Nahost: Katerstimmung in Israel nach Gaza-Krieg

Nahost: Katerstimmung in Israel nach Gaza-Krieg

Nach dem Gaza-Krieg herrscht in Israel Katerstimmung. Viele wollen lieber wieder verhandeln, als auf die nächsten Kämpfe warten.

Von Tessa Szyszkowitz

66 Jahre: Gleich alt sind sie, der Staat Israel und sein Bürger Yaakov Amidror. Einmal mehr befinden sich beide im Krieg, seit Israel und die islamistische Hamas-Bewegung einander bekämpfen. Amidror war bei der Besetzung des palästinensischen Gebiets 1967 mit dabei - als Fallschirmspringer und damit in einer legendären Elite-Einheit der israelischen Armee. Er strotzt heute noch vor jugendlichem Kampfesmut, trotz des weißen Bartes.

Amidror wird dem ultrarechten Lager von Wirtschaftsminister Naftali Bennett zugerechnet. Bis Ende des vergangenen Jahres beriet Amidror Israels Regierungschef in Sicherheitsfragen, er leitete dessen Nationalen Sicherheitsrat. "Wenn wir der Hamas die Möglichkeit nehmen wollen, Raketen auf uns zu schießen“, sagt er, "dann müssen wir Gaza wieder besetzen.“

"Mit Terroristen verhandelt man nicht"
Er ist nicht allein mit seiner Meinung, auch der rechtsradikale Außenminister Avigdor Lieberman hält den Abzug Israels aus dem Gazastreifen im Jahr 2005 für einen Fehler. Doch zu Amidrors Ärgernis hat Premierminister Benjamin Netanjahu weder auf ihn noch auf Lieberman gehört. Israel verhandelt derzeit über Vermittlung der ägyptischen Regierung indirekt mit der Hamas-Führung in Kairo über einen dauerhaften Waffenstillstand - was Amidror ganz und gar nicht passt. "Mit Terroristen verhandelt man nicht“, sagt er mit finsterer Miene.

Es ist nach jedem israelisch-palästinensischen Krieg so. Kaum schweigen die Waffen, bricht in Israel dieselbe Diskussion aus: Was hat man mit diesem Krieg erreicht? Soll man die Hamas nicht doch lieber in Gespräche einbinden, als sich mit ihrer Führung im Gazastreifen bis in alle Ewigkeit zu bekriegen?

In Tel Avivs Straßen hängen Plakate, auf denen steht: "Wir bedanken uns bei unseren Soldaten.“ 64 israelische Soldaten und drei Zivilisten sind seit der Offensive im Gazastreifen am 8. Juli getötet worden, hinzu kommen 450 verwundete Soldaten und weitere 80 Zivilisten. Auf palästinensischer Seite starben knapp 2000 Menschen, die meisten davon Zivilisten, Tausende wurden verwundet, Zigtausende obdachlos.

Und jetzt?

Rückenwind für die Hamas
Israel hat zwar die Mehrzahl der Tunnel - präzise: 31 - und die meisten Raketen der Hamas zerstört, am Status quo hat das allerdings nichts geändert: Die Hamas-Führung erkennt Israels Existenzrecht auch nach dem Krieg nicht an. Und am Ende ist sie gestärkt aus diesem Krieg hervorgegangen. Viele Palästinenser unterstützten die Hamas lange nicht, weil sie islamistische Fanatiker sind, sagt die Galionsfigur der israelischen Friedensbewegung, Uri Avnery, im profil-Interview: "Die Palästinenser unterstützen heute die Hamas, weil sie Widerstand gegen Israel leistet und die Aufmerksamkeit der Welt darauf gelenkt hat, dass der Gazastreifen seit 2007 unter Blockade steht.“

Auch in Israel hat der jüngste Krieg dem rechten Premierminister Benjamin Netanjahu einen nationalen Schulterschluss beschert - und blendende Popularitätswerte: Auf 77 Prozent belaufen sich diese derzeit laut der Tageszeitung "Haaretz“.

"Eine Botschaft der Schwäche können wir jetzt auf keinen Fall senden“, sagte auch Justizministerin Tzipi Livni vergangene Woche bei einem Briefing mit der internationalen Presse in Jerusalem. Livni, Chefin der kleinen Hatnuah-Partei, gilt als "Taube unter den Falken“, sie ist die Chefverhandlerin Israels in den derzeit auf Eis liegenden Friedensverhandlungen mit der palästinensischen Autonomiebehörde unter Mahmoud Abbas.

