Mappa, Pamma, Kind - Die Gender-Debatte im internationalen Vergleich

Mappa, Pamma, Kind - Die Gender-Debatte im internationalen Vergleich

Ist Angela Merkel im Italienischen weniger sichtbar als im Deutschen? Kann ein Minister schwanger werden und eine Vagina männlich sein? Ein internationaler Streifzug durchs Gendergewirr.

Von Christina Feist, Anna Giulia Fink und Robert Treichler

Türkisch müsste man sprechen. Oder Persisch. Oder, noch besser: Yoruba. Diese Sprachen kennen kein grammatikalisches Geschlecht, kein Pronomen, um "er“ und "sie“ zu unterscheiden, und sie geben somit keinen Anlass zu einem Streit über eine genderneutrale Ausdrucksweise. Im Wortschatz des Yoruba gibt es nicht einmal Bezeichnungen für "Bruder“ und "Schwester“ oder "Sohn“ und "Tochter“. Über die sprachliche Sichtbarkeit der Frauen in der Türkei, im Iran und in jenem Teil Nigerias, wo Yoruba gesprochen wird, braucht man sich also keine Sorgen zu machen. So weit, so gut.

Schlimmer ist die Situation hingegen in so gut wie allen europäischen Ländern. Fast alle Sprachen in unserem Kulturkreis weisen Elemente auf, die das Genus nicht nur bezeichnen, sondern auch hierarchisch ordnen - maskulin vor feminin. Die Reaktionen darauf sind allerdings höchst unterschiedlich: Sie reichen von Versuchen, per Gesetz in die Sprache einzugreifen, über skurrile Wortschöpfungen bis hin zu genderindifferentem Schweigen. profil unternimmt einen linguistischen Streifzug quer durch Europa und entdeckt dabei einen schwangeren Minister, ein brandneues Pronomen, weibliche Stars und männliche Vaginas.

Italien

Wo ein Minister schwanger wird

Wer schon mal italienisches Fernsehen geschaut hat, weiß über die Fusionskräfte von Hirnlosigkeit und Sexismus Bescheid. So ist es folgerichtig, dass in Italien die Diskussion über gendergerechte Sprache in vatikanischem Tempo und weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt wird. Zwar legte die Linguistin und Frauenrechtlerin Alma Sabatini bereits vor knapp drei Jahrzehnten ihren inzwischen zum Standardwerk gewordenen Aufsatz "Empfehlungen für den nicht-sexistischen Gebrauch der italienischen Sprache“ vor. Doch bis heute haben sich nicht einmal weibliche Berufsbezeichnungen durchgesetzt, die in jedem Wörterbuch stehen. Eine Architektin ist weiterhin ein "architetto“, eine Direktorin ein "direttore“, und eine Bürgermeisterin ein "sindaco“. Weder im Alltag noch in den Medien haben sich "architetta“, "direttrice“ und "sindaca“ durchgesetzt. Auch Kanzlerin Angela Merkel wird "cancelliere“ genannt.

Stattdessen war vergangenen Februar in italienischen Zeitungen die Schlagzeile "Marianna Madia, der Minister ist schwanger“ zu lesen. "Der“ Minister ist logischerweise eine Frau im Amt der Ministerin für Öffentliche Verwaltung. Allerdings bestehen manchmal Frauen in hohen Ämtern selbst darauf, mit dem männlichen Titel angesprochen zu werden. Die aktuelle Ministerin für Verfassungsreformen, Maria Elene Boschi, sagte in einem Interview, sie ziehe es vor, "Minister“ genannt zu werden.

Angesichts solcher Beharrungskräfte kämpft die "Accademia della Crusca“, die älteste und renommierteste Sprachgesellschaft Italiens mit Sitz in Florenz, auf verlorenem Posten, selbst wenn sie nur für moderate Anpassungen im Sprachgebrauch wirbt.

In dem Land, das fast 20 Jahre lang von einem Macho wie Silvio Berlusconi geprägt wurde, findet ein Begriff wie "Bunga Bunga“ eher Eingang in die Alltagssprache als "chirurga“.

Frankreich

Weibliche Stars und männliche Vaginas

Die "Mademoiselle“ (Fräulein) wurde in öffentlichen Dokumenten abgeschafft, seit 1984 werkt eine staatliche Kommission an der Erstellung einer Liste weiblicher Berufsbezeichnungen, doch das waren bloß Scharmützel im Vergleich zur Attacke, die feministische Gruppen auf eine Grundregel der französischen Grammatik planen: Der Vorzug des Maskulinen soll fallen! Seit rund 300 Jahren besagt eine Regel, dass ein Adjektiv maskulin sein muss, wenn es mehrere Substantive bezeichnet, sobald eines davon maskulin ist. Damit muss im Interesse der Geschlechtergerechtigkeit Schluss sein, verlangen etwa die Aktivistinnen von "Gleichheit ist keine Hexerei“. Allerdings haben sie potente Gegnerinnen: die 40 Mitglieder der Académie française, der höchsten Autorität in Fragen des korrekten Sprachgebrauchs. Gegründet 1635, verhindert die honorige Institution konsequent Neuerungen, die der Morphologie des Französischen zuwiderlaufen.

