Im Popenparadies: Die unheimliche Macht der orthodoxen Kirche

Im Popenparadies: Die unheimliche Macht der orthodoxen Kirche

Politischer Extremismus, Veruntreuung, Kindesmissbrauch, Schwulenhatz: Die Skandalchronik der orthodoxen Kirchen in Ost- und Südeuropa ist beachtlich. Ihr Einfluss auf Politik und Gesellschaft steigt dennoch – und von Reformwillen kann keine Rede sein.

Von Eva Konzett (Bukarest), Gregor Mayer (Belgrad) und Martin Staudinger

An der Hüterin der Moral kommt niemand vorbei: 43 Meter hoch ragt die neue Kathedrale am Olympiapark von Sotschi in den Himmel. Während an einigen Sportstätten knapp vor Beginn der Bewerbe noch immer Arbeiten im Gang sind, ist das eigens für die Spiele errichtete Gotteshaus längst fertiggestellt. Am Dienstag vergangener Woche konnte dort bereits die orthodoxe Weihnachtsliturgie zelebriert werden.

In der ersten Reihe hatte ein prominenter Messbesucher Platz genommen, der ostentativ ein Kreuz nach dem anderen schlug: Wladimir Putin. Russlands Präsident demonstrierte damit nicht nur gelebte Frömmigkeit. Er bekräftigte auch den macht- und gesellschaftspolitischen Zusammenhalt zwischen Kreml und Klerus.

„Dieser Tage sind die Bemühungen der Kirche besonders sichtbar, das moralische Fundament der Gesellschaft zu kräftigen sowie unser geistliches und kulturelles Erbe zu bewahren“, schrieb Putin am gleichen Tag in einer an Moskaus russisch-orthodoxen Patriarchen Kirill I. gerichteten Weihnachtsbotschaft.

Es war ein klarer Hinweis auf ein gemeinsames Feindbild: die Schwulenbewegung. Kirill I. hat die gleichgeschlechtliche Liebe kürzlich als „sehr gefährliches apokalyptisches Phänomen“ bezeichnet, Putin positive öffentliche Äußerungen darüber vor wenigen Monaten unter Strafe stellen lassen. Jetzt fürchten beide Herren, dass die Winterspiele zur Kulisse für Homosexuellen-Proteste umfunktioniert werden.

Putins Teilnahme am Weihnachtsgottesdienst in der Olympia-Kathedrale, die wie eine Trutzburg des Glaubens über das Sportgelände wacht, ist wohl als symbolischer Schulterschluss mit der Kirche gegen den drohenden Sittenverfall zu interpretieren. Es steckt aber noch mehr dahinter. Die Orthodoxie hat in den vergangenen Jahren weitgehend die Funktion des Kommunismus als ideologischer Kitt der russischen Gesellschaft übernommen. Wer mit ihr im Bunde steht, erhält Zugang zu rund 85 Millionen Mitgliedern der Glaubensgemeinschaft und damit zu rund 60 Prozent der Bevölkerung.

„Russisch-orthodox sein bedeutet, sich der Mehrheit anzuschließen“, erklärte die Soziologin Maria Plotko in einem Interview mit dem Web-Magazin mokant.at . Auch diesem Umstand erwies Putin mit seiner Wallfahrt nach Sotschi Reverenz – und nicht nur damit. Das harte Vorgehen gegen die Mitglieder von Pussy Riot, die mit ihrem „Punk-Gebet“ in der Moskauer Erlöser-Kathedrale die Anhänger der Orthodoxie vor den Kopf gestoßen hatten, war ebenfalls eine strategische Geste in diese Richtung.
Russland ist kein Einzelfall. In den meisten postsowjetischen Staaten hat sich die orthodoxe Kirche überraschend schnell von ihrer jahrzehntelangen Unterdrückung im realen Sozialismus erholt. Ihr Comeback geht nicht nur mit nationalistischen Tendenzen und gesellschaftspolitischen Rückschritten einher, sondern auch mit Skandalen, die ihre katholischen Amtsbrüder inzwischen tatsächlich wie eine Ansammlung von Chorknaben aussehen lassen – Priester, Prälaten und ihre zwei Päpste sind nämlich bereits in einen schmerzlichen Prozess von Selbstreflexion und Sühne eingetreten, den Popen, Metropoliten und ihre insgesamt zehn Patriarchen offenkundig noch vor sich haben.

