Libyen: Der Menschenzoo von Tripolis

Libyen: Der Menschenzoo von Tripolis

Auf dem Weg nach Europa stranden zehntausende Flüchtlinge in Libyen. Dort fallen sie in die Hände brutaler Milizen, die den Migranten auch noch ihren letzten Besitz abpressen. Die EU, die bei der Grenzsicherung assistieren soll, sieht ratlos zu.

Von Petra Ramsauer, Libyen

Im Zoo von Tripolis werden nicht nur Tiere gehalten: Es gibt dort auch ein Gehege für Menschen. Ganz in der Nähe des Käfigs, in dem „Chirac“ – der Lieblingslöwe von Muammar al-Gaddafi – sein Gnadenbrot frisst, hockt hinter Gittern Yakintee Mamadu, hält sich den Unterleib und heult.
Ein paar Stunden zuvor ist der 16-Jährige gerade noch dem Tod entronnen. Das Boot, auf dem er aus Libyen nach Europa übersetzen wollte, trieb komplett überfüllt und steuerlos im Wasser. Draußen auf dem Meer braute sich ein Regensturm zusammen, als der Kahn entdeckt und an Land gebracht wurde.

Das rettete den Insassen zwar das Leben, kostete sie aber gleichzeitig auch die Freiheit: Sie wurden in den Tiergarten der libyschen Hauptstadt gebracht und eingesperrt. Hier befindet sich ein provisorisches Erstaufnahmezentrum für Bootsflüchtlinge. Geführt wird es von Kämpfern der sogenannten „Ben Suleiman Brigade“ – einer von hunderten Milizen, die während des Bürgerkriegs gegen Pro-Gaddafi-Truppen gekämpft hatten.
Der Suleiman-Brigade fiel es zu, den Zoo von Tripolis zu erobern, wo Gaddafi eine geheime Bastion in die Erde gegraben hatte. Eingebunkert unter den Gehegen von Löwen, Krokodilen und anderen Wildtieren hoffte der Exzentriker, die Luftschläge der Nato aussitzen zu können. Es kam, wie man weiß, anders: Der Revolutionsführer floh in seine Heimatstadt Sirte und wurde dort getötet.

Seither unterhält die Suleiman-Brigade im Tiergarten ihr Hauptquartier und weigert sich abzuziehen. Um einen Konflikt zu vermeiden, wurden die Kämpfer pro forma dem Innenministerium angegliedert, bekamen ein paar ausrangierte Polizeiautos ohne Nummernschild, Uniformen und eine der heikelsten Aufgaben Libyens übertragen: den Kampf gegen illegale Migranten.

„Auf diesem Kahn hätten höchstens ein Dutzend Platz gehabt“
Libyen zählt seit Jahren zu den Haupttransit-Ländern illegaler Migration nach Europa. 4500 Kilometer lang ist die Landgrenze, die zum Tschad, dem Niger, Sudan, Algerien und Ägypten fast zur Gänze durch die Wüste verläuft und kaum zu überwachen ist – ebenso wenig wie die 1880 Kilometer lange, unübersichtliche Küste, die verlockend nah an Italiens südlichen Inseln liegt.

Das Gaddafi-Regime hatte es sich von der EU teuer abkaufen lassen, dafür zu sorgen, dass hier möglichst wenige Flüchtlinge ihren Weg Richtung Europa antraten. Seither herrscht Anarchie. Das führt dazu, dass nicht nur Kriegs- und Armutsmigranten aus Süd- und Westafrika ins Land strömen, sondern auch aus Syrien.

Die Suleiman-Brigade geht dagegen vor – allerdings weder professionell, noch zimperlich. „Wir kontrollieren Busse, Baustellen und nehmen alle fest, die keine Papiere haben. Mindestens hundert greifen wir pro Tag auf und bringen sie hier her“, sagt Said Ben Samal, der Kommandant der Miliz. Vor dem Krieg war er ein Geschäftsmann. Dann war er Rebell und jetzt sei er eben so etwas wie ein Beamter. Auf seinem Schreibtisch thront das hölzerne Modell eines alten Segelschiffs. Das sei Zufall, sagt er. Dabei hat er es fast täglich mit Booten zu tun.

So wie mit jenem Seelenverkäufer, auf dem Yakintee Mamadu gemeinsam mit 169 völlig erschöpften Migranten im Meer trieb. „Auf diesem Kahn hätten höchstens ein Dutzend Platz gehabt“, knurrt Said Ben Samal. Den Regensturm, der kurz nach der Rettung mit Böen von 100 km/h und mehr über die See fegte, hätte das Boot nie und nimmer überstanden.
Um Haaresbreite hätte sich so eine Tragödie wie jene vom 3. Oktober vor der italienischen Insel Lampedusa wiederholt, bei der 359 Personen starben. Laut Angaben des UN-Flüchtlingshochkommissariats UNHCR versuchten allein im vergangenen Oktober fast 4000 Migranten mit 16 Booten von Libyens aus Italien zu erreichen; im Monat zuvor waren es 4600. Knapp 30.000 Asylwerber sind derzeit vom UNHCR in Libyen registriert. Die Dunkelziffer liegt bei Weitem höher – wie auch jene der Ertrunkenen.

