Idlib 2015.

Nahost: Ein neuer Dreißigjähriger Krieg?

Vieles deutet auf den Beginn eines jahrzehntelangen Blutvergießens hin. Aber die schiitisch-sunnitische Schlacht könnte doch schneller zu Ende gehen als das katholisch-protestantische Gemetzel des 17. Jahrhunderts, analysiert Georg Hoffmann-Ostenhof.

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Drei Meldungen der vergangenen Tage. Drei Szenen eines Krieges, der immer größere Teile des Nahen Ostens erfasst und immer brutaler und unübersichtlicher wird.

Aden, Jemen. Die aus dem Nordjemen stammenden schiitischen Huthi-Rebellen sind nach der Eroberung der Hauptstadt Sanaa zur wichtigen Hafenstadt Aden vorgestoßen. Sie haben sich mit dem 2013 gestürzten Präsidenten Ali Abdullah Saleh verbündet. Ihm loyale Truppeneinheiten kämpfen gemeinsam an der Seite der Huthis. Der international anerkannte Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi hat sich nach Riad abgesetzt. Die saudische Luftwaffe bombardiert die schiitischen Rebellen. Vor Ort sind es vor allem Militante der Terrororganisation Al Kaida, die sich den Huthis entgegenstellen. Riad erwägt, Bodentruppen einzusetzen und bittet Ägypten, im Jemen einzumarschieren.

Jarmuk, Syrien. "Im syrischen Horror ist das palästinensische Flüchtlingslager Jamuk die tiefste Hölle“, klagt UN-Generalsekretär Ban Ki-moon. Die sunnitischen Kalifat-Dschihadisten des "Islamischen Staates“ (IS) haben das Viertel im Süden von Damaskus, das aus einem Flüchtlingscamp hervorgegangen ist, eingenommen und halten die 16.000 dort noch verbliebenen Einwohner, darunter 3000 Kinder, als Geiseln. Die syrische Luftwaffe wirft Fassbomben über Jarmuk ab. Die PLO-Palästinenser, die gemeinhin als Gegner des Regimes von Bashir Al Assad gelten, wollen nun gemeinsam mit der syrischen Armee gegen die IS-Extremisten vorgehen.

Tikrit, Irak. Nachdem die irakische Armee die Geburtsstadt des ehemaligen Diktators Saddam Hussein dem IS-Kalifat wieder entrissen hat, entdeckt sie dort Massengräber. Gemeinsam mit schiitischen Milizen - die teilweise von iranischen Beratern geführt werden - und mit Unterstützung der amerikanischen Luftwaffe verzeichnen die Soldaten des Bagdader Regimes einen ersten größeren Erfolg im Kampf gegen den IS, der seit vergangenem Jahr wesentliche Teile des Irak kontrolliert.

Drei schaurige Nachrichten der vergangenen Woche. Eine Frage wird nun immer häufiger gestellt: Erleben wir in der Region so etwas wie einen neuen Dreißigjährigen Krieg?

Schnelle Konfliktlösung nicht in Sicht

Die Parallele zum Religionskrieg des 17. Jahrhunderts der von 1618 bis 1648 tobte, in dessen Verlauf große Teile Mitteleuropas - vor allem der deutschen Lande - verwüstet und entvölkert wurden und in den alle Mächte des Kontinents involviert waren, drängt sich auf. Es wird immer klarer, dass schnelle Konfliktlösungen nicht in Sicht sind und man sich auf größere Zeiträume einstellen muss.

"Man sollte, von Mali bis Afghanistan, gewarnt sein, dass Unruhe und Zorn im Nahen und Mittleren Osten weder Ziel noch Ende kennen“, formuliert der deutsche Historiker Michael Stürmer seine Diagnose, wonach die Region nun ihren Dreißigjährigen Krieg erlebt: "Der Fruchtbare Halbmond zerstört sich selbst und bedroht alle Nachbarn“, beklagt Stürmer in der deutschen Tageszeitung "Die Welt“.

Ist aber der Vergleich der Lage im Morgenland von heute und der im Europa vor über 300 Jahren statthaft? Und was bringt ein solches komparatives Bemühen? Zum Einwand wird der deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel zitiert, der meint, historische Vergleiche führten prinzipiell in die Irre: "Jede Zeit hat so eigentümliche Umstände, ist ein so individueller Zustand, dass in ihm aus ihm selbst entschieden werden muss und allein entschieden werden kann.“

Und es ist tatsächlich fraglich, ob überhaupt Gemeinsamkeiten zu finden sind zwischen dem seinerzeitigen Gemetzel von Katholiken und Protestanten und dem aktuellen innerislamischen Krieg. "Das Europa des 17. Jahrhunderts erlebte gerade noch die Auswirkungen der Reformation, die erst ein Jahrhundert zurücklag“, schreibt das britische Magazin "Economist“: "Das Schisma, das Sunniten und Schiiten trennte, sei aber bereits tausend Jahre alt.“ Ganz so abwegig sei der Vergleich dann aber doch nicht, argumentiert das britische Blatt: Erst vor rund 100 Jahren ging das Osmanische Reich unter und intervenierten die europäischen Mächte, welche die heutige - eher willkürliche - Landkarte der nahöstlichen Staaten zeichneten. "Mit dem Resultat, dass die meisten Staaten religiös gespalten sind, ein Klima der Toleranz aber fehlt.“

