Hares Youssef: Ein Leben in Verruf

Hares Youssef: Ein Leben in Verruf

Hares Youssef spielt eine Schlüsselrolle in der mysteriösen Causa um den ukrainischen Oligarchen Dimitri Firtasch. Nun spricht er erstmals öffentlich über seinen Fall.

Es ist nicht immer leicht, Hares Youssefs Gedanken zu folgen, aber vermutlich gehört das mit zum Plan. In T-Shirt und Bluejeans schlendert der 53-Jährige durch seine Luxus-Altbauwohnung mit Balkönchen. Von draußen drückt die Sommerhitze gegen die Fenster, drinnen gibt es Nüsse und Schoko.

Er wolle reden, sagt er. Seinen beschmutzten Namen reinwaschen. Und außerdem sein Geld zurück.

Hares Youssef spielt eine Schlüsselrolle in einer höchst verworrenen Causa. Sie dreht sich um den ukrainischen Oligarchen und ehemaligen Gasmonopolisten Dimitri Firtasch, mit dem Youssef seit rund 15 Jahren befreundet ist. Sie wohnen derzeit beide in Wien und treffen sich regelmäßig, um zu plaudern - nur dass Dimitri Firtasch seit Jahren nicht mehr freiwillig in Österreich lebt.

Ein österreichisches Gericht hat ihm seinen Reisepass abgenommen, ein befreundeter russischer Oligarch deponierte 125 Millionen Euro Kaution für ihn. Firtasch darf das Land nicht verlassen, bis die Justiz entschieden hat, ob und in welches Land sie ihn ausliefern will: die USA, wo ihm unter anderem Korruption und die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen wird, oder Spanien, wo außerdem noch Geldwäsche vermutet wird.

Auch auf Youssef wurde ein Europäischer Haftbefehl ausgestellt. Die spanischen Behörden glauben, dass er Geld gewaschen haben könnte und zu Firtaschs Netzwerk gehört. Laut spanischen Zeitungen soll er die rechte Hand des umstrittenen Ukrainers sein. Alle Verfahren laufen noch, es gilt die Unschuldsvermutung.


Dieser gesamte Fall ist ein Rätsel

"Dieser gesamte Fall ist ein Rätsel", sagt Youssef. Er sei nur ein Bauer in einem größeren Spiel. Um das und noch mehr zu klären, hat der Ukrainer mit syrischen Wurzeln profil an diesem Nachmittag in die Wohnung im 1. Wiener Gemeindebezirk geladen. Er wird wiederholen, was die teuren Anwälte der beiden in Wien festsitzenden Geschäftsmänner seit Monaten sagen: Die US-Staatsanwälte würden Firtasch aus politischen Gründen jagen, und dabei sei ihnen jedes Mittel recht. Der spanische Fall sei ihr Plan B, falls Österreich ihn nicht ausliefert.

Hares Youssef weiß, dass er nun im Scheinwerferlicht steht, egal, wie es im Verfahren weitergeht. Also versucht er, möglichst bunt zu schillern. Er hat sieben Kinder von vier Frauen, eine Ehe ist geschieden. Er kenne Autoren, Dichter, Filmstudios, habe viele Jahre in Paris gelebt, sagt Youssef. Der französische Schauspieler und Putin-Freund Gérard Depardieu sei Patenonkel seiner kleinen Tochter. Tatsächlich gibt es mehrere Fotos mit den beiden.

Auch in Österreich will er der Vater eines Projektes sein, das in den vergangenen Jahren für Wirbel sorgte: die "Agentur für Modernisierung der Ukraine" (AMU), finanziert wurde sie von Freund Firtasch. Dort sollten mehrere europäische Expolitiker mit dem französischen Starphilosophen Bernard-Henri Lévy einen Plan für das Land entwickeln -auch mit ihm ist Youssef befreundet, wie er glaubhaft versichert. Der ehemalige ÖVP-Vizekanzler Michael Spindelegger fungierte als Direktor und lieferte ein dickes Konzept ab, das aber nie umgesetzt wurde. Dann wechselte er den Job. Bis heute schweigt er über sein Honorar.