Großzügig bemessene Zeiträume
Kein Wunder: Die orthodoxe Kirche denkt in großzügig bemessenen Zeiträumen. Die jüngsten dogmatischen Beschlüsse, die von ihr anerkannt werden, stammen aus den sieben ökumenischen Konzilen der Jahre 325 bis 787.

Dagegen wirkt selbst der Vatikan wie die Speerspitze der Avantgarde.
Am Anfang der Geschichte steht die große Spaltung, die zwischen 1054 und 1204 die römische und die byzantinisch-griechische Kirche auseinanderriss. Grund waren weniger dogmatische und liturgische Unterschiede als machtpolitische Differenzen.
Die christlichen Kirchen entfernten sich in der Folge immer weiter voneinander. Die Orthodoxie – griechisch für „wahre Lehre“ oder „rechter Glaube“ – entwickelte etwa kein Zölibat, kein Unfehlbarkeitsdogma und räumte auch den Laien eine weitaus größere Rolle ein als die römische Kirche. Dem Papst verweigerte sie zwar die Gefolgschaft, einen Gegenpapst brachte sie aber auch nicht in Stellung.
Organisiert ist sie in autonomen – im Fachjargon: autokephalen – Staats- und Landeskirchen, die sich allerdings eng miteinander verbunden fühlen. Zugleich verschmolz die Orthodoxie unter Berufung auf das Jesus-Wort „Gib dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ aber viel stärker mit der weltlichen Macht als die römische Kirche. Faktisch wurde sie zur Staatskirche mit dem byzantinischen Kaiser an der Spitze.
Dieser Tradition blieben die orthodoxen Kirchen bis heute treu. Mit gutem Grund: Sie ermöglichte das Überleben unter verschiedensten Herrschaftsverhältnissen vom muslimischen Osmanischen Reich über die Habsburgermonarchie bis hin zur kommunistischen Sowjetunion. Es sichert ihr aber auch großen Einfluss – in Griechenland müssen Präsident, Regierung und Parlament bis heute ihren Amtseid vor der hohen Geistlichkeit ablegen.

Die Aufklärung konnte im Großteil der orthodox geprägten Gebiete – mit Ausnahme von Griechenland – nie wirklich Fuß fassen, die Demokratie bis zum Zerfall der Sowjetunion ebensowenig. Die Diktatur und ihre Pressionen ließen das Verhältnis der Kirche zum Staat komplett verkommen. Und ihre Renaissance danach zwang den ausgedünnten Apparat, rasch neues und daher oft unzureichend theologisch gebildetes Personal zu rekrutieren.
All das sind Faktoren, die das aktuelle Bild der orthodoxen Kirchen in Ost- und Südeuropa prägen – und zwar auf alles andere als erbauliche Weise.
Die Olympia-Kirche in Sotschi ist nicht das einzige sakrale Prestigeprojekt, das die Orthodoxie in jüngster Zeit aus dem Boden gestampft hat. Im Zentrum der rumänischen Hauptstadt Bukarest wächst gerade ein noch größer dimensioniertes Gotteshaus heran. 120 Meter hoch soll der Turm der „Kathedrale zur Erlösung des Volkes“ werden, damit sogar den unter Diktator Nicolae Ceausescu errichteten, gigantomanischen Parlamentspalast übertreffen und aus jedem Winkel der Innenstadt sichtbar sein: Deutlicher könnte der Klerus seinen Dominanzanspruch über Staat und Politik kaum vor Augen führen.

