Flüchtlingslager Saatari: „Es war wirklich furchtbar brutal”

Flüchtlingslager Saatari: „Es war wirklich furchtbar brutal”

Der Leiter des größten Flüchtlingslagers im Nahen Osten über „entwürdigende“ humanitäre Hilfe, Pizza-Lieferservice und Public Viewing im UN-Camp.

Es ist eine Gegend, von der man sagt, dass einzig der Teufel hier gewohnt habe, bevor die Flüchtlinge kamen: Auf knapp neun Quadratkilometern erstreckt sich in der Wüstenhitze Jordaniens Saatari – das größte Flüchtlingslager im Nahen Osten, und gleichzeitig das zweitgrößte der Welt.
Hier leben derzeit knapp 90.000 Flüchtlinge, der Großteil von ihnen Syrer, die dem Bürgerkrieg über die nur 12,5 Kilometer entfernte Grenze entkommen sind.

430.000 Kriegsvertriebene
Im Juli 2012 stampfte das UN-Flüchtlingshilfswerk (Unhcr) das Camp aus dem Boden, seither sind im Laufe der Zeit mehr als 430.000 Kriegsvertriebene registriert worden. Doch viele von ihnen flüchteten wieder, weil sie die Hölle von Syrien der Hölle vorzogen, in die sie hier geraten waren.Während Saatari durch den immensen Zustrom von Flüchtlingen binnen kurzer Zeit zur viertgrößten Stadt Jordaniens heranwuchs, breitete sich das Chaos aus. Mafia, Waffenschmuggel, Hehlerei, Gewalt, Menschenhandel, erzwungene Kinderhochzeiten – all das gab es im Lager. Also engagierte das Unhcr im März des Vorjahres Kilian Kleinschmidt, um das Camp auf Vordermann zu bringen. Kleinschmidt hatte zuvor Dadaab in Kenia, das größte Flüchtlingslager der Welt, mitgeleitet und in Uganda, im Südsudan, im Kosovo, in Somalia, Sri Lanka und Pakistan als Entwicklungshelfer gearbeitet.

Der Deutsche wählte eine auf den ersten Blick ungewöhnliche Herangehensweise. Er präsentierte sich in Saatari als „Bürgermeister“ und damit als Alternative zu den kriminellen Straßenführern, er ersetzte Hilfsgüter durch Chipkarten mit Guthaben und beschloss, die Bewohner für den lange illegal abgezapften Strom finanziell aufkommen zu lassen. „Weltweit hat die humanitäre Hilfe ihre Grenzen erreicht“, sagt Kleinschmidt. „Darüber hinaus ist humanitäre Hilfe im herkömmlichen Sinne entwürdigend.“

Der unkonventionelle Entwicklungshelfer gilt als Vorreiter eines anderen Nothilfemanagements – weg vom Verteilen von Hilfsgütern und hin zu ökonomischer Selbstständigkeit der Flüchtlinge. Am 26. August spricht Kleinschmidt beim „Forum Alpbach“ darüber, wie sich die Wirtschaftswelt in die Care-Ökonomie involvieren kann und wie beide Seiten voneinander lernen können.

profil: Sie haben Saatari bei Ihrer Ankunft als „Albtraum“ bezeichnet. Was hat die Situation so schwierig gemacht?
Kilian Kleinschmidt: Die schlechten Beziehungen der Flüchtlinge untereinander, zu den Mitarbeitern der Hilfsorganisationen und den jordanischen Behörden. Deswegen sind die Syrer en masse aus dem Lager geflohen. Als ich kam, waren alle Mitarbeiter derart eingeschüchtert, dass sie in ihren Quartieren versteckt geblieben und entweder gar nicht oder nur mehr mit Bodyguards hinausgegangen sind. Es war wirklich furchtbar brutal. Vor einem Jahr hatten wir noch ständig Demonstrationen, jede Woche zählten wir drei, vier Verletzte unter den Helfern, dazu zahlreiche kaputte Autos. Inzwischen haben wir es allerdings geschafft, die Zwischenfälle drastisch zu senken.

profil: Sie waren als Krisen-Manager in so gut wie jeder aktuellen Krisenregion – und trotzdem sagen Sie, die Flüchtlinge in Saatari seien im Umgang die schwierigsten, die Sie je erlebt haben. Warum?
Kleinschmidt: Inzwischen sehe ich das anders. Die Situation im Lager ist im Vorjahr außer Kontrolle geraten, weil sich niemand um den kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Kontext der Flüchtlinge geschert hat. Alles, was wir ihnen zunächst aufgezwungen haben, kam ihnen wie eine Diktatur vor. Der Großteil der Lagerbevölkerung stammt aus der Region Daraa, aus dem Südwesten von Syrien, das aus kleinen, weit verstreuten Dörfern besteht, wo es kein Gemeinschaftsgefühl zwischen Stämmen oder großen Familien gibt. Unsere humanitären Standards sehen genaue Zahlen vor, wie viele Toiletten auf wie viele Menschen kommen müssen. Sie aber haben begonnen, zu privatisieren: Die Gemeinschaftstoiletten, -duschen, und -küchen wurden auseinandergebaut, in Einzelteile zerlegt und als Privattoilette, -dusche und -küche wiederaufgebaut. Die Überlegung dahinter war: Warum müssen alle gemeinsam auf die Toilette gehen und diese dann auch noch gemeinsam sauber machen, wenn es auch anders geht?

