Saudi-Arabien und Iran: „Der Zorn ist groß“

Eine Frau aus Bahrain hält ein Plakat des bekannten schiitisch-muslimischen Klerikers Nimr al-Nimr um gegen dessen Exekution in Saudi-Arabien zu protestieren.

Eine Frau aus Bahrain hält ein Plakat des bekannten schiitisch-muslimischen Klerikers Nimr al-Nimr um gegen dessen Exekution in Saudi-Arabien zu protestieren.

Die Hinrichtung eines schiitischen Geistlichen lässt den Konflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran eskalieren. Der deutsche Islam-Wissenschafter Udo Steinbach über die aktuelle Eskalation, das Dilemma der waffenexportierenden Länder und warum eine Lösung des Syrien-Konflikts in weite Ferne rückt.

Die Massenhinrichtung in Saudi-Arabien, bei der unter anderem der schiitische Geistliche Nimr al-Nimr exekutiert wurde, zog Proteste von sunnitischer Seite nach sich. In Teheran wurde die saudische Botschaft von Demonstranten in Brand gesetzt. Die saudische Regierung brach die diplomatischen Beziehungen zum Iran ab.

profil: Wie viel Kalkül steckt hinter der Massenhinrichtung in Saudi-Arabien vom vergangenen Samstag?
Udo Steinbach: Die saudische Führung will den Kampf gegen den Extremismus mit allen Mitteln, mit voller Härte führen. Der Protest schiitischer Geistlicher ist dabei schon ein terroristischer Akt. Saudi-Arabien wollte mit dieser Maßnahme vor allem für Sicherheit im eigenen Land sorgen. Was das außenpolitisch bedeutet, wurde von der Führung in Riad nicht bedacht.


Dieser historische Konflikt, der seit dem Arabischen Frühling wieder schwelt, wurde einfach unter den Teppich gekehrt.

profil: Wie kann man in so einer Situation die Außenpolitik außer Acht lassen?
Steinbach: Saudi-Arabien hat noch nicht begriffen, was auf das Königreich in den letzten Jahren zugekommen ist. Zum einen haben sich die Vereinigten Staaten immer mehr von der arabischen Halbinsel zurückgezogen. Zum anderen hat der Atomdeal zwischen den USA und dem Iran für blankes Entsetzen in Riad gesorgt. Saudi-Arabien sieht sich jetzt genötigt, eine eigenständige Außenpolitik in der Region zu führen. Auch die Intervention im Jemen war bezeichnend für diese neue Vorgehensweise.

profil: Besteht die Gefahr einer direkten Konfrontation zwischen Teheran und Riad?
Steinbach: Die Gefahr eines Krieges besteht. Man wird aber erst in den nächsten Wochen sehen, ob sich die Situation weiter zuspitzt. Eines ist aber klar: Die Schiiten sind mobilisiert. Die Frage bleibt, ob die Aufstände vom Iran als Schutzmacht der Schiiten, unterstützt werden.

profil: Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten tobt seit Jahrhunderten. Kann man bei der aktuellen Eskalation noch von einer konfessionellen Komponente ausgehen?
Steinbach: Die konfessionelle Komponente ist in den letzten Jahren, spätestens seit der amerikanischen Invasion im Irak wieder gestiegen. Man darf aber nicht vergessen, dass der Iran und Saudi-Arabien im 20. Jahrhunderts immer wieder aus politischen und ökonomischen Interessen kooperiert haben. Dieser historische Konflikt, der seit dem Arabischen Frühling wieder schwelt, wurde einfach unter den Teppich gekehrt.


Auch die Hoffnung der internationalen Gemeinschaft, den Konflikt mit dem „Islamischen Staat“ politisch zu lösen, ist durch die aktuelle Eskalation in weite Ferne gerückt.

profil: Was bedeutet diese Eskalation für waffenexportierende Länder aus der EU?
Steinach: Das Dilemma wird immer größer. Wir müssen darüber reden, ob man die Waffenexporte nicht grundsätzlich einstellen muss. Saudi-Arabien ist eben nicht mehr Teil der Lösung im Nahen Ostens, sondern Teil des Problems geworden.

profil: Mit welchen Veränderungen rechnen Sie im Nahen Osten?
Steinbach: Der Zorn ist auf beiden Seiten groß. Es wird noch schwieriger werden, eine breite politische Front gegen Baschar al-Assad aufzubauen und den Bürgerkrieg in Syrien endlich zu beenden. Auch die Hoffnung der internationalen Gemeinschaft, den Konflikt mit dem so genannten „Islamischen Staat“ militärisch zu lösen, ist durch die aktuelle Eskalation wieder in weitere Ferne gerückt.

Udo Steinbach,
geboren 1943 in Zittau, Deutschland, ist Experte für den Nahen und Mittleren Osten. 1975 leitete er die türkische Redaktion der Deutschen Welle, von 1976 bis 2006 war er Direktor des Deutschen Orient-Instituts in Hamburg. Er ist Mitbegründer der Humboldt-Viadrina Governance Platform und des zugehörigen Governance Center Middle East - North Africa.