Mia Khalifa und die Doppelmoral der islamischen Welt

Mia Khalifa

Mia Khalifa

Mia Khalifa ist der erste arabische Superstar der Pornoindustrie - nicht zuletzt, weil sie in vielen ihrer Filme Hidschab trägt. Ihre Popularität legt viel von der Doppelmoral und den sexuellen Nöten in der islamischen Welt bloß.

Wenn arabische Schimpfwörter nicht mehr ausreichen, um zu beleidigen, muss neuerdings ihr Name herhalten: "Mia Khalifa ist ehrenhafter als unsere Führer!“, hieß es kürzlich bei Demonstrationen in Beirut. Und bei Protesten in Bagdad war auf Transparenten ein ganz ähnlicher Slogan zu lesen: "Mia Khalifa ist ehrenhafter als das irakische Parlament!“

Mia wer? Diese Frage braucht man den jungen Männern in den Straßencafés der arabischen Welt nicht zu stellen. In Tunis kennt jeder den Namen Khalifa. Im Libanon reicht - etwa auf einem Werbesujet der Biermarke Almaza - ihre markante Brille und der Slogan "18+. Wir sind beide nur für Erwachsene“: Schon ist klar, um wen es geht.

Und in Kairo machte vergangenes Jahr im Internet ein Foto die Runde, das Medien und Politik empörte. Auf einer Eiscreme-Werbung, die sich später als Fälschung herausstellte, war das Gesicht einer Frau zu sehen, mit langen dunklen Haaren und einer Brille mit dicker, schwarzer Fassung. Ein Name war nicht erwähnt, dennoch wurde die Frau von vielen Ägyptern offensichtlich sofort erkannt: Mia Khalifa.

Blockbuster

Mia Khalifa, 23, ist eine Libanesin mit amerikanischem Pass - und dreht Pornos. Auf den meisten Sex-Sites im Internet sind ihre Filme Blockbuster. Im Jahr 2015 war sie auf PornHub, einem der größten Portale für Sexfilme weltweit, gar die zweitbeliebteste Darstellerin. Das arabische Wort Khalifa bedeutet Kalif, und so könnte man boshaft sagen, dass die arabische Welt derzeit zwei selbst ernannte Kalifen hat: Al-Baghdadi, den Anführer der Terrormiliz "Islamischer Staat“. Und Mia, den Pornostar.

Über ihren richtigen Namen gibt es nur Vermutungen. Dass sie eigentlich Christin ist, spielt weder für sie selbst noch für ihre Fangemeinde eine Rolle. Was man gesichert über Khalifa weiß, sind vor allem Zahlen: 158 Zentimeter groß, 55 Kilogramm schwer, Maße: 86-66-101, Körbchengröße DD. Außerdem: "markanter Apfelhintern“, wie es auf einschlägigen Websites heißt. Auf ihren linken Oberarm hat sich Khalifa eine Zeile aus der libanesischen Nationalhymne ritzen lassen: "Wir alle! Für die Nation, Ruhm und Flagge!“

Geboren im Libanon, noch als Kind mit ihren Eltern in die USA ausgewandert. Heirat mit 18, Studienabschluss im Fach Geschichte, ein Job bei der Fastfood-Kette Whataburger.

Dort soll sie ein Kunde mit Verbindungen in die Pornobranche angesprochen und ihr einen Job angeboten haben. Im Oktober 2014 drehte Khalifa ihr erstes Video. So weit die Legende.

Tabu Kopftuch

Es dauerte nicht lange, und Mia Khalifa wurde bei arabischen jungen Männern, "Schabaab“ genannt, zum Star. Vor allem deshalb, weil sie gezielt mit einem Tabu spielte: dem Kopftuch.

In ihrem beliebtesten Video, das allein auf PornHub über 31 Millionen Mal aufgerufen wurde, wird sie von einem Mann auf dem Motorrad nach Hause gefahren. Mia nimmt den Helm ab und bindet sich ein rosafarbenes Kopftuch um. Die beiden knutschen und werden von ihrer "Stiefmutter“ beobachtet, einer kubanischen Pornodarstellerin, die im Film auch Kopftuch trägt. Sekunden später haben alle drei miteinander Sex.

"Hidschab-Pornos“

Ausgerechnet jenes Stück Stoff also, der "Hidschab“, der für Keuschheit steht, wird damit zum Fetisch. Internationale Pornoproduzenten reagieren bereits auf die Nachfrage nach "Hidschab-Pornos“ und "Muslim Sex“ - mit Akteurinnen, die verschleiert sind. Konkurrenz aus den islamischen Ländern brauchen sie nicht zu fürchten, denn das Drehen eines Pornos ist dort ein Schwerverbrechen. Die wenigen Amateurfilmchen aus Ägypten, Marokko, dem Irak oder Pakistan zeigen überwiegend erigierte Penisse oder sind von so schlechter Qualität, dass man sich das Bild zum Gestöhne mehr oder weniger selbst vorstellen muss. Regelrecht grotesk muten jene selbst gedrehten Handyvideos an, die saudi-arabische Frauen beim Sex zeigen sollen. Das bisschen nackte Haut, das zu sehen ist, beschränkt sich meist auf die Geschlechtsteile - alles andere bleibt schwarz verhüllt.