3000 neue orthodoxe Kirchen wurden seit der Wende alleine in Rumänien gebaut – mit großzügiger staatlicher Unterstützung, die durch ein eigenes Kathedralen-Gesetz geregelt ist. Die Regierung trägt damit nicht nur der Volksfrömmigkeit Rechnung, sondern betreibt auch Wiedergutmachung.
In der kommunistischen Zeit wurde der Glaube gleichzeitig unterdrückt und brutal instrumentalisiert: Die allmächtigen Geheimdienste unterwanderten die Kirchen und zwangen Kleriker aller Hierarchiestufen in den Spitzeldienst. In Bulgarien wurden inzwischen elf von 15 noch immer amtierenden Bischöfen als frühere Zuträger der Staatssicherheit enttarnt. Einer von ihnen hatte sogar einen Arbeitsvertrag als Auslands-Agent unterschrieben. Die Berichte über seine Tätigkeit umfassen beachtliche 27 Aktenordner.

Halb zog es die Popen, halb sanken sie hin. Die unheilige Allianz mit dem Geheimdienst wurde durch die traditionelle Staatsnähe der Orthodoxie zumindest nicht behindert. Die Hoffnung, ihre Glaubensgemeinschaft zu schützen, tat ein Übriges. „Ich bedaure meine Spitzeltätigkeit sehr. Doch ich konnte dadurch das Leben meiner Kirchenprovinz absichern“, rechtfertigte sich Nicolae Corneanu, Rumäniens dienstältester Metropolit.
Die Aufarbeitung ihrer Rolle in der Sowjetzeit versucht die Kirche aber möglichst zu verhindern. In Rumänien ließ sie sich gesetzlich zusichern, dass diesbezügliche Geheimdienstakten nur mit Zustimmung des Klerus eingesehen werden dürfen. In Bulgarien weigert sie sich, der Kommission zur Sichtung der Stasiakten (KLS) Namen und Daten von hohen geistlichen Würdenträgern bekanntzugeben. Dabei erhielt sie unter anderem Schützenhilfe durch eine Gruppe von 25 bekannten Linksintellektuellen aus dem Lager um Ex-Präsident Georgi Parwanow – einen früheren Mitarbeiter der Staatssicherheit.

Ungenierter Eingriff in die Politik
Die Geschichte hat Regierung und Klerus nicht nur entfremdet, sondern auch aneinandergekettet. „Nach 1989 sind in Rumänien frühere Parteikader in anderem Mäntelchen an der Macht geblieben. Sie und die Kirche haben sich zum gegenseitigen Vorteil arrangiert“, sagt Ulrich Körtner, Vorstand des Instituts für Systematische Theologie und Religionswissenschaft an der Uni Wien ( siehe auch Interview hier ).
Das führte dazu, dass die Kirche das neue Machtgefüge als staatsideologischer Überbau festigte – eine Entwicklung, die sich nicht auf Rumänien beschränkt. Ungeniert wie keine andere christliche Glaubensgemeinschaft greift die Orthodoxie in die Politik ein.
Vergangenes Jahr rief Metropolit Amfilohije von Montenegro zum Boykott der Kosovo-Wahlen auf, weil jede Beteiligung daran eine gewaltsame Trennung des „unveräußerlichen Teils von Serbien“ bedeuten würde. Als Warnung hielt er eine Totenmesse für alle beteiligten Politiker ab: „In der Regierung soll alles absterben, was krank ist“, sagte er dabei.
Der Belgrader Bischof Filaret, der während des Kroatienkriegs 1991 in vollem Ornat mit geschultertem Gewehr vor einem Panzerwagen posiert hatte, ist bekannt dafür, die wüstesten serbischen Nationalisten finanziell zu unterstützen.

