Golf-Emirat Katar: Ein Zwerg spielt Riese

Golf-Emirat Katar: Ein Zwerg spielt Riese

Arabischer Frühling und syrischer Bürgerkrieg, ­ambitioniertes Kultursponsoring und milliardenschwere Investmentprojekte, internatio­nales Nachrichten- und Sport­business: Katar mischt überall mit. Doch mittlerweile hat es sich das kleine ­Golf-Emirat mit sämtlichen Nachbarn verscherzt.

Von Tessa Szyszkowitz/Doha

Wer sehen will, wie Katar sich selbst gern sieht, muss warten, bis es dunkel wird: Dann erglüht die Hauptstadt des Emirats zu einem Abbild von Macht, Reichtum und Größe. Die Skyline von Doha spiegelt sich glitzernd im Persischen Golf, die Architektur der Wolkenkratzer, die im staubigen Tageslicht kaum zur Geltung kommt, wird in der bunten Beleuchtung erst richtig sichtbar.

Dutzende Prestigebauten wurden in den vergangenen Jahren aus dem Wüstenboden gestampft, einer exaltierter als der andere – bis hin zu dem Büro- und Wohnturm, den man hinter vorgehaltener Hand aus sehr einleuchtenden Gründen „das Kondom“ nennt.

Vom Wasser aus betrachtet könnte Doha eine Weltstadt sein.
Und genau das schwebt Tamim bin Hamad al-Thani, dem Emir von Katar, auch vor. Er arbeitet daran, eine Modell-Metropole für den Nahen Osten des 21. Jahrhunderts zu schaffen – mit den modernsten Spitälern und mondänsten Museen der Region. Ganz schön ambitioniert für ein Land, das nur 275.000 eigene Bürger hat.

Doch damit nicht genug: Bereits seit Jahren mischt Katar auch über seine unmittelbare Nachbarschaft hinaus mit. Während des Arabischen Frühlings unterstützte das Emirat gleichzeitig die ägyptische Muslimbruderschaft, die westliche Militärintervention zum Sturz des libyschen Revolutionsführers Muammar al-Gaddafi und die Rebellion gegen den syrischen Diktator Baschar al-Assad.
Gleichzeitig sponsert es die 42 Millionen Euro teure Digitalisierung aller islamischen Bestände der British Library, hat in London den höchsten Wolkenkratzer Europas gebaut und investiert über die Katar-Holding rund um den Globus. Beim deutschen Konzern Siemens, beim französischen Fußballclub St. Germain, bei der britischen Barclays Bank oder beim US-Juwelier Tiffany & Co: Überall hat sich Katar eingekauft – und das Nobelkaufhaus Harrods gleich zur Gänze übernommen.

Geld spielt keine Rolle
Dieses Jahr richtet das Emirat einen Motorrad-Grand-Prix aus, 2022 die Fußballweltmeisterschaft. Und es leistet sich mit Al Jazeera einen Nachrichtensender von internationaler Bedeutung.
Geld spielt dabei keine Rolle: Dank der drittgrößten Gasvorkommen der Welt, die im Boden des Persischen Golfs vor seiner Küste liegen, ist Katar dem Pro-Kopf-Einkommen nach das reichste Land der Erde. Sein Staatsfonds sitzt auf etwa 150 Milliarden Euro.
Das ist aber noch keine Antwort darauf, was den Emir bei seinen politischen Manövern, wirtschaftlichen Investments und kulturellen Engagements treibt. Langeweile? Wichtigmacherei? Missionsdrang? Letztlich eine Mischung aus allem, die im Bedürfnis des Machthabers kristallisiert, seinen Zwergstaat zu einer Regionalmacht aufzublasen.
Man darf diesen Drang aber nicht auf die Ambitionen des heute 33-jährigen Tamim beschränken. Immerhin war bis vor nicht einmal einem Jahr sein Vater, Emir Hamad bin Khalifa al-Thani, an der Macht. Im Juni 2013 übergab der damals 61-Jährige die Amtsgeschäfte an seinen Sohn – auf eine für den Nahen Osten geradezu rührend gesittete Art und Weise.
Die al-Thanis bewiesen stets politisches Geschick, seit sie Mitte des 19. Jahrhunderts die Macht unter den katarischen Stämmen übernommen hatten. Hamad beerbte seinen Vater Khalifa 1995. Der Wechsel erfolgte zwar nicht freiwillig, weil durch einen vom Hamad angezettelten Staatsstreich – der Weg zu Reformen wurde aber immerhin ohne Anwendung von Gewalt möglich.

