Taifun Haiyan: Die Katastrophe beginnt, wenn keiner mehr hinschaut

Eine Woche nach Taifun Haiyan scheint auf den Philippinen das Schlimmste überstanden zu sein – in Wahrheit steht es den Betroffenen erst bevor. Vergleichbare Fälle in Indonesien, Pakistan und Haiti zeigen: Es dauert Jahre, bis wieder ein normales Leben möglich ist.

Von Sandra Barthel, Magdalena ­Jetschgo und Martin Staudinger

Jede Katastrophe hat so etwas wie eine Halbwertszeit – oder, genau genommen, sogar zwei davon: Die eine betrifft das Mitleid, die Aufmerksamkeit und die Hilfsbereitschaft für ihre Opfer, die andere die Folgen für die Betroffenen und die Beseitigung der Schäden. Unnötig zu sagen, dass die beiden komplett unterschiedlich sind.
Die Halbwertszeit der Aufmerksamkeit für die Taifun-Katastrophe auf den Philippinen dürfte sehr kurz sein: Keine zwei Wochen ist es her, seit der tropische Wirbelsturm Haiyan mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 270 km/h auf die philippinischen Visaya-Inseln traf und eine Schneise der Verwüstung schlug. Am schlimmsten traf es die 220.000 Einwohner zählende Stadt Tacloban, die mehr oder minder dem Erdboden gleichgemacht wurde. Rund 11,3 Millionen Menschen sind nach UN-Angaben von den Folgen betroffen; offiziell werden mehr als 4400 Todesopfer befürchtet.

Doch bereits wenige Tage nach dem angeblich schwersten Sturm seit Beginn der meteorologischen Aufzeichnungen flaut das Interesse für die Krisenregion merklich ab. Während sich die Aufmerksamkeit anderen, aktuelleren Dramen zuwendet, beginnen die Probleme der Betroffenen auf den Philippinen erst jetzt richtig. Ihre Halbwertszeit währt weitaus länger: Wochen, Monate, Jahre.

Überlebt zu haben, ist das eine, am Leben zu bleiben, das andere – und wieder zu leben beginnen, das Dritte. Es gibt so etwas wie eine Faustformel der Katastrophenhilfe: In den ersten 72 Stunden geht es um Leben und Tod, in den sechs bis zwölf Monaten danach um die Bekämpfung der unmittelbaren Not – und schließlich eine quälend lange Zeit um den Wiederaufbau. Das zeigen vergleichbare Fälle aus der jüngsten Vergangenheit: der Tsunami des Jahres 2004 in Südostasien, namentlich seine Folgen in der indonesischen Provinz Aceh, sowie die Erdbeben in Pakistan (2005) und in Haiti (2010).

Was das für die Hilfsorganisationen heißt, hat ein Experte nach dem Tsunami in profil so zusammengefasst: „Regel eins lautet: Sie müssen rasch handeln und sich aus dem ersten Augenblick heraus emotional positionieren. Weil, Regel zwei, Katastrophen nur in den ersten zwei Wochen Spenden bringen.“
Sieben bis zehn Jahre hat es gedauert, bis die Folgen des Tsunami in Aceh und des Erdbebens in Pakistan beseitigt waren, schätzt Max Santner, Leiter der internationalen Zusammenarbeit beim österreichischen Roten Kreuz. In Haiti kann fast vier Jahre nach dem Beben nicht einmal ansatzweise die Rede davon sein.

