Ein Plädoyer für die Kinderarbeit

Ein Plädoyer für die Kinderarbeit

Muss Kinderarbeit geächtet werden? Unbedingt – allerdings nur, wenn es nach dem Gewissensberuhigungs-Reflex der europäischen Konsumgesellschaft geht. Die meisten Betroffenen sind anderer Meinung: Sie kämpfen sogar für das Recht auf Jobs.

Von Georg Wimmer

Hätte er nicht seine Lebenserfahrung als Straßenhändler in der bolivianischen Metropole La Paz gehabt – Yaguar Mamani Paredes wäre verloren gewesen an diesem Verhandlungstisch, an dem er hochrangigen Beamten und Regierungsvertretern gegenübersaß.

So aber konnte er ausspielen, was er an seinem Marktstand im Arbeiterviertel Villa Fátima gelernt hatte: flinkes Kopfrechnen und selbstbewusstes Auftreten gegenüber Erwachsenen.

Yaguar Mamani Paredes ist zehn Jahre alt und damit eines der jüngsten Mitglieder einer Delegation der Kindergewerkschaft Unatsbo, die in den vergangenen Monaten in zähen Verhandlungen eine geplante Reform der Jugendschutzbestimmungen abwenden konnte. Unatsbo steht für Unión de Niños y Adolescentes Trabajadores de Bolivia (Vereinigung der arbeitenden Kinder und Jugendlichen von Bolivien, siehe auch Kasten rechts), und die Gesetzesnovelle hätte jegliche kommerzielle Tätigkeit für unter 14-Jährige verboten.

Das konnten die Kinder verhindern. Sie erreichten im Gegenteil sogar eine weltweit einzigartige Regelung, die dieser Tage per Beschluss des bolivianischen Parlaments in Kraft tritt: Ab Anfang August dürften Mädchen und Buben in Bolivien nun schon ab zehn Jahren auf eigene Rechnung arbeiten. Voraussetzung ist die Zustimmung der Eltern und eines Ombudsmannes. Zwölfjährige können fest angestellt werden, solange gewährleistet ist, dass sie die Schule besuchen können und die Arbeit ihrer Gesundheit nicht schadet.

Yaguar selbst arbeitet an Werktagen von vier Uhr nachmittags, wenn er von der Schule kommt, bis neun Uhr abends mit seiner Mutter am Marktstand. Das sei kein Problem, sagt Yaguar, der durch die vielen Berichte in bolivianischen Medien vorübergehend zum meistzitierten Kind des Landes geworden ist: „So kann ich meiner Mutter helfen. Wir haben zu essen, und wir können die Wohnung, den Strom und das Wasser bezahlen.“ Anstrengend sei allerdings, dass er wegen der Arbeit erst sehr spät ins Bett komme.

Kinderarbeit ist ein Reizthema, zumindest in der westlichen Konsumgesellschaft. Sie gilt neben Prostitution, Menschenhandel und Zwangsrekrutierung für den bewaffneten Kampf als eines der größten Übel, das Heranwachsenden zustoßen kann. Egal ob Sportartikelhersteller, Textilkette, Handykonzern oder Kakaoproduzent: Unternehmen, die auch nur in den Verdacht geraten, dass irgendwo in der Zuliefererkette kleine Hände am Werk waren, riskieren einen globalen Shitstorm.

Das Kinderhilfswerk Unicef und die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) äußerten sich folgerichtig auch besorgt über die Entscheidung des bolivianischen Parlaments – und folgten damit ebenfalls einem weit verbreiteten Empörungsreflex, der Kinderarbeit mit Ausbeutung und Misshandlung gleichsetzt.

