Kolumbianische Gewerkschafterin über das Verbot des Drogenanbaus

Kolumbianische Gewerkschafterin über das Verbot des Drogenanbaus

Orfa Rojas, Gewerkschaftsführerin der kolumbianischen Koka-, Marihuana- und Opium­bauern, über das drohende Verbot des Drogen­anbaus in ihrer Heimat und die möglichen Folgen.

Interview: Oliver Schmieg, Kolumbien

Gewerkschaftsführerin der Sparte Drogenanbau? In Kolumbien ist die Funktion, die Orfa Rojas ausübt, anerkannt und angesehen: Als Regionalpräsidentin des Verbandes Reserva Campesina del Cauca vertritt die Koka-Bäuerin unter anderem jene Landwirte, die ihren Lebensunterhalt mit Koka, Marihuana und Opium verdienen – und sieht die Interessen ihrer Klientel derzeit akut bedroht.

Seit Oktober 2012 verhandelt die kolumbianische Regierung mit der linksgerichteten FARC-Guerilla, um eine dauerhafte Lösung für den ältesten Bürgerkrieg Lateinamerikas zu finden. Bis heute sind dem seit mehr als 50 Jahren tobenden Konflikt 220.000 Menschen zum Opfer gefallen, 5,7 Millionen wurden zu Vertriebenen im eigenen Land. Im Rahmen der Friedensgespräche hat die FARC, die sich nicht zuletzt durch Drogenhandel finanziert, kürzlich mit einem Vorschlag aufhorchen lassen: Sie will sämtliche Koka-, Marihuana- und Opiumplantagen mit sofortiger Wirkung durch Nutzpflanzen wie Mais, Kaffee oder Kochbanane ersetzen. profil traf Orfa Rojas in ihrem Heimatorg Corinto in der Provinz Cauca.

profil: Was halten Sie von dem Vorschlag der FARC?
Orfa Rojas: Nichts. Wenn wir alle Pflanzungen auf einmal zerstören oder ohne Übergangsphase ersetzen, können wir finanziell nicht überleben. Wir müssen weiterhin Koka anbauen, weil uns die Regierung keine Alternative anbietet. Kochbananen etwa lassen sich hier im Dorf nicht rentabel verkaufen. Bei den Preisen, die angeboten werden, müssten die Bauern ihre Produkte praktisch verschenken und hätten folglich selbst kein Geld, um Lebensmittel einzukaufen.

profil: Was sagen Sie den Mitgliedern Ihres Bauernverbandes?
Rojas: Ich kann einem Bauern nicht raten, seine Koka-Pflanzungen zu zerstören, wenn das seine einzige Einkommensquelle ist und er eine Familie zu ernähren hat. Ich kann noch nicht einmal akzeptieren, dass die Kokapflanze als illegal qualifiziert wird. In Kolumbien und fast ganz Lateinamerika wird Koka seit Jahrhunderten angebaut, schließlich kann man daraus auch Medikamente oder Tee herstellen.

profil: Welche Alternativen zum Koka- oder Marihuana-Anbau könnten Sie sich vorstellen?
Rojas: Wenn die Regierung die Hälfte der Einnahmen subventioniert, die wir durch den Koka- oder Marihuana-Anbau erzielen, könnten wir den Anbau illegaler Pflanzen einstellen. Außerdem bräuchten wir ordentliche Straßen, über die wir unsere Produkte transportieren können. Und der Staat müsste aufhören, uns strafrechtlich zu verfolgen. Unter diesen Bedingungen könnte ich schrittweise beginnen, meinen Betrieb umzustellen.

profil: Wie würden Sie dabei vorgehen?
Rojas: Zunächst würde ich den Koka-Anbau auf einem Viertel meiner Ackerfläche einstellen und stattdessen Bohnen oder Mais für meinen Eigenbedarf pflanzen. Wenn ich damit die Lebensmittelversorgung meiner Familie verbessert habe, würde ich ein zweites Viertel der Koka-Pflanzen durch Yuka und Kochbananen ersetzen. Hat die Regierung inzwischen das Straßennetz verbessert, dann könnte ich diese Produkte zu rentablen Preisen auf dem Markt anbieten und hätte die Möglichkeit, den Koka- oder Marihuana-Anbau nach und nach ganz aufzugeben.

profil: Ist ein Frieden ohne Koka in Kolumbien möglich?
Rojas: Der Frieden hängt nicht davon ab, was wir anbauen. Wäre das Ende der Koka-Plantagen die Lösung für unseren Konflikt, hätten wir schon längst alle zerstört. Andererseits: Selbst wenn man Drogen legalisierte, blieben immer noch tief gehende soziale Probleme in Kolumbien, Lateinamerika und sogar weltweit, für die eine Lösung gefunden werden muss. Glauben Sie mir, wir versuchen, in Frieden zu leben, aber unsere Leute werden vertrieben oder entführt, verschleppt und massakriert.

profil: Was passiert, wenn die Regierung und die FARC ein Friedensübereinkommen unterzeichnen, das den Drogenanbau tatsächlich verbietet?
Rojas: Sollte sich die FARC im Rahmen einer Friedensvereinbarung dazu verpflichten, alle Drogenplantagen zu zerstören, würden wir uns widersetzen. Ich frage mich auch, wovon die Guerilleros anschließend selbst leben sollen. Die FARC besteht aus Menschen, die wie wir Bauern sind und vom Koka- oder Marihuana-Anbau leben müssen, weil sie ebenso wie wir keine Alternativen dazu haben.

profil: Und wenn die Friedensverhandlungen scheitern?
Rojas: Dann werden die Bauern weiterhin von ihrem Land vertrieben oder hungern, weil ihre Lebensbedingungen so schwierig sind, dass sie nicht einmal ihre grundlegendsten Bedürfnisse befriedigen können. Die Folge ist zwangsläufig ein Überlebenskampf, der zu immer schwereren Konflikten führt. Es wird Tote geben, weil wir Bauern mehr und mehr Widerstand leisten.