Haiti: Vier Jahre und kein Ende
316.000 Menschen starben, als sich am Nachmittag des 12. Jänner 2010 in 17 Kilometern Tiefe die Spannung zwischen der karibischen und der nordamerikanischen Platte entlud. Das Epizentrum des dadurch verursachten Bebens lag etwa 25 Kilometer südwestlich der 1,2 Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt Port-au-Prince.
Dort geschah das, was in einer Drittwelt-Metropole mit unterentwickelter Infrastruktur, Architektur und Verwaltung unvermeidlich ist: Tausende Gebäude stürzten ein, zehntausende Bewohner wurden unter den Trümmern begraben. Technische und medizinische Voraussetzungen zu schneller Hilfe fehlten vollständig.
Die Anteilnahme war überwältigend, das Spendenaufkommen ebenso. Eine internationale Geberkonferenz stellte umgerechnet an die zwölf Milliarden Euro Finanzhilfe in Aussicht. „Tatsächlich kam aber nur ein Viertel oder Fünftel dieser Summe zusammen“, sagt Rot-Kreuz-Mann Santner. Gewundert hat ihn das allerdings nicht: „Es ist ein durchgängiges Muster in derartigen Fällen.“
Haiti, drei Jahre und zehn Monate danach: Noch immer leben nach Angaben der UN an die 300.000 Erdbebenopfer in provisorischen Unterkünften, rund 172.000 davon in Camps. Noch immer hat die Mehrheit der Bevölkerung keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, sanitären Einrichtungen und medizinischer Versorgung. Und noch immer wütet eine Cholera-Epidemie, die wenige Monate nach dem Beben ausgebrochen ist und seither nicht komplett eingedämmt werden konnte; zuletzt wurden immer noch 500 Neuerkrankungen pro Woche gezählt. „Was das öffentliche Gesundheitssystem betrifft, hat sich seit dem Erdbeben kaum etwas getan“, sagt Joan Arnan, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Haiti: „Der Prozess verläuft viel zu langsam.“
Die Hilfsorganisation betreibt in dem karibischen Land vier Spitäler, die eigentlich längst der Verantwortung des Staates übergeben sein sollten. Doch daran ist derzeit nicht zu denken. 2012 behandelten Mediziner von Ärzte ohne Grenzen in Haiti stationär rund 30.000 Patienten, ambulant ein Vielfaches. Derzeit steigt die Zahl wieder stark an – zum einen, weil sich mehrere Hilfsorganisationen wegen finanzieller Probleme zurückgezogen haben, zum anderen, weil in den wenigen staatlichen Spitälern seit nunmehr zwei Wochen gestreikt wird, gegen die schlechte Ausstattung und Bezahlung.
Großflächige Abholzungen haben dazu geführt, dass der Waldbestand in Haiti in den vergangenen Jahrzehnten auf drei Prozent seiner ursprünglichen Fläche reduziert wurde. Deshalb muss ein Großteil des Baumaterials, das zur Wiedererrichtung der zerstörten Häuser benötigt wird, importiert werden. Ähnliches gilt für Lebensmittel: „Die Landwirtschaft ist mehr oder minder inexistent. Sogar Bananen und Brot werden in der benachbarten Dominikanischen Republik eingekauft“, sagt Coltinette Polo Alexis, Koordinatorin des Caritas-Büros in Haiti. Das bedeutet aber wiederum, dass die einheimischen Bäckereien um ihr Geschäft kommen.
Die Lage ist verfahren. Der Grund liegt teilweise bei den Fehlern, die von der internationalen Gemeinschaft beim Wiederaufbau gemacht wurden; vor allem aber liegt er darin, dass es in Haiti auch vor dem Erdbeben kaum funktionierende staatliche Strukturen gegeben hat. Insofern ist die derzeitige Situation nur eine Fortsetzung der tristen Geschichte des Landes auf noch niedrigerem Niveau.
Im Vergleich dazu befinden sich die Betroffenen der Taifun-Katastrophe auf den Philippinen in einer geradezu komfortablen Lage: Das Land ist zwar arm, aber bei Weitem nicht das, was man einen „failed state“ nennen müsste.

