Heiliger Bimbam! Über den radikalen Pragmatiker Papst Franziskus

Heiliger Bimbam! Über den radikalen Pragmatiker Papst Franziskus

Papst Franziskus will der katholischen Kirche einen Reformschub verpassen. Wie weit er dabei wirklich gehen wird, kann niemand abschätzen. Martin Staudinger und Robert Treichler über einen radikalen Pragmatiker.

Am 13. März dieses Jahres geschah etwas, was in religiösen Kreisen rückblickend durchaus als kleines Wunder durchgehen könnte. An diesem Tag, einem Mittwoch, bestimmten 115 Kardinäle der römisch-katholischen Kirche im fünften Wahlgang des vatikanischen Konklaves den Nachfolger des zurückgetretenen Papstes Benedikt XVI. Die Zusammensetzung des Wahlgremiums scheint in der Regel zu garantieren, dass verlässlich ein Kandidat gewinnt, der den Apparat in keinem wesentlichen Punkt infrage stellt: Es sind allesamt alte Männer, die ohne Gehorsam keine Karriere gemacht hätten. Nur fünf der Wahlberechtigten waren unter 60 Jahre alt, und alle waren entweder von Benedikt oder dessen Vorgänger zu Kardinälen befördert worden. Ein Umsturz oder auch nur ein scharfer Richtungswechsel ist in diesem System nicht vorgesehen.

Jedenfalls nicht ohne ein kleines Wunder.

Die Kardinäle hatten im sogenannten „Vorkonklave“ mehrere Kandidaten angehört. Einer von ihnen, Jorge Mario Bergoglio, Jesuit und Kardinal aus Buenos Aires, hatte eine Rede gehalten, die bei manchen einen starken Eindruck hinterließ. Eigentlich werden derartige Debattenbeiträge ebenso wenig publik wie die Ergebnisse der Wahlgänge. Später tauchte jedoch ein Schriftstück auf, das unmittelbare Rückschlüsse auf Bergoglios Ansprache erlaubte.

Jaime Ortega, der Erzbischof von Havanna, war nach eigener Aussage von den Worten des Argentiniers so ergriffen gewesen, dass er Bergoglio um das Manuskript bat. Dieser erwiderte, dass er frei geredet habe, versprach jedoch, die wesentlichen Punkte zu notieren, erzählte Ortega der Zeitschrift der katholischen Kirche Kubas, „Palabra Nueva“. Tags darauf habe ihm Bergoglio das Papier in die Hand gedrückt.

Der Text hat es in sich. Es geht darin etwa um „Krankheiten, die sich im Lauf der Zeit in den kirchlichen Institutionen entwickelt“ und ihre Wurzeln in einer „Selbstbezogenheit“, einer Art „theologischem Narzissmus“, hätten. Bergoglio unterscheidet des Weiteren zwischen einer Kirche, die „der Evangelisierung zugeneigt“ ist, und einer „mondänen Kirche“, die „in sich selbst, aus sich selbst und für sich selbst“ lebt.

Es fällt schwer zu glauben, dass jemand, der eine Institution so scharf kritisiert, von deren höchsten Repräsentanten zu ihrem Vorsitzenden gewählt wird.

Am 13. März um 19.06 Uhr stieg weißer Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle auf. Um 20.22 Uhr trat der neue Papst auf die Benediktionsloggia des Petersdoms. Es war Jorge Mario Bergoglio, nunmehr: Franziskus.

Die Kardinäle selbst haben berufsbedingt eine eindeutige Erklärung für ihr Wahlverhalten – es sei eine Folge des Wirkens des Heiligen Geistes. Vielleicht trifft aber eine weniger metaphysische Interpretation zu: Die Entscheidung fiel zugunsten eines radikalen Reformers, weil die politische Situation der Römisch-Katholischen Kirche anno domini 2013 denkbar miserabel ist.

Politik der Vertuschung
Der Begriff „theologischer Narzissmus“ ist ein zentraler Begriff in Bergoglios Analyse – und ein sehr treffender. Die Kirche ergeht sich seit Langem in Selbstbezogenheit und verkündet unbeirrt Regeln, die bereits an den vatikanischen Mauern ungehört verhallen. Die katholische Reglementierung des Geschlechtsverkehrs illustriert die Absurdität des Unterfangens besonders gut: Obsessiv verordnet die Kirche, wer mit wem unter welchen Umständen keinesfalls Sex haben darf, und befindet sich dabei weit jenseits der Lebensrealität einer liberalen Gesellschaft. Vorehelicher, außerehelicher, homosexueller Geschlechtsverkehr – verboten. „Künstliche“ Verhütung – verboten. Abtreibung – verboten. Kein Wunder, dass 90 Prozent der Katholiken eingestehen, sich anders zu verhalten, als der Vatikan es vorsieht.

