Ich lebe in der von der Terrormiliz IS kontrollierten syrischen Stadt Raqqah

Ich lebe in der von der Terrormiliz IS kontrollierten syrischen Stadt Raqqah

profil-Serie, Teil III. "Sie morden, morden, morden." Tagebuch: Alltag im Herrschaftsbereich der Terror-Miliz IS.

Seit eineinhalb Jahren erlebt Raqqah einen Albtraum: Im März 2013 brachte der "Islamische Staat“ (IS) die am Euphrat gelegene Stadt im Osten Syriens unter ihre Kontrolle. Es war die erste derartige Eroberung, die der Terrormiliz gelang. Seither diktieren die ultraradikalen Islamisten das gesamte Leben der 250.000 Einwohner, zwingen ihnen eine archaische Ordnung auf und terrorisieren sie mit öffentlichen Enthauptungen, Kreuzigungen, Amputationen und Auspeitschungen. Religiöse Minderheiten werden verfolgt, Anders- und Ungläubige ermordet.

Inzwischen reicht das Herrschaftsgebiet des IS weit über Raqqah hinaus. Es erstreckt sich von den Vororten Aleppos über ein Drittel Syriens bis in den Irak, zu den Städten Tikrit und Mosul - und damit über eine Bevölkerung von acht Millionen Menschen. Die von "Kalif“ Abu Bakr al-Baghdadi geführte Gruppierung gilt dank Millionengewinnen aus den Ölfeldern auf ihrem Territorium, einer florierenden Entführungsindustrie, Strafsteuern und der Plünderung von Bankguthaben als reichste Terrororganisation der Welt.

Raqqah ist so etwas wie die Hauptstadt des "Islamischen Staats“ geworden. Dschihadisten aus 81 Ländern sollen sich hier angesiedelt haben. In Raqqah lebt auch Abu Mahmoud. Noch vor Kurzem träumte der 25-jährige Anglistikstudent davon, ein Doktorat zu machen, um Universitätslehrer zu werden. Ein Foto aus dem Juli 2011 zeigt ihn mit Freunden in einem Restaurant in Raqqah: Frauen und Männer in leichter Sommerkleidung, im Hintergrund ein türkisfarben schimmernder Pool.

Als es Abu Mahmoud im Juli 2014 wagte, über Vermittlung von Freunden mit profil in Kontakt zu treten, war seine Heimatstadt für ihn zum Gefängnis geworden, in dem schon das Schreiben von E-Mails einem waghalsigen Ausbruchsversuch gleichkommt. Die Kommunikation mit der Außenwelt ist nur unter Aufsicht des Medienbüros des Kalifates erlaubt.

Aus jeder Nachricht von Abu Mahmoud spricht auch Todesangst: Findet der IS heraus, dass er in Kontakt mit dem Westen ist, würde das vermutlich seine sofortige Exekution bedeuten. Deshalb kann er hier nur unter einem Pseudonym zu Wort kommen. Seine Identität ist der Redaktion aber bekannt und wurde auch überprüft.

Petra Ramsauer

Lage von Raqqah in Syrien

Gesendet: Sonntag, 6. Juli 2014 02:13 Uhr
Subject: SOS

Ich bitte Sie: Helfen Sie mir. Ich muss von hier fliehen. Dass ich Ihnen schreibe, könnte mich den Kopf kosten. Aber ich muss es riskieren. Denn nur, wenn Sie wirklich wissen, was wir durchmachen, verstehen Sie, wie dringend wir alle Hilfe brauchen. Wie oft habe ich früher leichtsinnig diese Phrase benutzt: "Das kostet mich den Kopf.“ Ich meine es heute buchstäblich so. Ist das nicht völlig verrückt?

Im Zentrum der Stadt sehen wir es. Sie enthaupten ihre Feinde. Ein Feind ist man hier binnen weniger Momente. Es reicht ein falsches Wort. Oder ein falscher Schritt.

Einer meiner Freunde wurde öffentlich ausgepeitscht, weil er Karten spielte, 80 Hiebe auf den Rücken. Ich habe die Wunden auf seiner Haut gesehen. Einen anderen haben sie drei Tage lang an einem Holzpfosten gekreuzigt, weil er auf der Straße laut geflucht hatte. Wenigstens haben sie keine Nägel verwendet, sondern nur Seile. Er hat es überlebt - andere nicht: Zwei Mitglieder einer Gruppe, die Fotos von Hinrichtungen und solche Nachrichten wie ich aus der Stadt schmuggelten, wurden enthauptet. Die Köpfe der Hingerichteten werden aufgespießt, manchmal bei Paraden durch die Straßen getragen.