Ich habe mich mehrmals mit Herrn Spindelegger getroffen. Es war meine Idee, ihn zum Direktor der Agentur zu machen, nachdem er gerade keinen Job hatte.

"Ich habe mich mehrmals mit Herrn Spindelegger getroffen", sagt Youssef. "Es war meine Idee, ihn zum Direktor der Agentur zu machen, nachdem er gerade keinen Job hatte." Spindelegger wiederum lässt über seinen Sprecher Bernhard Schragl ausrichten, dass er Youssef flüchtig als Berater des ehemaligen ukrainischen Präsidenten Viktor Juschtschenko kennengelernt habe, als dieser im Jahr 2014 in Wien gewesen sei. Im Zusammenhang mit der AMU habe er aber nicht mit ihm zu tun gehabt. Es habe weder persönliche Treffen gegeben, noch habe Youssef eine Rolle in der Agentur gespielt, nachdem Spindelegger zum Direktor ernannt wurde. "Wir haben ihn als einen dieser schwer durchschaubaren Berater im Umfeld von Politkern wahrgenommen, mit denen man in diesen Ländern zu tun hat", sagt Schragl.

Youssef selbst zeichnet sich im mehr als zweistündigen Gespräch als syrischen Auswanderer, geboren in eine Eliten-Familie im Dunstkreis des damaligen Assad-Regimes, der noch in Zeiten der Sowjetunion über militärischen Austausch in Kiew landete, obwohl er eigentlich Architekt oder Dichter hätte werden wollen. In den 1990er-Jahren verdiente er mit Stahlhandel viel Geld, später heuerte er als Berater Juschtschenkos an.

Dieses Leben habe ihn reich gemacht, er sei dabei aber immer sauber geblieben - eine Behauptung, die von ukrainischen Zeitungsberichten konterkariert wird, die Youssef als mittelwichtigen Oligarchen beschreiben, der immer wieder in dubiose Deals verwickelt sei. "Ja, die schreiben auch, dass ich Kinder esse", sagt Youssef schnippisch. Diese Geschichten über ihn würden auf seine einflussreichen Freunde abzielen: Firtasch und Juschtschenko, die in seinen Augen tadellos saubere Männer sind, über die er nie ein böses Wort verlieren könnte.

Die Politik, das Business, er habe das alles schon lange hinter sich gelassen, sagt er. Ein paar Zehntausend Euro im Monat reichten ihm zum Leben, das sei in seiner Welt nicht so viel. Er schreibt nun Gedichte und arbeitet an einem Buch; mehr als 5000 Seiten hat er schon geschrieben. Er träumt von einem neuen Weltsystem, irgendwo zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Er denkt über eine Währung nach, die er "Gaia" nennt, die Mutter Erde; er selbst sei zuallererst ein "Sohn der Erde". Hinter ihm steht eine Staffelei, an der Wand lehnen Leinwände, auf die er verschwimmende Fantasiewelten malt.

Doch draußen vor den Fenstern und fern der bunten Farben gibt es noch eine andere Welt, und in ihr ist Hares Youssef nicht einfach nur ein gealterter Geschäftsmann, der zu lange in Esoterik-Ratgebern geschmökert hat. Dort werfen ihm spanische Staatsanwälte vor, in Marbella ein Haus gekauft zu haben, um schmutziges Geld zu waschen. Den Mann, von dem er die Luxusimmobilie erwarb, identifizierten die Ermittler als Anwalt und Steuerberater der St. Petersburger Mafia. Noch dazu wurde im vergangenen Jahr einer von Youssefs ehemaligen Mitarbeitern bei einer Razzia verhaftet, Wochen später aber wieder freigelassen. Die Ermittler hörten daraufhin ein Telefongespräch Youssefs mit dem Mann ab (auch bei einem Telefonat des seines Exmitarbeiters mit einem österreichischen Adeligen lauschten sie mit). Beide Aufzeichnungen werden in ihrem ersten Haftbefehl gegen Firtasch als Beweis angeführt. Auch der Name Hares Youssef kommt darin prominent vor; er soll die rechte Hand von Firtasch sein.


