Ruanda: 20 Jahre nach dem Völkermord

Ruanda: 20 Jahre nach dem Völkermord

Im April 1994 wurden bei dem Völkermord in Ruanda binnen nur 100 Tagen 800.000 Menschen abgeschlachtet. Erst 20 Jahre später beginnen sich die alten Wunden zu schließen.

Von Johannes Dieterich, Ruanda

Edouard Bamporikis Stimme zittert noch heute, wenn er über die Szene spricht, die sein weiteres Leben bestimmen sollte. Er lag wegen einer Malaria-Attacke im Krankenhaus; ein junger Mann mit seinem kleinen Sohn auf dem Arm kam in die Station gerannt und verkroch sich mit dem Kind unter Edouards Bett. Wenig später stürmten bewaffnete Mitglieder der Hutu-Miliz Interahamwe ins Zimmer. "Wo ist der Kerl?“, sollen sie gerufen haben.

Der kleine Bub in seinem Versteck fing aus Angst zu weinen an, woraufhin die Häscher die beiden unter dem Bett hervorzogen. Die Milizionäre hieben erst dem Vater mit ihren Macheten den Kopf ab und schlugen dann das Kind mit einem nägelbeschlagenen Holzknüppel tot. "Krack“, imitiert Edouard das Geräusch, mit dem der Schädel des Dreijährigen zu Bruch ging.

Dass Edouard, damals elf Jahre alt, verschont wurde, hatte nur einen Grund: Er gehört, wie auch die Mörder, zur Volksgruppe der Hutu.

Genau 20 Jahre ist es her, dass im April 1994 der Völkermord von Ruanda begann, eines der blutigsten Kapitel der Menschheitsgeschichte. Binnen 100 Tagen brachten von radikalen Einpeitschern aufgewiegelte Hutus mehr als 800.000 Menschen, vor allem Tutsis, um - meist mit archaischen Waffen wie Macheten, Messern, Speeren oder Holzknüppeln. Meist kannten die Killer ihre Opfer beim Namen: Bauern erschlugen ihre Nachbarn, Lehrer ihre Schüler, Männer ihre Schwiegerväter.

Im Blutrausch entging den Hutus, dass währenddessen eine Armee von Tutsi-Rebellen aus dem Nachbarstaat Uganda ins Land einfiel, um die Angehörigen ihrer Volksgruppe zu verteidigen und die Mörder zu vertreiben, die bereits eine Million Menschen abgeschlachtet hatten. Rund zwei Millionen Hutus flohen aus Ruanda.

"Sei still“, hatte Edouards Mutter immer gesagt, wenn er von ihr wissen wollte, warum der Mann und das Kind unter seinem Krankenhausbett sterben mussten. Hutus, die nicht wie Edouards ebenfalls mordender Onkel geflohen waren, hielten sich bedeckt: Schließlich mussten sie die Rache der siegreichen Tutsi-Rebellen fürchten. Tatsächlich kam es in den ersten Jahren nach dem Völkermord zu einzelnen Revanche-Massakern, aber auch zu Einfällen der in den Kongo geflohenen Hutu-Milizionäre. Nur allmählich beruhigte sich das Land, in dem im Gegensatz zum deutschen Holocaust Täter und Opfer nach dem Blutbad einen Modus vivendi finden mussten.

Kigali, im Frühjahr 2014. Die über zahlreiche Hügel verteilte Hauptstadt ist in Afrika ohne Beispiel. Immer mehr neue gläserne Bürokomplexe werden hochgezogen. Jeden letzten Samstag im Monat macht die Bevölkerung auf Geheiß ihrer strengen Regierung das Land sauber; die Straßen sind - auch wegen des strikt kontrollierten Verbots von Plastiksäcken - dermaßen rein, dass man auf ihnen essen könnte.

Lage von Ruanda

Der einstige Trümmerstaat kann schon seit Jahren auf Wachstumsraten von sechs Prozent und mehr verweisen. Ruandas autokratischer Präsident Paul Kagame hat die Bevölkerung des einstigen Agrarlandes auf eine Zukunft als Afrikas Singapur eingeschworen. Edouard Bamporiki fährt bereits morgens um sieben mit seinem brandneuen Geländewagen zu seinem Arbeitsplatz, dem Parlament: Der 31-jährige Poet und Filmemacher ist seit mehreren Monaten Abgeordneter der Ruandischen Patriotischen Front (RPF), der einstigen Befreiungsbewegung der Tutsi-Minderheit. "Für uns gibt es inzwischen keine Hutus oder Tutsis mehr“, sagt er.

Einst hatte sich Bamporiki seinen Unterhalt damit verdient, anlässlich der jährlich wiederkehrenden Gedenkveranstaltungen zum Genozid Gedichte vorzutragen: politisch korrekte Verse, die für die Ohren der Opfer bestimmt waren - die Täter blieben den Veranstaltungen fern.

