Krieg in Syrien: Die Hölle von Aleppo

Krieg in Syrien: Die Hölle von Aleppo

Die Armee von Diktator Bashar al-Assad zieht einen Belagerungsring um Syriens einstige Handelsmetropole Aleppo: profil-Reporterin Petra Ramsauer erlebte dort mit 250.000 Eingeschlossenen einen nicht enden wollenden Horror aus Tod, Schmerz und Entbehrung.

Wenn es etwas gibt, was die Ausweglosigkeit der Lage hier perfekt illustriert, dann ist es die vermeintliche Absurdität der Überlebens-tipps: „Wirklich sicher bist du im Moment nur direkt an der Front“, sagt Yusuf Aleissas. Der 21-Jährige steht im Basar von Aleppo – oder besser: den Ruinen, die von dem orientalischen Postkartenidyll der verwinkelten Gassen mit ihren kleinen Läden übrig geblieben sind.

Hier schlängelt sich, durch Trümmerberge, an zerschossenen Fassaden vorbei, abgesteckt mit rostigen Tonnen, die Kampflinie durch das Zentrum der ältesten durchgehend bewohnten Stadt der Welt.

Hier wimmelt es von Scharfschützen, die gut getarnt hinter Schutt und Gerümpel auf ihre Opfer lauern.

Hier liegen die Positionen der Rebellenmiliz „Liwa Tawid“ und jene der syrischen Armee oft nur fünf oder zehn Meter voneinander entfernt.
Aber hier fallen wenigstens keine Fassbomben vom Himmel, die Präsident Bashar al-Assad aus Hubschraubern abwerfen lässt, um die Bevölkerung in den abtrünnigen Stadtteilen zu terrorisieren. Ihre Treffergenauigkeit ist so gering, dass das Regime an der Front seine eigenen Truppen in Gefahr bringen würde.

Aleppo, Anfang Juli 2014: Im Sommer vor zwei Jahren war es den Rebellen gelungen, die Hälfte der größten Stadt Syriens in einer waghalsigen Offensive einzunehmen – jetzt setzt die Armee dazu an, den Belagerungsring um die einst blühende Handelsmetropole zu schließen. Fünf Millionen Einwohner hatte Aleppo einmal. Jetzt harren in ihrem von den Aufständischen kontrollierten Osten nur noch rund 250.000 Menschen aus. Ganze Straßenzüge sind in sich zusammengesackt, seit Monaten funktioniert die Wasserversorgung nicht mehr, der Strom ist längst abgedreht.

Die Schlacht um Aleppo ist entscheidend für den weiteren Verlauf des Bürgerkrieges in Syrien. Entsprechend erbittert wird sie geführt. Bis Ende Juni wurden heuer nach offiziellen Zählungen 1606 Menschen getötet. 411 davon waren Kinder – und nur 31 bewaffnete Kämpfer. Zuletzt schnellte die Zahl der Todesopfer in der Stadt extrem nach oben: Bis zu 100 sind es momentan pro Tag. Bei Temperaturen von über 40 Grad breitet sich intensiver Verwesungsgeruch aus, der sich mit ätzenden Rauchschwaden von verbranntem Müll mischt.

Und die offenen Routen, die in die Stadt und aus ihr heraus führen, gehen eine nach der anderen zu: „Assads Armee bereitet die Belagerung Aleppos vor“, sagt Aleissa: „Wir stehen vor dem Ende.“

Wer irgendwie konnte, hat die Todeszone längst verlassen. In manchen Vierteln leben nur noch zwei Prozent der Bevölkerung. Denjenigen, die noch da sind, fehlt zumeist schlicht das Geld, ein Auto oder der Treibstoff für die Flucht. Manche ziehen aber auch die Gewissheit der alltäglichen Gefahr dem ungewissen Schicksal der inzwischen neun Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen vor, die das Blutvergießen in Syrien hervorgebracht hat.

„Was zum Teufel soll ich in einem Flüchtlingslager – dahinvegetieren ohne Würde?“, fragt Mohammed al-Kindi, der letzte Eisverkäufer im Stadtteil al-Sha’ar. Ein kleines Vermögen investiert er in den Treibstoff, der seine Kühlaggregate am Laufen hält, an den wenigen Kunden verdient er kaum noch etwas. Dennoch macht er weiter: „Ich sterbe eher hier, als zu gehen. Ich gebe meine Heimat nicht auf.“ Ein paar Schritte von al-Kindis Eisdiele entfernt sind Marktstände mit Wassermelonen und Gurken aufgebaut; selbst einen Hühnergrill gibt es: Es sind letzte Zeichen von Normalität in dieser Trümmerwüste.

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Erst ist es nur ein kleiner, dunkler Punkt im Himmelsblau. Dann wird der vibrierende Bass des Helikopters hörbar. Es folgen ein scharfes Zischen und panische Schreie: „Achtung, Achtung, ein Sprengsatz!“

Eine halbe Minute vergeht zwischen diesen Warnsignalen und der Detonation einer Fassbombe. Es gibt keine Luftschutzräume, keinen Alarm. Nur ein Zeitfenster von 20 oder 30 Sekunden.