"Keine Opposition in Zeiten der Kämpfe"
Selbst von der oppositionellen Arbeitspartei war während der Militär-offensive kein kritisches Wort zu vernehmen. "Es gibt keine Opposition in Zeiten der Kämpfe“, sagte ihr Chef Jitzhak Herzog, Sohn des ehemaligen Staatspräsidenten Chaim Herzog und Befürworter einer Zwei-Staaten-Lösung, nach einem Kondolenzbesuch bei Eltern eines gefallenen Soldaten.

Einzig die kleine linke Oppositionspartei Meretz hat von Beginn an zu einem Waffenstillstand aufgerufen. Der linke "Haaretz“-Journalist Gideon Levy, einer der bekanntesten Kritiker der Palästinenser-Politik seiner Regierung, ging noch weiter. In einem Kommentar griff er die Elitesoldaten der israelischen Armee an: Einst seien die Piloten die mutigsten und besten jungen Männer des Staates gewesen, heute aber kämpften sie nicht mehr gegen andere Luftwaffen, sondern "begehen die schrecklichsten Taten“, indem sie mit einem Knopfdruck Verderben über wehrlose Zivilisten brächten.

"Medien verstärken Trend zur brutalen Meinungsmache"
Der Aufschrei war enorm, Levy hatte einen wunden Punkt berührt. Er seufzt erschöpft: "Langsam dämmert den Vätern und Söhnen, die voller Stolz in der israelischen Armee gedient haben, dass diese Armee eine moralisch verdorbene Besatzungsarmee geworden ist.“ Inzwischen wurde Levy von seiner Zeitung Leibwächter zur Verfügung gestellt, nachdem er auf dem Tel Aviver Carmel-Markt angepöbelt und bedroht worden war. "Die Gehirnwäsche von Fernsehen und großen Massenblättern macht sich bemerkbar“, sagt der Journalist: "Und die sozialen Medien verstärken den Trend zur brutalen Meinungsmache.“ Die Bodyguards hat er wieder nach Hause geschickt: "Mit denen habe ich mich ständig streiten müssen, die stehen politisch rechts“, lacht er.

Doch auch wenn die Kritiker der Regierung einen schwierigen Stand haben, rumort es zusehends in der Gesellschaft. Viele Israelis wünschen sich einen erfolgreichen Ausgang der Verhandlungen - schon deshalb, weil sie ihre Söhne nicht in weiteren sinnlosen Militäroperationen verlieren wollen. Am vergangenen Donnerstag rief der Schriftsteller David Grossman, dessen Sohn als Soldat im Libanon-Krieg 2006 ums Leben gekommen war, zusammen mit anderen linken Honoratioren zu einer Großkundgebung auf dem Rabinplatz in Tel Aviv auf. Dort galt das Motto: "Nein zum Krieg. Es ist Zeit für eine diplomatische Lösung.“

"Wir brauchen eine Verhandlungslösung"
Auch direkt an der Front haben die Betroffenen genug von den Kämpfen. Im Bunker des Kibbutz Nirim steht Anat Hefetz und sagt: "Ich verlange von meiner Regierung, dass sie dafür sorgt, dass wir hier in Sicherheit leben können.“ Anat ist 35, sie hat zwei kleine Kinder und sie wählt die linke Kleinpartei Meretz: "Mit militärischen Methoden kommen wir hier nicht weiter. Wir brauchen eine Verhandlungslösung.“ Seit fünf Jahren lebt sie im Kibbutz Nirim und damit nur zwei Kilometer vom Gazastreifen entfernt. Die junge Mutter hat eine palästinensische Bekannte, mit der sie in ständigem E-Mail-Kontakt steht: "Ihr Leben ist absolut unmöglich.“

Anats Leben auch. Der Kibbutz liegt so nahe an den Abschussstellen der Raketen aus dem Gazastreifen, dass das israelische Abwehrsystem "Eiserne Kuppel“ die Bewohner nicht schützen kann. "Wir haben nur zehn Sekunden Zeit, um uns und die Kinder in die Bunker zu retten“, sagt die Englischlehrerin Adele Raemer. "Alle zwei Jahre wiederholt sich dieses Szenario. Und dazwischen bekommen wir jede Menge Raketen ab.“

Sie zeigt vor sich auf die Straße, dort, wo ein großes Einschussloch einer Rakete gähnt. Die Bewohner vom Kibbutz Nirim werden nicht so schnell vergessen, dass eine Waffenruhe ohne eine bleibende friedliche Lösung nirgendwohin sonst als zum nächsten Krieg führt.