Gleichzeitig macht demselben Apparat, der das Geschlechtsleben der Gläubigen zu normieren versucht, das Geschlechtsleben seiner eigenen Funktionäre am meisten zu schaffen. Die behauptete Asexualität des Klerus und eine Politik der Vertuschung haben kriminelle Übergriffe in epidemischen Ausmaßen begünstigt. Ergebnis: der Verlust moralischer Autorität – das wahrscheinlich wichtigste Kapital einer Religionsgemeinschaft – und enormer finanzieller Schaden.
Ähnlich verhält es sich mit dem Frauenbild der katholischen Kirche. Nicht nur, dass es viele praktizierende und potenzielle Gläubige in seinem rigiden Anachronismus unweigerlich abstößt. Es beraubt die Kirche gleichzeitig auch eines enormen Personalreservoirs.

Die dunklen Umtriebe der Vatikanbank wiederum beschädigen das Image des Heiligen Stuhls als Fürsprecher auf Seiten der Armen.

Wie kann ein neuer Papst seine Kirche aus diesem Schlamassel herausführen? Auf diese Frage fand Jorge Mario Bergoglio offenbar eine Antwort, die das Kardinalskollegium überzeugte. Es ist diese intellektuelle Leistung, die den 77-Jährigen so faszinierend macht, weniger die Tatsache, dass er lieber einen billigen Fiat fährt als einen teuren Mercedes – obwohl am Ende beides miteinander zu tun hat.

Der Argentinier kommt als Lateinamerikaner aus der Peripherie des katholischen Systems, das auf der zentralen Verwaltung und Steuerung von Glaube und Macht aufbaut. Die Weltgegenden außerhalb des Vatikans, des kleinsten Staates der Welt, werden im klerikalen Jargon ein wenig herablassend als „Ortskirchen“ bezeichnet. Dort aber war Bergoglio zu Hause. Er hatte zwar Funktionen in der römischen Kurie, allerdings in Institutionen wie der Kongregation für den Klerus, der Kongregation für den Gottesdienst und der Sakramentenordnung sowie der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika – allesamt Orchideenthemen.

Statt den Macht- und Karrierespielen in der Zentrale zu frönen, sammelte Bergoglio als Priester Lebenserfahrung – in den Slums von Buenos Aires, wo er versuchte, Drogensüchtigen inmitten einer mafiösen, gewalttätigen Umgebung zu helfen; während der desaströsen argentinischen Wirtschaftskrise, die in den Jahren 1998 bis 2002 das halbe Land verarmen ließ; und als Erzbischof von Buenos Aires, dessen Diözese in einen Finanzskandal verstrickt war.

Als Papst Franziskus muss Bergoglio ein oberstes Ziel haben: die Evangelisierung, also die Verkündung des Wortes Gottes. Das gilt für jedes katholische Kirchenoberhaupt. Doch damit das gelingen kann, muss der neue Pontifex eine strategische Neuausrichtung seiner Kirche in Angriff nehmen. Bisher galt: Der Vatikan interpretiert die Heilige Schrift, verkündet die daraus gewonnenen Wahrheiten und schert sich nicht darum, wie die Adressaten der Botschaft damit zurechtkommen. Das Christentum ist eben eine Offenbarungsreligion, und Zuwiderhandelnde sind Sünder. Benedikt XVI. verkörperte die Arroganz theologischer Exzellenz in ihrer reinsten Form. Als ehemaliger Präfekt der Glaubenskongregation beherrschte er die Kunst makelloser Exegese perfekt. Den vielerorts ratlosen Christen vermittelte er, die geltende Lehre sei unantastbar und ewig.

Hatte der 264. Nachfolger Petri etwa nicht Recht? Wie kann der 265. Nachfolger an diesen Grundfesten rütteln?

Wenn Franziskus tatsächlich tief greifende Reformen durchsetzen will – und vieles deutet bereits jetzt darauf hin, dass er dazu entschlossen ist –, dann weiß er die Kirchengeschichte auf seiner Seite. Denn die ewigen Wahrheiten und unverrückbaren Regeln sind oft jünger und von weitaus geringerer Haltbarkeit, als es den Anschein hat. Franziskus selbst ist schließlich durch einen solchen Fall von eklatantem Traditionsbruch an die Macht gelangt. Benedikt XVI. nutzte seine Stellung als unkontrollierter Alleinherrscher, um das ungeschriebene Gesetz zu brechen, wonach ein Papst nicht abdankt.