Wobei das Wort „Reform“, gesellschaftspolitisch gesehen, relativ ist. Der alte Emir Hamad hat zum Beispiel drei Ehefrauen. Die zweite ist Mosa bint Nasser al-Missned und spielte als „Lieblingsfrau“ eine enorm wichtige Rolle. Die Scheicha trägt zwar Kopftuch, aber keine Abaya, das schwarze Ganzkörpertuch, das am Golf üblich ist. Sie leitete bis zur Machtübergabe 2013 die Katar-Foundation, das Vehikel für Innovation und Investition. Unter ihrem Einfluss gab der Emir den Frauen 1997 sogar das Recht, zu wählen und selbst bei Wahlen zu kandidieren – für die Golfregion ein revolutionärer Akt. Offiziell sind Frauen und Männer einander seither gleichgestellt.

„Der Prophet Mohammed hat ja nie gesagt, dass Frauen weggesperrt werden müssen“, meint Ahmed Abdul-Malik al-Hamadi. Der 63-jährige katarische Schriftsteller, dessen Vater noch Perlentaucher war, sitzt im traditionellen Dishdash, dem weißen Gewand mit rot-weißem Kopftuch, beim Kaffee in einer modernen Shopping Mall. Er hat nur einmal geheiratet und bloß zwei Kinder: „Wir Kataris haben unsere eigene Interpretation des Koran, und unsere Gesellschaft hat eigene Traditionen.“

Frauen am Steuer
Während beim Nachbarn Saudi-Arabien die Frauen immer noch darum kämpfen, Auto fahren zu dürfen, „sitzen wir Frauen hier klarerweise am Steuer“, erzählt eine Katarerin im Restaurant des Islamischen Museums von Doha. Die Frau, Geschäftsführerin eines westlichen Marketingunternehmens, ist mit ihren fünf Kindern zum Mittagessen ins Museum gekommen. Ihre zwei großen Töchter sind 15 und 16 Jahre alt. Die eine will Ingenieurswesen studieren, die andere Astronomie. Himmel und Erde stehen ihnen offen, dem weiblichen Forschergeist sind keine Grenzen gesetzt – solange die jungen Frauen ihre Kopftücher nicht ablegen.

Mutter und Töchter tragen die hier übliche schwarze Abaya, die das Haar verhüllt, aber nicht das Gesicht. Trotz aller Offenheit will die Familie lieber nicht mit Namen zitiert werden – ein Symptom dafür, dass die katarische Monarchie in Wahrheit tief undemokratisch geblieben ist. Das zeigt sich etwa am Fall von Mohammad ibn al-Dhib al-Ajami. Als 2011 in Tunesien der Arabische Frühling begann, ließ sich der junge Poet zu einem revolutionären Gedicht hinreißen: „Wir sind alle Tunesier im Angesicht repressiver Mächte.“ Das brachte ihm eine Verurteilung zu lebenslanger Haft ein.

Ob sich all das mit Tamim, dem nunmehr bereits siebten Emir aus dem Haus al-Thani, ändern wird, ist noch nicht abzusehen. Der junge Fürst gilt als vorsichtiger Mann. Vorerst zeigt sich nur, dass er die enorme Spendierfreudigkeit seines Vaters vermissen lässt. Ein Katar-Experte in Doha schätzt den neuen Herrscher so ein: „Tamim interessiert sich nicht besonders für Geld. Er hätte nie Harrods gekauft, das liegt ihm nicht.“ Politisch aber sei er der Sohn seines Vaters: „Er wird den moderaten islamischen Kurs halten.“

Das heißt aber auch: Er wird die Unterstützung der Muslimbruderschaft fortsetzen, die derzeit in Ägypten unter schwerem Druck durch das neue Militärregime steht.