„Wenn man diesen Punkt sieht, ist es am sichersten, nicht davonzulaufen, sondern einfach stehen zu bleiben und kühlen Kopf bewahren“, sagt Fetee Maroush: „Man kann darauf hoffen, sich in letzter Sekunde zu retten. In Wahrheit bleibt einem aber gerade genug Zeit, um sich vom Leben zu verabschieden.“

Wie angewurzelt steht die 68-jährige Frau im knöcheltiefen Schutt, der die Straße vor ihrem Haus im Viertel Myassar bedeckt. Die erste Bombe in der Gegend hat um sechs Uhr früh eingeschlagen, drei waren es an diesem Vormittag alleine bis zehn Uhr. „Ich bin heute drei Mal innerlich gestorben“, sagt Maroush. Ihre vier Töchter und die Enkelkinder leben mittlerweile in ihrem Haus, zudem hat sie wie viele hier auch Waisenkinder aufgenommen: „Aber wir können bald nicht mehr.“

Fassbomben sind billig und brutal. Lediglich 150 Euro kostet es, eine zu basteln. Man nehme eine leere Öl-Tonne und fülle sie mit Sprengstoff und Eisenteilen – fertig. Mitunter packt Assads Luftwaffe, wie die Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ im April dokumentierte, auch Behälter mit Chlorgas hinein.

Anfang 2014 begann das Regime mit einem schonungslosen Luftkrieg, der sich vor allem gegen die Zivilbevölkerung richtet. 504 Fassbomben, bis zu einer Tonne schwer, schlugen bis Ende Juni in Aleppo ein. Seit Anfang Juli werden es immer mehr, derzeit sind es 30 pro Tag.

Zwei davon explodieren auch nahe der Kreuzung im Stadtteil al-Sha’ar, an der Mohammed al-Kindis Eisgeschäft liegt. Die Melonen und Gurken, die gerade noch an den Obst- und Gemüseständen feilgeboten wurden, liegen Minuten später zerfetzt am Boden – und mitten drin verbluten ein Vater und sein kleiner Sohn, der ein T-Shirt mit dem Emblem der Fußball-WM und der deutschen Flagge trägt.

Man braucht nicht besonders gut Arabisch zu sprechen, um zu verstehen, was drei Freunde des Buben unter Weinkrämpfen brüllen, als sie ihn finden: „Mahmoud, Mahmoud! Es ist eine Sünde, was sie mit dir gemacht haben. Wir wollten doch das Match sehen.“

Drüben im Viertel Myassar beschließt Frau Maroush währenddessen, dass es genug ist: „Wir gehen jetzt Richtung Norden. Ins Lager von Azaz“, einer Stadt rund 50 Kilometer von Aleppo entfernt an der türkischen Grenze.

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Der Donner einer Detonation ist für Khaled Hajjo das Zeichen, sich auf den Weg zu machen. Der ehemalige Jusstudent hat im vergangenen Dezember das „Zivilschutz-Regiment“ gegründet – einen Freiwilligen-Trupp mit ein paar Dutzend Mitgliedern, die mit alten Baggern, Feuerwehrautos, Krankenwägen und vielen Schaufeln eine provisorische Rettungsbrigade bilden.

„Zuvor waren die Verwundeten sich selbst überlassen und starben nach Bombardements an Ort und Stelle“, sagt Hajjo: „Jetzt können wir wenigstens einige retten. Aber uns fehlt das Gerät, um Verschüttete zu bergen. Deshalb können wir vielen nicht helfen, sondern müssen ihnen tatenlos beim Sterben zusehen.“

Im Juni wurde das Hauptquartier des „Zivilschutzregiments“ selbst schwer getroffen – allerdings nicht zufällig durch eine Fassbombe, sondern durch einen Präzisionsschlag aus der Luft. „In Aleppo sind getötete oder verwundete Zivilisten nicht bloß Kollateralschäden: Sie werden bewusst ins Visier genommen“, sagt Abu Walid, ein ehemaliger Offizier von Assads Streitkräften, der die Denkweise der Armee von innen kennt und gleich zu Beginn der Rebellion zu den Aufständischen übergelaufen ist.

Aber es sind nicht bloß die Kämpfe, die Menschenleben fordern. Vor wenigen Tagen warnte das UN-Kinderhilfswerk UNICEF etwa vor der Ausbreitung schwerer Durchfallerkrankungen. Es fehlt jedoch ebenso an Mitteln, sie zu bekämpfen, wie an Behandlungsmöglichkeiten für die zehntausenden Verletzten und chronisch Kranken im Kriegsgebiet. Laut Zahlen der EU von Ende Mai starben in Syrien seit 2011 rund 200.000 Menschen an den Folgen mangelnder medizinischer Versorgung – und damit deutlich mehr als jene, die unmittelbar bei Kampfhandlungen ums Leben kamen.

