Ich lebe in einer illegalen Mine im Ostkongo

Ich lebe in einer illegalen Mine im Ostkongo

profil-Serie, Teil V.: "Süchtig nach der Hoffnung, Gold zu finden". Das Leben in einer illegalen Mine im Ostkongo.

Die Kivu-Region im Osten der Demokratischen Republik Kongo (DRC) ist reich an wertvollen Erzen. Coltan, Wolfram, Zinn, Gold: Bodenschätze, nach denen die Welt giert, liegen am Rande des Afrikanischen Grabenbruchs so nah an der Erdoberfläche, dass eine junge Frau wie Zawadi Rugiriri sie mit einfachen Werkzeugen im Tagebau schürfen kann.

Der Kongo, ein Land so groß wie Westeuropa, ist ein dysfunktionaler Staat, der keine Kontrolle über seine Ressourcen hat. Deshalb bemächtigen sich alle möglichen bewaffneten Gruppen der Reichtümer. Armeeangehörige, Milizen oder Rebellen kongolesischer, ruandischer, burundischer und ugandischer Herkunft beherrschen sowohl Abbau als auch Handel und finanzieren damit ihren Kampf. Solange das kriminelle Netzwerk in Balance ist, herrscht Friede im Ostkongo.

Text: Petra Navara, Kampala

Die durchlässigen Grenzen und die kaum besser kontrollierbaren Nachbarstaaten laden geradezu zum Schmuggel Richtung Osten ein. Die Zwischenhändler kommen aus allen Teilen der Erde. Bis zu sieben Tonnen illegal gefördertes Gold gelangen jährlich nach China, Malaysia, Thailand - und in die Arabischen Emirate, wo vermutlich der größte Teil davon landet und nach obskuren Zertifizierungs- und Legierungsprozessen legal auf dem Weltmarkt gehandelt wird.

Wer ein Gramm Gold kauft, zahlte Ende vergangener Woche an der Börse 30,12 Euro. Vielleicht war es Zawadi, eine von tausenden Schürferinnen und Schürfern, die es mit bloßen Händen aus dem Boden gekratzt und unter Aufsicht eines bewaffneten Banditen verkauft hat?

Im fünften Teil der profil-Serie "Ich lebe in …“ erzählt Zawadi Rugiriri von ihrem Leben in der Amplitude zwischen Hoffnung und Gewalt in einer illegalen Goldmine der Kivu-Region.

"Ich bin süchtig nach der Hoffnung, Gold zu finden“

Von Zawadi Rugiriri

Ich war 20 Jahre alt und hatte noch nie ein Zuhause gehabt. Also verließ ich meine Familie. Ich wollte mir ein Leben aufbauen, anstatt ständig wegzulaufen. Das ist nicht einfach, wenn man kein Land besitzt, kein Geld, keine Bildung. Ich musste mir eine Arbeit suchen, die mit ein bisschen Glück schnell Geld bringt.

Von den 100 Minen, die es in der Kivu-Region gibt, hatte ich gehört, dass sie Menschen in kurzer Zeit reich gemacht hätten. Gold, man muss es nur aufsammeln, erzählten die Leute. Also rollte ich meine Matratze zusammen, schnürte einen Kochtopf und mein Geschirr dazu und machte mich auf den Weg.

Zelte aus Plastikfetzen
Der erste Eindruck von meiner neuen "Heimat“ erwischte mich eiskalt: Die Siedlung am Rande der kleinen versteckten Mine, die man "la Lorette“ (die Schlampe) nennt, sah aus wie ein heruntergekommenes Flüchtlingslager inmitten einer Schlammwüste. Hunderte Zelte aus Plastikfetzen, die über schiefe Latten gespannt sind, gerade einmal so groß, dass zwei Menschen darin ausgestreckt liegen können; Müll und Kot, wohin man tritt; ein paar ausgehungerte Hunde und magere Hühner; kleine Kinder, die sich selbst überlassen sind; Burschen mit einer Waffe über der Schulter. Gestank aus dem Lager und Scheppern, Hämmern und Rufen aus der Mine, die sich wie ein Kraterfeld in den Wald erstreckt.

Einer dieser Kerle hält mich mit seiner K47 auf. Ob ich hier neu sei? Ja, und ich brauche einen Platz zum Schlafen und zum Arbeiten. Er bringt mich zu einem älteren Mann mit Goldschmuck um den Hals, damit er mich einweise. "Zuerst die Arbeit“, lautet die Begrüßung.