Wilde Mischung aus Kriegs-Akteuren

Und beiden devastierenden Kriegen, dem damaligen in Europa und dem jetzigen in Nahost, ist gemeinsam, dass eben nicht bloß Religionsgruppen gegeneinander ringen, sondern auch Staaten und ihre Machthaber, Warlords, verfeindete Stämme und freiflottierende Milizen. Sie alle sind Akteure des blutigen Geschehens. Das ergibt eine wilde Mischung, eine wüste Gemengelage, in der sogar die handelnden Parteien vor Ort zuweilen den Durchblick verlieren.

Das irakisch-syrische Territorium, in dem die Grenzen zwischen den beiden Ländern durch den Aufstieg des sunnitischen IS-Kalifats faktisch beseitigt sind, ist Hauptkriegsschauplatz. Der Jemen kam erst kürzlich als Schlachtfeld hinzu. Die wirklichen Kontrahenten im großen Streit zwischen Schiiten und Sunniten sind aber zwei mächtige Staaten, auf deren Territorium (noch) nicht gekämpft wird: Saudi-Arabien und der Iran.

Die Riader Monarchie ist unbestritten die sunnitische Führungsmacht der Region: Saudi-Arabien ist das reichste arabische Land. Seine Herrscher vertreten einen fundamentalistisch-sunnitischen Islam und wachen über die religiösen Zentren Mekka und Medina. Bislang begnügte sich Riad weitgehend damit, befreundete Staaten und Gruppen finanziell zu unterstützen. Für die Sicherheit der Region sah man in Riad die längste Zeit Amerika als zuständig an. Seit Kurzem jedoch werden die Saudis selbst militärisch aktiv: Sie fliegen seit März Bombenangriffe im Jemen. Bereits 2011 halfen saudische Truppen, eine schiitische Revolte im Golfstaat Bahrein niederzuschlagen.

Der Gegenspieler der saudischen Ölmonarchie im Kampf um die Hegemonie in der Region, die schiitische Mullah-Herrschaft in Teheran, hat in den zurückliegenden Jahren stark an Einfluss in der Region gewonnen. Die amerikanische Intervention im Irak hat vom Iran unterstützte Repräsentanten der schiitischen Mehrheitsbevölkerung an die Macht gebracht. Im Libanon wiederum ist die Hisbollah, die von Teheran aus gesponserte politisch-militärische Gruppierung der Schiiten, zur stärksten Kraft im Land aufgestiegen. Und nun gehen die mit dem Iran verbündeten schiitischen Huthi-Rebellen daran, den Jemen, das bitterarme Land im Süden Saudi-Arabiens, aufzumischen.

3,8 Millionen Syrien-Flüchtlinge

Nicht zuletzt mit den gewaltigen Flüchtlingsströmen werden die übrigen Nahoststaaten unweigerlich in diesen schiitisch-sunnitischen Kampf der Giganten hineingezogen. Allein aus Syrien sind bis Jänner dieses Jahres 3,8 Millionen Menschen geflohen: Allen voran in die Türkei, in den Libanon, nach Jordanien, in den Irak und nach Ägypten. Eine Entwicklung, die weiter zur Destabilisierung und Desintegration der gesamten Region führt.

Am eindringlichsten erinnert an den Dreißigjährigen Krieg die Tatsache, dass es im Nahen Osten zu dauernd wechselnden und zuweilen überaus überraschenden Allianzen kommt. Im 17. Jahrhundert verbündete sich zeitweise das katholische Frankreich mit dem protestantischen Schweden, und so mancher protestantische deutsche Fürst kämpfte Seite an Seite mit Habsburg, der Avantgarde der katholischen Gegenreformation.

Ähnlich absurd muten heute nahöstliche Frontverläufe an. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen: Das schiitische Teheran hat schon vor Jahren die sunnitischen Palästinenser-Islamisten der Hamas finanziert. Jetzt stehen Saudis und ihr Erzfeind, das vom Iran gestützte Assad-Regime, in einer gemeinsamen Front gegen den "Islamischen Staat“. Und der Westen freut sich gemeinsam mit Riad, dass der jemenitische Ableger der Al-Kaida-Terroristen den Huthi-Rebellen die Stirn bietet.

Martin Zapfe vom Center for Security Studies in Zürich hält es sogar für möglich, dass sich Israel einmal mit der Hisbollah - "dem Teufel, den man schon kennt“ - gegen dschihadistische Gruppen verbündet. Und weist darauf hin, dass Jerusalem bereits vor Kurzem am Golan mit der al-Nusra-Front, der syrischen Al-Kaida-Filiale, gemeinsame Sache machte.