Gerade darum kümmern sich Gender-Bewegte allerdings gar nicht. In ihren verzweifelten Bemühungen, maskuline und feminine Wort-Endungen abzuschaffen, verfielen sie auch schon auf die Idee, das Symbol "@“ als neutrale Endung einzuführen.

Die Académie française stemmt sich nicht prinzipiell gegen die Feminisierung, wohl aber gegen ideologisch motivierte Sprachrevolutionen. Sie hat dafür keine rechtliche Durchsetzungsgewalt, nur ihr Prestige. Allerdings haben trotz einer einigermaßen feministisch geprägten Regierung kühne Regeländerungen in Frankreich bisher ohnehin keine Chance auf Durchsetzung in der Bevölkerung. Das Französische ist wie alle romanischen Sprachen stark von der Unterscheidung maskulin versus feminin geprägt und wird es wohl bleiben. Doch das grammatikalische Geschlecht ist nicht gleich dem biologischen: Die Vagina ist männlich, die Geschlechtsteile des Mannes sind in der Umgangssprache weiblich. Das Wort "la vedette“ (Star) existiert wiederum nur in der femininen Form und bezeichnet auch männliche Filmstars - freilich ohne sie sprachlich sichtbar zu machen. Gérard Dépardieu muss damit klarkommen.

Die Académie française besteht darauf, dass Designerinnen der Haute Couture ausschließlich "Couturier“ (männlich) genannt werden. "Couturière“ sei nämlich im allgemeinen Sprachgebrauch eine gewöhnliche Schneiderin. Das entspreche der Alltagssprache. Und doch hindert diese sprachliche Hierarchie Frauen nicht daran, die Funktion des Couturier zu erobern, und zwar in immer größerer Zahl: Die großen Modehäuser Céline, Chloé, Tod’s, Alexander McQueen, Gucci und Hermès werden von weiblichen Couturiers geleitet.

Schweden

"hen“ ist für alle da!

Das schwedische Wort "hon“ heißt "er“, "han“ heißt "sie“. Aus dieser Dichotomie gab es lang kein Entkommen - wobei danach auch kein Bedürfnis herrschte. Dann jedoch wurde den Schwedinnen das sprachliche Korsett zu eng. Wann immer das Geschlecht unbestimmt war, mussten sie "hon“ (er) verwenden. Das widersprach dem erwachenden Drang nach der Gleichheit der Geschlechter. Also erfanden sie ein neues Personalpronomen: "hen“ - angelehnt an das finnische "hän“, das ebenso geschlechtsneutral ist.

Anders als in Frankreich scheint die Bereitschaft der Bevölkerung, sprachliche Traditionen über Bord zu werfen, in Schweden groß zu sein. "hen“ findet Eingang in die gesprochene Sprache und wird im kommenden Jahr in die aktualisierte Ausgabe des offiziellen Wörterbuchs der Schwedischen Akademie aufgenommen. Diese ist zwar (Gründungsjahr 1786) kaum jünger als die Französische, aber deutlich innovationsfreudiger.

Schwedischen Kindern steht seit 2012 das geschlechtsneutrale Kinderbuch "Kivi“ zur Verfügung. Die Eltern des Kindes "Kivi“ heißen darin "Mappa“ und Pamma“. Das kann die kleinen Leserinnen davor bewahren, mit dem sprachlichen Konstrukt konfrontiert zu werden, ihre Mutter sei weiblichen und ihr Vater männlichen Geschlechts.

Wie sehr behindert die Sprache die Geschlechtergleichheit?
Feministische Ökonominnen wollen nachweisen, dass die Sprache die gesellschaftliche Position der Frau direkt beeinflusst. In Ländern, deren Sprachen stark geschlechterdominiert seien, fänden sich nur bei 47 Prozent der Unternehmen Frauen in den Führungsgremien, während dieser Prozentsatz in Ländern, deren Sprachen das Geschlecht weniger betonen, 62 Prozent betrage, sagt Estefania Santacreu Vasut, Wirtschaftsprofessorin an der Pariser Business-Schule Essec.

Dagegen spricht, dass gerade Frankreich eine hohe Frauenerwerbsquote aufweist und dass dank eines Gesetzes in den Verwaltungsräten aller börsennotierten Unternehmen Frauen vertreten sind - und das trotz der unverändert gültigen Grammatikregel, wonach die Gesamtheit der Mitglieder eines gemischt-geschlechtlichen Verwaltungsrates maskulinen Genus ist.

Der Fortschritt der Gleichberechtigung verläuft international weit homogener als die Durchsetzung einer gendergerechten Sprache. Frauen erobern allmählich so gut wie alle Positionen, EU-Außenbeauftragte, Kanzleramt, Direktion des Internationalen Währungsfonds.

Sind Ashton, Merkel und Lagarde also in verschiedenen Sprachen unterschiedlich sichtbar? Grammatikalisch gesehen ja.