Im Arabischen Frühling versuchten die al-Thanis von Anfang an, den politischen Islam der Muslimbrüder als moderate Alternative zu dem sonst in Golfarabien gepflegten ultrakonservativen Wahabismus der Saudis zu forcieren. „Die Muslimbruderschaft bildet das politische Zentrum im Nahen Osten“, sagt Golf-Experte Andrew Hammond vom European Council of Foreign Relations in London: „Und Katar ist in der sonst konservativen Region eine Oase der intellektuellen Debatte.“

Das Emirat ist aber noch mehr als das: „Man kann Katar als Auffanglager für alle Unterdrückten dieser Welt betrachten“, sagte Khalid bin Mohammed al-Attiyah, der neue Außenminister von Katar, vergangenen Herbst bei einem Besuch in London.

Zorn der Nachbarn
Der spirituelle Führer der ägyptischen Muslimbrüder, Yusuf Abdullah al-Qaradawi, hat hier ebenso Aufnahme gefunden wie der linke Intellektuelle und israelische Palästinenser Azmi Bishara, der 2007 aus Israel flüchtete, weil ihm dort ein Prozess als Staatsverräter gemacht werden sollte. Auch Khaled Mashal, Führer der palästinensischen Hamas, lebt in Doha. Gleichzeitig halten die Katarer sogar mit den Israelis Kontakt.
Mit alledem hat Katars Herrscherfamilie inzwischen allerdings den Zorn der Nachbarn auf sich gezogen. Im März beriefen Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain ihre Botschafter aus Doha zurück – ein äußerst ungewöhnlicher Vorgang für die sonst konsensgewohnten Golfmonarchien, der nur einen Zweck hatte: Katar zu zwingen, die Muslimbrüder fallen zu lassen.

Dahinter aber steht mehr. Saudi-Arabien fühlt sich durch Katars Ambitionen provoziert. Immerhin hatte der große Nachbar das kleine Land seit jeher nur als Hinterhof betrachtet, in dem er nach Belieben schalten und walten konnte.

Unter Emir Khalifa – dem Großvater des nunmehr regierenden Emirs Tamim – war das noch leicht möglich. Als der alte Herr, herrschaftsmüde geworden, Anfang der 1990er-Jahre seinen Lebensmittelpunkt von der Golfküste an die Côte d’Azur verlegte, hatten die Saudis bereits einen ihnen genehmen Nachfolger ausgespäht. Ihre Pläne wurden allerdings durch den unblutigen Putsch von Hamad durchkreuzt, der Khalifa 1995 kurzerhand absetzte.

Mehr als vom Vater riss er sich damit eigentlich von den Saudis los. Das Bestreben, den Einfluss des übermächtigen Nachbarlandes abzuschütteln, prägte denn auch die gesamten 20 Jahre der Herrschaft Hamads. Damit ging etwa der Versuch einher, sich mit allen gut zu stellen. Den USA erlaubte Hamad etwa, in Katar ihren größten Truppenstützpunkt im Nahen Osten zu errichten.

Der aktuelle Konflikt mit Saudi-Arabien und den anderen Golfmonarchien um die Muslimbruderschaft ist aber nur eines von vielen Problemen, die Katar derzeit aufgrund seiner regionalen und internationalen Engagements hat.

Ägypten geht mit brutaler Härte gegen Al Jazeera vor: 20 Mitarbeiter des Senders stehen derzeit in Kairo vor Gericht, weil ihnen Kontakte zu der inzwischen als Terrororganisation verbotenen Muslimbruderschaft vorgeworfen werden – eine Maßnahme, die sich in Wahrheit gegen Katar richtet.

Bei Al Jazeera selbst, vor 18 Jahren als eine Art CNN für die arabische Welt gegründet, gärt es wiederum intern. Vor allem beim englischsprachigen Dienst kündigten in jüngster Zeit eine Reihe von Mitarbeitern, denen die Berichterstattung zu islamistenfreundlich geworden war.
Unter den syrischen Rebellen, denen Katar finanziellen Rückhalt gibt, haben inzwischen extrem islamistische Gruppierungen aus dem Dunstkreis der Al Kaida das Sagen, die mit besonderen Exzessen für Abscheu sorgen. Vergangenes Jahr gingen Bilder eines Aufständischen um die Welt, der einem getöteten Soldaten die Lunge aus dem Leib schnitt und in das blutige Organ biss; zuletzt waren es Aufnahmen von Massenerschießungen gefangener Assad-Leute – beides kein Renommee für die Sponsoren am Golf.