Indonesien: 18 Monate Ausnahmezustand
„Insofern kann man die Situation durchaus mit jener in Aceh vor neun Jahren vergleichen“, sagt Michael Opriesnig. Der derzeitige Vize-Generalsekretär des Roten Kreuzes und Vorstandsvorsitzende von Nachbar in Not hat die am schwersten von der Flutkatastrophe getroffene Region Indonesiens in den vergangenen Jahren mehrfach besucht. Am 26. Dezember 2004 war nach einem Seebeben vor Sumatra ein verheerender Tsunami durch den Indischen Ozean gerast. Die Welle erreichte an manchen Stellen bis zu 30 Meter Höhe. Rund 230.000 Menschen kamen dabei ums Leben, fast 170.000 davon in Indonesien.
Die Provinz Aceh, deren größte Erhebung 35 Meter über dem Meeresspiegel liegt, war kilometerweit bis ins Landesinnere komplett zerstört, Banda Aceh, die direkt an der Küste gelegene Hauptstadt, ebenso.
Zu den unmittelbaren Folgen der Katastrophe kam, dass die Region ein Kriegsgebiet war: Die Separatistenbewegung GAM kämpft dort gegen die Zentralregierung. Die unerwartete positive Nebenwirkung in diesem Fall war, dass die Armee bereits mit militärischer Logistik vor Ort war, die rasch für Rettungsaktionen und Hilfstransporte eingesetzt werden konnte.
Dennoch: Als Rot-Kreuz-Mann Opriesnig ein Jahr nach dem Tsunami zum ersten Mal nach Aceh kam, war die Region von Normalität weit entfernt: „Bis drei Kilometer landeinwärts war alles tot. In der Hauptstadt gab es noch immer keine funktionierende Wasserversorgung – abgesehen von unserer Anlage zur Trinkwasseraufbereitung, die eigentlich als Notfallinstrument gedacht ist.“

Es vergingen eineinhalb Jahre, bis in der Provinzmetropole der eigentliche Wiederaufbau beginnen konnte. In den kleinen Dörfern am Land war das mit viel Eigeninitiative der Bevölkerung bereits früher gelungen. „Immerhin war das Hinterland intakt. Das hat die Zulieferung von Baumaterial vergleichsweise einfach gemacht“, sagt Dagmar Lassmann von der Diakonie Katastrophenhilfe: „Allerdings musste erst mit der Regierung geklärt werden, wo überhaupt gebaut werden darf.“
Zudem waren mangels verlässlicher oder verfügbarer Dokumentationen die Besitzverhältnisse nur schwer zu klären – ein Problem, das in Ländern ohne Grundstückskataster fast zwangsläufig zu Verzögerungen führt.
Sechs Jahre lang flossen hunderte Millionen an Hilfsgeldern in die Krisenregion und wurden vor allem für große Infrastrukturprojekte verwendet, erinnert sich Christian Wawrinec, Länderreferent für den Nahen Osten und Südasien beim Hilfswerk Austria: „Allerdings wurde dabei die Förderung kleiner Unternehmen vernachlässigt. Als die internationalen Zuwendungen dann endeten, führte das bald zur einer Verschärfung der ohnehin schwierigen wirtschaftlichen Lage.“
Knapp neun Jahre nach der Tsunami-Katastrophe gilt der Wiederaufbau in Aceh nunmehr als abgeschlossen. Völlig erholt hat sich die Provinz von den Folgen aber noch immer nicht. Einen positiven Effekt hatte das Desaster aber in jedem Fall: Bereits wenige Monate danach kam es unter dem Druck der Ereignisse zu einem Friedensabkommen zwischen den GAM-Rebellen und der Regierung, das bis heute hält. Inzwischen beteiligen sich die ehemaligen Aufständischen auf friedliche Weise am politischen Prozess.

In den unmittelbar vom Taifun Haiyan betroffenen Gebieten auf den Philippinen existiert eine vergleichbare Konfliktsituation wie in Aceh nicht. Im Süden des Archipels gibt es zwar Spannungen zwischen der christlichen Mehrheit und der muslimischen Minderheit, sie haben aber keine spürbaren Auswirkungen auf die Kata-strophenhilfe.