Doch genau diese Sichtweise ist für viele Experten Teil des Problems. „Da werden Dinge vermischt, die überhaupt nichts miteinander tun haben. Es gibt Arbeit und es gibt strafrechtliche Delikte“, sagt der ehemalige Arbeiterpriester Alejandro Cussiánovich, der in Peru als Berater der Kindergewerkschaften fungiert: „Gegen eine altersgerechte Arbeit, die niemanden überfordert, ist nichts einzuwenden. Sie bringt die Kinder in ihrer persönlichen Entwicklung sogar voran.“

Der Soziologe Manfred Liebel, Direktor der Internationalen Akademie
für innovative Pädagogik und Psychologie an der Freien Universität Berlin, kritisiert den voreingenommenen Blick auf das Thema ebenfalls. Dieser habe einerseits mit westlichen Vorstellungen zu tun, wonach Kinder möglichst behütet und von der Welt der Erwachsenen abgeschottet aufwachsen sollen: „Damit wird der Eindruck erweckt, dass Kinder durch Arbeit automatisch ausgebeutet werden. Was natürlich nicht zwangsläufig der Fall ist. Denn das hängt immer von den Umständen ab.“

Zudem gilt das Tabu Arbeit nur für jene Heranwachsenden, die dazu gezwungen sind, um zu überleben. Wenn sich Mädchen und Buben in Europa oder in den USA neben der Schule etwas dazu verdienen, werden sie hingegen sogar als besonders reif und engagiert gelobt.

Was einer sachlichen Diskussion über das Phänomen Kinderarbeit ebenfalls im Weg steht, sind Vermutungen über die Verbreitung ihrer schlimmsten Formen. Die Bilder von Kindern, die an Webstühle gefesselt Teppiche knüpfen, Steine klopfen oder in Ziegeleien schuften, sind unleugbare Realität. Sie werden aber dann zum Trugbild, wenn man annimmt, sie seien typisch für die Situation der arbeitenden Kinder in der Welt. Nach Angaben der ILO arbeiten rund 60 Prozent der Mädchen und Jungen nach wie vor in der Landwirtschaft. Und das durchwegs an der Seite ihrer Eltern. An zweiter Stelle folgt der sogenannte informelle Sektor, also die Arbeit ohne feste Anstellung auf Märkten, im Straßenverkauf oder in den Haushalten.

Weniger als fünf Prozent der weltweit arbeitenden Kinder sind dagegen in der Exportindustrie tätig – etwa für Textil- oder Einrichtungskonzerne.
Wenn Kinder in diesem Bereich heute überhaupt einen „Wettbewerbsvorteil“ darstellen, dann nicht durch ihre direkte Beteiligung an der Produktion, gibt die niederländische Anthropologin Olga Nieuwenhuys zu bedenken.

Aufgrund der obszön niedrigen Löhne beispielsweise in Textilfabriken in Kambodscha oder Bangladesch sind beide Elternteile gezwungen, zu arbeiten. Kinder übernehmen in dieser Situation die Funktion als System-erhalter im Haushalt. Sie waschen, kochen und passen auf jüngere Geschwister auf. So ermöglichen sie es ihren Eltern, Geld zu verdienen.
Den Konsumenten im Westen wird unterdessen suggeriert, sie hätten es durch ihre Kaufentscheidungen in der Hand, über das Wohlergehen der Kinder auf der anderen Seite des Globus zu bestimmen. Marken von Adidas bis Zara, von Gap bis Nike tragen ostentativ das Siegel „Hergestellt ohne Kinderarbeit“ vor sich her.

Aber was, wenn tatsächlich Kinder unter 18 Jahren in Fabriken beschäftigt wären? Was wäre die angemessene Reaktion darauf? Manfred Liebel appelliert, dem „gesinnungsethischen Reflex“ zu widerstehen. Er hält Boykotte in den allermeisten Fällen für völlig überzogen. „Unterm Strich kann es doch nur darum gehen, die Situation der Kinder zu verbessern. Man muss sich also anschauen, wie ihr Leben wäre, wenn sie nicht arbeiten würden. Wäre es wirklich besser?“

In Bolivien, dem ärmsten Land Südamerikas, geht beinahe jedes vierte Kind einer Arbeit nach. Heranwachsende betreiben Obststände oder putzen Schuhe, mauern Häuser, graben Äcker um, wischen an Kreuzungen Windschutzscheiben von Autos oder kriechen in die Schächte von Minen. Dennoch ist das Thema umstritten wie kein zweites. Hinter vorgehaltener Hand wird immer wieder der Verdacht laut, die Kleinen müssten gar nicht so schwer schuften, wenn die Eltern ihre Verantwortung wahrnehmen würden. Wie sonst sei es zu erklären, dass in einem Land mit angeblich viel zu wenigen Jobs ausgerechnet die Kinder ran müssen?