Schlechte Presse hat Katar auch wegen der Behandlung der Gastarbeiter, die mehr als drei Viertel der insgesamt rund zwei Millionen Einwohner des Emirats ausmachen. Viele schuften unter unmenschlichen Bedingungen auf den Baustellen, auf denen neue Glitzertürme für Doha errichtet werden. Beschäftigt werden sie nach dem sogenannten Kafala-System: Ein katarischer Sponsor bringt Arbeiter für ein bestimmtes Projekt ins Land, die dann völlig von ihrem Sponsor abhängig sind.

Heile Oberfläche
Laut der britischen Tageszeitung „Guardian“ starb im vergangenen September fast täglich ein Arbeiter an Hitzschlag oder Erschöpfung. Jüngste Zahlen sprechen von 185 toten Nepalesen allein im Jahr 2013. Schon wird angesichts dieser Missstände der Ruf laut, die Fußball-WM 2022 zu boykottieren.

Ausländer mit besseren Jobs büßen zwar nicht ihr Leben, aber einen großen Teil ihrer persönlichen Freiheit ein, wenn sie in Katar anheuern. Eine junge Georgierin in Doha erzählt, ihre Arbeit in einem der Luxushotels sei gut bezahlt, die Unterkunft schön, es gebe sogar einen Pool: „Aber die Frauen und Männer leben strikt getrennt. Als mich ein Freund auf einen Kaffee besucht hat, gab es furchtbare Schwierigkeiten mit den Sicherheits­leuten.“

Doch an der Oberfläche ist die Welt in Katar weiterhin heil. Im Souk, mit viel Geld zum hübschen Touristenzentrum aufgemotzt, wird Tee getrunken, Männer im weißen Dishdash und Frauen in schwarzer Abaya sitzen neben Urlaubern in Shorts – oder an der Bar des „W Hotels Doha“, wo die Eiswürfel in den Cocktailgläsern klirren.

Bisher funktioniert die schizophrene Welt, weil es in Katar keine öffentliche Meinung gibt, die sich darüber echauffieren könnte.
Die rasche Übergabe der Macht von Vater an Sohn im vergangenen Juni wurde auch als Ablenkungsmanöver gesehen: Sie zeigt Dynamik in einer Zeit des Umbruchs.
Derzeit ist das Emirat eine einzige Experimentierstation. Manche Vorhaben – zum Beispiel die Wüste in Ackerland umzuwandeln – werden mit viel Verve und Geld angegangen, aber auch umstandslos wieder aufgegeben.
Ähnlich funktioniert das außenpolitische Engagement. Vermutlich wird sich der junge Emir auch dabei aus manchen Projekten zurückziehen, je nachdem, wie sich die Protegés – etwa die Rebellen in Syrien – entwickeln.
Eines ist schon jetzt klar: Die Zeiten, in denen Katar das Geld mit beiden Händen ausgegeben hat, sind vorbei. Als Zeichen der neuen Bescheidenheit hat Emir Tamim entschieden, die Zahl der neuen Stadien für die Fußball-WM 2022 zu reduzieren: von zwölf auf acht. Sparen bedeutet in Doha eben immer noch etwas anderes als im Rest der Welt.

Trotz der Herausforderungen des vergangenen Jahres, der Krise des Arabischen Frühlings und der größenwahnsinnig anmutenden Idee, aus einer traditionellen Beduinengesellschaft eine ultramoderne Regionalmacht formen zu wollen, sieht die Zukunft für Katar durchaus rosig aus. „Der junge Emir hat gute Chancen, die nächsten 20 Jahre zu regieren“, meint ein westlicher Diplomat in Doha: „Bisher haben die al-Thanis den Umbruch in der Region gut überstanden.“