Pakistan: Winter ohne Behausung
Ganz anders war die Lage, als am 8. Oktober 2005 in der von Pakistan verwalteten Region Kaschmir die Erde bebte und sich in den schwer zugänglichen Gebirgstälern ein rund 100 Kilometer langer Bruch auftat. Mehr oder minder alle Gebäude entlang dieser Linie wurden zerstört, 84.000 Menschen kamen ums Leben.
Nicht nur, dass durch Kaschmir die militärisch umstrittene Grenze zu Indien verläuft, an der es zu dieser Zeit immer wieder zu Scharmützeln zwischen den beiden Atommächten kam. In Pakistan selbst begann sich die Sicherheitssituation aufgrund des Afghanistan-Krieges ebenfalls immer mehr zu verschärfen.
Dazu kamen klimatische Bedingungen: Schneefälle und ein weitgehend zerstörtes Straßennetz stellten die Helfer vor äußerst schwierige Bedingungen. Den ersten Winter verbrachten zehntausende Menschen in Behelfsunterkünften.
„Pakistan hat, administrativ gesehen, allerdings eine funktionierende Struktur“, sagt Dagmar Lassmann von der Diakonie Katastrophenhilfe: „Dadurch konnten viele Hilfsgüter mit Hubschraubern in die abgelegenen Gebiete transportiert werden.“ Zumindest bis zu Verteilungsstellen: Von dort aus transportierten die Kaschmiris Baumaterial auf Eseln zu ihren eingestürzten Häusern und begannen mit der Wiedererrichtung.
Nimmt man alle Bedingungen zusammen, dann waren in Pakistan die Bedingungen für den Wiederaufbau wohl am schwierigsten. Dennoch gelang es gerade dort vergleichsweise rasch, zur Normalität zurückzukehren.
„Die Koordination nach dem Erdbeben gilt im humanitären Sektor bis heute als wegweisend“, sagt Jakob Steiner von der Hilfsorganisation proLoka Pakistan: „Viele Strategien, die dort entwickelt wurden, sind heute Standard, vor allem was die Koordination zwischen Regierung, Vereinten Nationen und NGOs angeht.“
Rot-Kreuz-Mann Max Santner hat die Region im Vorjahr besucht. „Wenn man nicht wüsste, dass dort ein Erdbeben war, dann würde man es nicht merken“, sagt er: „Es schaut dort aus wie in den anderen Tälern Pakistans. Die Wunden der Kata-strophe sind nicht mehr zu sehen.“

Und: Um die Infrastruktur ist es heute besser bestellt als vor dem Desaster. Die Straßen sind gut ausgebaut, viele Gebäude erdbebensicher, und es gibt im Gegensatz zu früher auch ein Mobilfunknetz. Allerdings leben auch heute, acht Jahre danach, immer noch Betroffene in Notlagern – wenige zwar, aber doch.

Philippinen: Das Jahr danach
Was bedeutet das für die Taifun-Katastrophe? Bei allem Leid: berechtigte Hoffnung auf vergleichsweise rasche Normalisierung. Die Zahl der Todesopfer ist hoch, aber weitaus niedriger als befürchtet. Die Philippinen sind nicht Haiti, sie funktionieren als Staat relativ gut.
Erste Hilfe war auch dank internationaler Hilfe – unter anderem durch einen Flugzeugträger-Konvoi der USA – sehr rasch zur Stelle. Die vom Unwetter verwüsteten Gebiete sind leicht zu erreichen, die kurzfristig unterbrochene Versorgung beginnt bereits wieder zu funktionieren. Und die Wintermonate verlaufen, zumindest was die Temperaturen betrifft, durchaus angenehm.
Dennoch haben die Betroffenen die schwerste Zeit vermutlich noch vor sich: „Die nächsten Monate, wenn nicht das erste Jahr, werden wir auf den Philippinen mit reiner Nothilfe beschäftigt sein“, sagt Rot-Kreuz-Vizegeneral Michael Opriesnig: „Das wird sicherlich eine Herkulesaufgabe. Und erst danach können wir an Wiederaufbau denken.“