal drei, manchmal vier, manchmal auch sechs. Die Männer tragen Schaufeln. Sie gehen im Gänsemarsch durch das schmale Sorghum-Feld, bis sie die willkürlich angeordneten Gruben von der Größe eines 20-Fuß-Containers erreichen.

Die meisten Mulden sind bis zum Rand mit Regenwasser gefüllt. Eine davon wurde trockengelegt; in ihr sind kleine Erdhaufen auszumachen, auf denen aus Sorghum-Stengeln gefertigte Kreuzchen stecken. Vorsichtig legt ein Mann eines der Bündel in die Grube, vier andere schaufeln schwere, lehmige Erde darauf. Keiner spricht, keiner singt, die Frauen weinen. Die kurze Prozedur wird wiederholt, bis schließlich alle vier Bündel begraben sind. Eine Grube ist für 15 tote Kinder ausgelegt. In spätestens zwei Tagen ist das Massengrab voll.

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Darryl Stellmach schaut zum Himmel und legt die Stirn in Falten. "Sieht nicht gut aus“, sagt der Nothilfe-Koordinator von Ärzte ohne Grenzen düster: "Womöglich geht es schon heute Abend wieder los.“ Damit meint der Kanadier ausnahmsweise nicht das Kreuzfeuer der Kombattanten, das die Arbeit der Hilfsorganisation in den vergangenen Wochen immer wieder unterbrochen hat, weil sich das Lagerpersonal schleunigst in die mit Sandsäcken befestigten Bunker zurückziehen musste. Da seit einigen Tagen Feuerpause herrscht, gelten Stellmachs Sorgen einer anderen Gefahr: dass sich der Himmel wieder öffnet und das riesige, wenige Kilometer außerhalb der südsudanesischen Provinzhauptstadt Bentiu gelegene UN-Camp vollends in einen unpassierbaren Morast verwandelt.

Die Lage des Südsudan in Afrika

Schon jetzt gleicht das knapp drei Quadratkilometer große Gelände einem Sumpfgebiet. Hinter dem Eingangstor stehen Radpanzer, die bis zur Achse im Schlamm versunken sind; mit jaulenden Motoren versuchen vierradgetriebene Geländewagen, sich einen Weg durch teichgroße Pfützen zu bahnen. Die Bewohner des hoch umzäunten Camps - knapp 200 Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und ein Blauhelm-Bataillon aus der Mongolei - sind mit Gummistiefeln unterwegs, ihre Wohncontainer stehen auf Betonklötzen, unter denen Heerscharen von Fröschen quaken.

Mehr als 40.000 Flüchtlinge, die sich an der Peripherie des Lagers niedergelassen haben, müssen auf den Luxus aufgebockter Container verzichten. Sie hausen unter Plastikplanen, an denen mit Exkrementen vermischtes Schlammwasser entlangfließt. Solche Zustände habe er noch nie erlebt, sagt Darryl Stellmach - und das, obwohl er bereits seit zehn Jahren mit Ärzte ohne Grenzen unterwegs ist.

Dabei hat die Regenzeit noch nicht einmal richtig begonnen. Wenn es erst einmal so weit ist, wird auch die Landebahn vor dem Lager nicht mehr zu gebrauchen sein. "Dann sind wir hier vollends abgeschnitten“, sagt Stellmach.

Schon jetzt sind die ausschließlich ungeteerten Straßen im Norden des Südsudans so gut wie unpassierbar. Von einem Nahrungsmittel-Konvoi, der vor zwei Wochen in der rund 1000 Kilometer entfernten Hauptstadt Juba aufgebrochen ist, fehlt noch immer jede Spur. Unterdessen spitzt sich die Lage der Flüchtlinge weiter zu. Nur wenige verfügen über sauberes Trinkwasser, Kinder baden in dem Abwasserbecken des UN-Camps, der Ausbruch einer Cholera-Epidemie scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. Gerade wurde die Stuhlprobe der ersten verdächtigen Erkrankten in ein Labor nach Kenia geschickt. Bestätigt sich der Cholera-Verdacht, ist das Desaster perfekt. Toby Lanzer, UN-Beauftragter für humanitäre Angelegenheiten im Südsudan, sieht eine "Katastrophe“ voraus: "Wenn wir nicht schleunigst mehr dagegen tun, werden wir hier entsetzliche Szenen erleben.“

Junger Staat
Es ist der unsinnigste Konflikt der Gegenwart. Eigentlich hätten die Südsudanesen im Juli den dritten Jahrestag ihrer ausgelassen umjubelten Unabhängigkeit feiern sollen. Stattdessen versinkt der jüngste Staat der Welt im Chaos. Auf die Befreiten wartet der Tod auf dem Schlachtfeld oder das Verhungern. Mehr als drei Jahrzehnte lang hatte die südsudanesische Befreiungsarmee SPLA für ein Ende der Unterdrückung der christlich-afrikanischen Bevölkerung durch die von arabischen Muslimen dominierte Regierung in Khartum gekämpft, doch seit ihr Kampf schließlich erfolgreich war, bringen die ehemaligen Waffenbrüder einander gegenseitig um. Ein Konflikt um die Führung des Landes zwischen Präsident Salva Kiir und dessen einstigem Stellvertreter Riek Machar eskalierte im vergangenen Jahr zu einem blutigen Bruderkrieg, in dem sich Angehörige der beiden größten Volksstämme des Landes - Salva Kiirs Dinka und Riek Machars Nuer - gegenseitig auszumerzen versuchen.