Wir nennen die Milizen des "Islamischen Staats“ hier "Dae’sh“ (eine Kurzform von al-Dawla al-Islamiya fi Iraq wa ash-Sham der früheren Bezeichnung des IS, Anm.). Nur unter uns, versteht sich. Es ist kein schmeichelndes Wort. Die Dae’sh überwachen jede unserer Bewegungen, auch im Internet. Sie haben Experten aus dem Ausland in ihren Reihen. Die schauen sich alles an. Sie können verfolgen, wer, wo, wann schreibt. Es gibt die Möglichkeit, sich SIM-Karten aus dem Ausland zu kaufen, so ins Netz zu kommen und dann verschlüsselte Nachrichten zu senden. Aber das ist extrem teuer.

Die Dae’sh kontrollieren aber nicht nur unsere Kommunikation, sondern jede Facette unseres Alltags. Sie mahlen das Getreide, backen das Brot, verwalten Schulen, Uni, Moscheen und Spitäler. Am schlimmsten sind jene aus dem Ausland. Sie leben hier ihre perversen Ideen einer völlig durchgedrehten Ordnung aus. Sogar die Genitalien von Ziegen müssen heute verhüllt werden. Sicher: Das ist nur ein harmloses, wenn auch makabres Detail. Vielleicht finden sie das ja lustig. Jedenfalls lachen sie darüber. Mir ist nicht danach zumute.

Ich werde später weiter schreiben. Vielleicht morgen. Ich kann das nur tun, wenn ich mich sicher fühle, und das ist nur sehr, sehr selten.

Gesendet: Montag, 7. Juli 2014 22:17 Uhr
Subject: RE: re: SOS

Sie fragen nach den Ausländern und ob ich mehr weiß. Viele sind jetzt hier. Wir fürchten besonders die Tunesier und die Tschetschenen. Das sind jene, die sich als Sittenwächter, auch als Henker bei den Auspeitschungen und bei den Exekutionen, aufspielen. Und es sind auch viele Europäer da. Sie haben ihre blonden Frauen und Kinder mitgebracht. Ich höre sie Deutsch sprechen, es sind aber auch sehr viele Holländerinnen darunter. Das ist die größte Gruppe unter den Europäern.

Arabisch können die wenigsten - auf jeden Fall nicht jenes, das wir hier sprechen. Manche verständigen sich mit ein paar Brocken Hocharabisch. Das ist die Sprache aus dem Koran. Sie ermahnen uns, durchsuchen uns an Straßensperren, verprügeln wahllos die Menschen. Dabei verstehen sie nicht einmal, was wir reden. Und umgekehrt.

Die Europäer treten selten in der Öffentlichkeit auf; wenn wir sie sehen, ist es Zufall. Unter den Henkern gibt es einige Briten. Doch anders als die Kaukasier können die Europäer nicht kämpfen, deshalb gelten sie in der Hierarchie nicht so viel. Sie sind die Experten für die Propaganda, machen professionelle Videos und Filme. Es gibt Experten unter ihnen, die Abschlüsse, auch akademische, in technologischer Ausbildung haben. Auch aus China haben die Dae’sh Leute rekrutiert. Sie kennen sich damit aus, wie man Raketen baut, und haben angeblich geholfen, eine Waffenproduktion aufzubauen.

Syrer findet man selten bei den Dae’sh-Milizen, Iraker sind ihre wichtigsten Kämpfer. Hochrangige Offiziere aus den Zeiten von Saddam Hussein wie Fadel al-Hayali führen die Truppen. Das ist ein ausgeklügeltes System. Dae’sh hat Experten für alles von überall geholt. Nur Einheimische haben nichts zu reden.

Viele von den Bewohnern der Stadt mussten ihre Häuser verlassen und ihnen Platz machen. Es ist, als wären wir unter Belagerungszustand: von einer wild gewordenen Meute aus aller Welt als Geisel genommen.

Gesendet: Montag, 14. Juli 2014 00:27 Uhr
Subject: RE: re: RE: re: SOS

Wie sich unser Leben verändert hat, soll ich erzählen. Nichts ist so, wie es war. Natürlich waren manche froh, als diese Islamisten im Frühling vor einem Jahr gekommen sind. Wir hatten ja keine Chance gegen die Armee von Baschar al-Assad. Die Rebellen waren zerstritten, hatten keine Waffen, kein Geld.

Auf einmal waren die Dae’sh da. Und alles war anders. Das Gute war: Die Bombardements von Assad hörten anfangs auf. Es war wie ein Wunder, auf einmal gab es im Bürgerkrieg Sicherheit. Es gab auch wieder Brot, und sogar Löhne wurden bezahlt, vom Islamischen Zentrum für Finanzen, das ist so etwas wie ein Finanzministerium. 600 Dollar verdient ein Lehrer, das ist nicht schlecht.

Die Kämpfer bekommen ungefähr 400, 500 Dollar. Wer ein Kind hat, kriegt 100 Dollar extra. Da haben es manche eben in Kauf genommen, dass sie mit ihrem Geld auch ihre Ordnung übernahmen.

