Litauen: Ein Land im Kampf gegen Selbstmord

Julija Staskovskaja

Julija Staskovskaja

Seit Jahren hat Litauen die höchste Selbstmordrate in Europa. Ein Besuch bei der wichtigsten Suizidhotline des Landes – Jaunimo Linija.

Immer dann wenn das Telefon klingelt, schnellt ihr Puls in die Höhe, erzählt Julija Staskovskaja. Dann heißt es tief durchatmen, Konzentration, Ruhe bewahren. Denn jeder Anruf stellt sie vor die Ungewissheit: Handelt es sich um einen Telefonstreich oder möchte da wirklich jemand von einer Brücke springen?

Die junge Frau um die Dreißig rückt ihre Sehbrille zurecht. Ihr kinnlanges blondes Haar trägt sie offen, darunter blitzen silberne Ohrringe hervor. Wie die meisten anderen hier bei Jaunimo Linija, Litauens wichtigster Suizidhotline, arbeitet Staskovskaja ehrenamtlich und in ihrer Freizeit. Zwei bis drei Schichten in der Woche, für jeweils drei Stunden. Mehr und länger – das wäre den über 200 Mitarbeitern nicht zumutbar.

Seit über zwei Jahren ist Staskovskaja für Jaunimo Linija (zu Deutsch: Jugendlinie) tätig. Hier, am Rande der Hauptstadt Vilnius befindet sich das Büro der Hotline, in einem der vielen postsowjetischen Plattenbauten.

Ein großer heller Raum gibt links den Blick auf mehrere gläserne Büros frei. Rechts befindet sich ein kleines Besprechungszimmer. Die Einrichtung ist schlicht, pragmatisch. An den Wänden hängen die Fotos der Belegschaft. Viel ist nicht los, an diesem frühen Nachmittag. Die meisten Mitarbeiter kommen später, vor allem am Abend.


Wenn eine Person anruft, dann gibt es nichts anderes um mich herum.

"Wenn eine Person anruft, dann gibt es nichts anderes um mich herum. Meine Stimme wird höher und mein Körper spannt sich an. Ich beschäftige mich in dem Moment ausschließlich mit der Person am anderen Ende der Leitung und denke an nichts anderes mehr. Es gibt nur noch sie und mich", sagt Staskovskaja. Sie spricht ruhig, überlegt genau, was sie sagt.

Eine besondere Ausbildung müssen die Mitarbeiter der Hotline nicht vorweisen. Sachlichkeit, Empathie und Verantwortung – das sind die wichtigsten Voraussetzungen um mit Selbstmord-Gefährdeten arbeiten zu können, erklärt Staskovskaja. "Es ist kein Geheimnis, dass einem das nahe geht."

Höchste Selbstmordrate in Europa

Über 7000 Anrufe, E-Mails und Chat-Gespräche wurden im vergangenen Jahr verzeichnet. Das sind über 7000 Einzelschicksale. Über 7000 Menschen, denen Staskovskaja und die anderen Freiwilligen zu helfen versuchen. Die häufigsten Gründe für die Kontaktaufnahme: Selbstgefährdung und Selbstmordgedanken.

Seit Jahrzehnten ist Litauen das Land mit der höchsten Selbstmordrate in Europa: Im Jahr 2016 lag die standardisierte Suizidrate bei 29 pro 100.000 Einwohnern, teilt das staatliche Gesundheitszentrum mit. Jeder siebte Selbstmord wird von einer Frau verübt.

Das sind beinahe zehnmal so viele Fälle wie in Griechenland, dem Land mit der niedrigsten Rate. In den Jahren von 1993 bis 2004 hatte Litauen sogar die höchste Selbstmordrate weltweit mit durchschnittlich über 40 Fällen pro 100.000. Sri Lanka rangiert mittlerweile ganz oben, Litauen liegt heute weltweit auf Platz 8.

Warum es bis heute nicht gelang, die Selbstmordrate deutlich zu senken, hat verschiedene Gründe. Eine entscheidende Rolle aber spielt der kulturelle Hintergrund Litauens, erklärt Danutė Gailienė, Selbstmordforscherin und Professorin an der Universität von Vilnius.

"Die Menschen hier vertrauen anderen nicht und suchen deshalb nicht nach Hilfe, wenn sie ein Problem haben. Sie denken, sie müssen ihre Probleme selber lösen", sagt Gailienė. "Viele leiden unter unbehandelten Traumata. Sie suchen nicht nach Hilfe oder glauben, dass das niemanden etwas angeht."

Danute Gailiene

Danute Gailiene

Die Rolle der katholischen Kirche

Diese "Unfähigkeit" der Menschen über Probleme zu sprechen sei aber nicht nur ein Erbe der Sowjetunion. Die einflussreiche katholische Kirche gehe mit dem Thema Selbstmord genauso restriktiv um, erklärt die Professorin: "Es ist noch immer Usus in Litauen, dass Selbstmordopfer keine kirchliche Bestattung bekommen oder der Priester sich weigert Messen zu halten für die Opfer."