Stranden sie in Libyen, erwarten sie Widrigkeiten, die der Durchquerung der Sahara und der Überquerung des Mittelmeeres kaum nachstehen. Yakintee Mamadu zählt zu jenen, die vom Horror auf einem havarierten Schiff in den nächsten geschlittert sind: „Sie haben mich getreten – hier“, sagt Yakintee und deutet auf den Unterleib. Dann sinkt er wieder weinend in sich zusammen.

Der Raum, in dem Yakintee mit seinen Leidensgenossen festgehalten wird, ist gerade einmal 50 Quadratmeter groß und vom Fußboden über die Wände bis zum Plafond mit billigen weißen Fliesen gekachelt. Wie alle „Neuzugänge“ im Anhaltezentrum wurden auch die 169 Westafrikaner mit Desinfektionsmitteln und Schlagstöcken traktiert.

„Nur drei der Männer dürfen gleichzeitig aufs Klo“, herrscht sie der Wärter an, als mehrere gleichzeitig den Raum verlassen wollen: „Denkt doch an was Schönes, wenn ihr es nicht mehr zurückhalten könnt. Stellt euch vor, ihr seid nicht mehr in dem Drecksloch bei euch in Afrika, sondern reich und glücklich und in Italien.“

Dann werden den Bootsflüchtlingen, die seit ihrer Rettung nichts mehr getrunken haben, achtlos ein paar kleine Flaschen Wasser zugeworfen.
Yakintee Mamadu schluchzt weiter. Von dem stolzen jungen Mann, der vier Monate zuvor aus seinem Dorf in der Elfenbeinküste aufbrach, ist nur noch ein verschreckter Teenager übrig: „Wir hatten nichts zu essen. Das Wasser war aus. Wir waren so viele. Vier Tage, vier Nächte. Die Motoren waren kaputt. Wir hatten nichts mehr. Ich dachte, ich sterbe“, stammelt er.
Dann kritzelt er eine Zahl auf einen Zettel: 1500 libysche Dinar – für ihn ein so großes Vermögen, dass er es nicht einmal laut sagen mag. Umgerechnet 880 Euro hat er bezahlt, um nach Italien zu kommen. Was ihm stattdessen widerfuhr, erzählt er in Bruchstücken, die oft unzusammenhängend sind: „Zwölf Wochen zu Fuß durch die Wüste. Dann das Schiff. Aber nichts zählt sonst in meinem Leben. Ich habe keine Zukunft in Afrika. Ich will leben wie ihr. Ich habe im Internet Fotos von Europa gesehen, die mir nicht aus dem Kopf gehen. Das muss das Paradies sein.“

Was Yakintee bei seiner Google-Recherche im Internet-Café übersehen haben dürfte: Das Paradies ist eine Festung. Im Mai entsandte die EU eine eigene Hilfseinheit, „Eubam Libya“, nach Libyen, um die heillos überforderte Übergangsregierung beim Grenzschutz zu unterstützen. Mit 30 Millionen Euro ist die Arbeit des Teams dotiert. Erfolg: bis dato gleich null.
Vor allem gegen die Korruption und die katastrophale Behandlung der Migranten ist wenig auszurichten. „Es gibt einfach kein funktionsfähiges System“, sagt Emmanuel Gignac, Leiter des UNHCR-Büros in Libyen: „Keine anständige Lager, keine Infrastruktur. Die Leute, die hier beschäftigt sind, haben keine Ausbildung und keine Ahnung von internationalen Normen.“
Im aktuellen UNHCR-Report zur Situation illegaler Migranten in Libyen und auch in kürzlich erschienenen Berichten mehrerer Menschenrechtsorganisationen wird die Lage massiv kritisiert: Unisono sprechen sie von überfüllten Lagern, mangelnder Lebensmittel- und Trinkwasserversorgung und fehlender medizinischer Betreuung.
„Amnesty International“ prangert in seinem Bericht zudem „massive Misshandlungen bis hin zu Folter“ an. Flüchtlinge und Asylwerber würden in Libyen „für unbestimmte Zeit, oft über Monate und ohne jegliche gesetzliche Grundlage inhaftiert. Sie sind Leidtragende der politischen Instabilität und Gesetzlosigkeit.“

Abdul Razak Geriani, der im Zoo von Tripolis die Verhöre mit den dort inhaftierten Migranten führt, kennt das Problem hinlänglich – schlussendlich ist auch er Teil davon. Wenn auch, wie er beteuert, nur ein kleiner: „Bei uns sind sie ja nur wenige Stunden. Wir machen ein paar Bluttests, schauen, ob sie gesund sind, und dann müssen sie weiter.“

„Ali Mohammed! Wo ist Ali Mohammed?“
In den Gefängnissen, wo sie dann landen, seien die Wärter nur darauf aus, Geld mit den Flüchtlingen machen: „Die armen Teufel, die es noch nicht auf ein Boot geschafft haben, werden besonders brutal erpresst, weil man annimmt, dass sie noch Geld bei sich haben, um die Überfahrt bezahlen können.“ Jene, die nichts mehr hätten, würden von den Wärtern als Tagelöhner vermietet.