"Das Verbotene ist das meist Verlangte“, heißt es in einem arabischen Sprichwort. Nacktheit ist in islamischen Ländern, vor allem aber in der arabischen Welt, ein Tabu und beschränkt sich auf das Ehebett. Frauen tragen oft mehrere Schichten, damit kein bisschen Haut zu sehen ist, wenn sie sich bücken oder strecken. Außer Händchen halten läuft meistens nichts bis zur Hochzeitsnacht.

Die allgemeine Verklemmtheit bleibt nicht folgenlos. In Ägypten hat die sexuelle Belästigung in den vergangenen Jahren derartige Ausmaße angenommen, dass sich der mit eiserner Hand regierende Präsident Abd al-Fattah as-Sisi gezwungen sah, das Thema zur Chefsache zu erklären. Inzwischen gibt es ein Gesetz, das grapschende Männer bis zu fünf Jahre hinter Gitter bringt. Gegenüber profil bringt ein Ägypter, der trotz abgeschlossenem Studium und gutem Job mit Mitte 30 immer noch bei seinen Eltern wohnt, weil er bislang keine Frau gefunden hat, die Frustration der Männer auf den Punkt: "Das, was unten nicht raus darf, geht direkt nach oben ins Gehirn. Deshalb sind hier alle sexuell gestört.“

Flucht ins Internet

So bleibt oft nur die Flucht ins Internet, was zumindest die Popularität von Mia Khalifa erklärt. Da hilft es auch nicht viel, Sex-Sites im Web zu blockieren, wie es einige islamische Länder versuchen. Vor Kurzem ordnete der Oberste Gerichtshof in Pakistan an, 429.343 Websites zu sperren, von denen Gefahr ausgeht, "die Jugend Pakistans zu verderben“. Und in der Türkei kommen die Behörden kaum nach, Pornosites auf den Index zu setzen, weil täglich neue Plattformen im Netz auftauchen. Die Sperren lassen sich ohnehin leicht umgehen, was aber auch die Zahlen über den tatsächlichen Pornokonsum verzerrt, weshalb islamische Länder in Statistiken dazu oft nicht erwähnt werden.

Mia Khalifa hat es in der arabischen Welt inzwischen zu einem Bekanntheitsgrad gebracht, den dort sonst nur Popstars und Diktatoren erreichen. Vor allem aber entlarvt sie mit ihrer Popularität die Heuchelei vieler Araber.

"Fuck every one“

Den meisten Hass, schrieb Khalifa kürzlich auf Twitter an ihre derzeit rund 960.000 Follower, ziehe sie ausgerechnet von libanesischen Männern auf sich, die ihre Filme gesehen hätten. Auf ihrer knalligen Website, die ein bisschen im Stil einer linken Revoluzzer-Seite daherkommt, begrüßt sie ihre Besucher mit einem zweideutigen "Fuck every one“. Daneben ist ein großes Foto zu sehen: Es zeigt eine junge Frau mit schwarzem Kopftuch, die sich mit einer Hand lasziv zwischen die nackten Beine greift. "Für nichts werde ich mich hier entschuldigen“, richtet sie Besuchern aus.

Ihre "Mission“ beschreibt sie in einer kruden Mischung aus feministischem Anspruch und purer Provokation, deren Ernsthaftigkeit schwer einzuschätzen ist, folgendermaßen: "Ich möchte, dass andere Frauen, die sich sexuell unterdrückt fühlen, wissen: Es ist okay, auszubrechen und die Schlampe zu sein, die sie immer sein wollten.“

Ihre Kritiker sehen in ihrem Lebensstil einen Direktflug in die Hölle. Zu ihren Eltern hat sie angeblich keinen Kontakt mehr.

Das wollten zumindest arabische Medien wissen, in denen Khalifa an den Pranger gestellt wird. Sie zitieren aus einem Brief der angeblich von der Familie des Pornostars stammt: "Wir müssen wahrscheinlich den Preis dafür zahlen, dass wir von unserer Heimat entfernt leben, dass unsere Kinder sich an eine Gesellschaft anpassen müssen, die nicht unserer Kultur, unseren Traditionen und Werten ähnelt“, heißt es darin.

Doch das ist nur ein vergleichsweise zivilisiertes Beispiel für die Ablehnung, die Khalifa entgegenschlägt. Immer wieder erhält sie auch Morddrohungen.

Vergangenes Jahr forderte ein Fanatiker im Internet etwa, Khalifa müsse aus Strafe für ihr sündhaftes Verhalten enthauptet werden. "Solange es nicht meine Brüste sind - die waren teuer“, twitterte die Pornodarstellerin scheinbar ungerührt zurück.

"Im Höllenfeuer schmoren“

Ein anderer Twitter-User prophezeite ihr wiederum, sie werde für ihre Filme "im Höllenfeuer schmoren“. Sie habe ohnehin bereits geplant "etwas Bräune zu tanken“, antwortet Khalifa ihm.

Obwohl: So locker, wie sie vorgibt, kann Khalifa die Hasstiraden in Kenntnis der Gewaltbereitschaft radikaler Islamisten nicht nehmen. Inzwischen gibt sie sich auf ihrem Twitter-Account auch deutlich züchtiger als noch vor einigen Monaten: Dort posiert sie nun bevorzugt im Dress ihres Lieblingssportteams. Was das für ihre Fans bedeutet, lässt sich erst ermessen, wenn man weiß, um welches es sich handelt - um eine Eishockey-Mannschaft nämlich.