"Hast du schon Gold geschürft? Nein, also pass auf: Du gräbst ein Loch in die Erde - je tiefer, desto besser. Du kannst es selbst machen oder Material kaufen. Eine Wanne von der obersten Schicht bekommst du um 2000 Kongo-Francs ( 1000 CDF = 0,88 €; Anm. ). Wenn Sand und Steine aus 80 Metern Tiefe kommen, zahlst du 100.000. Ein Sack voll kostet dich demnach zwischen 25.000 und 350.000 CDF. Das Material muss trocken sein, bevor du es zum Mahlen bringst; erst dann geht’s zum Waschen. Du musst Quecksilber kaufen. Wenn du etwas findest, verkaufst du es an unsere Händler. Sie schmelzen es aus der Quecksilberverbindung und wiegen es. Wir mögen es nicht, wenn du dein Gold an die Grenze nach Bukavu oder Beni bringst!“

An seine Einführung denke ich jeden Morgen auf dem Weg zu meinem Arbeitsplatz. Wie hoch werden meine Investitionen diese Woche sein, und werde ich mehr Umsatz als Ausgaben haben? Zu Beginn hatte ich jedenfalls Schulden. Ich bin mit leeren Händen gekommen, also musste ich mir Geld leihen, um Sand und Quecksilber zu kaufen und die Jungs zu bezahlen, die das Material auf dem Kopf zu meinem Platz brachten, jene, die ihn mit ihren Mühlen mahlten. Jetzt hatte ich nicht nur kein Geld, sondern Schulden beim Händler in der Lorette, und er verlangte schamlos hohe Zinsen.

"Ich muss mich überwinden, das Wasser zu trinken"
Ich habe mit bloßen Händen Steine sortiert und den Sand in meinem Kochtopf gewaschen. Jeden Moment glaubte ich, einen Funken Gold im Sand blitzen zu sehen. Ich stand unter Hochdruck, etwas zu finden, denn der Geldverleiher-Händler und seine Bodyguards haben mir einen ordentlichen Schrecken eingejagt. Was für ein Triumph, als ich am vierten Tag tatsächlich fündig wurde! Nach dem Schmelzen wog die Ausbeute 3,72 Gramm - ich werde es nie vergessen. Ich war wahnsinnig stolz und erleichtert, denn mit den 85.000 CDF konnte ich einen Teil des geborgten Geldes zurückzahlen.

Den Rest nahm mir Josephine für Kost und Logie ab. Ich wohne seit dem ersten Tag in ihrem Zelt, in dem auch ein Bub schläft, der ungefähr sieben Jahre alt ist. Abends essen wir einen Sterz aus Cassavamehl oder gebratene Yamwurzeln, am Morgen gibt es Mais-Porridge. Manchmal bringen die Bauern Gemüse in die Mine, aber Josephine gibt keine 4000 CDF oder mehr für einen Kilo Zwiebeln oder Tomaten aus. Bohnen sind die einzige Abwechslung, die sie uns gönnt.

Ich bin mit einfachen Mahlzeiten aufgewachsen, das macht mir nichts aus. Mein Problem ist der Mangel an sauberem Wasser. Ich muss mich überwinden, das Wasser zu trinken, das wir hier bekommen. Und zum Waschen muss ich es auch erst heranschleppen. Josephine und der Bub, der wie ein kleines Gespenst das Zelt mit uns teilt, legen sich schlammverkrustet, wie sie sind, auf die Matratze. Ich habe das Bedürfnis, mich zu waschen, die vielen kleinen Wunden an den Händen zu spülen und den klebrigen Schweißgeruch loszuwerden. Es gibt mir das Gefühl, ein Mensch zu sein, wenigstens kurz vor dem Einschlafen.

Andere denken gar nicht ans Schlafen. Während wir kaum sauberes Wasser haben, scheint die Schnapsquelle nie zu versiegen. Fusel ist immer verfügbar und kostet fast nichts. Für 1500 CDF kannst du einen Liter Schnaps kaufen und dich eine halbe Woche lang besaufen. Der Stoff brennt sich durch den Gaumen direkt in den Kopf. Die meisten Männer trinken. Nach dem ersten Schluck sind sie entspannt, nach dem zweiten lustig, nach dem dritten gewalttätig. Sie hauen einander das Werkzeug um die Ohren oder fallen über die wenigen Frauen in der Lorette her. Hier geht es genauso zu wie in den Lagern: Die Männer nehmen sich die Frauen, wenn nötig unter Einsatz von Fäusten, Messern und Gewehren. Josephine kommt oft zum Handkuss, weil sie selbst trinkt und sich dann nicht mehr wehren kann. Einmal wollte sich ein Kerl sogar über den Jungen hermachen. Ich konnte es verhindern, aber dafür hat er mich so verprügelt, dass ich tagelang nicht arbeiten konnte.

"Seit Monaten hatte ich nicht so gut gegessen"
Wenn ich gesund bin, arbeite ich von morgens bis abends, obwohl ich nur wenig finde. Die Hoffnung, wieder Gold zu finden, treibt mich jeden Tag aufs Neue an. Bis ich aus der Schuldenfalle herausgekommen war, dauerte es sicher ein halbes Jahr: Da schürfte ich ein paar Tage hintereinander jeweils ein paar Körner. Mit dem Erlös konnte ich alles zurückzahlen, was ich mir geborgt hatte. Sogar Geld für einen Ausflug nach Masisi ist noch übrig geblieben. Ich habe eine Spitzhacke und eine Schaufel gekauft, zwei Wannen, Gummistiefel und Gummihandschuhe, eine Arbeitshose, einen Wickelrock, einen Kamm und eine Decke. Und ich bin ins Restaurant gegangen: Süßkartoffel und Reis und Fisch; seit Monaten hatte ich nicht so gut gegessen. Dem Buben brachte ich Bananen mit.