profil: Geht humanitäre Hilfe davon aus, dass gerade Flüchtlinge solidarisch sein müssen?
Kleinschmidt: Ja, aber das ist ein Irrglaube, denn das können sie nicht. Wenn ein Mensch schon alles verloren hat, ist Privatsphäre das Erste, wonach er sucht. Natürlich wird jeder erst einmal an sich denken: an seine Frau, seine Kinder. Erst wenn diese Sicherheit geschaffen wurde, kann man an die Gemeinschaft denken. Wir humanitären Helfer verlangen aber von den Flüchtlingen, dass sie von Tag eins an solidarisch und gemeinschaftsorientiert an Probleme herangehen.

profil: Auf Ihrer Visitenkarte steht „Head of Office“, Sie selbst bezeichnen sich als „Bürgermeister“. Macht es einen Unterschied, ob man Saatari als Stadt oder als Lager sieht?
Kleinschmidt: Zunächst einmal ist das Wort „Lager“ schon sehr negativ behaftet. Es gibt alle möglichen Lager, meist sind sie sehr temporär und so ausgerichtet, dass man so viele Menschen wie möglich gleich versorgt. Es gibt keinen Platz für Individualität. Wenn man sich aber vorstellt, es wäre eine Stadt, dann entstehen andere Strukturen. Das schafft dann auch menschenwürdige Räume.

profil: Bisher haben die Menschen öffentliche Elektrizitätsleitungen angezapft, um an Strom zu kommen. Nun sollen sie allmählich selbst für den Strom aufkommen. Wie schaffen sie das?
Kleinschmidt: Entlang aller asphaltierten Straßen in Saatari sind Geschäfte entstanden. In Sataari gibt es alles: ein Reisebüro, in dem man einen Flug von Wien nach Amman mit Abholservice vom Flughafen und Transfer buchen kann; dutzende Friseure; einen Pizza-Lieferservice, der innerhalb von 20 Minuten eine herrliche Pizza bringt. Drei Sportcafes haben während der WM Public Viewing angeboten. Keine zehn Tage, nachdem Stadtplaner aus Amsterdam hier waren und gefragt haben, warum es keine Fahrräder gibt, standen plötzlich drei Fahrradgeschäfte in Saatari. Inzwischen fährt jeder Rad, es gibt Mountainbikes, Frauen-, und Kinderfahrräder. Wir zählen etwa 3000 syrische Beschäftigte (Straßenkehrer, Wachmänner, Wasserverteiler), die von den NGOs, und Lehrer, die von den jordanischen Behörden angestellt sind und umgerechnet etwa einen Euro pro Stunde verdienen. Das sind immerhin zwischen 11.000 und 15.000 Euro, die dadurch jeden Tag ins Lager fließen. Wenn eine Hilfsorganisation in Jordanien wegen Arbeitsgenehmigungen anfragt, wird das niemals genehmigt. Wenn man aber als Unternehmen anfragt, werden Wege gefunden. Das ist die Businesslogik, die jeder im Nahen Osten versteht. Deswegen ist es auch mein Ansatz, Richtung Privatwirtschaft zu gehen.

profil: Das Lager ist mittlerweile in zwölf Bezirke eingeteilt. Wie entscheiden die Flüchtlinge, wo sie sich niederlassen?
Kleinschmidt: Teilweise haben sich einige Bewohner aus denselben Dörfern zusammengetan. Generell ist das Gemeinschaftsgefühl allerdings nicht sehr ausgeprägt. Viele haben versucht, sich dort anzusiedeln, wo sie an Geschäfte oder Wasserausteilungsanlagen angebunden sind. Langsam entstehen feste Wohnsitze, dadurch können wir allmählich auch fixe Adressen einführen – das ist wichtig, damit jeder, der an der Tür klopft, genau weiß, wer dahinter lebt. Es hört sich vielleicht blöd an, aber im Moment ist das auch für uns unklar, weil die Mobilität bisher so groß war.

profil:
Ein Flüchtling hat ein Schwimmbad eröffnet, in das er Eintritt verlangt. Haben sich die Flüchtlinge darauf eingestellt, länger in Saatari zu bleiben?
Kleinschmidt: Die Sehnsucht nach der Heimat ist schon sehr stark. Sobald die Menschen erfahren, dass es in ihren Dörfern ruhiger ist, zieht es sie zurück.

profil: Es wollen so viele Flüchtlinge zurück, dass gleich vier Busse auf ihrer Route von Jordanien nach Syrien fahrplanmäßig auch in Saatari stehen bleiben. Warum wollen so viele lieber im Krieg leben als in Saatari?
Kleinschmidt: 50 bis 100 Syrer gehen jeden Tag aus ganz Jordanien zurück. Oft haben sie Familienangehörige zurückgelassen, oder sie kehren in ihre Heimat zurück, um die Männer abzuholen. Aber die Flüchtlinge stellen sich allmählich darauf ein, dass sie wohl eher Jahre als Monate in Saatari bleiben werden.

