Recep Tayyip Erdoğan

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profil-Morgenpost
01/18/2022

Wie Erdoğan seinen Einfluss auf dem Balkan ausbaut

Der türkische Präsident macht dem EU-Anwärter Albanien großzügige Geschenke. Zu welchem Preis?

von Franziska Tschinderle

Ich erzähle Ihnen gleich von einer Meldung, die Sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mitbekommen haben. In Laç, einem katholischen Pilgerort in Nordalbanien, ist seit Montag ein Platz nach Recep Tayyip Erdoğan benannt. Dafür reiste der türkische Präsident eigens aus Ankara an. Vor laufenden Fernsehkameras zog er ein rotes Tuch von einer Marmorplatte, in die in weißen Lettern sein Name eingraviert ist. Videos zeigen, wie Erdoğan sichtlich zufrieden vor seinem Denkmal steht.

„Na und?“, könnte man jetzt einwenden. Was interessiert uns eine Kleinstadt mit 17.000 Einwohnern?

Oft erzählt ein kleiner Ort mehr über Geopolitik, als man im ersten Moment meinen würde. Seit Jahren baut die Türkei erfolgreich ihren Einfluss auf dem Balkan aus, eine Region, die jahrhundertelang Teil des Osmanischen Reiches war. Insbesondere zu den muslimisch dominierten Staaten Kosovo, Bosnien-Herzegowina und Albanien unterhält Erdoğan enge Beziehungen, was ihm den schmeichelhaften Spitznamen „Sultan“ eingebracht hat.

„Meine Brüder“

Am Montag war der türkische Präsident auf Staatsbesuch in Albanien, ein kleines, post-kommunistisches Balkanland, das seit 30 Jahren der Europäischen Union beitreten möchte. Erdoğan nennt die Albaner „meine Brüder“ und inszeniert sich als besorgter Schutzpatron vom Bosporus: „Wir sehen die Freude des albanischen Volkes als unsere Freude und ihren Kummer als unseren Kummer“, meinte er am Montag in seiner Rede. Und: „Ich überbringe euch die Grüße eurer türkischen Brüder, deren Herzen mit euch schlagen!“ Es bleibt nicht bei leeren Worthülsen. Während der Pandemie wurde in Albanien mit türkischen Geldern in weniger als drei Monaten ein Krankenhaus aus dem Boden gestampft. Nach einem schweren Erdbeben ließ Erdoğan 520 Häuser wieder aufbauen. In der Hauptstadt Tirana legte er den Grundstein für eine gewaltige Moschee mit vier Minaretten und Platz für 10.000 Gläubige. Damit stellt ausgerechnet Albanien – bis in die Achtzigerjahre ein formal atheistischer Staat – die größte Moschee auf dem Balkan. Sie überragt das albanische Parlament, in dem Erdoğan am Montag eine Rede halten durfte.

Hier muss man kurz innehalten, um das Ausmaß der Symbolik zu verstehen. Ausgerechnet der türkische Präsident, ein Mann, der in seinem Land systematisch Oppositionelle eingesperrt hat, wird im Parlament eines EU-Beitrittskandidaten beklatscht. Auf der Bühne könnte auch die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen stehen und über die von Brüssel initiierte Justizreform sprechen. Oder der französische Präsident Emmanuel Macron. Der könnte eine glühende Rede auf den Laizismus halten, den Frankreich und Albanien gleichermaßen achten. Tut er aber nicht. Stattdessen hat am Montag ein Präsident gesprochen, der weder für das eine (unabhängige Justiz ) noch für das andere (Trennung von Politik und Religion) steht.

Ist die EU nicht populistisch genug?

Die EU hat ein Marketingproblem. Sie ist der größte Geldgeber und Investor auf dem Westbalkan, vermarktet sich aber deutlich schlechter, als das autoritäre Staaten wie China oder die Türkei tun. Wenn Chinas Staatspräsident Xi Jinping ein Stahlwerk in Serbien eröffnet und wenn Recep Tayyip Erdoğan ein Denkmal in Nordalbanien enthüllt, dann sorgt das für mehr Aufmerksamkeit, als wenn die EU-Mitgliedsstaaten ein milliardenschweres Paket schnüren. Letzteres kann man nicht mit Spatenstich eröffnen oder mit einem roten Vorhang enthüllen. Brüssel, so scheint es, fehlt es an Populismus und Volksnähe. Oder haben Sie schon einmal einen Erweiterungskommissar in einer Menge aus EU-Fahnen baden sehen? Eben.

Erdoğan weiß das Machtvakuum, das die EU hinterlassen hat, geschickt zu füllen. Seine unterschwellige Botschaft an die albanischen Brüder (die Schwestern hat er vergessen): Wenn euch die wankelmütige, technokratische EU nicht will, dann könnt ihr euch an die starke, tröstende, türkische Schulter anlehnen. So wie früher, zur Zeit des Osmanischen Reiches.

Franziska Tschinderle

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