Ich lebe in Juárez: Mexikanische Drogenkartelle im Krieg gegen die Medien

Arturo Chacon: "Wer versucht, die Wahrheit zu schreiben, riskiert sein Leben."

Arturo Chacon: "Wer versucht, die Wahrheit zu schreiben, riskiert sein Leben."

Für Journalisten ist Mexiko eines der gefährlichsten Länder der Welt.

Dass eine Zeitung schließen muss, ist in Zeiten der Medienkrise zum Alltag geworden. Dafür, dass vor wenigen Wochen das respektable mexikanische Blatt "El Norte“ sein Erscheinen einstellte, waren aber nicht in erster Linie wirtschaftliche Gründe ausschlaggebend. Der Herausgeber war nach dem Mord an einer Reporterin vielmehr zu der Überzeugung gelangt, das Risiko für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht mehr länger verantworten zu können.

Für Journalisten ist Mexiko eines der gefährlichsten Länder der Welt. Nicht weniger als 175 Berichterstatter wurden in den vergangenen zehn Jahren ermordet - zumeist, weil sie den allgegenwärtigen Drogenkartellen oder anderen Mächtigen zu nahe getreten waren. Ihr Tod ist aber nur eines von vielen Symptomen für die generelle Lage im größten Land Mittelamerikas, das von Gewalt und Gesetzlosigkeit gepeinigt wird.

Der Drogenkrieg, der nicht nur zwischen Kriminellen und Behörden, sondern auch unter konkurrierenden Mafiaorganisationen tobt, hat seit 2006 an die 200.000 Menschenleben gefordert.

Arturo Chacon arbeitet als Journalist und Universitätslehrer in Ciudad Juárez. Die Stadt liegt direkt an der mexikanischen Grenze zu den USA und galt einige Zeit als gefährlichstes Pflaster der Welt; zehn und mehr Morde pro Tag waren dort zeitweise keine Seltenheit.

Für profil rekapituliert Chacon nicht nur das vergangene Jahrzehnt, das aus seiner Heimat ein Leichenschauhaus gemacht hat; er beschreibt auch die Ereignisse, die dazu führten, dass "El Norte“ nach 27 Jahren dichtmachen musste.

Donnerstag, 23. März 2017

Ich stand ausgerechnet in einer Leichenhalle, als ich vom Mord an Miroslava erfuhr. Mit einer Gruppe von Studierenden besichtigte ich die Gerichtsmedizin von Ciudad Juárez, jener Stadt im Norden Mexikos, in der ich seit 2004 als Journalist arbeite und seit 2009 als Universitätsprofessor unterrichte. Wir ließen uns gerade über die Pathologie informieren, in der heuer bereits 270 Mordopfer untersucht worden waren, als ich eine WhatsApp-Nachricht bekam. "Weißt du schon, was Miroslava passiert ist?“, fragte mein Fotograf José. Ich rief ihn sofort an und erfuhr, dass unsere Korrespondentin in der Regionalhauptstadt Chihuahua getötet worden war - von acht Kopfschüssen niedergestreckt, vor den Augen ihres 13-jährigen Sohnes, den sie gerade zur Schule bringen wollte. "Weil du ein Großmaul bist“, lautete eine Nachricht, die der Killer auf einem Zettel am Tatort hinterlassen hatte.

Ich war sprachlos. Miroslava Breach war zuvor meine Chefin gewesen. Wie bringt man seinen Studenten bei, dass jemand gerade eine gute Journalistin umgebracht hat, nur weil sie ihren Job machte?

In Mexiko Journalismus zu betreiben, ist derzeit gefährlicher als je zuvor. Verantwortlich dafür sind Unregierbarkeit und das Fehlen von Recht und Ordnung. Was das Risiko für Leib und Leben betrifft, wird Mexiko von der Organisation Reporter ohne Grenzen weltweit gleich hinter Syrien und Afghanistan gereiht; in Lateinamerika gilt es als das unsicherste Land schlechthin. In den vergangenen Jahren hat sich die Situation dramatisch verschlechtert. Laut Angaben der Sonderstaatsanwaltschaft für Verbrechen gegen die Meinungsfreiheit (Feadle) werden 97,1 Prozent der Morde und Gewalttaten an Journalisten nicht aufgeklärt.

In den bislang 51 Monaten der derzeit amtierenden Regierung von Enrique Peña Nieto wurden in Mexiko mehr als 92.000 Morde im Zusammenhang mit organisierter Kriminalität gezählt. Augenscheinlich befindet sich das Land in einem Zustand kompletter Straflosigkeit. Das Schlimmste daran ist aber, dass nichts dagegen unternommen wird.