Erschwert wird die Lage, weil beide Konfliktparteien immer wieder auch Krankenhäuser attackieren. Nach Recherchen der in New York ansässigen Organisation „Ärzte für Menschenrechte“ kamen seit März 2012 insgesamt 156 Spitäler unter Beschuss: Die meisten Angriffe erfolgten durch Assads Truppen – 90 Prozent der medizinischen Ziele lagen in den von Rebellen gehaltenen Gebieten.

Heute sind von den einst 2500 Ärzten Aleppos nur noch 143 in der Stadt. Sie ordinieren in notdürftig eingerichteten Kliniken, die in Wohnhäusern versteckt sind. Doch auch dort ist es nicht sicher: Erst am Donnerstag vergangener Woche trafen Fassbomben zwei der getarnten Krankenhäuser in Aleppo, 40 Menschen kamen dabei um.

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Der junge Arzt will „Doktor Omar“ genannt werden, und er bittet sehr nachdrücklich darum, nur von hinten fotografiert zu werden. „Wenn Aleppo belagert und eingenommen wird, bin ich in höchster Gefahr“, sagt er. Seine Angst ist berechtigt: 460 Morde an Ärzten wurden seit Ausbruch des Bürgerkrieges dokumentiert. Das Land zu verlassen, bringt er dennoch nicht übers Herz: „Was soll dann aus den Verwundeten werden?“

Doktor Omar arbeitet in einer Klinik im Stadtteil al-Sha’ar, der immer wieder heftig angegriffen wird. An einem einzigen Tag schlugen in dem Viertel acht Bomben ein. Zwei davon hätten um Haaresbreite auch das Spital getroffen, das von einer kleinen NGO betrieben wird, die Geld unter Exil-Syrern in den USA sammelt. Das Spital verfügt über zwei Operationssäle, in denen bei offenem Fenster tiefe Wunden versorgt werden, und ein Dutzend Betten. In einem davon liegt die 14-jährige Fathi. Sie kann kaum sprechen. Schrapnells aus einer Fassbombe haben ihren Bauch zerfetzt und die Leber verletzt. Noch hängt Fathi an einer Infusion: „Es sind aber so ziemlich die letzten Antibiotika-Dosen, die wir haben“, sagt Doktor Omar. Dennoch ist er zuversichtlich, dass das Mädchen überlebt: „Manchmal können wir auch mit den wenigen Mitteln, die wir haben, helfen. Das tut gut.“

Allerdings seien inzwischen keine wirksamen Schmerzmittel mehr vorhanden: „Ich habe auch für Schwerstverletzte wie Fathi nur mehr leichte Prärparate“, berichtet der Arzt. „Das ist ungefähr so, als würde ich jemandem, dem ich vor drei Stunden das Bein abgenommen habe, Aspirin geben. Also nichts.“ Der Verweis auf die Amputation kommt nicht von ungefähr: Mehrmals pro Tag habe er keine andere Wahl, als verletzte Körperteile zu entfernen, um das Leben von Verwundeten zu retten, erzählt Doktor Omar – und auch für diese Patienten gebe es keine ausreichenden Betäubungsmittel.

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Derzeit wird überall in den nördlichen Außenbezirken Aleppos gekämpft – besonders heftig in Handarant. Die schmale Straße durch das Viertel ist die letzte, die den Osten der Stadt noch mit dem Hinterland verbindet.
Auf seinem Gefechtsposten steht Abu Hamzi Arandas, Kommandant der Rebellenmiliz „Liwa Tawid“ in der Altstadt. Der 34-Jährige hat gerade Besuch von seinen beiden Söhnen Hamza, 9, und Mohammed, 10. Die Buben tragen Camouflage-Uniformen und zittern vor Angst.

Wird Aleppo wieder an das Regime fallen, so wie die monatelang umkämpfte Rebellenhochburg Homs im vergangenen Mai? Abu Hamzi überlegt eine Weile, bevor er antwortet: „Insha’allah. Ich fürchte, ja.“ Die Rebellen hier seien mit zwei Feinden konfrontiert – den Regime-Truppen und den Kämpfern der ultra-islamistischen Terrorgruppe IS (Islamischer Staat, bis vor kurzem „Isis“): „Wir kämpfen nicht nur gegen die Truppen von Assad, sondern auch gegen die Truppen des radikalen IS, die uns in den Rücken fallen und im Osten Syriens ihr Kalifat einzementieren wollen. Das ist ein Zweifrontenkrieg“.

Vor dem Krieg hat Abu Hamzi Arandas ein florierendes Export-Import-Unternehmen betrieben und war häufig in Europa. Er sei ein „Mann des Westens“ gewesen, sagt er. Nun ist er Soldat und ein streng gläubiger Muslim, der ungern erlaubt, dass Frauen in seiner Gegenwart auch nur kurz das Kopftuch abnehmen.

„Wissen Sie, was für Sie am sichersten wäre?“, sagt er zum Abschied: „Verlassen Sie Aleppo. Und zwar so rasch Sie können.”