Weitgehend "privatisiertes" Kampfgeschehen

Zapfe zieht eine weitere beunruhigende Parallele. Der Dreißigjährige Krieg wurde von Söldnern ausgefochten. Man erinnere sich nur an Wallenstein, den berühmtesten Söldnerführer von damals. Heute stehen einander zwar nicht Mietsoldaten im eigentlichen Sinn, die auch schon mal "ihre Feder umsteckten“, gegenüber - aber nationale staatliche Heere spielen auch dieser Tage in der Region zwischen Iran und Ägypten nur eine untergeordnete Rolle: Das Kämpfen ist weitgehend "privatisiert“. Vor allem religiöse, tribale und ethnische Milizen bestimmen das Kriegsgeschehen: Im Irak die kurdischen Peshmergas, sunnitische Stämme und schiitische nichtstaatliche Kombattanten. Und so wie der syrische Diktator im Verlauf der vergangenen Jahre faktisch zu einem Warlord mutierte, entpuppt sich seine Armee inzwischen als eine Miliz unter anderen. Ohne Hisbollah-Truppen säße Assad längst schon nicht mehr in Damaskus.

Die Milizen sind ebenso mobil wie die Söldner des 17. Jahrhunderts: Der IS stammt ursprünglich aus dem Irak, schöpfte dann im syrischen Bürgerkrieg Kraft, um später, zurück im Irak, einen Teil des Landes - inklusive Mossul, die zweitgößte Stadt - zu erobern. Schiitische Freischärler aus dem Irak kämpfen, wenn sie dort nicht mehr gebraucht werden, auch in Syrien. Und nordirakische und türkische Kurden-Bataillone machen ebenda dem IS Städte und Landstriche abspenstig.

Diese Situation sieht Martin Zapfe als fatal an: So wachsen im Nahen Osten ganze Generationen junger Männer heran, die nichts anderes als das Kriegshandwerk gelernt haben. Sie sind natürlich an der Fortsetzung der Kampfhandlungen interessiert. Und noch eins gibt Zapfe zu Bedenken: "Das Outsourcing des Kämpfens an nichtstaatliche Akteure senkt die Schwelle für militärische Interventionen und multipliziert die Anzahl der Akteure, die im Konflikt ihre Raison d’Etre sehen.

Ist die Situation also ausweglos? Muss sich die Welt tatsächlich darauf einstellen, dass das Morgenland nun für Jahrzehnte im Morast eines permanenten Krieges versinkt?

Paradoxe "Hoffnung" IS

Paradoxerweise liegt im Siegeszug des "Islamischen Staates“ ein Stück Hoffnung. Mit den Kalifat-Dschihadisten kombiniert das erste Mal seit Jahrzehnten eine Gruppierung ideologische Bestimmtheit mit Entschlossenheit und militärischer Fähigkeit - eine Kombination, die es braucht, um die Grenzen der Region neu ziehen zu können.

Aber die IS-Extremisten gehen nicht nur daran, die Grenzen in der Region zu sprengen, diese von Grund auf zu revidieren. Ihre Vorstellung vom Kalifat, dem Reich Gottes, das sie errichten wollen, stellt überhaupt das Konzept des modernen Staates infrage.

Da mag nun das nahöstliche Staatensystem 1916 von den europäischen Kolonialmächten willkürlich und aufgrund ihrer Interessenslagen im sogenannten Sykes-Picot-Abkommen konstruiert worden sein - eine gewisse Stabilität hat diese Ordnung in den vergangenen 100 Jahren trotz allem garantiert. Die herrschenden Regime der Region haben also durchaus ein Interesse am Status quo, der durch die "Revisionisten“ des IS plötzlich gefährdet ist.

Es wäre durchaus vorstellbar, dass die regionalen Großmächte angesichts dieser Bedrohung ihre politische Konkurrenz und ihre religiösen Differenzen noch vor Ablauf von drei Jahrzehnten hintanstellen und nach der alten Devise handeln, wonach nichts alte Gegner so verbindet wie ein gemeinsamer neuer Feind.

Der Westfälische Frieden beendete 1648 den Dreißigjährigen Krieg. Der Kontinent war ausgeblutet und ermattet. Die Kriegsparteien setzten sich zusammen - und siehe da: Nach den langen Jahren des mörderischen Chaos und des multiplen Gemetzels wurde keine neue Ordnung geschaffen, sondern, mit einigen Machtverschiebungen, die alte Vorkriegsordnung mit ihrem Staatensystem wiederhergestellt. Neu war, dass die europäischen Mächte die gegenseitige Toleranz zwischen Katholiken und Protestanten festschrieben - was für Historiker als eine wesentliche Grundlage für die darauffolgende Aufklärung gilt.

Kann man sich beim Bestreben, den aktuellen sunnitisch-schiitischen Religionskrieg zu beenden, auch ein wenig am Westfälischen Frieden orientieren? Vielleicht gelingt es angesichts des schwindelerregenden Tempos der Ereignisse den Muslimen doch, rascher die Waffen niederzulegen, als dies unsere christlich-europäischen Vorfahren vor über 300 Jahren taten.

MITARBEIT: GREGOR MAYER, KAIRO

Georg Hoffmann-Ostenhof