Auch die Dogmen, die dem Pontifex das sogenannte Papstprimat zusprechen, sind keineswegs uralt. Die höchste Rechtsgewalt des Papstes (das Jurisdiktionsprimat) und die höchste Lehrvollmacht in Kombination mit der Unfehlbarkeit wurden im Jahr 1870 vom Ersten Vatikanischen Konzil als Dogmen verkündet. Davor hatte die Kirche jahrhundertelang geschwankt, ob ein Konzil oder ein Papst höhere Autorität besitze.

Franziskus wird keines der geltenden Dogmen in Zweifel ziehen. Das muss er gar nicht. Dogmen haben es an sich, ignoriert und solcherart obsolet zu werden, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. Sie zu widerrufen, ist nicht nötig.

Lieber macht Franziskus seine Ankündigung wahr und zeigt, was es nach seiner Auffassung bedeutet, dass die Kirche „aus sich herausgehen“ soll: Er veranstaltet eine Umfrage. Zur Vorbereitung der für Oktober 2014 angesetzten Sonderbischofssynode zum Thema „Familie“ ließ der Papst Fragebögen an die nationalen Bischofskonferenzen versenden, verbunden mit der Aufforderung, diese auch an die Gemeinden weiterzuleiten. Darin interessiert sich der Vatikan ebenso für die Situation der wiederverheirateten Geschiedenen wie für die pastorale Versorgung von gleichgeschlechtlichen Paaren und ihren Kindern.

Franziskus fragt Ortskirchen und sogar Laien um ihre Meinung zu Themen, die noch unter Benedikt XVI. als unverhandelbar galten. In Österreich etwa kann der Fragebogen auf der Website der Bischofskonferenz ( bischofskonferenz.at ) heruntergeladen werden.

So sieht der Beginn einer Kirchenreform aus.

„Katholisches G 8“
Unter den 115 Kardinälen des Konklaves befanden sich in den Märztagen nicht wenige, die wussten, dass mit der Wahl Bergoglios ihre eigene Machtposition gefährdet war. Tarcisio Bertone etwa, als Kardinalstaatssekretär gewissermaßen die Nummer zwei des Vatikans, repräsentierte den Einfluss der Kurie, den Bergoglio verringern wollte. Die Ankündigung, dass die Kirche sich wieder mehr nach außen wenden müsse, war deutlich. Sieben Monate nach der Wahl von Bergoglio war Bertone seinen Job als Kardinalstaatssekretär los.

Franziskus ist 77 Jahre alt. Vor zwei Jahren hinterlegte er, den Usancen entsprechend, sein Pensionsgesuch beim damaligen Papst. Sogar seinen Alterssitz hatte er schon ausgesucht – ein Heim für Priester im Ruhestand in Flores, dem Stadtteil von Buenos Aires, wo er am 17. Dezember 1936 geboren wurde. Kann dieser alte Mann, der seit einer Infektion in jungen Jahren nur noch einen Lungenflügel hat, seine Kirche in neue Bahnen lenken?
Er will es, und er ist nicht allein. Er hat acht Kardinäle aus allen Kontinenten dazu bestimmt, sich mit ihm regelmäßig zu beraten. Es ist ein informelles Gremium, das keinen Namen hat, nirgendwo in der vatikanischen Verfassung vorgesehen ist und nichts mit der Kurie – dem mächtigen Verwaltungsapparat des Vatikans – zu tun hat. Ein „katholisches G 8“ oder auch „eine Art Revolutionsrat“ nennt es die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“, und tatsächlich kann niemand abschätzen, wie folgenschwer die Treffen dieses geheimnisvollen Zirkels in Zukunft sein werden.

Eine weitere Beratergruppe – sieben hochrangige Experten und ein Priester – unterstützt den Papst in Finanz- und Wirtschaftsfragen. Sie soll den Störfall Vatikanbank beheben.

All diese ersten Schritte wecken Hoffnungen in einer Kirche, die in den vergangenen Jahrzehnten dem Fatalismus anheimzufallen drohte. Franziskus’ freudvoller Charakter taugt als Antithese zum Kulturpessimismus eines Benedikt XVI., der draußen vor den vatikanischen Toren überall nur Bedrohungen des Relativismus erkannte, denen er trotzig mit intellektueller Unnachgiebigkeit begegnete.