Bentiu ist einer der Brennpunkte des Konflikts. Die Hauptstadt der erdölreichen Unity-Provinz wurde seit Mitte Dezember bereits vier Mal erobert und zurückerobert, jedes Mal gefolgt von immer blutigeren Gräueltaten. Bentius schwärzeste Stunde kam, als Riek Machars Rebellen im März wieder die Kontrolle übernahmen. In der Moschee, der katholischen Kirche und dem Hospital der Stadt wurden Hunderte von Menschen massakriert, während Einpeitscher die Nuer-Bevölkerung über Radio Bentiu FM zu der Jagd auf Dinka-Männer und der Vergewaltigung der Frauen aufriefen. Inzwischen sind so gut wie alle Einwohner der Stadt in den Busch oder das UN-Lager geflohen - und dort, fein säuberlich in Dinka und Nuer getrennt, gemeinsam dem Elend ausgeliefert.

Nyabuath Machar sitzt auf dem Boden vor ihrer aus Ästen und Plastikplanen zusammengebastelten Hütte und zerreibt zwischen zwei Steinen Sorghum-Kerne zu Mehl. Machar lebt mit ihren acht Kindern schon seit vier Monaten im Lager, ihr Mann wurde bereits bei den ersten Unruhen im Dezember von Regierungssoldaten erschossen. Die spindeldürre Frau mit den unter den Nuer üblichen Narben im Gesicht kann weder ihr Feld bestellen noch ihre Rinder hüten - falls diese überhaupt noch leben sollten: Außerhalb des UN-Camps ist dieser Tage niemand sicher. In weiten Teilen des Landes wurde vor der Regenzeit keinerlei Saat ausgebracht, berichtet der UN-Beauftragte Toby Lanzer: Eine Ernte wird es hier nicht geben. Außerdem irren rund zehn Millionen Ziegen und Rinder herrenlos in der Gegend umher oder sind bereits im Schlamm verendet; der Viehbestand des Landes ist um 40 Prozent geschrumpft.

Hier im Lager erhält Frau Machar für sich und ihre acht Kinder immerhin 50 Kilogramm Sorghum, zwei Liter Öl und ein Säckchen Bohnen im Monat: Davon kann die Familie gerade so überleben. Doch nach Angaben des britischen Disasters Emergency Committee werden im Südsudan bald mehr als vier Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sein - und wie das bewerkstelligt werden soll, steht in den Sternen.

Toby Lanzer rechnet vor, dass das Welternährungsprogramm (WFP) für die kommenden zwölf Monate 1,8 Milliarden Dollar benötigt, um den Bedarf an Hilfsgütern zu decken - nicht einmal die Hälfte davon ist derzeit gesichert. Angesichts mangelnder Finanzierung musste das WFP bereits seine Rationen für die notleidende Bevölkerung reduzieren, die Zahl der Unterernährten steigt dramatisch an. Sie habe bereits Ausmaße wie während der Hungersnot in Somalia vor zwei Jahre angenommen, sagt Lanzer. Spätestens für Weihnachten rechnet der UN-Experte mit der höchsten Alarmstufe der humanitären Helfer: Dann werden - wenn nichts Entscheidendes passiert - täglich mindestens 2400 Südsudanesen den Hungertod sterben.

Keine Kraft zum Schreien
Thijin Dak ist neun Monate alt und wiegt nur wenig über vier Kilo. Seine spitzen Knochen drohen die faltige Haut zu durchbohren, in seiner Nase steckt ein Plastikschlauch, über den ihm Sauerstoff zugeführt wird. Thijin kauert neben seiner Mutter in der Intensivstation des Hospitals, das die Helfer von Ärzte ohne Grenzen zwischen den UN-Containern und dem Flüchtlingslager eingerichtet haben: In dem weißen Mannschaftszelt liegen noch weitere 25 Kinder neben ihren Müttern auf Matratzen auf dem Boden. Im Raum ist es still: Die Kinder haben keine Kraft zum Schreien mehr, sie sind mit dem Kampf gegen den Tod beschäftigt. Thijin hat die Augen aufgerissen und atmet flach und schnell: Außer an den Folgen der Mangelernährung leidet der Junge an einer Lungenentzündung, sein Mund ist weiß vom Pilzbefall. "Ich glaube nicht, dass er es schaffen wird“, sagt Nora Echaibi, eine niederländische Krankenschwester marokkanischer Abkunft, die den Not-einsatz der Hilfsorganisation leitet.