Bischof Seraphim von Piräus machte für die Wirtschaftskrise eine „jüdisch-zionistische Weltverschwörung“ verantwortlich und bezeichnete die griechische Regierung als „erschießungswürdige Verräter und Marionetten, die unter der Kontrolle einer neuen Ordnung stehen“. Sein zypriotischer Amtsbruder Chrysostomos II. forderte, alle Politiker des Landes zu bestrafen und aus der Euro-Zone auszutreten – die orthodoxe Kirche hatte als größter Grundbesitzer und eines der reichsten Unternehmen der Mittelmeer-Insel schmerzliche Verluste hinnehmen müssen.

Der Moskauer Patriarch Kirill tauchte im vergangenen Sommer gemeinsam mit Präsident Putin in Kiew auf und beschwor die geistige Einheit der Slawen, um ein Abdriften der Ukraine Richtung EU zu verhindern. Der Kreml dankte es ihm mit dem Lob, die russisch-orthodoxe Kirche sei ein „echter Partner für den Staat bei der Lösung innenpolitischer wie internationaler Aufgaben“. Das Kiewer Patriarchat wiederum schlug sich in der Folge auf die Seite der pro-westlichen Protestbewegung, die ein Abdriften des Landes Richtung Russland verhindern will.

Die Regierungen können sich also nicht darauf verlassen, die orthodoxe Kirche auf ihrer Seite zu haben – und es sich gleichzeitig kaum erlauben, sie zu vergrämen. Das verschafft den Popen eine Narrenfreiheit, die ihre katholischen und evangelischen Kollegen längst nicht mehr genießen. Selbst offenkundige schwere Verfehlungen werden staatlicherseits oft nur zögerlich oder gar nicht verfolgt.

Vasilje Kacavenda, der orthodoxe Bischof der Diözese Zvornik-Tuzla in Bosnien-Herzegowina, konnte etwa jahrelang unbehelligt ein Leben in Saus, Braus und Sünde führen. Während der Wirren der Balkankriege ließ er seinen Amtssitz um Millionen zum Luxuspalais ausbauen und feierte dort Orgien, bei denen offenbar auch Minderjährige vergewaltigt wurden. Mutmaßliche Kriegsverbrecher wie Radovan Karadzic und Ratko Mladic hielten ihre schützende Hand über den Gottesmann. Erst vor wenigen Monaten führte die Veröffentlichung eines Videos, das Kacavenda beim Sex mit einem Teenager zeigt, zu seiner Verbannung in ein abgelegenes Kloster. Ob er sich je vor Gericht verantworten muss, ist ungewiss. Es wäre nicht das erste Mal, dass Vorwürfe wegen Kindesmissbrauchs durch orthodoxe Kleriker verschleppt werden.

Das Gleiche gilt für zahlreiche Fälle von Veruntreuung. Der Abt eines Athos-Klosters soll gemeinsam mit 30 Mönchen bei undurchsichtigen Immobiliengeschäften sagenhafte 100 Millionen Euro eingestrichen haben. Zu seiner Verhaftung musste die Küstenwache mit mehreren Schiffen anrücken. Als Erzbischof Christodoulos I. von Athen im Jahr 2008 starb, fand man in seiner Wohnung Designerkleidung im Wert von mehreren hunderttausend Euro. Chrysostomos, ein anderer griechisch-orthodoxer Bischof, schaffte es bei einem offiziellen Nettogehalt von 2000 Euro im Monat, ein Vermögen von fünf Millionen Euro anzuhäufen.
Jeder einzelne dieser Fälle wäre ein Anlass für Reformbestrebungen. Der Ruf danach ist bislang aber ausgeblieben. Lieber arbeiten sich die Popen weiterhin an ihrem Lieblingsthema ab: der Gefahr durch Homosexualität. Zuletzt forderte ein Sprecher der russisch-orthodoxen Kirche ein generelles Verbot gleichgeschlechtlicher Beziehungen. Darüber müsse man in einer Demokratie ja wohl reden können.

Was er nicht dazusagte: Ein derartiger Straftatbestand war in Russland bereits einmal eingeführt worden – von Diktator Josef Stalin.