Gut 77 Prozent der Bevölkerung identifizieren sich als Teil der römisch-katholischen Kirche, ein Alleinstellungsmerkmal Litauens. In den anderen baltischen Staaten, Estland und Lettland, gibt es eine protestantische Mehrheit.

"Es wäre wichtig, dass die Kirche in Litauen eine moderne Haltung Selbstmordopfern gegenüber einnimmt", erklärt Gailienė. Abgesehen von den unterschiedlichen religiösen Hintergründen haben alle drei baltischen Staaten eine ähnliche Sowjetvergangenheit. Warum also weist Litauen die bei weitem höchste Selbstmordrate auf?

"Sehr bald nach dem Erlangen der Unabhängigkeit, wurde in Estland etwa das Gesundheitssystem reformiert – auch der Sektor Psychische Gesundheit. In diesem Bereich hat Litauen noch immer Probleme, ist zu sehr auf die Verabreichung von Medikamenten ausgerichtet und zu wenig aufmerksam in der psychologischen Sorgfalt und Prävention", sagt Gailienė.

"Ich wusste sofort, dass er sich umbringen wollte"

Eine ähnliche Erfahrung hat auch Julija Staskovskaja gemacht. Ihr Vater brachte sich im Jahr 2006 um. Sie selbst wurde depressiv. "Ich ging zur Therapie und nahm Medikamente um mit meiner Depression nach dem Selbstmord meines Vaters umzugehen. Ich las eine Menge Bücher. Ich begann, das Phänomen des Selbstmordes zu verstehen."

Den Beschluss, als freiwillige Helferin für Jaunimo Linija aktiv zu werden, fasste Staskovskaja vor circa drei Jahren. Einer ihrer Freunde wollte sich ebenfalls das Leben nehmen. "Er hat mir eine Nachricht geschickt: Es tut mir leid, Julija, ich habe eine dumme Sache gemacht." Sie wusste sofort, was Sache ist.

"Wir unterhielten uns stundenlang Telefon. Ich rief einen Krankenwagen an. Ich habe sogar versucht, Jaunimo Linija anzurufen, aber ich bin nicht durchgekommen. Die Hotline war zu beschäftigt." Heute stehen der Jaunimo Linija mehr Telefonleitungen, Freiwillige und die Unterstützung der Regierung zur Verfügung. Jeder dritte Anruf kann entgegengenommen werden. Im Jahr 2012 war es nur einer in 20.

Staskovskajas Freund überlebte. "Aber als ich am nächsten Morgen aufgewacht bin, dachte ich mir: Ich bin nicht böse auf ihn. Ich fühle mich jetzt soweit, dass ich anderen helfen kann." Über die emotionalen Auswirkungen ihrer Arbeit ist sich Staskovskaja im Klaren. Distanz zu halten von den Anrufern sei wichtig, um sich selbst zu schützen, sagt sie. Die Anrufer bleiben anonym. Ob sie sich nach dem Gespräch dennoch umgebracht haben, wissen die freiwilligen Helfer nicht.

Emotionale Belastung für die Helfer

"Ich hatte einmal einen Anruf, wo ich viel über die Person erfahren habe. Das Risiko, dass sie sich umbringen würde, war hoch. Ich hab nachher gegoogelt, ob es passiert ist. Ich habe beschlossen das nie wieder zu tun", sagt sie.

Die Freiwilligen sind immer berechtigt, sich aus einem Anruf zurückzuziehen, wenn es ihnen zu viel wird. Etwas, das Staskovskaja nie machen würde. "Aber es gab eine Zeit, als ich fünf Wochen lang jeden Montag einen Selbstmord-Anruf bekommen habe. Danach bekam ich Panikattacken."

Wie ihre Kollegen wurde auch Staskovskaja dazu ermutigt, mit anderen Freiwilligen oder Fachleuten über ihre Arbeit zu sprechen. "Einmal fuhr mit dem Auto und hatte das Gefühl, nichts mehr kontrollieren zu können. Ich habe angehalten und sie angerufen", erinnert sich Staskovskaja. "Jetzt ist es wie eine Tradition geworden bei uns, anzurufen und zu sagen: Ich bin ok. Oder: Ich bin nicht ok, können wir reden?"

"Passive Haltung gegenüber Selbstmord"

Eigentlich sollte die hohe Selbstmordrate ein massives Problem für die Menschen im Land darstellen, vor allem für die politischen Verantwortlichen. Dass dem nicht so ist, zeigt eine Studie aus dem Jahr 2010, in der die Einstellungen zu Selbstmord unter lokalen Politikern fünf verschiedener Länder untersucht wurden – darunter auch Österreich.