Am Ende des Zelts schreit eine Frau auf - soeben ist ihr Kind gestorben. Einheimische Angestellte von Ärzte ohne Grenzen versuchen die junge Mutter zu beruhigen, trotzdem wird sie noch mehrere Stunden weiter schluchzen. Solche Szenen ereigneten sich hier mehrmals am Tag, sagt Nora Echaibi: "Ich darf gar nicht daran denken, wie viele Kinder ich schon sterben gesehen habe. Es ist ein Skandal.“

Dem Tod entronnen
Dass die 39-jährige Helferin noch nicht völlig verzweifelt ist, liegt an dem Trost, den sie in einem Zelt neben der Intensivstation findet: Dort sind die geretteten Kinder untergebracht. Die Stimmung in dieser Station ist entspannt. Die Kinder lachen und spielen, ihre Mütter reden miteinander. Nora Echaibi schäkert mit einem zweijährigen Jungen, den sie ihren "kleinen Prinzen“ nennt: Der dem Tod entronnene Junge strahlt die Krankenschwester mit den langen dunklen Haaren noch immer schwach, aber glücklich an. In den vergangenen Tagen ist es der Hilfsorganisation gelungen, die Todesrate unter den Kindern etwas zu drücken: Statistisch gesehen kommen hier pro Tag nur noch drei von 10.000 Kindern um. Von einem humanitären Notfall spricht man, wenn täglich zwei von 10.000 unter fünf Jahre alten Kindern sterben.

Wie es im Südsudan weitergeht, hänge vor allem von den Konfliktparteien ab, sagt Toby Lanzer. Die wichtigste Bedingung für eine Entspannung sei natürlich, dass die Kämpfe endlich zu einem Ende kommen. Doch der dritte und jüngste Versuch, eine Waffenruhe auszuhandeln, ist soeben in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba gescheitert.

Im Südsudan geht man davon aus, dass der Krieg noch Monate oder gar Jahre fortdauern wird. Womöglich hörten die Gefechte erst auf, wenn eine der beiden Seiten bankrott oder ausgeblutet sei, meinen westliche Diplomaten.

Die Vorgänge des vergangenen halben Jahres hätten den Hass zwischen den Bevölkerungsgruppen dermaßen geschürt, dass an Versöhnung derzeit gar nicht zu denken sei, sagt UN-Mann Lanzer. Selbst Kabinettsminister zeigten sich von der Brutalität erschreckt, mit der dieser Krieg geführt wird. Er habe von einem Zwischenfall gehört, fährt Lanzer fort, bei dem eine ältere Frau in einem Hospital erst an ihr Krankenbett gefesselt, vergewaltigt und schließlich zerstückelt worden sei. Beide Parteien töteten Frauen und Kinder, als seien sie Fliegen, klagt eine Frau im Lager von Bentiu: "So haben sich nicht einmal unsere arabischen Todfeinde im Bürgerkrieg verhalten.“

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Zeit für die Beerdigungen
Es ist nachmittags um drei - Zeit für die Beerdigungen. Nora Echaibi öffnet die Holztür zu einem Schuppen hinter der Intensivstation, der als Leichenschauhaus für Kinder dient. Auf einem Holzgestell liegen vier kleine, in Decken gewickelte Bündel: die unter fünfjährigen Patienten, die seit dem ersten täglichen Bestattungstermin heute Morgen um neun gestorben sind. Echaibi nimmt den kleinen Leichnamen die Kanülen, das Identifizierungsarmband des Krankenhauses und die traditionellen hölzernen Halsketten ab. Dann packt sie die Körper, die leicht wie Federn sind, vorsichtig in weiße Leichensäcke, die sie - um wertvolle Ressourcen zu sparen - zuvor in zwei Hälften geschnitten hat.

Wenn das geschehen ist, werden die Mütter gerufen und zwei Fahrzeuge organisiert: Sie bringen die Frauen gemeinsam mit ihren Bündeln und einer Handvoll männlicher Tagelöhner, die als Bestatter fungieren, vor das Lager. Wenige hundert Meter vom Tor entfernt liegt das Sorghum-Feld, hinter dem die Kinder ihren letzten, feuchten Ruheplatz finden. Nach der stillen Prozedur, die sich heute vier Mal wiederholt, stellen sich die Bestatter mit den Müttern um das Massengrab, um schließlich doch noch ein Lied zu singen. Es klingt rau und trostlos wie eine Schallplatte, die vom vielen Abspielen bereits abgenützt ist.

Schließlich löst sich die Trauerschar auf, und Nora Echaibi kehrt ins Hospital zurück. Dort erfährt sie, dass der neun Monate alte Tijin inzwischen gestorben ist. Sein kleiner Körper liegt bereits im Schuppen hinter der Intensivstation.