Martin Staudinger: Unheiligsprechung

Martin Staudinger: Unheiligsprechung

Myanmars Freiheitsikone Aung San Suu Kyi verrät die Prinzipien des Friedensnobelpreises. Warum schweigt das Vergabekomitee in Oslo dazu?

Wenn es ein weltliches Äquivalent zur Heiligsprechung gibt, dann ist es die Verleihung des Friedensnobelpreises: Wer ihn bekommt, wird – unausgesprochen – zur moralischen Instanz erhoben, die über jeden Verdacht erhaben ist, jetzt und immerdar.

Es sind folgerichtig auch stets gebührend große Worte, mit denen die Dekorierten bei der Verleihung in Oslo ihrem neuen Status gerecht zu werden trachten. „Möge die Welt jene nicht vergessen, die von Hunger, Krankheit, Vertreibung, Arbeitslosigkeit, Armut, Ungerechtigkeit, Diskriminierung, Vorurteile und Fanatismus betroffen sind.“ Dieser Satz stammt aus der Dankesrede der Politikerin und Menschenrechtsaktivistin Aung San Suu Kyi im Jahr 2012. Der Friedensnobelpreis war ihr bereits 1991 zugesprochen worden, nach Norwegen konnte sie aber erst mit mehr als zwei Jahrzehnten Verspätung reisen. Zuvor war sie von der Militärjunta ihres Heimatlandes Myanmar, dem früheren Burma, unter Hausarrest gestellt gewesen.

Die Mischung aus Unbeugsamkeit und Gewaltlosigkeit, mit der Suu Kyi der Diktatur trotzte, trug ihr nicht nur Vergleiche mit Friedensikonen wie Nelson Mandela oder Mahatma Gandhi ein, sondern brachte ihr zu guter Letzt auch den politischen Durchbruch. 2015 mussten die Generäle freie Wahlen zulassen, bei denen die Nobelpreisträgerin mit überwältigender Mehrheit gewann. Präsidentin durfte sie zwar nicht werden, als sogenannte „Staatsberaterin“ ist sie aber Regierungschefin des Landes.

Wer allerdings glaubt, dass damit auch eine Erfolgsgeschichte im Sinne des Friedensnobelpreises geschrieben wird, irrt. Denn dieser Tage ist Suu Kyi mitverantwortlich dafür, dass sämtliche in ihrer Oslo-Rede aufgezählten Heimsuchungen die Volksgruppe der Rohingya treffen: Seit jeher leiden die Angehörigen der muslimischen Minderheit in Myanmar unter Hunger, Krankheit, Vertreibung, Arbeitslosigkeit, Armut, Ungerechtigkeit, Diskriminierung, Vorurteilen und Fanatismus. „Ihnen werden sämtliche Rechte aberkannt, sie werden systematisch diskriminiert, von staatlichen Dienstleistungen und Bildungseinrichtungen ausgeschlossen“, sagt Marco Bünte, Professor an der Monash University Malaysia. Über die Jahre flüchteten deswegen rund 400.000 Rohingya ins benachbarte Bangladesch. Nachdem die Armee Ende August Dutzende Dörfer niedergebrannt hatte, verließen weitere 270.000 ihre Heimat.

Und Suu Kyi? Findet nicht bloß keine Worte zur Verteidigung der Volksgruppe, sondern wirft ihnen vielmehr ihrerseits vor, „Bemühungen um Frieden und Harmonie zu unterminieren“; denunziert Berichte über ihre Verfolgung als „Fehlinformationen“; bezichtigt Hilfsorganisationen, den „Interessen von Terroristen zu dienen“, und verweigert sowohl ihnen als auch UN-Ermittlern die Einreise.


Die Regierungschefin trägt Mitschuld an der Vertreibung von 270.000 Menschen.

Zugegeben: Die Situation ist kompliziert. In den vergangenen Monaten haben militante Rohingya mit Verbindungen nach Saudi-Arabien und Pakistan immer wieder Polizeistationen angegriffen. Die Lage eskalierte, als dabei vor zwei Wochen ein Dutzend Beamte (und Dutzende Angreifer) getötet wurden. Ostasien-Fachmann Bünte weist auch darauf hin, dass der politische Spielraum von Aung San Suu Kyi stark eingeschränkt ist – auf der einen Seite durch radikal nationalistische Buddhisten, auf der anderen durch die Armee, die immer noch mehrere Schlüsselministerien kontrolliert und ein Viertel der Parlamentssitze beansprucht: „Um ihren Reformkurs im Inneren nicht zu gefährden und die Generäle nicht zu brüskieren, ist sie auf das Vertrauen des Militärs angewiesen.“

Pressionen dieser Art können das Handeln von Politiker zwar erklären, aber nicht jede Art von Fehlverhalten entschuldigen.

Der Friedensnobelpreis wurde in seiner Geschichte immer wieder an Personen oder Institutionen vergeben, die umstritten waren oder jene Verpflichtungen, die den Geehrten stillschweigend auferlegt werden, nur zum Teil eingehalten haben. Dazu gehört etwa PLO-Chef Yassir Arafat (1994), der im Nahost-Konflikt für seine Bemühungen um den Friedensprozess ausgezeichnet wurde, gleichzeitig aber Terror billigend in Kauf nahm. Zu nennen wären auch die UN-Blauhelme (1988), die unzweifelhafte Meriten, aber auch eine unbewältigte Geschichte von Straflosigkeit für sexuelle Übergriffe haben.

Die Möglichkeit einer Aberkennung – die eine Online-Petition im Fall von Aung San Suu Kyi vergangene Woche forderte – kennt der Preis jedoch nicht. Das
Nobel-Komitee zieht sich auf den Standpunkt zurück, nur jene Leistungen zu bewerten, die vor der Zuerkennung erbracht wurden. Alle später erfolgenden Handlungen hätten daher keinen Einfluss.

Damit stehlen sich die Preisrichter in Oslo jedoch zu leicht aus der Affäre. Sie haben immer wieder erkennen lassen, dass sie mit ihren Entscheidungen auch Politik im Sinne des Friedens machen wollen. Das funktioniert aber nur, solange der große Namen Nobel, auf den sie sich berufen, intakt ist. Schon alleine deshalb sollte das Komitee zumindest öffentlich Protest einlegen, wenn die Kriterien, die sich mit diesem Namen verbinden, besonders gravierend verletzt werden – wie jetzt durch Aung San Suu Kyi.

Andernfalls bleibt noch, den Preis immer erst posthum zu verleihen: Nur wer bereits unter der Erde liegt, kann sich seiner mit Sicherheit nicht mehr als unwürdig erweisen. Das hat die Kirche früh erkannt und bei ihren Heiligsprechungen listig berücksichtigt. Davon, dass damit dem Frieden in der Welt geholfen wäre, können aber nur Leichtgläubige ausgehen.

martin.staudinger@profil.at
Twitter: @martstaudinger