Es heißt oft, wir hätten mehr Nahrungsmittel als sonstwo in Syrien, dass die Islamisten uns gut versorgen. Glauben Sie das nicht! Sie haben das Land der Bauern genauso wie die Ölquellen unter Beschlag genommen. Zuletzt ist alles teuer geworden. Es gibt Ausspeisungen für die Ärmsten, weil die Menschen hungern. Dort prügeln sich Kinder um die Rationen. Es ist ein Elend.

Gesendet: Freitag, 25. Juli 2014 21:52 Uhr
Subject: RE: re: RE: re: RE: re: SOS

Seit das Kalifat ausgerufen wurde, gibt es Dekrete, an die sich alle halten müssen. Zum Beispiel müssen alle fünf Mal am Tag beten, und die Geschäfte bleiben dann geschlossen. Wer zu diesem Zeitpunkt auf die Straße geht, wird sofort verhaftet. Wir tragen jetzt alle einen Bart und hören keine Musik mehr. Das ist strikt verboten. Männer wurden von der Religionspolizei schon verwarnt, weil ihre Hemden zu eng sind. Frauen müssen immer völlig verschleiert sein und dürfen ohne einen männlichen Beschützer nicht mehr auf die Straße gehen. Auf dem Markt habe ich Niqabs (Gesichtsschleier, Anm.) für Mädchen ab sechs Jahren gesehen.

Meine Schwestern haben noch mehr Angst als ich. Wir leben ja alle bei den Eltern, und da mein Vater ein kleines Geschäft hat, kommen wir über die Runden. Aber was passiert, wenn etwas passiert? Frauen dürfen nicht mehr zu einem Arzt, nur zu Ärztinnen. Die gibt es allerdings kaum. Wenn man Glück hat, ist überhaupt noch ein Arzt da. Dazu kommt, dass sie in den Spitälern nicht einmal das Nötigste haben. Es fehlt an Medikamenten. Wissen Sie, sie amputieren ja die Arme von Dieben. Die werden dann nicht behandelt, sondern heimgeschickt.

Ich frage mich, warum tun sie uns das an? Ihr Geld, eigentlich unser Geld, das sie haben, fließt alles in ihr System. In ihre Gesetze. In ihre Henker. In ihren Krieg. Den führen sie nicht nur mit den Waffen, sondern auch mit ihren Worten.

Plötzlich gibt es viele Bücher, aber nur über die Religion. Ein Schreiben ging an alle Lehrer. Zeichnen darf nicht mehr unterrichtet werden, auch nicht Musik, Sport ist ebenso gestrichen. Naturwissenschaften werden nur unterrichtet, wenn sie aus dem Koran ableitbar sind. Das heißt: Es gibt keinen Chemieunterricht mehr. Oder Biologie, wie wir es früher kannten.

An der Universität gibt es Vorträge über das nunmehr richtige Verhalten von Frauen. Dabei wird von weiblichen Mitgliedern des "Büros für Öffentlichkeit“ der Dae‘sh Informationsmaterial verteilt, in dem vor Hexerei gewarnt wird. Es werden auch Gerichtsurteile von strikten Imamen verbreitet, um die Mädchen einzuschüchtern. Ihnen drohen Todesurteile.

Gesendet: Freitag, 8. August 2014 23:46 Uhr
Subject: hi

Es tut mir Leid. Ich habe mich lange nicht gemeldet. Das Schreiben macht mir Angst. Viele haben sich angepasst, ich weiß nie, wem ich trauen soll. Sie waren der ewigen Kämpfe müde, manche haben die neue Ordnung mit der Begründung akzeptiert, dass nun endlich jemand da ist, der die Dinge wieder in die Hand nimmt.

Ich höre, es waren allein im Juli fast 7000, die neu nach Raqqah kamen. Viele davon sind Fachleute. Sie reparieren Elektrizitätsleitungen und haben sogar ein Amt für Konsumentenschutz eingerichtet, es gibt zivile Mitarbeiter des Kalifats, und es gibt Polizisten, die wiederum nichts mit den Kampftruppen zu tun haben. Die Dae’sh sind kein unkoordinierter Haufen, und sie schlagen immer tiefere Wurzeln in der Stadt. So etwas lässt sich nicht mit ein paar Luftangriffen lösen.

Es gibt Camps für Kinder, da müssen die Kleinen hin - egal, was die Eltern sagen. Die Dae’sh haben es auf die Jugendlichen abgesehen, sie wollen eine neue Generation erziehen. Ein Freund erzählte mir, sie würden sie in den Lagern indoktrinieren. Angeblich üben sie dort das Köpfen an Puppen, die orange Anzüge tragen.