Demnach akzeptieren Politiker in Litauen, Ungarn und Österreich Selbstmord eher als eine persönliche Entscheidung. Doch der insbesondere in Litauen herrschende Mangel an einem nationalen Präventionsprogramm sei eine "passive, hoffnungslose und unterstützende Haltung gegenüber Selbstmord", heißt es in der Studie.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Litauen außerdem aktuell das Land mit dem höchsten Alkoholkonsum in Europa. "Alkoholkonsum hat einen großen Einfluss auf Selbstmord und ist ein wichtiger Faktor, den wir beachten müssen bei der Selbstmordprävention", sagt Audronė Astrauskienė, stellvertretender Direktor des Gesundheitsministeriums.


Selbstmord ist nicht nur ein persönliches Problem, sondern ein Problem der Gesellschaft.

"Selbstmord ist nicht nur ein persönliches Problem, sondern ein Problem der Gesellschaft. Wir müssen unser soziales und wirtschaftliches Leben reflektieren. Es ist notwendig, die Stigmatisierung zu reduzieren. Wir müssen in der Lage sein, einander zu helfen." In ländlichen Gebieten werde besonders viel Alkohol konsumiert, die Selbstmordrate ist dort am höchsten. Die Hauptstadt Vilnius weist die niedrigste des Landes auf.

Höhere Selbstmordrate am Land

Mit dem Aktionsplan "Mental Health 20130" hat die litauische Regierung vor kurzem begonnen, Initiativen zur Selbstmordprävention umzusetzen. In einem Versuch, die Jugend zu engagieren, hat das Ministerium für Gesundheit eine neue App gestartet. Sie informiert darüber, wo junge Menschen psychologische Hilfe finden können.

Eine weitere Maßnahme: Das Parlament hat ein Gesetz verabschiedet, das die Bewerbung von Alkohol einschränkt und den Ausschank in Theatern und auf Konzerten limitiert. Das Mindestalter um Alkohol erwerben zu können wird demnächst auf 20 angehoben. Eine Strategie, die in der Bevölkerung auf Unmut stößt – und etwa die Gründung der Bewegung "Wir sind nicht krank" zur Folge hatte.

"Eigentlich haben ja die Dörfer das größte Problem. Kein Verbot wird die Menschen dort davon abhalten, an Alkohol zu gelangen. Sie werden neue Wege zu finden um sich zu berauschen", sagt Justina Gedgaudaitė, eine Teilnehmerin von "Wir sind nicht krank". Ein beschränkter Alkoholausschank auf Konzerten aber betreffe vor allem eine junge und urbane Bevölkerungsgruppe.

Julija Staskovskaja

"Wenn ich heute Abend in meinem Auto sitze, wenn ich nach Hause fahre, dann denke ich darüber nach, was für ein glückliches Leben ich habe."

"Wir hören Geschichten, die niemand sonst hört."

Zwar hat die litauische Regierung Selbstmord auf ihre Tagesordnung und sich selbst ehrgeizige Ziele gesetzt: Bis zum Jahr 2020 soll die Selbstmordrate auf 20 pro 100.000 Einwohner gesenkt werden. Bis 2025 soll die Rate bei 12 und damit auf dem Niveau von Schweden und Frankreich liegen. "Doch die Regierung hat keine Strategie, wie wir diese Ziele erreichen können", kritisiert Marius Stricka.

Stricka ist Leiter des Suicide Prevention Bureaus, ein Institut, das im Jahr 2015 unter dem staatlichen Gesundheitszentrum errichtet wurde und Selbstmordpräventionsinitiativen koordiniert. In den letzten 18 Monaten gab es in Litauen drei verschiedene Gesundheitsminister. Eine frustrierende Situation, wie Stricka die Zusammenarbeit mit dem Ministerium beschreibt. Der derzeitige Gesundheitsminister Aurelijus Veryga arbeitete vor seinem Amtsantritt als Professor im Bereich Gesundheitspsychologie. Für Stricka ein politischer Hoffnungsträger.

Doch die Maßnahmen der Regierung, die Verhandlungen und Gespräche, sie scheinen weit weg zu sein von dem, was Julija Staskovskaja in ihrer Arbeit bei Jaunimo Linija erlebt. "Wir hören Geschichten, die niemand sonst hört."

Ihr Wissen und ihre Erfahrungen gibt sie heute bereitwillig an ihre Mitmenschen weiter. Über das Erlebte zu sprechen, davon würden nicht nur die anderen profitieren, sondern auch sie selbst.

In ihrem familiären Umfeld war es nie üblich über Probleme zu reden, einander zuzuhören. Das ist heute anders, sagt sie. "Wenn ich heute Abend in meinem Auto sitze, wenn ich nach Hause fahre, dann denke ich darüber nach, was für ein glückliches Leben ich habe. Wie glücklich ich bin."