Während des gesamten Besuchs in der Gerichtsmedizin äußerte sich niemand zum Mord an Miroslava. Trotzdem konnte ich nicht aufhören, an ihre Familie zu denken - und an die Botschaft, die ihr Tod an die Journalisten in der Region bedeutete. Dann fragte ich mich: Warum? Immerhin war es bereits das zweite Mal, dass ich den Mord an einem Kollegen miterlebte.

Und ich ließ das vergangene Jahrzehnt Revue passieren, das in meiner Heimatstadt Juárez von Mord, Totschlag, Versagen der Behörden und Terror durch die Drogenmafia geprägt war.

Rückblende:

Samstag, 29. März 2008

An diesem Tag herrschte eine seltsame Stimmung in Ciudad Juárez. Seit einigen Stunden patrouillierten 2500 Soldaten durch die Straßen - geschickt von der Regierung, weil die Bewohner der Stadt von der ständigen steigenden Gewalt verängstigt waren. In jener Zeit wurden in Juárez pro Tag durchschnittlich vier Menschen ermordet. Als Journalist empfand ich den Einsatz der Armee als gute Idee, obwohl wir nicht wussten, wie die Bevölkerung darauf reagieren würde.

Donnerstag, 13. November 2008

Ich stand gerade unter der Dusche, als ich Schüsse vor dem Haus hörte. Damals war das nichts Ungewöhnliches; es wurden andauernd Morde und Hinrichtungen auf offener Straße begangen. Kaum hatte ich das Bad verlassen, läutete mein Telefon. Am anderen Ende der Leitung war ein Kollege: "Hast du schon von Choco gehört? Es ist verrückt“, rief er. "Choco“ war der Spitzname von Armando Rodriguez, der damals wie ich bei der Zeitung "El Diario de Ciudad Juárez“ arbeitete. Ich wusste nicht, was ich denken oder tun sollte. Erst ein paar Wochen zuvor hatten wir uns darüber unterhalten, ob er sich davor fürchtete, umgebracht zu werden.

Ich zog mich rasch an und wollte das Haus verlassen, hatte aber Angst, die Tür zu öffnen. Armando wohnte ganz in der Nähe, die Schüsse, die ich gehört hatte, waren die Vollstreckung seines Todesurteils gewesen. Auch er war gestorben, als er gerade seine Kinder zur Schule bringen wollte. Was, wenn draußen jemand darauf wartete, auch mich zu ermorden?

Dienstag, 19. Jänner 2010

Nachdem sich der Einsatz der Armee als ineffizient erwiesen hatte und die Zahl der Verbrechen weiter gestiegen war, schickte der damals amtierende Präsident Felipe Calderón an diesem Tag 2000 Bundespolizisten nach Juárez. Für die Menschen verbesserte das die Lage nicht - im Gegenteil: Sie erlebten die schlimmsten Zeiten, an die sie sich erinnern konnten. Immer mehr Raubüberfälle, Erpressungen, Entführungen. Je mehr Hilfe von den Behörden kam, desto mehr Verbrechen passierten.

Mittwoch, 13. Juli 2011

Seit nunmehr vier Jahren litt die Bevölkerung unter ständiger Gewalt in den Straßen von Juárez. Bei lediglich 1,3 Millionen Einwohnern hatten sich in dieser Zeit mehr als 10.000 Morde ereignet. Mit einiger Berechtigung hatte die Stadt den Beinamen "Epizentrum des Schmerzes“ bekommen. An den 13. Juli erinnere ich mich deshalb besonders gut, weil ich Dienst als Polizeireporter hatte und den ganzen Tag über ein Gewaltverbrechen nach dem anderen berichten musste. Als ich mich um sieben Uhr abends an den Computer setzte, um Bilanz zu ziehen, wies mich mein Redakteur an zu warten: Es sei noch zu früh. Er sollte recht behalten. Bis Redaktionsschluss kamen noch weitere Opfer dazu - am Ende hielten wir bei 21 Toten in 24 Stunden.

Gegenwart:

Freitag, 24. März 2017

Mein derzeitiger Job bei der Zeitung "El Norte“ verpflichtet mich nicht dazu, im Büro zu arbeiten. Aber an diesem Tag entschied ich mich bewusst dazu, in die Redaktion zu gehen. Alle waren damit beschäftigt, Informationen über den Mord an Miroslava zu recherchieren, Angst und Unsicherheit waren allgegenwärtig. Miroslava hatte die Monate zuvor damit verbracht, über Drogengangs zu berichten, die in der Bergregion im Süden von Chihuahua tätig waren.

Sonntag, 26. März 2017

Heute habe ich die Sponsionsfeier für die Absolventen der Fachrichtung Journalismus an der Universität besucht und dabei viele Journalisten getroffen, die entmutigt und besorgt über die Situation waren. Außerdem unterhielt ich mich mit dem Chefredakteur von "El Norte“. Als ich mich am Ende der Veranstaltung von ihm verabschiedete, rückte er mit einer katastrophalen Nachricht heraus: Oscar Cantú, der Eigentümer, hatte ihn an diesem Tag informiert, dass die nächste Ausgabe die letzte sein würde - er wolle keine Zeitung mehr publizieren.