Gesendet: Dienstag, 12. August 2014 02:13 Uhr
Subject: RE: re: hi

Wir erleben den blanken Horror. Am Freitag in der Moschee sagten sie, dass mehr von uns kommen und zusehen müssen, wenn sie die Leute hinrichten.

Es passiert fast täglich. Die Richter urteilen schnell und gnadenlos. Meistens sind es die Soldaten von Assads Armee oder Verräter, die sterben müssen. Das behaupten sie zumindest. Feinde des Kalifats, heißt es. Sie führen sie zum al-Naim-Platz oder sonstwo im Zentrum, meist bei großen Straßenkreuzungen. Da wird vorgelesen, was verbrochen wurde. Der Angeklagte muss sich hinknien, manchmal auf einen Teppich. Viele werden erschossen und dann gekreuzigt oder enthauptet. Dann bleiben die Leichen mindestens drei Tage liegen. Der Zettel mit dem Urteil wird an dem Körper befestigt, wie bei einem Mahnmal.

Das Fürchterlichste, was geschehen ist, war eine Steinigung. Eine Frau namens Fadda soll ihrem Mann untreu gewesen sein. Sie haben sie auf einen Platz in der Nähe des Sportstadiums gezerrt. Ein Mann las das Urteil vor: Nach den Gesetzen Gottes müsse diese Ehebrecherin gesteinigt werden. Die Leute von der Dae’sh sind dann mit einem Lastwagen mit schweren Steinen vorgefahren und haben sie vor ihr abgeladen. Viele waren da. 100 oder so. Aber von den Menschen aus Raqqah nahm niemand einen Stein. Da brüllten die Milizen herum. Aber die Leute rührten sich nicht - bis die Dae’sh-Leute selbst angefangen haben. Nur Ausländer waren es. Sie lachten, als sie die Steine warfen.

Mein Freund Mohammed war dort und hat es mir erzählt. Wie Tiere sagte er, haben sie sich benommen. Und er sei starr geworden. Er habe sich gefühlt, als wären seine Organe zu Eisklumpen geworden. An diesem Abend war es heiß, 40 Grad oder so. Aber Mohammed glaubte zu erfrieren.

Gesendet: Sonntag, 24. August 2014 22:07 Uhr
Subject: RE: re: RE: re: hi

Die Kämpfe um den Militärflughafen bei Tabaqa werden heftiger. Ich sehe hier im Netz viele Bilder von ermordeten Männern der syrischen Armee. Nackte, tote Männer. Es ist wie eine Sackgasse: Bleibe ich hier, werden sie mich früher oder später umbringen. Flüchte ich, dann laufe ich den Assad-Leuten in die Hände. Ich muss zur Armee. Und dann? Es ist, als ob wir zwischen zwei Mühlsteinen eingeklemmt wären: Dort die Assad-Armee, hier die Dae‘sh. Und alle wollen uns töten.

Gesendet: Dienstag, 26. August 2014 23:31 Uhr
Subject: Mord

Sie drehen völlig durch. Am Sonntag haben die Dae’sh ihren Sieg erklärt. Sie haben Tabaqa eingenommen. Jetzt kontrollieren sie die ganze Provinz hier. Und sie morden, morden, morden. Ihre Siegesfeier bestand daraus, dass sie den Kopf von Assef Shakwat, einem der führenden Figuren in Assads Armee, auf der Kühlerhaube eines schwarzen Pick-up festzurrten und damit wie wild durch die Straßen fuhren.

Gesendet: Sonntag, 7. September 2014, 17:02
Subject: RE: Last call

Ich möchte, dass mein Leben einfach aufhört. Nur noch sterben. Alles um mich scheint mich erdrücken zu wollen. Die Angriffe aus der Luft haben wieder angefangen. Bomben und Raketen schlagen ein.

Die Toten sind vor allem Frauen und Kinder. Dutzende. Es sind Angriffe der Assad-Armee gegen die Dae’sh, und sie treffen uns. Eine Rakete ist in der al-Andalous-Bäckerei explodiert, mitten im Zentrum. Allein dabei sind 25 Frauen und Kinder gestorben. Gleichzeitig hören wir, dass die Dae’sh-Leute Frauen, Christinnen und Jesiden-Frauen aus dem Irak als Sklaven auf den Markt bringen wollen, um sie zu verkaufen.

Je schlimmer die Luftangriffe werden, desto brutaler werden die Dae’sh-Kämpfer, und dann werden die Luftangriffe noch schlimmer, und so weiter. Wohin um alles in der Welt soll das führen?

Ich flehe Sie an, helfen Sie mir. Und uns. Ich wage es nicht mehr, längere Mails zu schreiben. Vielleicht sollte ich aufhören, überhaupt zu schreiben. Aufhören zu leben.

Teil I der Serie: Ich lebe in Simferopol auf der Krim

Teil II der Serie: Ich lebe in Uganda und bin schwul