Eines dieser Gefängnisse für illegale Migranten liegt am Rand von Abu Salim, dem Armenviertel von Tripolis. Mit dem Lauf seiner Pistole geht hier Yussef Ibrahim die Anwesenheitsliste durch. Ibrahim kommandiert jene Miliz, welche die Haftanstalt kontrolliert. Soeben sind 23 neue Häftlinge aus dem Zoo angekommen, Ibrahim brüllt ihre Namen laut durch den Hof. Einer meldet sich nicht. „Ali Mohammed“, brüllt der Boss noch lauter. Stille. „Ali Mohammed!“

Ibrahim richtet den Lauf der Pistole auf die Flüchtlinge, die sich an einer Mauer zusammendrängen. Sie stammen aus dem Senegal, aus Nigeria, Gambia, Mali. Ihre Mobiltelefone liegen vor ihren Füßen, SIM-Karten und Batterien daneben. Schließlich wagt sich einer vor, um zu erzählen, was aus dem vermissten Ali Mohammed wurde. Yussef Ibrahim verscheucht ihn mit einem kräftigen Fußtritt. Der Mann geht zu Boden, hält die Arme schützend um seinen Kopf.

„Ali Mohammed! Wo ist Ali Mohammed?“, brüllt Ibrahim wieder.
„Wir müssen hier sehr genau sein“, sagt er dann, die Augen hinter einer gefälschten Markensonnenbrille versteckt: „Die EU braucht unsere Hilfe, wir müssen Pack wie dieses aufhalten“, sagt er.

Als das sadistische Spiel mit der Todesangst der Häftlinge endlich vorbei ist, beginnt Abdallah Amandou, einer der Häftlinge, zu erzählen. Der Mann aus dem Mali stottert, kichert verlegen, nimmt seinen vergilbten Hut vom Kopf, hält ihn vor das Gesicht. „Ich will nach Europa. Dort haben alle Geld. Ich bin Automechaniker. Das brauchen die.“ Seit April ist er unterwegs.
Auch er hat die Sahara durchquert, aber noch keinen Platz auf einem Boot gefunden. Aber dafür hat er ohnehin kein Geld mehr. Die 600 Euro, von seinen Eltern sind längst aufgebraucht. „Als wir nach Libyen kamen, bin ich zu einer Baustelle gegangen, um Geld für das Schiff zu verdienen. Dort haben sie mich verhaftet.“

Da Gaddafi sein Regime in der letzten Phase mit teilweise brutal agierenden Söldnern aus afrikanischen Subsahara-Ländern zu festigen versuchte, haben sich in Libyen tiefe Xenophobie und Fremdenhass verankert. Diesem Hassgefühl lassen die Menschen nun gegenüber den wehrlosen Flüchtlingen freien Lauf“, heißt es in einer besorgniserregenden Studie des „Danish Refugee Councils“ zu den Ursachen der ausufernden Gewalt gegen die illegalen Migranten.

Der Gefängnistrakt hier in Abu Salim besteht aus zwei Wellblechhallen, als Betten dienen ein paar abgenutzte Schaumstoffmatratzen. Im Dutzend werden die Häftlinge zusammengepfercht; den Großteil des Tages und der Nacht sind sie eingesperrt. „Am Morgen dürfen sie ohnehin im Hof spazieren gehen“, verspricht Boss Ibrahim. In diesem Hof wehen blitzsaubere Fähnchen in den Farben der libyschen Revolution. In der Mitte steht ein ebenso fein blitzblank geputztes Zelt.

Anders sieht es in den Quartieren der Insassen aus: Eine Ecke der Halle wird als Toilette benutzt, eine andere als Dusche – erkennbar an drei Tuben Zahnpasta, vier Zahnbürsten und einer Flasche mit Flüssigseife. Ein paar Laibe Weißbrot liegen auf dem schmutzigen Betonboden. Eine Heizung gibt es nicht, obwohl die Temperaturen nun nur noch bei etwa zehn Grad liegen.
Abdallah Amandou zittert, als er und die anderen abgeführt werden. Der penetrante Geruch von Urin und Rattenkot in den Matratzen verursacht ein Würgen bei den neuen Häftlingen. „Ich kenne genug Libyer, die wären froh, wenn sie so gut leben könnten. Und dieses Pack beschwert sich auch noch“, sagt der Gefängnisdirektor, als er den Raum mit den 23 Häftlingen für die nächsten 18 Stunden verriegelt: „Sie kommen vom Lager im Zoo zu uns, dann in ein anderes Gefängnis, dann wieder in ein anderes. So lange, bis sie irgendwann entkommen. Und dann wieder im Zoo landen. Oder endlich im Mittelmeer.“

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