„Meine Eltern arbeiten zwar, aber das reicht nicht“, sagt die 14-jährige Lourdes Juana Sanchez, die in der Stadt Potosí auf dem Friedhof arbeitet. Für wohlhabende Leute schrubbt sie dort die Gräber mit einem scharfen Putzmittel ab. Ihr Vater ist Bergarbeiter, die Mutter jobbt gelegentlich als Küchenhilfe. Lourdes hat noch vier jüngere Geschwister. Durch ihr selbst verdientes Geld liegt sie der Familie nicht auf der Tasche, wenn sie Bücher und Hefte für die Schule braucht oder sich einmal ein T-Shirt kaufen möchte. Und immer bleiben ein paar Bolivianos, die sie ihrer Mutter zusteckt. Nicht zu arbeiten, hat in ihrem Weltbild keinen Platz. „Das macht doch eine Familie erst aus, dass alle zusammenhalten“, sagt sie.

Auch Lourdes engagiert sich in der Kindergewerkschaft, von der es allein in Potosí 18 verschiedene Gruppen gibt. Egal ob Zeitungsverkäufer, Friedhofsarbeiter, Parkwächter oder Hausmädchen – ihre Probleme klingen immer ähnlich. Es geht um vorenthaltenen Lohn, um lange Arbeitszeiten, um schlechte Behandlung durch Erwachsene. Deshalb haben sich die Kinder im ganzen Land vernetzt. Über Face-book rufen sie zu Aktionen auf, über
Skype halten sie Konferenzen ab. Rund 20.000 Kinderarbeiter sind in der Dach-organisation Unatsbo organisiert.

Als die Reform des Jugendschutzgesetzes anstand, waren sie gleich mit einem eigenen Vorschlag zur Stelle: Die Arbeit von Heranwachsenden sollte nicht generell verboten werden. Das würde nur dazu führen, dass die Kinder ihre Rechte nicht wahrnehmen können. Die Folge sei die Verdrängung in die Illegalität, wo Kinder noch schwerere Arbeiten zu noch schlechteren Löhnen übernehmen müssten.

Die Unatsbo forderte stattdessen Schutzrechte. Auch auf die Vereinbarkeit von Schule und Arbeit müsse besser geachtet werden. Nachdem Vertreter von Unatsbo bei Politikern kein Gehör fanden, organisierten sie im vergangenen Dezember in La Paz einen folgenschweren Protest. „Wir wollten eigentlich nur zum Parlament marschieren und den Abgeordneten sagen, dass sie das neue Gesetz nicht verabschieden dürfen, weil sie uns sonst die Lebensgrundlage entziehen“, erinnert sich Lourdes Juana Sanchez.
In der Ayacucho-Straße versperren den Kindern plötzlich Polizisten den Weg. Mit ihren schwarzen Schutzwesten, den Schulter- und Beinprotektoren, den Helmen, Schildern und Schlagstöcken wirken sie, als gelte es einen Aufstand niederzuschlagen. Während die Beamten „Llok’allas!“ („Klebstoffschnüffler“) zischten, um sich über die Kinder lustig zu machen, skandierten diese Slogans, wie sie üblicherweise von streikenden Minenarbeitern, Lehrern oder Campesinos zu hören sind.

Videoaufnahmen zeigen, wie zwei Jungen über die Absperrung und über die Polizisten klettern, um zum Parlamentsgebäude zu laufen. Sie werden niedergerissen, fixiert und abgeführt. Im nächsten Moment zerren die aufgebrachten Kinder die Eisengitter weg. In dem Tumult setzt die Polizei Tränengas ein. Ergebnis der erbitterten Auseinandersetzung: Eine bewusstlos geschlagene 15-Jährige und zwei Jugendliche, die mit Kopfverletzung ins Spital müssen.