Benedikt, der elitäre Theologe, bewohnte einen Elfenbeinturm, und der vatikanische Pomp illustrierte die Entrücktheit des Papstes auf ansehnliche Weise. Franziskus hingegen räumt alles zur Seite, was ihm im Weg steht, um von den Gläubigen akzeptiert zu werden. Zahllos sind seit Monaten Berichte über den Normalo-Papst, der sich in der Kantine selbst ums Essen anstellt, der seine Koffer holt, Rechnungen bezahlt, im Gästehaus Santa Marta wohnt und nicht im Apostolischen Palast und der sich auf Staatsbesuch in Brasilien im Fiat Minivan chauffieren lässt, anstatt in einer Sonderanfertigung Marke Mercedes.

Das mag populistische Züge haben, tatsächlich wirkt Franziskus dabei aber sehr authentisch. Benedikt XVI. mochte als Spitzen-Christologe Ehrfurcht eingeflößt haben, Franziskus weckt Sympathien wie ein Dorfpfarrer. In den USA geben in einer aktuellen Umfrage der „Washington Post“ und des Senders „ABC“ 92 Prozent der Befragten an, einen guten Eindruck vom neuen Papst zu haben.

Die Hoffnungen, die jetzt in Franziskus gesetzt werden, kann kein Papst erfüllen. Er wird die Lehre der Kirche nicht revolutionieren können. Den vatikanischen Segen für Homo-Ehe, Abtreibung oder Frauen als Priesterinnen wird es auch zum Ende seines Pontifikats nicht geben. Aber Franziskus zeigt jetzt schon einen neuen, gewissermaßen einen „dritten Weg“, der das Dilemma zweier unvereinbarer Positionen auflöst.
Beispiel Homosexualität: „Wenn eine homosexuelle Person guten Willens und auf der Suche nach Gott ist, werde ich kein Urteil über sie fällen“, erklärte Franziskus im Sommer. Beispiel wiederverheiratete Geschiedene und die umstrittene Frage, ob sie an der Kommunion teilnehmen dürfen: „Die Kommunion ist keine Belohnung für die Untadeligen, sondern eine starke Medizin und Nahrung für die Schwachen.“

In Franziskus’ Worten offenbart sich ein humanistischer Pragmatismus, der die theologischen Wahrheiten nicht missachtet. Was bringt es der Katholischen Kirche etwa, wenn sie einen völlig aussichtslosen Abwehrkampf gegen die Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften führt? Bisher lautete die Antwort: Die Kirche kann nicht einfach blind dem Zeitgeist folgen. Franziskus lenkt den Fokus weg von der moraltheologischen Beurteilung hin zur pastoralen Frage, wie die Kirche Menschen helfen kann, egal, ob sie sich an alle Regeln halten.
Sein Vorgänger Benedikt XVI. verbreitete die Lehre der Kirche als Standpauke für den einzelnen Sünder. Franziskus umarmt den Einzelnen und empört sich lieber über das, was er als kollektiv verschuldete Missstände empfindet. Bei einem spektakulären Besuch der italienischen Insel Lampedusa prangerte er die Hartherzigkeit gegenüber afrikanischen Flüchtlingen an, und bei jeder sich bietenden Gelegenheit geißelt er den Kapitalismus und die „Tyrannei des Marktes“, die vielen Menschen Armut bringen.

Der Furor, mit dem der lateinamerikanische Antikapitalist dabei zu Werke geht, steht der Agitation gegen Homo-Partnerschaften in nichts nach, der wesentliche Unterschied aber ist: Diese Art von Zorn finden viele Menschen sympathisch, auch wenn der Papst dabei höchst krause Theorien vertritt. So liest sich sein Statement zum Privateigentum wie das eines Patrons der Hausbesetzers: „Die eigenen Güter nicht mit den Armen zu teilen, bedeutet, diese zu bestehlen. Die Güter, die wir besitzen, gehören nicht uns, sondern ihnen.“
Die anti-kapitalistische Tradition der Kirche neu zu beleben, ist aus der Sicht des Vatikans eine der harmloseren Aktivitäten des Papstes. Die Reformen, die er in Angriff nimmt, werden hingegen wohl mit einer Mischung aus Hoffnung und ein klein wenig Sorge verfolgt. Die Kardinäle des Konklaves wussten, was Franziskus vorhat. Wie weit er dabei gehen würde, kann noch niemand abschätzen.

Es heißt, das fortgeschrittene Alter habe für Franziskus gesprochen, weil es ihn zu einem Übergangspapst prädestiniere.

Darin könnte sich das Konklave, Heiliger Geist hin oder her, dann doch getäuscht haben.