"Dein schönes Werkzeug wirst du bald los sein“, feixte Josephine. Mir war klar, dass ich einen Kollegen brauchte, der gegen Bezahlung auf Hacke und Schaufel aufpassen würde. Siosio schien mir geeignet, ein stiller, junger Mann, der schon als Kind in den Minen gearbeitet hatte. Als Zehnjähriger hatte er zusammen mit Kindern, die noch jünger waren als er, den Sand aus den tiefen, engen Stollen gekratzt. Seither hat er alle Jobs gemacht, die eine Mine bietet: Träger, Mahler, Wäscher, Sortierer. Jetzt schaufelt er für mich - ich wasche. Wir sind ein gutes Team, arbeiten zügig und finden auch jede Woche eine kleine Menge Gold. Sobald wir es uns leisten konnten, haben wir unsere eigene Unterkunft gebaut. Sie hat feste Mauern und ein richtiges Strohdach. Mit einem Mann die Behausung zu teilen, bietet mir mehr Sicherheit und Schutz vor Vergewaltigungen - dafür gehöre ich Siosio mehr oder weniger. Das ist der Deal.

Siosio kennt sich im Gold-Business gut aus. Er weiß, wie man verfälschtes Quecksilber erkennt, wen er nach dem Tageskurs fragen muss, bevor er zum Händler geht, er lässt die Abnehmer nie allein, wenn sie seine Ware schmelzen, damit sie nichts abzweigen oder billigen Flitter untermischen.

Er hat ein paar Mal versucht, sein Gold auf eigene Faust in der Stadt zu verkaufen und sogar über die Grenze nach Uganda zu bringen. Jedes Mal haben ihn bewaffnete Typen erwischt und zurückgeschickt, sogar jene, die La Lorette nicht kontrollieren.

M23-Rebellen, Mai-Mai-Milizen, Banditen, die man gar nicht zuordnen kann, Armeeangehörige: Sie alle sind gut miteinander vernetzt und spielen zusammen. Jeder kontrolliert jeden, und solange das Business in Balance ist, herrscht Friede in Kivu. Aber wehe, das Gleichgewicht wird gestört!

Siosio erzählt, wie die Händler in die Minen ausgeschickt werden, um billig einzukaufen. Sie bringen die Ware in die "comptoirs“, die Warenhäuser der Grenzstädte, wo die Schmuggler übernehmen. Sie liefern nach Bujumbura, Kigali und Kampala, wo die Papiere ausgestellt werden, falls nicht gefälschte Herkunftsdokumente mitgeliefert wurden.

Siosio weiß noch viel mehr: dass das Gold über Nairobi nach Thailand fliegt, über Umwege an Saakshi Jewellers in Kalkutta oder direkt nach Dubai zu Hazel Trading oder AR Gold. "Wenn es erst mit Gold aus anderen Herkunftsländern zusammengeschmolzen ist, kann niemand mehr sagen, woher es gekommen ist“, sagt er: "Und so bezahlt die ganze Welt die Waffen für den Krieg um unsere Schätze im Kongo.“

Wenn Siosio und ich Gold finden, finanzieren wir also die Kerle, die mit dem Gewehr im Anschlag hinter uns stehen, wenn wir es an den Händler viel zu billig verkaufen. Diese wiederum verkaufen es, um die Waffen anzuschaffen, mit denen sie uns bedrohen können. Und der Rest der Welt kauft es, damit es Gauner gibt, die es uns für eine Handvoll wertlosen Geldes abnimmt.

Obwohl ich diese Logik durch Siosios Erklärungen verstanden habe, kann ich nicht aufhören, nach Gold zu suchen. Es erhält mich am Leben, auch wenn es mich nicht reich macht, wie ich gehofft habe - kaum einer von denen, die mit mir in La Lorette schuften, ist reich geworden.

Es ist meine Arbeit, weil ich nichts gelernt habe und nichts anderes kann.

Und ich bin süchtig nach der Hoffnung, Gold zu finden, jeden Tag, den ich zwischen den Kratern sitze und mit meinen Händen, die vom Quecksilber verätzt sind, Sand und Steine sortiere, egal, ob die Sonne herunterbrennt oder ob es in Strömen regnet. Denn irgendwann, vielleicht, wird es genug sein, um ein besseres Leben zu beginnen.

Bisher erschienen:

Teil I der Serie: Ich lebe in Simferopol auf der Krim

Teil II der Serie: Ich lebe in Uganda und bin schwul

Teil III der Serie: Ich lebe in der von der Terrormiliz IS kontrollierten syrischen Stadt Raqqah

Teil IV der Serie: Alltag im Ebola-Viertel in der liberianischen Hauptstadt Monrovia