Es waren Bilder, die um die Welt gingen und den bolivianischen Präsidenten Evo Morales dazu veranlassten, sich einen ganzen Nachmittag lang mit Vertretern der Kindergewerkschaften zusammenzusetzen. Anschließend erklärt der Staatschef öffentlich, dass er ein Verbot der Kinderarbeit ablehne. Als kleiner Junge hatte er selbst seinen Eltern bei der Kokaernte geholfen, Schafe gehütet und in einer Bäckerei gearbeitet. Er war nur sechs Jahre zur Schule gegangen und hatte vier seiner Brüder durch Krankheiten und Hunger verloren.

Das ist eine Biografie, in der sich viele Bolivianer wiederfinden. Über eine altersgerechte Arbeit werden in den Andenstaaten Kinder seit jeher in die Gesellschaft der Erwachsenen integriert. Auf dem Land und in den dörflichen Gemeinschaften gilt diese Tradition bis heute. In den Städten ist sie aber durch die Armut gebrochen.

Dass das Parlament das neue Jugendschutzgesetz letztlich einstimmig beschloss, sorgte weltweit für Aufsehen. Die Internationale Arbeitsorganisation ILO kündigte eine Überprüfung an. Es bestehe der Verdacht, dass die neue Regelung gegen die ILO-Konvention 138 verstoße, die Bolivien wie fast alle Staaten der Erde unterzeichnet hat. Diese Konvention sieht ein Mindestalter von 14 Jahren für den Zugang zum Arbeitsmarkt vor. Dieses Mindestalter gilt im Grunde auch in Bolivien noch immer. Allerdings sind jetzt zahlreiche Ausnahmen formuliert. Explizit aufgelistet wurden zudem 21 besonders gefährliche Tätigkeiten, die Kinder keinesfalls ausüben dürfen. Darunter die Arbeit in Minen, auf Zuckerrohrplantagen, in Nachtclubs oder auch das Reinigen von Gräbern, weil Kinder so mit giftigen Chemikalien in Berührung kommen.

Und das heißt: Lourdes Juana Sanchez wird sich wohl einen neuen Job suchen müssen.

Mehr zum Thema

372 Millionen kleine Hände

Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation ILO arbeiten derzeit weltweit 168 Millionen Mädchen und Jungen. Die Zahl der Kinderarbeiter ist demnach zwischen 2008 und 2012 um rund ein Drittel gesunken. Die meisten Kinder sind nach wie vor in der Landwirtschaft aktiv (98 Millionen oder 59 Prozent), gefolgt von Dienstleistungen wie zum Beispiel Haushaltshilfen oder Straßenverkauf, und der Industrie. Nur jedes fünfte arbeitende Kind übt eine bezahlte Tätigkeit aus. Die überwiegende Mehrheit ist unentgeltlich für die eigene Familie tätig. In absoluten Zahlen sind die meisten Kinderarbeiter zwar in Asien zu finden, doch ihr relativer Anteil ist in Afrika südlich der Sahara am höchsten. Dort finden sich 21 Prozent aller weltweit arbeitenden Kinder.

Die Statistik erfasst Kinder unter 18 Jahren, die gefährliche Tätigkeiten ausführen, sowie unter 14- oder 15-Jährige, die mehr als 14 Stunden pro Woche arbeiten.

Das von der ILO festgelegte Ziel, bis 2016 die schlimmsten Formen der Kinderarbeit zu beseitigen, scheint aufgrund der aktuellen Zahlen nicht erreichbar. Ebenso unrealistisch ist das Vorhaben, jegliche Form von Kinderarbeit bis 2020 aus der Welt zu schaffen. In der Kinderrechtskonvention (KRK) der Vereinten Nationen findet sich übrigens kein Verbot der Kinderarbeit. Sie formuliert unter Artikel 32 allerdings ein Recht auf Schutz vor wirtschaftlicher Ausbeutung sowie vor Tätigkeiten, die der Entwicklung und der Gesundheit von Kindern schaden können.