profil: Wird der Syrien-Konflikt auch unter den Flüchtlingen ausgetragen?
Kleinschmidt: Nein. 99 Prozent der Flüchtlinge sind Sunniten und gegen Präsident Baschar al-Assad. Minderheiten haben dort keine Chance, die werden sofort hinausgeworfen. Im Ostteil des Lagers sind viele Beduinen aus dem Großraum Damaskus angesiedelt. Die hatten größere Schwierigkeiten, an Wasser oder an Jobs zu kommen. Die Spannungen im Lager ergeben sich, weil die Flüchtlinge mehr von der internationalen Gemeinschaft erwarten: nicht humanitäre Hilfe, sondern Waffen und eine Militärintervention gegen Assad. Neben der Frustration darüber, dass der Westen nichts gegen Assad unternimmt, kommt die persönliche Frustration hinzu: Trauma, der Verlust von Hab und Gut, die vielen Toten. Und dann gibt es kriminelle Gangs, die versuchen, aus dem Frust Profit zu schlagen. Sie stacheln die Leute an, demonstrieren zu gehen, und erhoffen sich, dass kleinere Kundgebungen zu gewaltsamen Protesten ausufern.

profil: Wie verläuft ein normaler Tag in Ihrem Leben als „Bürgermeister“ von Saatari?
Kleinschmidt: Im Moment relativ langweilig, weil ich darüber nachdenke, auszusteigen.

profil: Warum?
Kleinschmidt: Ich hätte zur Abwechslung nichts gegen einen ruhigen Bürojob. Ich ziehe mich immer mehr zurück, um die Führung des Lagers weniger von meiner Person abhängig zu machen. Der normale Alltag ist immer durch das Unvorhergesehene geprägt. Ich verbringe viel Zeit damit, Delegationen zu treffen, und versuche das Konzept des Flüchtlingslagers als Stadt zu verkaufen, weil die Wirtschaft ein wichtiger Partner ist. Unser Ziel ist es, globale Kapazitäten und Ressourcen zusammenzubringen: ein globales Netzwerk von Universitäten, Städten, Experten zu schaffen; schnell, unbürokratisch und billiger Hilfe für Saatari anbieten zu können.

profil: Also das genau Gegenteil von der UNO.
Kleinschmidt: Das sind die Schwächen der humanitären Hilfe insgesamt: Vieles passiert ad hoc. Wir versuchen das jetzt anders zu strukturieren. Nehmen wir das Beispiel Fußball: Jeder, der uns einen Besuch abstattet, schenkt zehn Fußbälle und verschwindet dann wieder. Korea hat fünf Fußballplätze gespendet, Norwegen drei, und so weiter. Nun wussten wir nicht, was wir mit all den Fußbällen und Plätzen machen sollen. Dann kam Michel Platini (Präsident der UEFA, Anm.) zusammen mit Prinz Ali, dem Bruder des jordanischen Königs, vorbei. Ich habe den beiden vorgeschlagen, uns dabei zu helfen, Fußballklubs aufzubauen. Anstatt darauf zu warten, bis ein offizieller Antrag es durch die langsamen Mühlen der Bürokratie diverser Hilfsorganisationen schafft, haben wir jetzt zwei Leute von der UEFA bei uns sitzen: Einer bildet Fußballtrainer aus, der andere baut Klubs auf. Inzwischen haben wir über zehn Teams, bei denen auch 250 Mädchen spielen.

profil: Warum ist es so schwierig, humanitäre Hilfe erfolgreich zu gestalten?
Kleinschmidt: Es gibt so viele Krisen in der Welt, dadurch wird es immer schwieriger, genügend Geld und Mittel zu finden. Wir sind ständig am Betteln. Weltweit hat die humanitäre Hilfe ihre Grenzen erreicht. Man muss Systeme aufbauen, die in sicherheitstechnischer, ökologischer und politischer Hinsicht durchdacht und dabei auch kosteneffizienter sind. Wer etwa einen Wasseringenieur braucht, kann sich an ein Netzwerk von Wasserunternehmen wenden, das einschlägige Experten kostenlos und schnell zur Verfügung stellt. Wenn ich einen Wasseringenieur bei der UNO oder bei NGOs beantrage, brauche ich mindestens sechs Monate. Währenddessen verliere ich Geld. Darüber hinaus ist humanitäre Hilfe im herkömmlichen Sinne oft entwürdigend. Unsere Sucht nach Standardisierung hat die Menschen zur Ware gemacht. Wir müssen die Menschen wieder ins Zentrum unserer Arbeit stellen, und dafür sorgen, dass sie für sich selber verantwortlich sein dürfen. Warum müssen sich beispielsweise Leute stundenlang für Lebensmittelpakete anstellen, um etwas zu bekommen, was sie unter Umständen gar nicht wollen und sofort weiterverkaufen? Wir schicken die Leute in Saatari in der Zwischenzeit stattdessen zum Einkaufen in den Supermarkt.