Die haben nichts, weil da nichts ist.

"Na und?", sagt der Ukrainer zu den Vorwürfen. Der erwähnte Anwalt sei ihm von einer Maklerin vorgestellt worden, er habe nichts von dessen angeblichen Mafia-Geschäften gewusst. Von seinem Exmitarbeiter habe er jahrelang nichts gehört, sie seien im Schlechten auseinandergegangen, der Mann schulde ihm sogar noch Geld. "Die haben nichts", sagt er und meint damit die spanischen Staatsanwälte. "Weil da nichts ist." Sein Geld sei sauber, er und Firtasch würden keine Geschäfte machen, sondern Ski-Urlaub in Lech oder Kitzbühel.

Genutzt haben ihm diese und andere Beteuerungen bislang kaum etwas. Rund zwei Wochen verbrachte Youssef aufgrund des europäischen Haftbefehls der Spanier im April in einer Vier-Mann-Zelle in Wien. Er kam schließlich gegen eine Kaution von 100.000 Euro frei. Danach wartete er drei Wochen auf einen Termin in Barcelona; am 12. Mai saß er rund eineinhalb Stunden vor dem Richter und dem Staatsanwalt. Sie hätten sich seine Dokumente angeschaut, ihm zugehört und ihn dann einfach wieder abreisen lassen. Er habe dargelegt, dass er das Haus aus privaten Konten in Paris, Beirut, Kiew und Riga bezahlt habe, die Gelder seien versteuert worden und stammten aus sauberen Quellen.


Die spanischen Behörden antworten seit Längerem gar nicht auf unsere Anfragen.

Mehr als ein Monat ist seit seiner Einvernahme vergangen -falls sie überhaupt stattgefunden hat. Denn noch immer hat das Gericht in Barcelona den österreichischen Behörden nicht bestätigt, dass Youssef ausgesagt hat. "Die spanischen Behörden antworten seit Längerem gar nicht auf unsere Anfragen", sagt Christina Salzborn, Sprecherin des Wiener Landesgerichtes. Es ist nicht das erste Mal in dieser seltsamen Causa, dass die Spanier schweigen oder auf sich warten lassen: Als im vergangenen Jahr der Haftbefehl für Youssef und Firtasch aus Barcelona eintraf, verlangten die österreichischen Staatsanwälte weitere Details, die erst vier Monate später ankamen. Auch der österreichische Richter, der im Auslieferungsverfahren Firtasch entscheidet, habe vor Ostern mehr Informationen angefordert, so Salzborn.

Die Antwort bislang: Stille. Eine profil-Anfrage an die Pressestelle des zuständigen Gerichts in Barcelona blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Auch deswegen hat Youssef in seine Wohnung geladen: Er will Druck machen. Nur wenn die Spanier bestätigen, dass er freiwillig ausgesagt hat und derzeit keine Fluchtgefahr besteht, gibt es eine Chance, dass er seine 100.000-Euro-Kaution in nächster Zeit zurückbekommt. Er sagt, seine zwei Brüder, seine Familie und er selbst hätten das Geld aufgetrieben. Ob das auch stimmt, konnte bis Redaktionsschluss nicht überprüft werden.

Hares Youssef hat gesagt, was er sagen wollte. Noch ist nicht klar, wie das Verfahren in Spanien weitergeht und welche Beweise die Ermittler noch gesammelt haben. Warum sie sich selbst gegenüber ihren österreichischen Kollegen in Schweigen hüllen, ist eine der vielen Fragen in diesem seltsamen Fall, die weiterhin offen bleiben.