Montag, 27. März 2017

Oscar Cantú hat einen Abschiedsbrief veröffentlicht. "Verehrte Leserinnen und Leser, ich habe mich entschlossen, diese Zeitung zu schließen, weil es - neben anderen Dingen - weder Garantien noch die Sicherheit gibt, kritischen und ausgewogenen Journalismus zu betreiben“, hieß es darin unter anderem.

Dienstag, 28. März 2017

Journalisten und Journalismus-Studenten haben vor dem Bundesgericht für mehr Sicherheit demonstriert. Wer in Mexiko als Polizeireporter arbeitet und versucht, den Dingen auf den Grund zu gehen, läuft Gefahr, sehr schnell zu sterben. Ich selbst wurde zweimal ernsthaft bedroht, als ich in diesem Bereich tätig war, und ich erinnere mich sehr gut, wie frustrierend und einschränkend es sein muss, nur über Morde zu schreiben, ohne in der Lage zu sein, die Hintergründe zu recherchieren.

Samstag, 29. April 2017

Den ganzen Tag habe ich Oscar Cantú, dem Eigentümer von "El Norte“, dabei geholfen, eine Rede zu verfassen. Die Unesco hat ihn eingeladen, anlässlich des Internationalen Tags der Pressefreiheit die Gründe für die Schließung der Zeitung zu schildern. Es war extrem traurig, ihm zuzuhören und dann eine Zusammenfassung über die Arbeit zu schreiben, die Dutzende von Journalisten in den 27 Jahren des Bestehens von "El Norte“ geleistet haben.

Mittwoch, 3. Mai 2017

"Wir können unsere Integrität, die darin besteht, den Lesern das zu geben, was sie wissen müssen, nicht aufrechterhalten - und daher kann ich es auch nicht verantworten, meine Mitarbeiter, ihre Familien und mich selbst in Gefahr zu bringen“, sagte Oscar Cantú bei der Unesco-Veranstaltung zum Tag der Pressefreiheit in Indonesien. Und während ich seine Rede im Internet mitverfolgte, verloren mehrere meiner Kollegen ihren Job, ohne große Chance auf einen neuen zu haben. Cantús Worte entsprachen der Realität in Mexiko: Hier kann Journalismus von der Regierung gekauft oder von den Drogenkartellen zum Verstummen gebracht werden. Und wer versucht, die Wahrheit zu schreiben, riskiert entweder seinen Arbeitsplatz oder sein Leben. Vorgestern wurde in der Stadt Tlaquiltenango südlich von Mexiko City der Radiojournalist Filiberto Álvarez Landeros getötet - bereits der siebte Reporter seit Jahresbeginn.

Montag, 15. Mai 2017

Wieder ein Mord an einem Kollegen: Diesmal hat es Javier Valdez Cárdenas getroffen. Der Korrespondent der landesweit erscheinenden Tageszeitung "La Jornada“ im Bundesstaat Sinaloa und Gründer des Wochenmagazins "Riodoce“ hatte sich intensiv mit den Themen Drogenschmuggel und Gewalt auseinandergesetzt. Seine Killer lauerten ihm auf, jagten ihm zwölf Kugeln in den Körper und ließen ihn nur wenige Meter vor seinem Büro sterbend auf offener Straße liegen.

Montag, 29. Mai 2017

Ich möchte hervorheben, dass die derzeitige Situation in Mexiko alles bislang Dagewesene übertrifft. Der schlechte Zustand des gegenwärtigen Journalismus ist das Erbe der Korruption auf allen Ebenen der Regierung und der Verwaltung. Wem sollen die Menschen vertrauen, wenn nur fünf Prozent aller Verbrechen aufgeklärt werden? Wenn die Gouverneure in 16 von 32 Bundesstaaten wegen Betrugs oder Verbindungen zum organisierten Verbrechen unter Verdacht stehen - und drei von ihnen auf der Flucht sind? Was in Mexiko tobt, mag kein Krieg wie in Syrien sein, aber die allgegenwärtige Gewalt hat ähnliche Auswirkungen auf die Bevölkerung.

An der Universität ist das Semester vorbei. Ein Teil der Bilanz, die ich für die Studierenden ziehe, lautet: Bereits neun ermordete Journalisten in ganz Mexiko in nicht einmal einem halben Jahr, mindestens vier weitere gewaltsame Übergriffe und ein spurlos verschwundener Kollege. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum nur neun Prozent der Inskribierten im Fach Journalismus auch tatsächlich ihren Abschluss machen.