Als Bamporiki nach einem besonders bewegenden Erlebnisbericht eines Überlebenden wieder einmal einen seiner Texte vortragen sollte, brachte er die Strophen nicht über die Lippen: "Ich hielt sie plötzlich für völlig unangebracht.“ Stattdessen sagte der damals 24-jährige Hutu etwas, was zuvor noch kein Repräsentant seiner Volksgruppe gesagt hatte: "Es tut mir leid: Was damals im Namen von uns Hutus angerichtet wurde, ist scheußlich und unentschuldbar.“

Bamporiki fühlte sich nach seinem Schuldbekenntnis "wie befreit“ - doch die meisten seiner Landsleute vom Volk der Hutus, die exakt dieselbe Sprache wie die Tutsis sprechen und auch in ihrer Kultur und Religion nicht unterschiedlich sind, empfanden anders. Viele bezichtigten ihn, ein Verräter zu sein. Auch sein Onkel, der wegen Mordes während des Genozids mehrere Jahre hinter Gittern saß, wollte von der Entschuldigung seines Neffen nichts wissen. Noch heute wird dem Parlamentarier vorgeworfen, bei seinem Bekenntnis weniger an die Opfer als an sich selbst gedacht zu haben: "Er wollte sich eine Karriere als Politiker sichern“, murrt ein älterer Hauptstadtbewohner.

Bamporiki beließ es nicht beim Bekenntnis seiner Scham. Er drehte einen Film, in dem sich der Sohn eines Hutu-Übeltäters in die einzige Überlebende einer Tutsi-Familie verliebt und deswegen von seiner Familie ausgestoßen wird. Das Werk unter dem Titel "Langer Mantel“ führte er in Dörfern und in Gefängnissen vor Killern vor. Nach den Vorführungen seien immer wieder Häftlinge zu ihm gekommen, um erstmals in ihrem Leben Bedauern über ihre Taten auszudrücken, erzählt er.

"Langer Mantel“ wurde auch in Gahembe gezeigt, einem rund 60 Kilometer südöstlich von Kigali gelegenen Dorf, in dessen Nachbarschaft sich sowohl das Gefängnis von Rilima befindet als auch die Kirche von Nyamata, wo am 13. April 1994 mehr als 10.000 Menschen abgeschlachtet wurden. Nach 20 Jahren Unruhen, Gerichtsverfahren und tiefstem Misstrauen sei nun für Opfer und Täter endlich die Zeit gekommen, aufeinander zuzugehen, sagt Theophile Sewimfura, der in Gahembe "sozialtherapeutische“ Programme leitet.

Ein paar Männer haben unter einem Akazienbaum Platz genommen, unter dem in den vergangenen Monaten solche sozialtherapeutischen Sitzungen stattfanden. "Ich habe die Kinder meines Nachbarn und dann seine Schwiegermutter umgebracht“, eröffnet Elias Munyantore die Runde und zeigt auf den neben ihm sitzenden Celestin Sefigi - der starrt nur still vor sich hin.

Sefigis gesamte Familie wurde während des 100-tägigen Mordens umgebracht: seine Frau, vier Kinder und neun weitere Verwandte. Der damals 37-Jährige entkam dem Inferno, indem er sich zunächst in den nahe gelegenen Sümpfen versteckte und dann ins Nachbarland Burundi floh. Später schloss er sich der Tutsi-Rebellenbewegung RPF an.

Drei Jahre nach dem Genozid kehrte Sefigi voller Hass in die Heimat zurück. Hätte sich der Killer Munyantore nicht vor ihm versteckt, er hätte ihn womöglich umgebracht. Sefigi wurde wenig später zum Präsidenten des örtlichen Gaçaça-Gerichts berufen.

Nach dem Völkermord gab es im Land nur mehr zehn Richter. Alle anderen waren getötet worden oder aus Ruanda geflüchtet. Experten errechneten, dass die juristische Aufarbeitung der Gräueltaten mehrere hundert Jahre dauern würde. Deshalb wurde auf die Tradition herkömmlicher Dorftribunale, der sogenannten "Gaçaças“, mit Laienjuroren und der Beteiligung der gesamten Gemeinschaft zurückgegriffen.

Die Verfahren seien notwendig, aber gewiss nicht fehlerlos gewesen, räumt Sefigi ein: Manche Überlebende hätten womöglich alte Rechnungen beglichen, während Täter vielleicht zu milde bestraft oder gar ungeschoren davongekommen seien. Im Verlauf der über 200 Prozesse in Gahembe seien viele Haftstrafen und auch die ersten eher erzwungenen Entschuldigungen ausgesprochen worden, erzählt der Gaçaça-Präsident. Auch Munyantore wurde zu acht Jahren Haft verdonnert.

Sefigi ließ sich mehrmals bitten, bis er sich im vergangenen Jahr schließlich doch einer sozialtherapeutischen Gruppe anschloss. Der Kreis traf sich unter dem Vorsitz eines Moderators einmal die Woche unter dem Akazienbaum.

Sefigis Gruppe hat bereits den von der NGO Community Based Sociotherapy ausgearbeiteten dreimonatigen "Lehrplan“ absolviert. Trotzdem wollen sich die insgesamt zwölf Teilnehmer weiter treffen, um im Gespräch zu bleiben und sich gegenseitig helfen zu können.

Einen kleinen Test hat die Gruppe bereits bestanden. Als der Überlebende Jean-Baptiste Karigenzi bei der Beschreibung seines Leidenswegs noch 20 Jahre später in Tränen ausbricht und sich verschämt hinter den Akazienbaum zurückzieht, folgt ihm nach kurzem Zögern Théogene Rwagasore, der Killer von Karigenzis Schwester. "Wir gehören zusammen“, habe er Jean-Baptiste getröstet, erzählt Rwagasore später: "Wir werden den Weg gemeinsam weitergehen.“ AFP/Snach TV